Zuerst einmal eine klare Warnung. Trails beyond the Horizon solltet ihr auf keinen Fall spielen, wenn ihr Trails through Daybreak und Trails through Daybreak 2 nicht abgeschlossen habt. Selbst gemessen an den ohnehin schon komplexen Standards der Reihe ist Horizon extrem dicht. Die Geschichte setzt ein tiefes Verständnis der vorherigen Ereignisse voraus und selbst wer beide Daybreak-Spiele kennt, ist gut beraten, sich vorab noch einmal eine Zusammenfassung anzusehen. Die Serie spannt inzwischen dreizehn Spiele über mehr als zwei Jahrzehnte und genau diese erzählerische Wucht ist gleichzeitig ihre größte Stärke und ihre größte Einstiegshürde. Horizon ist der vielleicht kompromissloseste Ausdruck dieser Philosophie. Dieses Spiel richtet sich an niemanden außer an langjährige Fans und es macht daraus nicht einmal ein Geheimnis.

Trails beyond the Horizon fühlt sich wie der Kulminationspunkt zahlreicher Handlungsstränge an, die sich über mehrere Konsolengenerationen hinweg aufgebaut haben. Das rund achtzig Stunden lange Abenteuer ist auf drei spielbare Gruppen verteilt und fungiert im Kern als direkter Nachfolger von Daybreak 2. Der Fokus liegt erneut auf Van Arkride und seinem Umfeld, die in Calvards Hauptstadt Edith mysteriösen Vorgängen nachgehen. Gleichzeitig integriert Horizon eine große Anzahl bekannter Figuren aus älteren Trails-Spielen, insbesondere aus der Cold-Steel-Reihe. Diese Rückkehrer sind nicht bloße Fanservice-Auftritte, sondern spielen eine wichtige Rolle dabei, die Ereignisse von Horizon mit den übergeordneten Konflikten der gesamten Serie zu verknüpfen. Das Resultat ist eine vielschichtige Geschichte, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt wird und deren Tragweite weit über dieses einzelne Spiel hinausgeht.

Der Einstieg verläuft allerdings zäh. Der erste Akt verliert sich zu lange darin, eine schier überwältigende Anzahl an bekannten Gesichtern erneut vorzustellen. Kaum bewegt sich die Gruppe ein paar Schritte, wird die Handlung von einem weiteren Wiedersehen unterbrochen. Diese Figureninflation bremst das Tempo spürbar aus. Wer jedoch durchhält, wird belohnt, denn ab einem gewissen Punkt zieht die Geschichte merklich an. Kapitel für Kapitel steigert sich die Spannung und nahezu jeder Abschnitt endet mit einem starken Cliffhanger oder einer überraschenden Enthüllung. Falcom gelingt es hier bemerkenswert gut, mehrere parallele Handlungsstränge zusammenzuführen und dabei ein konstantes Gefühl von Bedrohung und Erwartung aufzubauen. Zwar bedienen sich manche Wendungen bekannter Trails-Tropen und lassen sich erahnen, doch an großen Enthüllungen mangelt es keineswegs.

Besonders beeindruckend ist, wie stark Horizon das übergeordnete Worldbuilding der Serie vorantreibt. Fragen und Theorien, über die Fans seit Jahren diskutieren, werden aufgegriffen und teilweise endlich beantwortet. In dieser Hinsicht wirkt Horizon deutlich progressiver als manche frühere Teile, denen gelegentlich vorgeworfen wurde, auf der Stelle zu treten. Gleichzeitig macht das Spiel unmissverständlich klar, dass dies noch nicht das Ende ist. So sehr sich manche Entwicklungen wie ein Wendepunkt anfühlen, werden neue Mysterien aufgeworfen, die erst in kommenden Spielen aufgelöst werden sollen. Das große Finale rückt näher, bleibt aber weiterhin außer Reichweite.

Spielerisch bleibt Trails beyond the Horizon weitgehend auf Kurs. Die grundlegende Struktur hat sich seit Daybreak 2 kaum verändert. Die Geschichte ist in klar definierte Kapitel unterteilt, die Haupt- und Nebenaufgaben, Erkundung und Kämpfe miteinander verbinden. Auch der Marchen Garten kehrt zurück, nun unter dem Namen Grim Garten. Dieser weitgehend optionale, teilweise zufallsgenerierte Dungeon ist stärker in die Handlung eingebunden als zuvor, erfüllt aber denselben Zweck. Hier experimentierst du mit neuen Gruppenkombinationen, sammelst Erfahrungspunkte und Ausrüstung und vertiefst dich in die Kampfsysteme. Trotz gewisser Wiederholungen ist der Grim Garten eine willkommene Abwechslung zu den teils extrem dialoglastigen Storyabschnitten und sorgt dafür, dass der spielerische Kern nie ganz in den Hintergrund rückt.

Denn Horizon leidet stellenweise deutlich unter einem Ungleichgewicht zwischen Erzählung und Interaktion. Die Menge an Exposition, Rückblenden und Charakterdialogen ist enorm und kann phasenweise ermüdend wirken. Umso wichtiger ist es, dass der Grim Garten als Rückzugsort für klassisches RPG-Gameplay jederzeit verfügbar ist. Die Charakterentwicklung bleibt eines der großen Highlights. Du hast Zugriff auf eine riesige Auswahl an spielbaren Figuren, deren Builds von einfach bis hochspezialisiert reichen. Magische Künste, passive Effekte und Ausrüstungsoptionen greifen tief ineinander und belohnen Spieler, die sich intensiv mit den Systemen beschäftigen.

Gleichzeitig ist Horizon auch mechanisch eines der komplexesten Spiele der Reihe. Neue Kampfmechaniken erweitern die ohnehin schon dichte Struktur weiter. Besonders hervorzuheben sind die überarbeiteten S-Boosts, die sich nun für gruppenweite Buffs oder mächtige Teamangriffe einsetzen lassen. Diese Systeme erinnern an die Brave Orders aus Cold Steel und verstärken den Fokus auf Ressourcenmanagement, vor allem in anspruchsvolleren Kämpfen. Das grundlegende Balancing fühlt sich vertraut an, doch die zusätzliche taktische Flexibilität verleiht den Gefechten eine frische Note. Dennoch bewegt sich das Spiel gefährlich nah an der Grenze zur Überkomplexität. Im direkten Vergleich wirkt das Kampfsystem von Trails in the Sky 1st Chapter zwar reduzierter, aber auch eleganter und zugänglicher.

Auch technisch kann Horizon nicht ganz mithalten. Die Präsentation bleibt hinter neueren Serienablegern zurück. Umgebungen wirken stellenweise grob und detailarm, NPC-Modelle sind oft wenig ansehnlich. Das ist weniger ein Versäumnis als eine Frage des Timings, da Horizon ursprünglich 2024 in Japan erschien und somit noch nicht von Falcoms neuester Engine profitiert. Positiv fallen hingegen die neuen Kampf- und Cutscene-Animationen auf, die deutlich hochwertiger ausfallen als in früheren Teilen. Es bleibt zu hoffen, dass ein Nachfolger Calvard visuell endlich den Feinschliff verpasst, den diese Welt verdient.

Am Ende ist Trails beyond the Horizon eines der bedeutendsten Kapitel der gesamten Reihe. Die Geschichte liefert weltverändernde Enthüllungen und dramatische Entwicklungen, die den Status quo der Serie nachhaltig erschüttern. Für Fans, die diesen langen Weg bis hierher mitgegangen sind, kann Horizon ein überwältigendes Erlebnis sein. Gleichzeitig erfordert das Spiel Geduld und die Bereitschaft, sich durch lange Phasen aus Rückblicken und Dialogen zu arbeiten, bevor es seine volle Wirkung entfaltet. Die Stärken sind enorm, doch sie kommen nicht ohne spürbare Reibung. Trails beyond the Horizon belohnt Hingabe wie kaum ein anderes Rollenspiel, bleibt aber ein Werk für Eingeweihte. Wer dazugehört, wird mit einem der wichtigsten Trails-Titel überhaupt belohnt. Wer es nicht tut, wird kaum einen Zugang finden.

——— Hinweise & Disclaimer: ———

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