Marathon macht vom ersten Moment an klar, dass es kein leichtes Spiel werden will. Der Einstieg wirkt zunächst relativ harmlos. Man betritt eine fremde Welt, sammelt Ausrüstung, erfüllt Aufträge für Fraktionen und versucht, mit möglichst viel Beute wieder zu entkommen. Doch schon nach wenigen Runden wird deutlich, dass hinter dieser scheinbar simplen Struktur ein äußerst gnadenloser Gameplay-Loop steckt.
Als sogenannter Runner wählt man zunächst eine von sieben verfügbaren Hüllen, sogenannte Shells. Diese sind austauschbare Körper, in denen das digitale Bewusstsein der Spielfigur residiert. Jede Shell ist auf eine bestimmte Rolle spezialisiert. Der Destroyer setzt auf rohe Kampfkraft und kann mit einer Barrikade Positionen sichern. Der Assassin nutzt Tarntechnologie, um Gegner zu umgehen. Recon erkennt Bedrohungen frühzeitig, während der Vandal mit erhöhter Beweglichkeit und Doppelsprüngen punktet. Der Thief konzentriert sich auf das Aufspüren von Beute mithilfe einer Drohne und der Triage-Rolle übernimmt medizinische Unterstützung für das Team. Zusätzlich gibt es die Rook-Shell, die ausschließlich für Solo-Spieler gedacht ist und besonders gut darin ist, Ressourcen zu sammeln und verlorene Vorräte wieder aufzufüllen.

Die ersten Einsätze auf dem Planeten Tau Ceti IV sind meist kurz und brutal. Neue Spieler werden regelrecht ins kalte Wasser geworfen. Ohne Erfahrung im Umgang mit Ausrüstung, Gegnern und Kartenlayout endet der erste Einsatz häufig nach wenigen Minuten mit dem Tod und dem Verlust der gesamten Beute. Dieses Prinzip ist typisch für Extraction-Shooter, doch Marathon wirkt in seinen ersten Stunden besonders erbarmungslos. Erst mit der Zeit beginnt sich das System zu entfalten. Man entwickelt ein Gefühl dafür, welche Ausrüstung zur eigenen Spielweise passt, welche Shell die besten Chancen bietet und welche Risiken sich lohnen. Die Spielwelt selbst ist alles andere als einladend. Tau Ceti IV besteht aus feindseligen Landschaften voller Insektennester, giftiger Gase und patrouillierender Roboter des United Earth Space Council. Zu Beginn führt Bungie Spieler vorsichtig in die Mechaniken ein. Die ersten Missionen auf der Karte Perimeter erklären das grundlegende Sammeln von Beute und das sichere Extrahieren. Doch sobald diese Trainingsphase endet, tauchen rivalisierende Runner auf, die nur ein Ziel verfolgen. Sie wollen dich ausschalten und deine hart erarbeiteten Gegenstände an sich nehmen.

In diesen Momenten zeigt sich die Stärke von Marathon. Spielt man mit einem gut abgestimmten Dreierteam, kann jeder erfolgreiche Einsatz unglaublich befriedigend sein. Gemeinsam gegnerische Trupps abzuwehren, Roboter auszuschalten und schließlich schwer angeschlagen den Extraktionspunkt zu erreichen, erzeugt ein intensives Erfolgserlebnis. Umgekehrt kann ein plötzliches Scheitern extrem frustrierend sein. Innerhalb weniger Sekunden kann ein ganzes Team ausgelöscht werden und der Bildschirm zeigt anschließend gnadenlos, welche Ausrüstung verloren ging.

Die meisten Matches dauern nur wenige Minuten, wodurch man schnell wieder einsteigen kann. Doch wenn ein Einsatz länger dauert und sich über zwanzig Minuten hinzieht, steigt der Druck enorm. Nach einer langen Sammelphase durch einen einzelnen Fehler alles zu verlieren, gehört zu den frustrierendsten Momenten des Spiels. Gleichzeitig liegt genau darin auch der Reiz des Genres. Dank Bungies Erfahrung mit Serien wie Halo und Destiny funktioniert das grundlegende Schießgefühl hervorragend. Waffen reagieren präzise, Bewegungen fühlen sich flüssig an und das Gameplay besitzt eine angenehme Direktheit. Mit zunehmender Spielzeit schaltet man weitere Karten frei, darunter die sumpfige Region Dire Marsh oder den industriellen Outpost-Komplex. Jede neue Umgebung erweitert das taktische Repertoire und sorgt für zusätzliche Abwechslung.

Ein Problem ergibt sich jedoch aus der enormen Menge an Gegenständen, die während der Einsätze gefunden werden können. Viele davon sind anfangs schwer einzuordnen. Unter Zeitdruck sammelt man oft alles ein, was greifbar ist, ohne genau zu wissen, welchen Nutzen es hat. Erst nach der erfolgreichen Extraktion kann man in Ruhe analysieren, was sich tatsächlich gelohnt hat. Während eines Einsatzes bleibt dafür schlicht keine Zeit, denn jederzeit kann ein Roboter oder ein rivalisierender Spieler auftauchen. Vorbereitung spielt daher eine entscheidende Rolle. Ohne genügend Heil-Injektoren, Schildgeneratoren oder Munition kann ein Einsatz schnell scheitern. Alternativ lassen sich sogenannte Sponsored Kits mitnehmen. Diese werden von Fraktionen bereitgestellt und enthalten eine feste Ausrüstungskombination. Allerdings darf man dann keine zusätzlichen Gegenstände mitführen. Diese Kits erhält man durch steigende Fraktionsränge oder gelegentlich kostenlos über den Ingame-Shop. Die Fraktionen stellen außerdem Aufträge bereit. Diese bestehen aus unterschiedlichsten Aufgaben, etwa dem Zerstören von Fenstern, dem Hacken von Terminals oder dem Ausschalten gegnerischer Runner. Fortschritte bleiben über mehrere Runs hinweg bestehen, sodass man sie nicht zwingend in einer einzigen Partie abschließen muss.

Trotz aller Härte bleibt Marathon ein faszinierendes Spiel. Seine Neon-Ästhetik im Stil der 1990er Jahre, kombiniert mit surrealen Zwischensequenzen und ungewöhnlicher Symbolik, verleiht ihm eine eigenständige Identität. Die Designs erinnern teilweise an grafische Experimente klassischer Cyberpunk-Ästhetik und sorgen dafür, dass Marathon visuell aus der Masse heraussticht. Letztlich hängt der langfristige Erfolg jedoch davon ab, ob Bungie die Spieler langfristig bei der Stange halten kann. Der grundlegende Gameplay-Loop funktioniert und kann enorm fesselnd sein. Gleichzeitig wirkt das Spiel zum Start noch etwas schlank im Umfang. Wenn zukünftige Updates neue Inhalte liefern und das System weiter ausbauen, besitzt Marathon das Potenzial, sich zu einem festen Bestandteil des Extraction-Shooter-Genres zu entwickeln.
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