Tales of Berseria Remastered steht vor einer ziemlich undankbaren Aufgabe. Die Geschichte und die Figuren müssen praktisch das gesamte Spiel tragen, denn abseits davon hat diese Neuauflage nur wenig Eigenständiges zu bieten. Glücklicherweise gehört genau dieser narrative Kern zu den stärksten Elementen, die die Tales-Reihe je hervorgebracht hat. Ohne ihn würde das Spiel deutlich stärker unter seinen Schwächen leiden.

Schon beim Erkunden der Spielwelt wird schnell deutlich, dass das Abenteuer spielerisch nicht zu den Höhepunkten des Genres zählt. Die Dungeons gehören zu den monotoneren Beispielen, die man in einem modernen Rollenspiel finden kann. Meist bestehen sie aus langen, grauen Korridoren, die sich über weite Strecken sehr ähnlich sehen. Rätsel existieren zwar, sind aber so simpel gestaltet, dass sie kaum als echte Herausforderung durchgehen. Häufig läuft man schlicht von einem Schalter zum nächsten oder sucht einen Weg, der sich kaum vom vorherigen Abschnitt unterscheidet. Dazu kommt viel Backtracking, weil Quests regelmäßig verlangen, bereits besuchte Gebiete erneut zu durchqueren. Dieser Aufbau vermittelt stellenweise den Eindruck eines Spiels, das mit begrenzten Ressourcen entwickelt wurde.

Das Kampfsystem hilft leider nur bedingt dabei, diese Schwächen auszugleichen. Es orientiert sich am freien Kampfstil späterer Tales-Titel und erlaubt flexible Kombos, doch im Vergleich zu Tales of Graces f wirkt es deutlich weniger ausgefeilt. Ein Problem liegt darin, dass das System stark auf Zufallseffekte setzt, um Komboketten aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig ist das Spiel überraschend leicht zu dominieren, wenn man bestimmte Figuren effektiv nutzt. Besonders die Protagonistin Velvet kann mit ihrer Fähigkeit Break Soul ganze Gegnergruppen nahezu mühelos auseinandernehmen. Selbst auf höheren Schwierigkeitsgraden geraten viele Kämpfe dadurch zu kurzen Demonstrationen statt zu taktischen Auseinandersetzungen.

Eigentlich bietet das Spiel einige Mechaniken, die für mehr Tiefe sorgen könnten. Ausrüstung verleiht zusätzliche Fähigkeiten, Charakterwerte lassen sich ausbauen, und Waffen können verbessert werden. Doch weil die Kämpfe selten echte Anpassungen verlangen, verliert dieses System schnell an Bedeutung. Man verbringt Zeit in Menüs, optimiert Werte oder Fähigkeiten, nur um kurz darauf festzustellen, dass der Aufwand kaum einen Unterschied macht. Gegner bleiben in vielen Situationen ohnehin unterlegen.

Auch audiovisuelle Aspekte tragen nicht unbedingt dazu bei, die Präsentation aufzuwerten. Der Soundtrack von Motoi Sakuraba ist solide, bleibt aber über weite Strecken überraschend unauffällig. Nur wenige Stücke, allen voran Velvets Thema, bleiben wirklich im Gedächtnis. Grafisch wirkt das Spiel ebenfalls eher schlicht. Selbst in dieser Remaster-Version hat man oft das Gefühl, ein Rollenspiel aus der PlayStation-3-Ära vor sich zu haben. Die Figuren besitzen zwar den typischen Anime-Stil der Reihe, doch insgesamt fehlt es an visueller Vielfalt. Gerade deshalb wirkt der Begriff „Remastered“ etwas übertrieben. In Wahrheit handelt es sich eher um einen Port mit kleineren Komfortverbesserungen. Die Laufgeschwindigkeit wurde erhöht, Schnellreisen sind früher verfügbar und der Grade Shop kann schon im ersten Durchgang genutzt werden. Das sind nette Anpassungen, doch sie verändern das Spielerlebnis kaum. Visuell sind die Unterschiede zur ursprünglichen Version minimal.

Trotz all dieser Kritik bleibt ein entscheidender Punkt bestehen. Tales of Berseria gehört immer noch zu den erzählerisch stärksten Spielen der Reihe. Die Handlung ist eine düstere Rachegeschichte, die sich ungewöhnlich ernsthaft mit ihren Figuren auseinandersetzt. Besonders Velvet als Hauptfigur ist eine der eindrucksvollsten Protagonistinnen der Serie. Ihre Mischung aus Wut, Verletzlichkeit und Entschlossenheit trägt die Geschichte bis zum Ende. Unterstützt wird sie von einer hervorragend geschriebenen Gruppe von Begleitern, unter denen vor allem die exzentrische Hexe Magilou hervorsticht. Auch die Sprachausgabe trägt viel zur Wirkung der Figuren bei. Velvets emotionale Ausbrüche, gesprochen von Cristina Valenzuela, verleihen der Geschichte eine Intensität, die man im Genre nicht allzu häufig erlebt. Viele Szenen funktionieren gerade deshalb so gut, weil sie den Mut haben, düstere Themen ernst zu nehmen und ihre emotionalen Höhepunkte tatsächlich zu verdienen.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Tales of Berseria ist nach wie vor ein herausragendes JRPG, wenn es um Figuren und Storytelling geht. Diese Qualitäten sind auch heute noch stark genug, um Spieler emotional mitzunehmen. Gleichzeitig wirkt diese Neuauflage überflüssig, da das Original bereits problemlos auf modernen Plattformen verfügbar ist. Wer das Spiel noch nie erlebt hat, bekommt hier weiterhin ein großartiges Abenteuer mit einer außergewöhnlich starken Geschichte. Wer die ursprüngliche Version bereits besitzt, findet hingegen kaum Gründe für einen erneuten Kauf.

——— Hinweise & Disclaimer: ———

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