Die Adventure-Reihe „The Walking Dead“ zur gleichnamigen Erfolgsserie war sowohl ein Segen und ein Fluch für das ambitionierte Entwicklerstudio Telltale Games, das sich nach dem Überraschungshit mit der ersten Staffel „The Walking Dead“ bald komplett ebendieser Formel von Spiel verschrieb. In den kommenden Jahren gab es unzählige Spielereihen, die in episodischer Form herausgebracht wurden und jeweils auf unterschiedlichen Lizenzen basierten und von der Struktur her wenig bis keine Unterscheidung mit sich brachten. Dabei stand der Fokus immer auf der Geschichte und den Entscheidungen des Spielers. So konnte man durch unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten in Handlungen und Dialogen nicht nur die Beziehung zu Charakteren, sondern teilweise auch den Fortgang der Geschichte beeinflussen, wie man es von Choose-your-own-Adventure-Büchern kennt. Das Gameplay abseits dieser Entscheidungsmöglichkeiten zog dabei Inspiration von klassischen Adventures und erforderte das Finden von Gegenstände und/oder das Lösen kleinerer Rätzel, die aber von ihrem Anspruch im Verlauf der Spiele immer weiter in den Hintergrund abdriftete.

Nach „The Walking Dead“ gab es auch „The Wolf among Us“, „Batman,, „Guardians of the Galaxy“ oder „Game of Thrones“ zum Nachspielen für zu Hause. Jedoch kehrte Telltale auch immer wieder zu ihren Anfängen zurück und so erschienen gerade von „The Walking Dead“ mehrere Staffel und ein Spin-Off. Jedoch sollte die Reihe, die alles gestartet hatte, auch das Ende begleiten und so ging Telltale auf Grund von Missmanagement und zu hohen Lizenz- und Mitarbeiterkosten in Relation zu verhältnismäßig zu niedrigen Einnahmen, noch während der laufenden Entwicklung der finalen Staffel von „The Walking Dead“ pleite und schloss für immer seine Türen. Diesen Umstand kann man unter anderem in meinem Review zu „The Walking Dead – The Final Season (Episode 2: Suffer the Children)“ oder dem Special über die Dokumentation „Telltale: The Human Stories Behind The Games“, die sich mit dem Ende von Telltale beschäftigt, nachlesen kann. Lange Zeit sah es so aus, als ob die Reihe daher unbeendet bleiben würde, bis Rechteinhaber Skybound ehemalige Mitarbeiter des Studios engagierte und unter der Fahne Skybound Games die Reihe beendete. Seitdem ist knapp ein halbes Jahr vergangen und nun bekommen die Fans mit „The Walking Dead – The Telltale Definitve Series“ eine Sammlung, die nicht nur alle Episoden der Reihe umfasst, sondern auch technische Anpassungen und einiges an Bonusmaterial enthält. Die Sammlung ist sowohl digital, als auch in unterschiedlichen Retail-Fassungen erhältlich. Selbst die digitale Fassung, wie auch die Vanilla-Disk-Version schlagen mit einem Price Tag von zwischen 40 und 50 Euro zu Buche, was natürlich die Frage aufwirft, ob sich die Investition überhaupt lohnt. Und da ich seit Jahr und Tag ein weiches Herz für die Sammlung habe, habe ich mir die Veröffentlichung mal genauer angesehen.

Die Sammlung umfasst, gegenüber der vorherigen Veröffentlichung, „The Walking Dead Collection: The Telltale Series“, die erschienen war bevor die finale Staffel veröffentlicht wurde, alle erhältlichen Staffel und Episoden. So umfasst die Veröffentlichung insgesamt:

  • The Walking Dead – Season 1 (5 Episoden)
  • The Walking Dead – Season 1 „400 Days“-DLC (1 Episode)
  • The Walking Dead – Season 2 (5 Episoden)
  • The Walking Dead: A New Frontier (5 Episoden)
  • The Walking Dead: The Final Season (4 Episoden)
  • The Walking Dead: Michonne (3 Episoden)

Das ergibt in Summe eine stolze Anzahl von 23 Episoden, die jeweils eine durchschnittliche Spieldauer von 2-3 Stunden aufweisen. Je nachdem, wie viel man sich in die Spielwelt umsieht und wie viele optionale Gespräche und Nebenaufgaben man erledigt kann man diese Spielzeit sogar noch verlängern. Zusätzlich findet man auf der Disk noch ziemlich umfangreiche Art-Galerien, einen Soundtrack-Player, einen Charakterviewer mit dem man unzählige Charaktermodelle aus dem Spiel genauer ansehen kann, eine Kurzdokumentation über das Ende von Telltale und die Rettung von Skybound und Audiokommentare von den Machern zu ausgewählten Episoden aus allen Staffeln der Reihe, was mich als Fan besonders gefreut hat, da man hier einige Anekdoten aus der Entwicklung erfährt. Leider hört das Bonusmaterial damit aber auch schon auf, denn wer auf entfernte Szenen oder auch Einblicke in die Test- und Demobuilds und frühe Drehbücher gehofft hat, wird leider nichts dazu finden. Hier gibt es zwar einige Infos im Netz, die unter anderem auch durch aus Fans dem Code extrahiert wurden und unter anderem auf YouTube zu finden sind, doch so etwas hätte meiner Meinung nach auch noch einen Platz auf der Sammlung verdient. Aber das kann auch ohne weiteres mit dem verfügbaren Platz auf der Disk zusammenzuhängen, denn der Umfang auf der Inhalte auf der Disk ist schon beachtlich.

Inhaltlich muss man wahrscheinlich über die Reihe nicht mehr viele Worte verlieren, weswegen ich den Abriss der Geschichte auch in Hinsicht auf Spoiler knapp halte. In der ersten Staffel begleiten wir den verurteilten Mörder Lee Everett, der beim Ausbruch der Zombie-Epidemie zufällig auf die 8-jährige Clementine trifft und sich ihrer als Vaterfigur annimmt, während er und eine kleine Gruppe an Überlebenden einen Ausweg suchen. Die zweite Staffel verändert den Fokus, denn in dieser Staffel spielen wir nicht mehr Lee, sondern Clementine selbst, die bis zur finalen Staffel zu einer jungen Frau heranwächst, die selbst die Elternrolle für ein kleines Kind übernimmt. Lediglich die dritte Staffel, „A New Frontier“ fällt dabei etwas heraus, denn hier hat man den Versuch gestartet einen anderen Hauptcharakter in Form des ehemaligen Baseball-Profis Javier Garcia zu etablieren und ließ Clementine lediglich in einer Nebenrolle auftreten. Eine Entwicklung, die insgesamt nicht ganz so gut ankam, obwohl die Staffel durchaus ihre Momente hatte. So kam es auch, dass Clementine in der letzten Staffel wieder unser spielbarer Charakter wurde und mit ihr auch die Geschichte um „The Walking Dead“ beendet wurde. Losgelöst davon ist die Mini-Serie „Michonne“, die trotz einiger Easter-Eggs zu den anderen Staffeln keinerlei Überschneidungen oder Auftritte von Charakteren der anderen Staffeln bietet.

Alle Episoden in der Sammlung beinhalten alle vorangegangenen Fehlerkorrekturen und wurden auch inhaltlich etwas überarbeitet. So ist die Steuerung in allen Episoden nun konsistent und funktioniert identisch, sowohl was die Bewegung der Charaktere, aber auch Quick-Time-Events angeht. Doch auch Grafische Anpassungen haben stattgefunden, so verwenden alle Staffeln nun die Engine und den Grafikstil der finalen Staffel. Dieser als „Graphic Black“ bezeichnete Stil verfügt über eine dunklere Farbpallette, Erweiterte Licht- und Schatteneffekte und arbeitet mit einem höheren Kontrast, um die Spiele ähnlicher der Comic-Vorlage erscheinen zu lassen, was wirklich schön anzusehen ist. Wahlweise lässt sich das aber auch über das Menü ausschalten und so kann man die Staffel auch ohne das Stilmittel, aber dennoch mit höher-Texturierten Elementen sehen. Hier seht ihr dazu einen Bildvergleich der gleichen Szenen mit und ohne „Graphic Black“:

Auch das UI, das sich nun auch optional ausschalten lässt und nur noch die absolut notwendigen Informationen einblendet, wurde zwischen den Staffeln angepasst, damit es keine inhaltlichen Brüche mehr gibt. So wirken die Staffeln mehr aus einem Guss. Abseits davon gibt es keine nennenswerten Anpassungen und so sollte auf jeden Fall auch erwähnt werden, dass analog zu den Einzelveröffentlichungen auch nur die „Final Season“ über eine komplett deutsche Synchronisation verfügt und alle anderen Staffeln und Episoden rein auf Englisch vertont sind. Das wäre im Rahmen der Überarbeitung wirklich ein netter Bonus gewesen, der aber nicht umgesetzt wurde. Abseits davon gibt es aber keine Brüche mehr. Die Episoden laufen dank der verbesserten Engine ohne nennenswerte Slowdowns bei 30fps und auch herausstechende Fehler ließen sich in meinem Durchspielen nicht feststellen. Allerdings sollte man besonders auf der PS4 darauf achten, dass man die aktuellsten Patches installiert, denn es gab beim Release leider einen ziemlich fiesen Bug, der es teilweise unterbunden hat das Spiel überhaupt zu starten. Dieser ist allerdings mittlerweile ausgebaut. Abseits davon ist mir während meinem Durchspielen aller Episoden nichts gravierendes außer ein paar Clippingfehler aufgefallen. Und besonders bei den Actionszenen, bei denen wir uns aktiv gegen die Beißer zur Wehr setzen müssen oder auch Gegner abschießen, macht sich die bessere Performance bemerkbar: Denn kam es bei der Originalversion teilweise zum unerwarteten Bildschirmtod, weil ein Button-Prompt zu spät erschien, oder eine Aktion nicht rechtzeitig registriert wurde, macht das in dieser Fassung keine Probleme mehr. So wie es nämlich eigentlich auch sein sollte. Ein Thema was Trophäenjäger wahrscheinlich brennend interessiert sind die Trophäen und man findet leider wenig verlässliche Informationen dazu im Netz, weswegen ich gerne ein wenig Licht ins Dunkel bringen möchte. Die Sammlung beinhaltet eine neue Trophäenliste, die losgelöst von den bisherigen Veröffentlichungen ist. Allerdings handelt es sich um eine kombinierte Liste für alle Episoden auf der Disk und jede Episode verfügt nur noch über eine einzelne Trophäe, die man freischaltet, wenn man die Episode beendet hat. Für all diejenigen, die also gehofft haben, dass es eine neue Liste samt Platin pro Staffel gibt, muss ich leider enttäuschen. Insgesamt verfügt das Spiel über 24 Trophäen (5 x Bronze, 12 x Silber, 6 x Gold, 1 x Platin) von denen leine verpassbar ist.

Doch für wen ist diese Veröffentlichung dann eigentlich etwas und lohnt sich die Investition? – Zugegeben ist der Preis für meinen Geschmack etwas zu hoch, wenn man bedenkt, dass große Teile der Reihe entweder schon gratis im Rahmen von PlayStation Plus zu haben waren oder regelmäßig für wenige Euro in Sales enthalten sind. Allerdings bekommt man die überarbeiteten Fassungen inklusive der neuen Engine und des „Graphic Black“-Artstyles ausschließlich in dieser Sammlung und selbst wenn das die einzelnen Episoden von ihrem Grundgerüst her natürlich nicht verändert, so ist es dennoch ein nicht zu verachtendes Upgrade. Auch das Bonusmaterial ist wirklich gelungen, auch wenn es für meinen Geschmack durchaus umfangreicher hätte ausfallen können und runden das Paket schön ab. Wenn der Preis noch etwas fällt, was zumindest in Bezug auf die Retailfassung schon der Fall zu sein scheint, denn ich habe meine Fassung für knapp unter 30 Euro bekommen, stellt die Sammlung eine wirkliche Alternative zu den bisherigen Veröffentlichungen dar, zumal auch gar nicht klar ist, ob diese nicht irgendwann aus dem Store entfernt werden, da es Telltale ja de facto nicht mehr gibt. Insofern handelt es sich um eine wirklich nette Zeitkapsel des Aufstiegs und des Falles eines Studios, das nicht nur ich schmerzlich vermissen werde. Wer bisher noch keine der Staffel besitzt und diese Wissenslücke nachholen möchte, sollte auf jeden Fall Preise vergleichen und im Zweifelsfall eher zu dieser Ausgabe greifen, da man damit die umfassendste Auflage bekommt. Wer die Reihe, und sei es auch in Teilen, bereits besitzt muss abwägen, was ihm das technische und grafische Update und das zusätzliche Bonusmaterial wert ist. Denn spielbar sind die alten Versionen heute natürlich auch noch, wenn man von den bereits erwähnten kleineren technischen Problemen, die sporadisch auftreten können, mal absieht. und gerade das Zusatzmaterial richtet sich wohl eher an Hardcore-Fans und alle anderen werden damit wahrscheinlich eher weniger anfangen können, oder es gar nicht erst ansehen. Ich habe meinen Kauf auf jeden Fall nicht bereut, da ich von der Reihe trotz unzähliger Durchspielsessions nicht genug bekommen kann. Sie ist zwar nicht perfekt und gerade wenn man sie mehrfach durchgespielt hat und somit alle Variationen der Geschichte kennt, verliert die Geschichte leider etwas an Zauber, aber dennoch kehre ich immer wieder gerne dazu zurück und spiele die Reihe immer mal wieder gerne, da die Geschichte einfach gut geschrieben ist und die Episodenstruktur es leichter macht mal eine Episode in den Alltag zu integrieren.

NB@26.11.2019

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