Wenn man ein Spiel startet, das vor dem Titelscreen mit einer minutenlangen Zwischensequenz beginnt, bei dem zwei androgyne junge Männer während einem Schachspiel unterhalten, während ihren Unterhaltungen jegliche Informationen durch übermäßigen Einsatz von Pronomen verschleiern und wir am Ende der Sequenz verwirrter sind, als zuvor stehen die Chancen ziemlich gut, dass es sich um ein Japano RPG von Square Enix handelt. In meinem Fall geht es um den abgedrehten Crossover zwischen Final Fantasy und Disney in der erfolgreichen Kingdom Hearts-Reihe, die mit „Kingdom Hearts III“ nicht ihren dritten, was man von der Nummerierung schließen könnte, sondern ihren 14. Teil feiert. Und das wenn man nur die Hauptteile zählt, zählt man jeden Fitzel mit sind wir bei mittlerweile über 20 Teile, was überaus verwirrend ist. Es gibt ganze Abhandlungen dazu und sogar der Angry Video Game Nerd hat kürzlich dazu ein Video herausgebracht, was ich euch nur wärmstens empfehlen kann und demnach hier verlinkt habe:

Und bevor wir uns tiefer mit dem Spiel beschäftigen die wahrscheinlich brennendste Frage: Wie viel muss man von diesen gespielt haben, um die Story von “Kingdom Hearts III” zu verstehen? – So viele wie möglich, denn auch wenn das Intro des Spiels einige Schlüsselmomente in Form eines Musikvideos zusammenfasst, so fehlt dabei jeglicher Kontext oder Narrative, die es schwierig, wenn nicht gar unmöglich machen der Handlung folgen zu können. Ich hatte vorher keinen Teil der Reihe gespielt, da diese entweder zu Zeiten herausgekommen waren, wo ich nicht aktiv gespielt habe, auf Systemen waren, die ich nicht besaß oder die Veröffentlichungen von anderen Ereignissen überschattet wurden. Dennoch hat mich die Reihe immer interessiert, da ich sowohl Final Fantasy, wie auch Disney mag und so habe ich mich entschlossen dem aktuellen Teil eine Chance zu geben und dachte, dass ich während dem Spielen schon genug von der Story mitnehmen können werde, um reinzukommen. Nun ja, das war anscheinend etwas blauäugig, den auch wenn man der Handlung innerhalb des Spiels folgen kann, so fehlt der Unterbau und es gab immer wieder Ereignisse und Charaktere in den Serientypischen minutenlangen Zwischensequenzen, die ich nicht kannte und die mich demnach nur Bahnhof verstehen ließen. Ich machte daher einen harten Break und habe einiges an Zeit im Netz und auf YouTube verbracht, um mir das fehlende Wissen anzueignen, was bei der Masse an Spielen eine ganze Menge ist, aber diese Rüstkosten sollte man auf jeden Fall aufbringen, denn sonst ist es mehr als schwer der überladenen Geschichte von unterschiedlichen Parallel-Welten, unterschiedlichen Reinkarnationen des gleichen Charakters (mit unterschiedlichen Namen, Normen und Werten) und einem uralten Kampf zwischen Gut und Böse zu folgen. Hat man das Hintergrundwissen ist das Spiel nicht nur sehr viel unterhaltsamer und nachvollziehbarer, sondern mausert sich vom Standard-Japano-RPG mit Disney-Charakteren zu einem der besten und emotionalsten Storytelling in Videospielen, die gleichzeitig das finale der Dark Seeker-Saga darstellt… – Und ja, den Kontext bekommt man nur durch das essenzielle Vorwissen, wobei es immerhin über das Hauptmenü das sogenannte „Momory Archive“ gibt, dass uns auch behilflich sein kann einige Wissenslücken zu schließen, die zwar nicht komplett und auch teilweise nicht besonders tiefgehend ist, aber uns wenigstens davor bewahren kann von der Geschichte inhaltlich „erschlagen“ zu werden.

Das Spiel beginnt damit, dass Sora, der Held aus (einigen) der vorherigen Teile durch die Abenteuer der Vergangenheit einen Großteil seiner Kräfte eingebüßt hat und somit Organisation XIII und Xehanort kaum noch etwas entgegenstellen kann. Daher wird Sora mit seinen treuen Mitstreitern Goofy und Donald, die ihm als KI-gesteuerte Kumpanen zur Seite stehen, auf eine Reise geschickt die 7 Meister des Lichts zu finden, um die eigenen Kräfte wieder zu erlangen, um zumindest den Hauch einer Chance gegen den übermächtigen Gegner zu haben. Dabei verschlägt es Sora und seine Freunde in unterschiedliche Welten, die jeweils an Disney-Filme, wie unter anderem „Hercules“, „Ratatouille“, „Toy Story“ oder auch „Fluch der Karibik“ angelehnt sind. Besonders toll ist dabei die Toy Story-Welt, denn hier verwandeln sich Sora und Co selbst in Actionfiguren und wir haben die Möglichkeit einige Areale der Filme, wie zum Beispiel Andy’s Zimmer, frei erkunden. Komplett anders ist dann wiederum die Fluch der Karibik-Welt, die realistisch aussieht und uns an der Seite von Johnny Depp’s Captain Jack Sparrow in bester „Assassin’s Creed IV: Black Flag“-Manier ein Schiff frei über das Meer manövrieren lässt. Hier ist für jeden etwas dabei, der auch nur annähernd etwas mit Disney (und einer gehörigen Prise JRPG versteht sich) anfangen kann.

Auch wenn das Kampfsystem nicht rundenbasiert ist, sondern in Echtzeit stattfindet und auf den ersten Blick schon fast eher an ein Hack ’n Slay à la Devil May Cry erinnert, so bietet es doch mehr Tiefgang, der sich erst auf den zweiten Blick und teilweise mit fortschreitendem Spielfortschritt vollkommen entfaltet. So schaltet Sora mit fortschreitendem Spiel neue Waffen und Ausrüstungsgegenstände für sich und seine Freunde frei und kann im Kampf auch nützliche Elementarzauber einsetzen. Die Menüs zum Ausrüsten sind dabei gut strukturiert und sollten auch Gelegenheits-RPGler nicht überfordern, zumal man sogar Spezialattacken und Items, wie Heiltränke in einem Schnellzugriff platzieren kann. Die Kämpfe laufen schnell ab und machen Spaß, auch wenn die Kamera in einigen Momenten besser positioniert sein könnte, da es sonst einige Momente gab, wo man unnötige Treffer aus dem Off einstecken musste. Neben einer Handvoll Standard-Gegner, die teilweise von uns unterschiedliche Herangehensweisen erfordern, gibt es auch ein paar wirklich imposante Bosskämpfe, die das Spielgeschehen auflockern. Gerade der erste Bosskampf in der Welt von Disney’s „Hercules“ könnte schon fast aus der God of War-Reihe sein (wenn man das Blut abzieht versteht sich)…

Die Welten sind jeweils inhaltlich abgeschlossen, können aber auch zu späteren Zeitpunkten in der Story wieder besucht werden. Dafür steht zum einen eine Schnellreise, die allerdings erst freigeschaltet werden muss, zur Verfügung, wie auch unser kleines Raumschiff mit dem wir frei durch das All fliegen können, in Random-Encounters à la „Space Invaders“ Punkte sammeln und auch einige Versteckte Items abseits der normale Routen entdecken können. Unser Raumschiff, das Gummiship kann dabei komplett personalisiert werden, was zwar kein Muss ist, aber für Aufbaufreunde einen weiteren Mehrwert liefert. In diesem Zusammenhang kann man auch noch die Minigames erwähnen, die abseits der Story als zusätzlicher Zeitvertreib zur Verfügung stehen und ebenfalls komplett optional sind. So können wir mit Remy aus Ratatouille kochen, um damit neue Items zu craften oder sogar Spiele, die aussehen, als ob sie von einem Tiger Electronics-Handheld stammen freischalten. Wenn man sich von diesen „Ablenkungen“ nicht beeindrucken lässt kann man das Spiel in um die 25 Stunden beenden, was für ein JRPG schon fast kurz ist, kann aber Grund unzähliger Nebenaufgaben, Sammelobjekte und Minigames auch einiges länger im Spiel verbringen.

Von der technischen Seite gibt es nichts auszusetzen, wenn man von der bereits erwähnten Kamera absieht. Denn das Spiel sieht an sich wirklich toll aus: Hier bekommt man hyper-realistischen Animationen wie aus Final Fantasy gepaart mit originalgetreuen Nachbildungen der beliebten Disney-Charakteren. Und in Gänze ist das dennoch stimmig, was im ersten Moment absurd klingt. Die Welten variieren von ihrer Größe her strotzen vor Details, die immer wieder dazu verleiten abseits des Weges nach versteckten Items zu suchen. Es gibt wirklich tolle Licht- und Schatteneffekte, die natürlich besonders in den Zwischensequenzen glänzen, die einen Großteil des Spieles ausmachen. Gerade in der Zusammenarbeit mit Disney hat Square Enix darauf geachtet ein stimmiges Gesamtbild abzuliefern und sogar einen Teil der Originalsprecher, oder zumindest sehr ähnlich-klingenden Sprechern, zu verpflichten.

Aber für wen ist das Spiel überhaupt etwas und kann man auch mit diesem Teil den Einstieg in die Reihe starten? – Man muss sich im bei „Kingdom Hearts 3” im klaren sein, dass es sich um ein waschechtes JRPG mit teilweise übermäßig-langen und sehr pathetischen Zwischensequenzen handelt. Ich habe damit generell nicht so viele Probleme, aber das war für meinen Geschmack schon etwas lang. So kann es nämlich ohne weiteres passieren, dass man nach einer vierteilstündigen Zwischensequenz gerade mal ein paar Schritte weiterläuft, bevor die nächste Zwischensequenz startet. Aber jeder, der schon mal Final Fantasy, oder jedes weitere x-beliebige JRPG gespielt hat, kennt das wahrscheinlich. Man liebt es oder man hasst es – Glücklicherweise lassen sich die Zwischensequenzen auch ohne Probleme überspringen, was besonders nützlich sein kann, wenn man das Spiel beenden musste, bevor man an einem Speicherpunkt war und nach dem Neustart nicht nochmal die lange Zwischensequenz anschauen möchte. Die Story ist zweifelsfrei ziemlich überladen, macht aber durchaus Spaß, auch wenn die Emotionen in Momenten für mich etwas subtiler und weniger mit dem groben Holzhammer eingebaut sein könnten. Aber es gibt bestimmt andere Stimmen, die genau so etwas an der Reihe mögen. Wer die “Rüstkosten” vor dem Beginn des Spieles nicht scheut, um der Geschichte folgen zu können, kann durchaus auch mit diesem Spiel in die Reihe einsteigen, denn von seinen Mechaniken ist das Spiel sehr einsteigerfreundlichen und die wechselnden Disney-Welten liefern zusätzlich genug frischen Wind. Ich hatte auch als Neuling dennoch ziemlich viel Spaß mit dem Spiel und habe meinen Kauf in keiner Weise bereut. Von daher: „Let your heart be your guiding key“, wie es im Spiel heißt…

NB@08.03.2019

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