PS4 Review: „Vasilis“ #Vasilis

Die Spieleindustrie ist mittlerweile ein Gigant und stellt so manche Filmproduktionen in den Schatten. Und da viel Geld involviert ist versuchen Entwickler an sich eher wenige bis keine Risiken einzugehen, damit die Investitionen nicht vergeudet sind. Gerade bei AAA findet man daher sehr viele ähnliche Spielprinzipien und eher weniger riskante Experimente, da diese sonst schnell auch ganze Studios in den Ruin stürzen können. Die Experimente finden stattdessen eher auf den virtuellen Marktplätzen in der Indie-Szene statt. Hier findet man Unmengen kleiner Entwicklerstudios, die oftmals ihre eigenen Herzensangelegenheiten umsetzen. Das hat oftmals zur Folge, dass diese Veröffentlichungen zwar weniger umfangreich oder glattgebügelt daherkommen, als die eines Mayors, doch findet man viele frische Ideen und Innovationen, auch wenn der kommerzielle Erfolg meist ausbleibt und die Spiele aus Kostengründen oftmals auf Grund von Lizenzgebühren und Portierungskosten ihren Weg nicht auf die Konsolen finden. Es gibt allerdings kleine Publisher, die es sich zur Aufgabe gemacht haben bei dieser Portierung zu überstützen und hier kommt bei unserem aktuellen Beispiel Publisher Sometimes You ins Spiel, der mit „Vasilis“ ein wirklich interessantes und vor allem vom Artstyle her komplett anderes Spiel auf PS4, PS Vita, Xbox One und Nintendo Switch portiert, um es so einer breiten Masse zugänglich zu machen.

Im Zentrum der Geschichte steht die titelgebende Vasilis, eine unscheinbare ältere Frau. Als sie eines morgens aufwacht ist ihr Mann verschwunden und im Vorgarten liegt eine fremde Leiche… Unter Schock macht sie sich auf die Suche nach ihrem Mann und findet sich bald in einer immer mehr von Protesten, Anarchie und Bürgerkrieg zerrütteten Stadt wieder, die fast gar nichts mehr mit ihrer Heimat gemein hat. Als sie dann plötzlich aus Verdacht auf Terrorismus verhaftet wird und man ihr mitteilt, dass ihr Mann bereits seit Jahren tot sei, gerät ihre Welt vollends aus den Fugen, was sich aber erst als der Beginn einer phantastischen und umfangreichen Geschichte erweist, in der nichts so ist, wie es am Anfang den Anschein macht… – Die Geschichte ist dabei von Anfang an ziemlich spannend und teilweise erschreckend. Das interessante dabei ist, dass es sich hierbei nicht um billigen Schrecken handelt, der beispielsweise durch Jumpscares oder phantastische Gestalten wie Zombies erzeugt wird, sondern die kleinen aber feinen Gespräche, die Einblicke in mitunter zutiefst deprimierende und geradezu wirklich-erscheinend Schicksale handelt. Und das ist gar nicht so weiter hergeholt, denn die Handlung ist, ohne das jemals konkret zu nennen, während der Ausschreitungen in der Ukraine im Jahr 2014 angesiedelt und hat mich von somit von seiner Grundprämisse und der Stimmung sehr an eine Kombination aus „1979 Revolution: Black Friday“ und „Valiant Hearts – The Great War“ erinnert, da obgleich die Spiele von ihrer Machart her sehr unterschiedliche gelagert sind, beinhalten sie alle aber ähnliche Motive und Formen des Storytelling, kombiniert mit einem interessanten Artstyle.

Und genau dieser Artstyle wird für die Meisten das erste sein, das ins Auge spricht und ist damit der größte Sellingpoint des Spiels mit seinem frischen Stil, der auf handgezeichnete Grafiken zurückgeht. Das mutet im ersten Moment etwas krude an und ist es zugegebenermaßen ja auch, doch der Stil von primitiven Zeichnungen, die dennoch in bester Daumenkino-Manier animiert sind, hat mich persönlich meine Kindheit zurückerinnert, als ich selbst eine Zeitlang Comics gezeichnet habe und mich in diesem Zug auch mit unterschiedlichen Zeichenstilen und Animationszyklen auseinandergesetzt habe. Und dieses Konzept ist von Anfang bis Ende durchgezogen worden, denn so sind nicht nur die Charaktere, sondern auch die komplette Spielwelt in diesem Zeichenstil gehalten und verändern sich auch mit der Zeit, wenn zum Beispiel Gebäude angezündet werden und sich mit fortschreitendem Spielverlauf neue Wege in der Welt auftun. Im Herzen ist das Spiel dabei ein klassisches Point and Click-Adventure, wir steuern Vasilis als unseren Avatar mit dem Steuerkreuz oder dem Stick durch die Spielwelt, verfügen über eine Karte, in der die Spielwelt mit Verbindungen der unterschiedlichen Bereiche verzeichnet ist, ein Notizbuch in dem Vasilis relevante Begegnungen und Gespräche auflistet, was übergreifend als Haupt- und Nebenmissionen zu sehen ist und ein klassisches Inventar, in dem alles verstaut wird, was man in der Spielwelt mit Vasilis aufhebt oder bekommt. Zusätzlich können wir mit fast jedem NPC in der Welt interagieren und bekommen so neben interessanten Gesprächen auch neue Missionsziele und Rätsel präsentiert. Allerdings darf man in diesem Bezug nicht zu viel erwarten, denn es gibt weder ganze Dialogbäume mit unterschiedlichen Verlaufsoptionen, sondern auch in Bezug auf die Rätsel ist der Umfang recht geling und erfordern nur wenige Schritte. Meist finden wir einen Gegenstand in unmittelbarer Nähe zum Ort, wo wir ihn verwenden müssen und wirklich um die Ecke denken müssen wir dabei auch nicht, da uns meist im Missionsziel direkt gesagt wird, was wir brauchen und wofür.

So werden wir Beispielsweise an einer Stelle im Spiel in einem brennenden Haus gefangen, nachdem ein Teil des Gebäudes einstürzt, als wir durch die Tür getreten sind. Es gibt zwar einen zweiten Ausgang, doch der erweist sich als verschlossen. Bevor wir lange rumprobieren müssen fällt unser Blick auf eine Feuerwehraxt, die direkt zwischen den beiden Eingängen positioniert ist, mit der wir die verschlossene Tür in Windeseile aufstemmen. Hier wurde leider einiges an Potential verschenkt, denn stellenweise ist es nicht ein Rätsel, das unsere Geduld und Kombinationsgabe fordert, sondern mehr die Laufwege durch die Stadt, die leider etwas konfus ausfallen können. Zwar gibt es eine Karte, die das grobe Layout der Stadt aufzeigt und uns auch einen Indikator gibt, auf welcher Straße wir uns gerade befinden, aber nicht wo genau. Ebenfalls sind die Straßennamen, jedoch nicht die Gebäude auf der Karte markiert und wenn wir die Leichenhalle suchen, müssen wir erst einmal als Wanderschaft gehen und hoffen irgendwie die richtige Straße zu finden. So wissen wir erst im Laufe der Zeit und mit Hilfe einiger Wegweiser in der Spielwelt welche Abzweigung zur welcher Straße und welchem Gebäude führt, was gerade in Kombination mit dem überaus langsamen Lauftempo von Vasilis etwas nervig werden kann. So haben wir nach einiger Zeit mehr das Gefühl einen „Walking Simulator“, anstatt eines Adventures zu spielen, da wir einen Großteil der Zeit damit verbringen von A nach B zu laufen. Zwar werden sehen wir dabei auch einiges von der Spielwelt und treffen auch viele Charaktere abseits der Story, die wiederrum zur interessanten Geschichte beitragen können, doch mit einer etwas besseren Karte oder schnellerem Lauftempo hätte man mehr Zeit sich auf die Geschichte zu konzentrieren, anstatt sich über den Irrgarten der Spielwelt zu ärgern. Durchaus verschenktes Potential… – Gleiches gilt auch für die Musik, denn diese ist im Grunde nicht vorhanden und die einzigen Soundeffekte sind dann und wann Geräusche aus der Umgebung, wie metallisches Scheppern oder unverständliches Gebrabbel einer Menschenmenge. Mir ist zwar klar, dass man damit die allgemeine Stimmung unterstreichen wollte, doch etwas mehr wäre dennoch nicht verkehrt gewesen..

Das klingt jetzt leider alles etwas negativ und ist aber nur bedingt korrekt, denn insgesamt hat mich das Spiel in der leider recht knappen Spielzeit von 3 Stunden wirklich gut unterhalten. Nach kürzester Zeit hatte ich das Layout der Stadt größtenteils verinnerlicht und es insofern spannend, wie sich diese im Spielverlauf verändert. Das Spiel ist nämlich in unterschiedliche Tage, die als Kapitel fungieren, aufgeteilt und an jedem Tag hat sich die Stadt verändert und ist näher dem totalen Kollaps. Gerade gegen Ende der Geschichte nimmt die Geschichte dann immer drastischere Verläufe und entwickelt schon Züge von Twin Peaks, was eine willkommene Abwechslung war und die teilweise doch recht ernste und deprimierende Stimmung etwas aufgelockert hat. Und der Artstyle tut sein Übriges, denn dieser frische Stil und seine teilweise wirklich kreativen Ideen haben mich bis zum Ende immer wieder überrascht, wären da nicht so viele kleine Unzulänglichkeiten, die alles überschatten. In Kombination von interessanter Geschichte mit dem bis zum Ende interessanten Artstyle ist „Vasilis“ zwar kein Must-Have, aber dennoch ein Spiel, das man sich mal ansehen kann, wenn man mal etwas abseits der Masse sehen möchte. Allerdings würde ich auf jeden Fall empfehlen auch dann eher auf einen Sale zu warten…

Entwickler:      Marginal Act

Publisher:       Sometimes You

Erhältlich auf: PC, PS4, PS Vita, Xbox One, Nintendo Switch 

NB@24.02.2020

——— Hinweise & Disclaimer: ———

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3 Gedanken zu “PS4 Review: „Vasilis“ #Vasilis

  1. Klingt soweit interessant und ich setze dieses Spiel – wie so Vieles – auf meine Interessenliste. Ein kleine Anmerkung hätte ich ich noch zu deinem Beitrag, der soweit sehr kompetent geschrieben ist, dem aber die Unterteilung in Absätze für besseres Lesen nicht geschadet hätte.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den Kommentar. Stimmt, die einzelnen Teile des Berichts sind etwas lang geworden. Ist mir beim Schreiben gar nicht so aufgefallen 🥴 Ich achte besser darauf 👍

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