Schon Captain Tsubasa: Rise of New Champions war 2020 eine kleine Überraschung. Während Fußballspiele auf Konsolen größtenteils von immer realistischeren Simulationen geprägt wurden, setzte Bandai Namcos Anime-Kick auf das komplette Gegenteil. Riesige Spezialschüsse, kilometerlange Dribblings, absurde Rettungsaktionen und Torhüter, die mitsamt Ball ins Netz geschleudert wurden, machten daraus eher ein Fighting Game mit Fußballregeln als eine ernsthafte Sportsimulation. Mit Captain Tsubasa 2: World Fighters wird dieses Konzept nun konsequent weitergeführt. Der Nachfolger erfindet die Reihe zwar nicht komplett neu, verbessert aber an genau den Stellen, an denen der erste Teil noch etwas eintönig wirken konnte. Nach mehreren Stunden mit der PS5-Version und dem vollständigen Durchspielen der Kampagne zeigt sich deshalb schnell: World Fighters ist das bessere, rundere und abwechslungsreichere Spiel. Vor allem das überarbeitete Gameplay sorgt dafür, dass sich die Partien dynamischer anfühlen und einzelne Spieler wesentlich stärker voneinander unterscheiden. Gleichzeitig bleibt die herrlich übertriebene Anime-Inszenierung erhalten, die bereits den Vorgänger ausgezeichnet hat.

Wer realistischen Fußball sucht, ist hier weiterhin komplett falsch. Captain Tsubasa 2 interessiert sich nur sehr eingeschränkt für echtes Positionsspiel, Ballphysik oder taktische Feinheiten. Stattdessen geht es darum, Gegner mit Spezialdribblings zu überwinden, Energieleisten aufzuladen und schließlich einen Schuss abzufeuern, bei dem sich die Frage weniger darum dreht, ob der Ball ins Tor geht, sondern wie viele Quadratmeter Rasen dabei zerstört werden. Die Grundstruktur aus Rise of New Champions bleibt erhalten. Spieler verfügen über Ausdauer, Spezialaktionen und individuelle Techniken, mit denen Zweikämpfe entschieden werden. Neu ist allerdings, dass die besonders spektakulären Max Actions nicht mehr ausschließlich auf Schüsse oder Tacklings beschränkt sind. Nun können auch Dribblings, Pässe und andere Aktionen als Max Action auftreten. Dadurch wirken gerade Mittelfeldspieler und technisch orientierte Charaktere deutlich individueller als im Vorgänger. Das mag zunächst nach einer kleinen Änderung klingen, beeinflusst das Spielgefühl aber spürbar. Im ersten Teil konzentrierte sich vieles zwangsläufig darauf, möglichst schnell einen starken Stürmer in eine gute Position zu bringen und dessen Spezialschuss abzufeuern. World Fighters eröffnet wesentlich mehr Möglichkeiten, bereits beim Spielaufbau spektakuläre Aktionen einzusetzen.

Eine weitere große Neuerung ist das Chain-System. Dribblings, Sprints und Spezialaktionen lassen sich nun miteinander verketten und erzeugen eine Art Combo-Anzeige. Je länger es gelingt, Aktionen erfolgreich aneinanderzureihen, desto schneller füllt sich die Max-Action-Leiste. Das erinnert stellenweise tatsächlich stärker an FIFA Street als an klassische Fußballspiele. Dort ging es ebenfalls darum, Tricks und Dribblings miteinander zu verbinden, bis genügend Energie für eine besonders starke Aktion aufgebaut wurde. Captain Tsubasa treibt dieses Prinzip natürlich noch wesentlich weiter. Ein erfolgreiches Dribbling geht nahtlos in einen Spezialdash über, danach folgt ein weiterer Trick und wenige Sekunden später wird bereits der nächste völlig überzogene Angriff vorbereitet. Gerade wenn man die Mechaniken beherrscht, entsteht ein enorm schneller Spielfluss. Das Kampfsystem des Vorgängers war bereits unterhaltsam, konnte aber nach längeren Sessions etwas repetitiv wirken. World Fighters schafft es, diese Struktur aufzubrechen und verlangt deutlich häufiger, unterschiedliche Spielertypen und Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Dadurch fühlt sich das Spiel weniger oberflächlich an, ohne dabei seinen unkomplizierten Arcade-Charakter zu verlieren.

Besonders gelungen ist, wie stark die erweiterten Mechaniken einzelne Charaktere voneinander unterscheiden. Natürlich besitzt weiterhin nahezu jeder bekannte Spieler seine eigenen ikonischen Techniken. Tsubasa schießt anders als Hyuga, Misaki spielt anders als Schneider und internationale Stars bringen wiederum ihre eigenen Spezialfähigkeiten mit. Durch die erweiterten Max Actions betrifft diese Individualität jetzt allerdings nicht mehr nur den Abschluss. Ein Mittelfeldspieler kann beispielsweise mit speziellen Pässen das komplette Spiel öffnen, während andere Charaktere durch besonders effektive Dribblings ihre Max-Leiste schneller aufbauen. Defensivspieler profitieren wiederum von mächtigen Tacklings und Unterbrechungen. Gerade bei längeren Matches merkt man dadurch stärker, dass eine Mannschaft nicht nur aus einem guten Stürmer besteht. Trotz aller Anime-Übertreibung steckt überraschend viel taktisches Potenzial im Spiel. Natürlich wird Captain Tsubasa 2 niemals zu einer Simulation, aber innerhalb seiner eigenen Regeln funktioniert das System hervorragend.

World Fighters ist erfreulicherweise kein typischer Sportspiel-Nachfolger, der lediglich ein aktualisiertes Teamaufgebot und ein paar Gameplay-Anpassungen liefert. Die Story setzt unmittelbar nach Rise of New Champions an und führt die Handlung weiter. Tsubasa befindet sich mittlerweile in Brasilien und beginnt dort seinen Aufstieg im professionellen Fußball. Trotzdem steht er nicht direkt als spielbarer Hauptcharakter im Mittelpunkt der Kampagne. Stattdessen erstellt man erneut einen eigenen Spieler, der gewissermaßen zwischen all den bekannten Figuren seinen Platz finden muss. Das funktioniert ähnlich wie im Vorgänger. Der eigene Charakter wird in die Ereignisse eingebunden, trifft Stars aus Anime und Manga und wird regelmäßig für seine Fähigkeiten gelobt. Gleichzeitig bleibt man bei den wirklich großen Momenten häufig eher Beobachter als treibende Kraft der Handlung. Das ist gelegentlich etwas merkwürdig. Eigentlich möchte man gerne stärker in die zentralen Ereignisse eingreifen, während die bekannten Figuren letztlich weiterhin den wichtigsten Teil der Geschichte tragen. Als Fan der Vorlage funktioniert das trotzdem gut, denn die Kampagne bietet zahlreiche Begegnungen mit bekannten Spielern und präsentiert deren Persönlichkeiten mit viel Liebe zum Original.

Das große sportliche Ziel ist diesmal die U20-Weltmeisterschaft. Dadurch bekommt die Geschichte deutlich internationaleren Charakter als noch der Vorgänger. Mannschaften aus aller Welt treten gegeneinander an und bringen entsprechend zahlreiche bekannte Spieler aus der Vorlage mit. Deutschland, Brasilien, Argentinien und viele weitere Nationen spielen im Verlauf eine Rolle. Die Auswahl fällt dabei erfreulich umfangreich aus. Interessanterweise stehen viele dieser Teams allerdings nicht sofort zur Verfügung. Beim ersten Start wirkt das Angebot deshalb zunächst überraschend klein. Neben einigen brasilianischen Vereinsmannschaften und japanischen Schulteams sind lediglich Japan und Brasilien als Nationalteams direkt auswählbar. Weitere Mannschaften werden erst während der Story freigeschaltet. Wer also direkt ein Turnier mit Deutschland oder einer anderen Nationalmannschaft starten möchte, muss zunächst einige Zeit in die Kampagne investieren. Das kann anfangs etwas enttäuschend wirken, hat gleichzeitig aber einen positiven Nebeneffekt. Fortschritt fühlt sich dadurch tatsächlich belohnend an. Nach und nach wächst die Auswahl erheblich, bis schließlich mehrere Dutzend Teams zur Verfügung stehen.

Dieser Aufbau sorgt allerdings auch dafür, dass Captain Tsubasa 2 beim ersten Start etwas leerer wirkt, als es tatsächlich ist. Wer nur kurz durch die Menüs klickt, könnte deshalb den Eindruck bekommen, dass der Umfang eher überschaubar ausfällt. Nach einigen Stunden verändert sich dieses Bild jedoch deutlich. Immer mehr Mannschaften, Spieler und Optionen werden freigeschaltet. Gerade Fans der Serie dürften viel Freude daran haben, nach und nach bekannte Teams zu entdecken. Die Kampagne selbst fällt ebenfalls umfangreich aus und bildet klar das Herzstück des Spiels. Neben den eigentlichen Matches gibt es zahlreiche Dialoge und Szenen, die den Anime-Charakter zusätzlich unterstreichen. Wie schon im Vorgänger sollte man allerdings eine gewisse Toleranz gegenüber längeren Gesprächen mitbringen. World Fighters ist teilweise ebenso sehr Anime-Adaption wie Fußballspiel. Wer hauptsächlich schnell ein paar Matches spielen möchte, könnte einige Sequenzen als etwas langatmig empfinden.
Grafisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger weniger verändert. Charaktermodelle, grundlegender Stil und viele Animationen wirken sofort vertraut. Das ist allerdings keineswegs negativ, denn Rise of New Champions sah bereits überzeugend aus und konnte den Stil der Vorlage sehr gut in 3D übertragen. World Fighters wirkt an vielen Stellen etwas detaillierter und setzt bei Spezialaktionen noch stärker auf spektakuläre Effekte. Gerade Max Actions sind teilweise vollkommen absurd inszeniert. Der Bildschirm explodiert förmlich vor Geschwindigkeitseffekten, Energieblitzen und Nahaufnahmen der Charaktere. Das Spiel versteht sehr genau, dass niemand Captain Tsubasa wegen realistischer Ballphysik spielt. Wenn ein Schuss aussieht, als könnte er problemlos ein kleines Gebäude durchschlagen, hat die Inszenierung ihren Zweck erfüllt.

Auch akustisch wurde das Paket erweitert. Der Soundtrack fällt umfangreicher aus und begleitet die Matches mit energiegeladenen Stücken, die sehr gut zur übertriebenen Action passen. Hinzu kommen zahlreiche neu aufgenommene Dialoge innerhalb der Story. Gerade während der Kampagne wird sehr viel gesprochen, wodurch die Figuren authentisch wirken und Fans der Vorlage schnell wieder das typische Captain-Tsubasa-Gefühl bekommen. Auch der Kommentar wurde etwas erweitert, wenngleich sich einzelne Aussagen bei längeren Sessions weiterhin wiederholen. Insgesamt passt die Präsentation aber hervorragend zum Stil des Spiels.
World Fighters ist kein revolutionärer Sprung gegenüber Rise of New Champions. Stattdessen verbessert Bandai Namco nahezu alle wichtigen Bereiche behutsam. Das Gameplay ist flüssiger, das Chain-System verleiht Dribblings mehr Bedeutung und die erweiterten Max Actions sorgen dafür, dass einzelne Positionen und Spieler abwechslungsreicher funktionieren. Dazu kommt eine wesentlich größere Auswahl an Mannschaften, auch wenn viele davon erst freigespielt werden müssen. Bemerkenswert ist vor allem, dass mir kaum ein Bereich einfällt, in dem der Vorgänger wirklich besser war. World Fighters übernimmt dessen Stärken und baut sie sinnvoll aus.
Captain Tsubasa 2: World Fighters bleibt dem herrlich absurden Konzept seines Vorgängers treu und verbessert es genau dort, wo es nötig war. Das neue Chain-System sorgt für mehr Dynamik, Max Actions sind vielseitiger geworden und einzelne Spieler besitzen dadurch deutlich mehr Persönlichkeit. Gleichzeitig bleibt das Spiel angenehm zugänglich und verliert nie seinen unkomplizierten Arcade-Charakter. Die Kampagne bietet mit dem U20 World Cup erneut reichlich Fanservice und eine große Auswahl bekannter Figuren. Etwas schade ist lediglich, dass zahlreiche Nationalmannschaften zunächst gesperrt sind und erst durch Fortschritt innerhalb der Geschichte freigeschaltet werden.
Grafisch sind die Unterschiede zum Vorgänger überschaubar, dafür läuft die PS5-Version angenehm flüssig mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde und inszeniert die ohnehin schon absurden Spezialaktionen noch spektakulärer. Captain Tsubasa 2 ist damit genau das geworden, was ein guter Nachfolger sein sollte. Kein kompletter Neustart, sondern eine konsequente Weiterentwicklung eines bereits starken Fundaments. Wer Fußballsimulationen zu trocken findet, FIFA Street vermisst oder einfach Lust darauf hat, einen Torwart mit einem brennenden Schuss mehrere Meter durch sein eigenes Tor zu schleudern, bekommt derzeit kaum eine bessere Alternative.
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