Videospiele können, neben Büchern und Filmen auch ein gutes Mittel sein auch schwierige Themen zu transportieren, ohne gleich wie ein Selbsthilferatgeber zu klingen oder irgendwas zu verharmlosen. Besonders Mobbing ist in unserer heutigen Zeit ein wirklich gravierendes Problem, was leider stellenweise noch zu verharmlost wird. Gut ist daher, dass man sich mit dem Thema beschäftigt, was am Beispiel des Videospiels „Contrete Genie“ zusätzlich noch künstlerisch ansprechend und überraschend Unterhaltsam ausfällt. Das Spiel wurde dabei von Pixelopus entwickelt und von Sony Interactive Entertainment gepublished, weswegen das Spiel exklusiv auf der PS4 erscheint und zusätzlich Gebrauch von vielen Features der Konsole und der Peripherie macht. So macht das Spiel unter anderem Gebrauch von der im Controller verbauten Bewegungssteuerung und bietet zusätzlich einen optionalen VR-Modus.

Im Zentrum der Geschichte steht der Junge Ash, der in der Stadt Denska aufwächst. Das einst fluorierende Fischerdorf wurde vor Jahren durch eine Umweltkatastrophe erschüttert, was dazu geführt hat, dass sowohl die Bewohner, wie auch die Industrie der Stadt den Rücken kehrten und Denska heute nur noch einer verkommenen Geisterstadt gleicht. Dennoch übt die Stadt auf Ash auf Grund vieler positiver Erinnerungen eine gewisse Faszination aus, was dazu führt, dass er sich immer wieder dahin zurückzieht und die verlassenen Straßen und Gebäude zu seiner persönlichen Spielwiese erklärt, auch wenn das seinen Eltern gar nicht gefällt. Dort trifft der Tagträumer, der sich immer wieder in seine Kunst flüchtet, mit der er neben dem Ausdruck seiner Gefühle auch Freude und vor allem seine selbst-kreierten Freunde, die Genies verbindet, auf eine Gruppe anderer Jugendlicher, die ihm das Leben schwer machen: Sie beschimpfen ihn, schlagen ihn und stehlen ihm sein Skizzenbuch, zerreißen dieses, sodass alle seine Skizzen vom Wind weggetragen werden und sperren in letztendlich in die Kabine einer Schwebebahn, bevor sie die Bahn in Gang setzen und ihn seinem Schicksal überlassen. Als sich Ash aus der Gondel befreien kann findet er sich auf einer kleinen Insel seitlich von Denska wieder, wo sich ein alter Leuchtturm befindet. Hier findet er eine alter Kreidezeichnung auf dem Boden, die auf wundersame zum Leben erwacht. Die Erscheinung, die er auf den Namen Luna tauft besitzt magische Kräfte und stattet Ash mit einem Zauberpinsel aus, mit dessen Hilfe er die Dunkelheit, die immer mehr von Denska Besitz ergreift, vertreiben soll. Von dort an macht sich Ash genau daran. Er bringt mit dem Pinsel buchstäblich wieder Farbe in die dunkle und triste Welt und schafft es dabei sogar mit Hilfe der Magie neue Lebewesen in Form der von ihm gezeichneten Genies zu erschaffen, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützen, was allerdings die Halbstarken wieder auf den Plan rufen, die sein Vorhaben gar nicht gutheißen…

Was zugegebenermaßen ziemlich abgedreht klingt, wenn man es liest, macht im Rahmen der Geschichte komplett Sinn und gibt Ash Motivation in einer wunderschön-animierten Welt mit tollen Ideen und einer herzerwärmenden Handlung, die zwar zum Beginn recht simpel daherkommt, aber am Ende sogar mehr als eine Analogie für Einsamkeit und Mobbing ist. Wir steuern Ash dabei vollkommen frei durch die Stadt Denska, die aus vier unterschiedlichen Bereichen besteht, die im Spielverlauf nach und nach freigeschaltet werden. Die Bereiche an sich sind dabei zwar eine offene Spielwelt, die aber in keiner Weise mit den immensen Open Worlds der letzten Jahre vergleichbar ist, sondern mehr an die Spielwelten von klassischen Actionspielen à la „Sly Raccoon“ oder „Jak & Daxter“ erinnert, was sowohl Layout, Größe und auch Steuerung und Ansicht angeht. Wir können Ash vollkommen frei durch das 3D-Areal bewegen, die vollgepackt mit Details sind und auf diese Weise die dramatische Geschichte einer verlassenen Stadt erzählen, die von der Dunkelheit regiert wird, obwohl sie früher hell und voll mit Leben war. Aus diesem Grund erobern wir uns die Bereiche Stück für Stück von der Dunkelheit zurück, indem wir diese durch unsere Gemälde vertreiben. Jeder Bereich verfügt über mehrere neuralgische Punkte, die es einzunehmen gilt, um die Dunkelheit in diesem Bereich zurückzutreiben. Und da das für einen kleinen Jungen alleine schier unmöglich wäre, kann Ash seine Zeichnungen zum Leben erwecken, die ihn dann unterstützen. An fixen Bereichen kann Ash unterschiedliche Genies aus allen Zeichenvorlagen, die ihm zur Verfügung stehen, erschaffen. Diese Monsterkreaturen versorgen Ash mit Zauberenergie zum Vertreiben der Dunkelheit und helfen ihm beim Lösen von kleineren Rätzeln, wie das dem Bedienen von Schaltern, dem Überbrücken von Stromkreisen, oder dem aus dem Weg räumen von Absperrungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Zudem ermutigen sie ihn so kreativ wie nur möglich mit seinen Zeichnungen umzugehen und stellen sich zusätzlich im Spielverlauf als Freunde für den einsamen Jungen heraus. So gibt es viele Gelegenheiten, wo Ash sogar mit den Genies spielen kann und auf diese Weise eine noch engere Bindung zwischen dem Jungen und den Zeichenmonstern aufgebaut wird. Die Genies können sich dabei über alle verbundenen Wände bewegen und folgen Ash auf diese Weise durch die ganze Stadt. Je nach Gebiet der Stadt kann es dadurch vorkommen, dass Ash in Windeseile 8-10 Genies im Schlepptau hat, die neben der Interaktion mit Ash auch untereinander interagieren.

Auch wenn das an sich nicht besonders anspruchsvoll klingt und es, wenn man von kleineren Rätzeln und einigen Sprungpassagen absieht, meist auch nicht ist, so überzeugt das Spiel stattdessen durch eine rührende und dichte Geschichte, sowie einen überaus tollen Artstyle. Die Geschichte entwickelt sich kontinuierlich weiter und wartet mit einigen interessanten, wie auch überraschenden Wendungen auf, die ich natürlich nicht spoilern werde. So kommt nach zwei Drittel des Spiels sogar noch eine ansatzweise Kampfmechanik dazu, die logisch in das Spiel eingebunden wird und sogar einen tollen Bosskampf mit sich bringt, den man zwar nicht gebraucht hätte, um mit dem Spiel Spaß zu haben, aber gerade für viele Spieler eine willkommene Abwechslung und emotionalen Abschluss der Handlung darstellen dürfte. Gerade durch die optischen Schauwerte ist das Spiel eines meiner Highlights der vergangenen Jahre. Hier wurde mit so viel Liebe zum Detail gearbeitet, was sich neben der Details in der Spielwelt durch die Implementierung der Zeichnungen äußert. Nach und nach findet Ash im Spielverlauf oder durch das Erkunden der Spielwelt seine Zeichenskizzen wieder, die er auf fast jeder geraden Fläche in der Welt einsetzen kann. Dazu wird in einen Zeichenmodus gewechselt und wir, wählen die Vorlagen in verschiedenen Kategorien aus Ash’s Repertoire und steuern dann den Pinsel über die Bewegungssensoren des DualShock-Controllers. Und auch wenn das Spiel zum Fortschritt nur an bestimmten Flächen eine Zeichnung voraussetzt, die auch lediglich einen bestimmten Bereich der Fläche einnehmen muss, um gewertet zu werden, habe ich mich nach einer kurzen Eingewöhnung mit der Steuerung bald dabei erwischt, wie ich auch unzählige weitere Wände bemalt habe, die komplett optional waren. Es würde von der Mechanik ausreichen nur das Minimum zu erfüllen und auch immer das gleiche zu zeichnen, doch es ist überraschend erfüllend, wenn man sich nach Lust und Laune austoben kann, auf wenn man bisher keinen Künstler in sich vermutet hat. Besonders schön ist dabei wiederrum die Liebe zum Detail, denn unsere Zeichnungen ebenso wie die kreierten Genies bleiben auch nach dem Verlassen des Spiels oder eines Level-Bereiches erhalten und sind nach unserer Rückkehr immer noch genauso, wie wir sie zurückgelassen haben.

Was für die voll-animierten Gemälde und die Genies im Besonderen gilt, gilt auch für die restlichen Animationen, denn auch bei den Charakteranimationen und den Zwischensequenzen, die teilweise in Spielegrafik ablaufen oder auch in Form von Comics Hintergründe der Katastrophe oder der persönlichen Dämonen der auftretenden Charaktere offenbaren, zeugen von Kreativität. So wirken die Charaktere fast wie Stop-Motion animiert, wie „Wallace & Gromit“ oder „A Nightmare before Christmas“ und verfügen dabei über eine gefühlte Plastizität in ihrer Erscheinung, dass ich bis zum Ende immer wieder begeistert und zeitgleich verwundert war, wie man das gemacht hat. Das Spiel läuft dabei, entsprechende Hardware natürlich vorausgesetzt, in 4K und bietet wunderschöne Licht- und Schatteneffekte. Die Framerate bleibt auch bei hektischen Szenen stabil und bei meinem Durchspielen gefolgt von Open World-Komplettierung konnte ich keine nennenswerten Fehler feststellen. Dennoch sollte man darauf achten, dass man das Spiel mit dem aktuellsten Update spielt, denn es scheint in der Vergangenheit ein paar verbuggte Trophäen gegeben zu haben. Von der technischen Seite gibt es meiner Meinung nach nichts zu meckern und sogar die Implementierung der Bewegungssteuerung funktioniert wirklich gut und lässt kaum Wünsche offen. Zwar bin ich normalerweise keine Freund von solchen Dingen, wenn es auf den ersten Blick so wirkt, als hätte man auf Teufel komm raus Features implementieren müssen, wie es zum Anfang des Nintendo DS mit dem Touch der Fall war, doch wenn es so gut funktioniert wie hier, akzeptiere ich das gerne. Hier merkt man eindeutig, dass das Spiel bereits mit dieser Steuerung im Hinterkopf entwickelt wurde und so mehr aus einem Guss wirkt, als bei manch anderen Spielen. Entgegen dazu wirkt das VR-Add-On allerdings etwas aufgesetzt, da es sich dabei lediglich um Minispiele in VR handelt, die man abseits der Story über einen separaten Punkt im Hauptmenü öffnen kann. Ich hatte mir persönlich erhofft, dass man das Spiel komplett in VR spielen kann, doch das ist leider nicht der Fall. Dennoch muss man lobend erwähnen, dass der VR-Ableger bei anderen Spielen wahrscheinlich separat vertrieben worden wäre und hier quasi kostenfrei beiliegt, doch insgesamt hatte ich mir davon etwas mehr erhofft, zumal prominent auf der Packung damit geworben wird.

So ist das Spiel zwar insgesamt kein Kaufgrund für die, die „nur“ ein VR-Spiel suchen, da gibt es bessere Veröffentlichungen, doch eignet sich für im Grunde jeden, der mal etwas anderes abseits der jährlichen Updates der teilweise recht monotonen Spielelandschaft von Call of Duty, oder FIFA sucht. Ich will nicht sagen, dass beide Reihen nicht ihre Daseinsberechtigung und loyale Fanbase haben, doch damit gehen die Publisher eben auf Nummer sicher. Man bekommt das bekannte mit kleinen Anpassungen. Ich hatte in der Vergangenheit auch viel Spaß mit den Blockbuster-Reihen, doch genieße es wenn man mal etwas Neues zu Gesicht bekommt und ein Publisher auch mal ein Risiko eingeht. Bei „Contrete Genie“ ist das nicht der Fall. Hier bekommt man eine überaus emotionale Geschichte mit frischen Ideen, die nicht davor zurückschreckt neben dem Beschreiten von neuem Terrain auch ernste Themen anzusprechen. Die emotionale Reise von Ash und seine Charakterentwicklung sind nachvollziehbar und es gibt sogar Momente, die mir beim Spielen wirklich ans Herz gingen, in positiver, wie auch negativer Sicht und hat mich auch nachhaltig beschäftigt. Obgleich die Geschichte viele phantastische Elemente enthält so ist sie auch im Kern von Relevanz, denn Vereinsamung und Mobbing ist ein durchaus ernstes und vor allem ernstzunehmendes Thema. Leider ist die Geschichte allerdings auch nach 6-7 Stunden auch schon wieder vorbei, was auch den Preis zum Release im mittleren Preissegment erklärt. Ich hoffe wirklich, dass das Spiel die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient und wir in Zukunft mehr solche Perlen abseits der Masse zu Gesicht bekommen.

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NB@29.10.2019

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