007 First Light stand vor keiner leichten Aufgabe. Nicht nur ist dies das erste große James-Bond-Spiel seit vielen Jahren, es wagt zudem etwas, das viele Fans zunächst skeptisch betrachten dürften: Es präsentiert einen völlig neuen Bond. Kein Abbild von Sean Connery, Daniel Craig oder einem anderen bekannten Darsteller, sondern eine eigenständige Interpretation des berühmtesten Geheimagenten der Welt. Nach dem Durchspielen auf der PS5 bleibt jedoch vor allem ein Eindruck zurück: Entwickler IO Interactive hat die Figur verstanden. Statt einfach nur bekannte Bond-Momente nachzustellen, erzählt das Studio die Ursprungsgeschichte eines jungen, unerfahrenen James Bond und schafft es dabei, sowohl den Geist der Vorlage einzufangen als auch eigene Akzente zu setzen.
Bereits die ersten Stunden machen deutlich, dass 007 First Light einen etwas anderen Ansatz verfolgt als viele vielleicht erwartet hätten. Oft wird das Spiel als Mischung aus Hitman und Uncharted beschrieben und tatsächlich trifft diese Beschreibung den Kern erstaunlich gut. Die linearen Story-Missionen erinnern mit spektakulären Inszenierungen, Verfolgungsjagden und filmreifen Setpieces stark an moderne Action-Adventures, während die größeren Sandbox-Areale unverkennbar die Handschrift von IO Interactive tragen. Die Geschichte beginnt über den eisigen Landschaften Islands, wo Bond als Angehöriger der Royal Navy einen Hubschrauberabsturz nur knapp überlebt. Dieses Ereignis markiert den Beginn seines Weges zum Geheimagenten. Von dort aus verfolgt das Spiel seinen Aufstieg innerhalb des MI6, seine Ausbildung und die ersten Einsätze als frisch rekrutierter Agent.

Besonders positiv überrascht hat mich dabei die Qualität der Figurenzeichnung. Bond ist hier noch kein perfekter Profi. Er ist impulsiv, selbstbewusst, manchmal sogar leichtsinnig. Gleichzeitig erkennt man bereits die Eigenschaften, die ihn später auszeichnen werden: seinen Charme, seinen Witz und seine Fähigkeit, selbst aus den gefährlichsten Situationen herauszukommen. Auch die Nebenfiguren funktionieren hervorragend. Neue Interpretationen von M, Q und Moneypenny fügen sich nahtlos in die Geschichte ein, während neue Charaktere wie Cressida, Monroe und der ehemalige Doppelnull-Agent John Greenway für zusätzliche Dynamik sorgen. Gerade die Beziehungen innerhalb dieser Gruppe entwickeln sich glaubwürdig und verleihen der Handlung mehr Tiefe, als man bei einem klassischen Agenten-Actionspiel erwarten würde.

Die eigentliche Story mag in einigen Momenten vorhersehbar sein, bleibt aber durchgehend unterhaltsam und führt Bond rund um den Globus. Von London über die Slowakei bis nach Mauretanien und Vietnam bietet das Spiel eine beeindruckende Vielfalt an Schauplätzen. Dabei profitiert jeder Ort von der Erfahrung, die IO Interactive mit der Hitman-Reihe gesammelt hat. Die Umgebungen sind detailliert, glaubwürdig und laden oft dazu ein, jeden Winkel zu erkunden. Besonders stark wird 007 First Light immer dann, wenn es dem Spieler Freiheiten gibt. Die größeren Sandbox-Missionen gehören klar zu den Highlights des gesamten Spiels. Hier kann Bond sein Ziel auf verschiedene Arten erreichen, alternative Wege entdecken, Gegner umgehen oder sich mit geschickten Gesprächen aus schwierigen Situationen herausreden. Vor allem die Bluff-Mechanik hat mir ausgesprochen gut gefallen. Sie passt perfekt zur Figur James Bond. Statt ständig auf Waffen zurückzugreifen, kann man sich durch Charme, Selbstvertrauen und geschickte Lügen Zugang zu gesperrten Bereichen verschaffen oder Verdachtsmomente zerstreuen. Das vermittelt tatsächlich das Gefühl, einen Geheimagenten zu spielen und nicht einfach nur einen weiteren Actionhelden.

Zusätzlich stehen verschiedene Gadgets zur Verfügung, die alternative Lösungswege eröffnen. Ob schleichend, taktisch oder etwas direkter, das Spiel erlaubt unterschiedliche Herangehensweisen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Kommt es dennoch zum Kampf, präsentiert sich das Kampfsystem solide. Die Nahkämpfe sind zwar nicht übermäßig komplex, funktionieren aber zuverlässig. Paraden, Ausweichmanöver und spektakuläre Umgebungs-Kills sorgen dafür, dass selbst einfache Auseinandersetzungen unterhaltsam bleiben. Besonders wenn Gegner über Geländer geschleudert oder gegen Objekte geschmettert werden, entsteht genau jene überzeichnete Action, die man aus den Filmen kennt. Die Schusswechsel fallen dagegen etwas gemischter aus. Sie sind durchaus spaßig und profitieren von der guten Steuerung, wirken aber gelegentlich etwas überladen. Gerade in späteren Missionen treten teilweise sehr viele Gegner gleichzeitig auf, wodurch manche Kämpfe eher in chaotische Explosionen ausarten. Das passt zwar zu einigen Bond-Filmen, fühlt sich spielerisch aber nicht immer optimal an.

Der schwächste Bereich des Spiels sind dagegen die Fahrsequenzen. Zwar gibt es mehrere Verfolgungsjagden mit verschiedenen Fahrzeugen, doch die Steuerung wirkt oft übermäßig unterstützt. Das Spiel versucht ständig, den Wagen zu stabilisieren und auf Kurs zu halten, wodurch man manchmal eher gegen die Fahrhilfen kämpft als gegen die eigentliche Strecke. Hier hätte etwas mehr Freiheit und Präzision gutgetan. Technisch hinterlässt die PS5-Version insgesamt einen sehr guten Eindruck. Die Präsentation ist hochwertig, die Schauplätze sehen großartig aus und die Inszenierung erinnert oft an einen interaktiven Bond-Film. Die Bildrate liegt meist stabil bei 60 FPS, auch wenn es während besonders intensiver Gefechte vereinzelt zu kleineren Einbrüchen kommen kann. Diese bleiben jedoch selten und beeinträchtigen das Spielerlebnis kaum.

Ein weiteres Highlight ist der neue TacSim-Modus. Hier bietet das Spiel eigenständige Herausforderungen rund um Stealth, Nahkampf und Schusswechsel, die sich beliebig oft wiederholen lassen. Online-Ranglisten sorgen zusätzlich für Motivation. Zum Launch fällt der Umfang dieser Missionen zwar noch überschaubar aus, doch angesichts der langjährigen Unterstützung, die IO Interactive bereits für die Hitman-Reihe geliefert hat, dürfte hier noch einiges folgen. Optisch überzeugt 007 First Light ebenfalls. Die Schauplätze sind abwechslungsreich, die Charaktermodelle gelungen und die Zwischensequenzen hervorragend inszeniert. Besonders die filmische Präsentation sorgt dafür, dass man sich häufig wie in einem neuen Bond-Film fühlt.

007 First Light gelingt etwas, das vielen Lizenzspielen verwehrt bleibt: Es versteht die Essenz seiner Vorlage. Die Ursprungsgeschichte des jungen James Bond überzeugt mit sympathischen Figuren, einer unterhaltsamen Agentenhandlung und abwechslungsreichen Schauplätzen. Besonders die offenen Sandbox-Missionen zeigen eindrucksvoll, warum IO Interactive die perfekte Wahl für dieses Projekt war. Nicht alles funktioniert perfekt. Die Fahrpassagen bleiben hinter dem Rest des Spiels zurück, manche Feuergefechte wirken etwas zu hektisch und technisch gibt es vereinzelt kleinere Schwächen. Trotzdem liefert First Light einen äußerst gelungenen Neustart für James Bond in der Videospielwelt. Wer Action-Adventures, Agenten-Thriller oder die Arbeit von IO Interactive schätzt, bekommt hier eines der stärksten Singleplayer-Erlebnisse des Jahres und einen vielversprechenden Auftakt für eine neue Bond-Generation.
——— Hinweise & Disclaimer: ———
Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!
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