Eins muss man Ubisoft wirklich lassen: Sie überraschen immer wieder mit kleinen Nischenprodukten, wie unter anderem das großartige „Child of Light“, die vorher niemand auf dem Radar hatte. Man muss zwar zugeben, dass gerade Ubisoft über das finanzielle Polster verfügt, sich auf solche Experimente einzulassen, aber das soll natürlich den Einsatz an sich auch gar nicht kleinreden, denn sonst würden uns mitunter ein paar wirklich interessante Spiele fehlen. Ein weiteres dieser Experiment ist zweifelsfrei „Transference“, das als reiner Downloadtitel erschienen ist und auf der PlayStation sowohl mit, wie auch ohne PSVR spielbar ist.

Das Spiel wurde von SpectreVision, der Produktionsfirma von Schauspieler Elijah Wood in Zusammenarbeit mit Ubisoft Montreal entwickelt und danach von Ubisoft vermarktet. Das Spiel besticht gleich auf den ersten Blick mit einem neon-farbenen Artstyle und vielen surrealen Elementen, die sich aus den Genres Science-Fiction und Horror bedienen. Da die Geschichte des Spiels sehr schwer zu beschreiben ist, viel Raum zur Interpretation gibt und ohne Zweifel auch das Hauptaugenmerk des gesamten Spieles ist, versuche nur auf das essenziell notwenige einzugehen, um potentiell interessierten Spielern nichts vorweg zu nehmen.

Zentrale Person der Geschichte ist ein Wissenschaftler namens Raymond Hayes, der sich über einen langen Zeitraum von einem liebenden Vater hin zu einem obsessiven Wahnsinnigen verwandelt hat und dabei nicht nur seine Familie verlor. Er lässt uns mit Hilfe seiner Experimente über kollektive Gedächtnisweitergabe Einblicke in diesen Absturz nehmen, die wir hautnah miterleben können. Dazu werden wir in eine virtuelle Realität, die eine Nachbildung seines Apartmenthauses ist, geschickt, die wir erforschen können. Wir sehen das Geschehen dabei komplett aus der Ego-Perspektive und bekommen für das, was wir erleben wenig bis gar keine (vordefinierte) Erklärung. Die Erklärungen sind zwar alle da, aber wir müssen die Hinweise selbst finden, erkennen und in unserem Geist zusammensetzen. Dabei erforschen wir das Apartmenthaus und das Apartment im Besonderen in unterschiedlichen Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven der Bewohner (Raymond, Raymond’s Sohn, sowie Raymond’s Frau). Und wir sind bei dieser Erforschung nicht alleine in der Simulation, denn neben Echos der Vergangenheit gibt es auch eine scheinbar böse Entität, die sich uns in den Weg zu stellen versucht…

Das klingt zwar erst ziemlich abgedreht, macht aber im Verlauf der Geschichte durchaus Sinn und liefert einige interessante Aha-Momente und birgt einige Rätzel, die über die unterschiedlichen Zeitebenen gelöst werden müssen. Die Rätzel an sich sind zwar alle nicht besonders anspruchsvoll, aber gerade diese Unterschiedlichen Perspektiven fügen eine interessante Komponente hinzu, was die Rätzel insgesamt fordernder macht. Zusätzlich sind wir in unseren Handlungen sehr beschränkt, können lediglich ein Item tragen und es gibt keinerlei Objektmarker oder Hilfestellungen. Die Entwickler haben eindeutig darauf abgezielt, durch diese reduzierte Form des Gameplays den Fokus noch mehr auf die Geschichte und die Hintergründe zu lenken, was auch perfekt funktioniert. Wer sich auskennt kann das Spiel zwar ohne Probleme in unter einer Stunde Spielzeit beenden, verpasst aber den Großteil der Story dabei. Es empfiehlt sich dabei zuerst  auf eigene Faust, mit so wenig Informationen, wie möglich in das Spiel zu starten. Zwar ist das reine Spiel an sich eine sehr lineare Erfahrung, aber auch bei wiederholten Durchspielen findet man immer wieder Dinge, die vorher verborgen geblieben waren. Das Spiel an sich könnte man durchaus als die spielerische Version eines Filmes von David Lynch bezeichnen, die auf den ersten Blick meist nicht besonders viel Sinn zu machen scheinen, unglaublich spannend gestrickt sind, einen riesigen Spielraum zur Interpretation lassen und in Gänze aber bis ins kleinste Detail durchdacht sind. Das offenbart sich allerdings erst später…

Von der technischen Seite macht das Spiel einen soliden, wenn auch nicht überragenden Eindruck. Es wird bei der Präsentation stark auf Verzerrung und düstere Bildsprache mit Neon-Effekten gesetzt. Die Störeffekte erinnern teilweise an eine alte VHS oder Bilder von Überwachungskameras, aber insgesamt wäre hier etwas mehr drin gewesen und besonders in manchen Passagen ist das Spiel für meinen Geschmack etwas zu dunkel geraten. Das lässt sich zwar über diverse Einstellungsmenüs korrigieren, aber sowas sollte eigentlich nicht erforderlich sein, um einige versteckte Elemente, wie Sammelobjekte im Form von Videotapes und USB-Sticks zu finden. Soundtechnisch macht das Spiel hingegen alles richtig und lässt wenig bis keine Mängel feststellen. Hier wird ein subtiler, stimmungsvoller und zeitweise bedrohlicher Soundtrack geboten, der das dargestellte perfekt untermalt und zur bedrückenden Gesamtstimmung maßgeblich beiträgt. Solch ein interessantes und ambitioniertes Gesamtpaket habe ich bisher selten gesehen.

Wer ein PSVR-Headset zur Verfügung hat sollte das Spiel auf jeden Fall damit spielen, denn diese abgedrehte Welt erzeugt ein sehr intensives Gefühl der Immersion, was ich bisher noch nicht in einem Spiel feststellen konnte, auch wenn das Spiel an sich im Grunde identisch zur normalen Version ist. Im Download für die PS4 sind zeitgleich beide Versionen enthalten und man muss sich nicht vor dem Kauf entscheiden, welche Version man haben möchte, wie es leider bei manchen anderen Spielen der Fall ist. Allerdings wäre eine an VR angepasste Steuerung mit den Move-Controllern noch ganz nett gewesen, denn das vermisst man leider schmerzlich. Wir steuern beide Versionen nur mit dem normalen DS4-Controller, was zwar vollkommen in Ordnung geht, aber das wäre gerade für VR quasi noch die Kirsche on Top in Sachen Immersion gewesen.

Zwar ist das Spiel mit seinen regulären 24,99€ nicht wirklich erschwinglich, besonders, wenn man die potentiell sehr geringe Spielzeit dagegen hält, doch macht diese Unzulänglichkeit mit dichter Atmosphäre und dem Artstyle wieder größtenteils weg. Vielleicht sollte man aber dennoch auf einen Sale warten, damit die Enttäuschung nicht so groß ausfällt, wenn die Endcredits über den Bildschirm flimmern, denn das Spiel ist regelmäßiges Gast in diversen Sales.

NB@04.12.2018