Seit ich mich in den letzten Jahren intensiver mit der Trails-Reihe beschäftigt habe, stand eine andere Serie von Nihon Falcom immer wieder auf meiner Liste: Ys. Fast vier Jahrzehnte Seriengeschichte können durchaus einschüchternd wirken, gerade wenn man befürchtet, unzählige Anspielungen und Zusammenhänge nicht zu verstehen. Mit Ys X: Proud Nordics, der erweiterten Neuveröffentlichung von Ys X: Nordics aus dem Jahr 2024, schien jedoch ein idealer Einstiegspunkt gekommen. Nach über 70 Stunden mit dem Spiel kann ich sagen, dass sich diese Sorge als unbegründet erwiesen hat. Statt sich wie ein Kapitel mitten in einer riesigen Saga anzufühlen, wirkt Ys X: Proud Nordics überraschend eigenständig und damit wie ein nahezu perfekter Start für Neueinsteiger.
Zeitlich ist das Abenteuer früh in der Chronologie angesiedelt. Der 17-jährige Adol Christin befindet sich noch am Anfang seiner legendären Reisen. Gemeinsam mit Dogi und Dr. Flair Rall ist er per Schiff unterwegs, als die Reise im Obelia-Golf eine unerwartete Wendung nimmt. Nordisch anmutende Krieger, die Balta-Seeforce, entern das Schiff. In diesem Zuge trifft Adol erstmals auf Karja Balta, eine stolze und kämpferische Norman-Prinzessin. Kurz darauf landet die Gruppe in der Küstenstadt Carnac, wo Adol ein mysteriöses Artefakt entdeckt, das ihm die Macht des Mana verleiht.

Diese Kräfte führen nicht nur zu einer erneuten Konfrontation mit Karja, sondern verbinden die beiden wortwörtlich miteinander. Von nun an sind sie gezwungen, als Einheit zu agieren. Als die Stadt von unsterblichen Wesen, den sogenannten Griegr, überfallen wird, erkennen sie schnell, dass sie einer Bedrohung gegenüberstehen, die weit über normale Piratenüberfälle hinausgeht. Nur Mana-Nutzer können diese Kreaturen endgültig besiegen. Zusammen mit Verbündeten fliehen Adol und Karja auf das heruntergekommene Schiff Sandras und stechen in See, um stärker zu werden, Antworten zu finden und ihre Heimat zu retten.

Die Geschichte selbst bleibt im Vergleich zur Originalfassung unverändert, doch für mich als Neuling war sie durchweg fesselnd. Besonders Karja sticht als Figur hervor. Anfangs wirkt sie wie der typische ruppige, hitzköpfige Gegenpol zum stillen Helden, doch im Laufe der Handlung gewinnt sie spürbar an Tiefe. Ihre Entwicklung, ihr Verhältnis zu Adol und die Einblicke in die Geschichte der Normannen tragen wesentlich dazu bei, dass die Erzählung emotional trägt. Ys X überrascht mit einer stärkeren und durchdachteren Story, als ich erwartet hatte.

Neu hinzugekommen ist unter anderem das Gebiet Öland Island, das eine umfangreiche Nebenhandlung bietet. Hier werden mit Canute und Astrid zwei weitere Normannen eingeführt, die zusätzliche Einblicke in die Geschichte ihres Volkes liefern. Öland fühlt sich beinahe wie eine eigene kleine Open-World-Zone an. Die Karte ist groß, verwinkelt und voller Geheimnisse, Items und optionaler Herausforderungen. Neue Mana-Fähigkeiten öffnen im Verlauf weitere Bereiche, wodurch sich das Erkunden dynamisch anfühlt. Erzählerisch greift die Nebenhandlung größere Themen der Ys-Welt auf, die mich als Neuling zwar teilweise überforderten, aber gleichzeitig neugierig machten.

Neben diesem Zusatzinhalt bietet Proud Nordics zahlreiche Verbesserungen. Es gibt neue optionale Bosse, einen zusätzlichen Endgame-Dungeon, neue Ressourcen zur Verbesserung von Mana-Fähigkeiten und sogar einige vertonte Zeilen für den sonst stummen Protagonisten. Visuelle Anpassungen, Gameplay-Feinschliff und Komfortfunktionen machen diese Version klar zur definitiven Fassung. Spielerisch setzt Ys X stärker auf Action als Falcoms Trails-Reihe. Statt einer großen Gruppe kontrolliert man nur Adol und Karja, kann aber jederzeit zwischen ihnen wechseln. Beide spielen sich deutlich unterschiedlich. Adol ist schnell, agil und auf flüssige Hit-and-Run-Angriffe ausgelegt, während Karja mit ihrer Axt als widerstandsfähiger Frontkämpfer fungiert. Ihre Mana-Fähigkeiten sind elementar unterschiedlich ausgerichtet, was sowohl im Kampf als auch beim Erkunden neue Möglichkeiten eröffnet.

Besonders interessant ist das Duo-System. Per Knopfdruck kämpfen beide synchron, blocken gemeinsam Angriffe und entfesseln mächtige Kombofähigkeiten. Das Blocken ist dabei zentral, da es einen Schadensmultiplikator aufbaut, der bis zum Fünffachen anwachsen kann. Dieses System sorgt für einen angenehmen Rhythmus aus Defensive und explosiven Offensivphasen. Die Progression über Mana-Samen, Ausrüstungsupgrades und Fähigkeitsmeisterschaften motiviert kontinuierlich. Eine große Rolle spielt zudem das Schiff Sandras. Anders als viele Versuche anderer Spiele, Seeschlachten realistisch oder komplex zu inszenieren, setzt Ys X auf ein zugängliches, arcadiges System. Das fühlt sich erfrischend direkt an. Man verbessert sein Schiff Schritt für Schritt, kämpft gegen gegnerische Schiffe der Griegr und schaltet Windrouten frei, die das Reisen deutlich beschleunigen. Zwar ist die Fortbewegung über das Meer zunächst gemächlich, doch mit zunehmenden Upgrades wird sie angenehm dynamisch. Eine wachsende Crew unterstützt beim Management von Shops und Nebenquests, was dem Schiff eine fast schon heimelige Atmosphäre verleiht.

Optisch präsentiert sich Proud Nordics deutlich verbessert. Die 3D-Anime-Ästhetik überzeugt besonders in Zwischensequenzen, während das Gameplay nur minimal abfällt. Beleuchtung, Sichtweite und Performance wurden spürbar optimiert. Auf der PlayStation 5 läuft das Spiel standardmäßig mit 60 Bildern pro Sekunde und kann im Performance-Modus sogar 120 FPS erreichen. Ganz fehlerfrei ist es dennoch nicht, da gelegentlich kleinere, wenn auch seltene, technische Probleme auftreten.

Am Ende bleibt Ys X: Proud Nordics ein rundes Gesamtpaket. Für Neueinsteiger bietet es eine zugängliche, eigenständige Geschichte, ein starkes Charakterduo und ein schnelles, befriedigendes Kampfsystem. Die neuen Inhalte und technischen Verbesserungen machen diese Version zur besten Art, Adols Seefahrerabenteuer zu erleben. Wer allerdings bereits die Originalversion besitzt, muss abwägen, ob die zusätzlichen Stunden und Verbesserungen einen erneuten Kauf rechtfertigen. Für mich als Neuling war es jedenfalls ein gelungener Einstieg in eine Serie, die ich nun definitiv weiter erkunden möchte.
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