Manchmal begegnet man einem Videospiel, bei dem man sich bereits nach wenigen Minuten fragt, was zur Hölle sich die Entwickler eigentlich gedacht haben. Stupid Never Dies gehört zweifellos in diese Kategorie. Das Debüt des japanischen Studios GPTRACK50 ist eine wilde Mischung aus Punkrock, Zombie-Humor, grotesken Monstern und einer visuellen Präsentation, die aussieht, als hätte jemand ein durchgeknalltes Fanzine zum Leben erweckt. Wer mit den exzentrischen Werken eines Suda51 vertraut ist, dürfte sich hier erstaunlich schnell heimisch fühlen. Alle anderen werden vermutlich zunächst etwas irritiert auf ihren Bildschirm starren. Dabei betritt Stupid Never Dies ausgerechnet ein Genre, das mittlerweile unter einer enormen Konkurrenz leidet. Roguelites gibt es inzwischen in praktisch jeder erdenklichen Form und nach Erfolgen wie Hades fällt es neuen Vertretern zunehmend schwer, sich von der Masse abzuheben. GPTRACK50 versucht deshalb gar nicht erst, das Genre grundlegend neu zu erfinden. Stattdessen verpackt das Studio bekannte Mechaniken in ein derart absurdes Gesamtkonzept, dass man schon allein deshalb wissen möchte, welche Verrücktheit als Nächstes wartet.

Nach zahlreichen Ausflügen in die dämonische Unterwelt auf der PlayStation 5 bleibt ein durchaus gemischter Eindruck zurück. Stupid Never Dies besitzt eine Menge Persönlichkeit, ein motivierendes Fortschrittssystem und einige wirklich herrlich bescheuerte Ideen. Gleichzeitig leidet das Kampfsystem unter mangelnder Präzision, die Spielstruktur wird gelegentlich unnötig ausgebremst und nicht jeder Witz trifft ins Schwarze. Trotzdem besitzt dieses ungewöhnliche Abenteuer eine Qualität, die vielen technisch ausgereifteren Spielen fehlt: Es ist praktisch unmöglich, es mit irgendetwas anderem zu verwechseln. Bereits die Geschichte macht deutlich, dass Stupid Never Dies keinerlei Interesse daran hat, gewöhnliche Erwartungen zu erfüllen. Im Mittelpunkt steht Davy, ein jugendlicher Punkrocker, der nach dem Ende der Welt nicht etwa als strahlender Held zurückkehrt, sondern als wandelnde Leiche durch die Gegend schlurft. Seine Existenz könnte kaum trostloser sein, bis er eines Tages auf den eingefrorenen Körper einer geheimnisvollen Schönheit namens Julia stößt.

Davy ist sofort fasziniert und entwickelt den festen Entschluss, die junge Frau wieder zum Leben zu erwecken. Das Problem ist allerdings, dass sich die dafür notwendige Macht tief im Inneren der Erde befindet. Dort herrscht eine bösartige Gottheit namens KOM, die selbstverständlich nicht besonders daran interessiert ist, einem verliebten Zombie bei seinen Problemen zu helfen. Wie gelangt man also in die dämonische Unterwelt? Natürlich, indem man sich durch eine Toilette spült. Spätestens an diesem Punkt sollte klar sein, welche Art von Humor GPTRACK50 verfolgt. Stupid Never Dies ist ein Spiel, das seine eigene Absurdität nicht nur akzeptiert, sondern regelrecht zelebriert. Die Geschichte springt zwischen grotesken Situationen, merkwürdigen Charakteren und vollkommen unerwarteten Einfällen hin und her. Gelegentlich beginnen Figuren sogar ohne jede Vorwarnung zu singen, während andere Szenen eher an einen surrealen Fiebertraum erinnern. Das kann ausgesprochen unterhaltsam sein, sofern man für diese Art von Humor empfänglich ist. Wer dagegen eine ernsthafte Geschichte oder zumindest eine halbwegs nachvollziehbare Handlung erwartet, dürfte schnell an seine Grenzen stoßen. Stupid Never Dies bewegt sich permanent auf dem schmalen Grat zwischen herrlich bescheuert und schlicht albern.

Problematisch ist außerdem, wie ausführlich das Spiel seine ungewöhnliche Welt zu Beginn erklären möchte. Gerade die ersten Stunden werden immer wieder von längeren Dialogen und umfangreichen Einführungen unterbrochen. Dabei wäre es wesentlich sinnvoller gewesen, die Spieler zunächst mit den grundlegenden Mechaniken vertraut zu machen und die Geschichte anschließend schrittweise zu entfalten. So entsteht anfangs gelegentlich der Eindruck, dass Stupid Never Dies lieber über seine Verrücktheiten sprechen möchte, als uns tatsächlich damit spielen zu lassen. Spielerisch verbirgt sich hinter der ungewöhnlichen Präsentation ein vergleichsweise klassisches Action-Roguelite. Davy steigt immer wieder in die dämonische Unterwelt hinab und kämpft sich dort durch verschiedene Ebenen, die mit zahlreichen Gegnern gefüllt sind. Nach einem gescheiterten Versuch geht es zurück zum Ausgangspunkt, wo neue Verbesserungen freigeschaltet werden können, bevor der nächste Ausflug beginnt. Die Gegnervielfalt orientiert sich dabei an bekannten Fantasy-Kreaturen. Werwölfe, Zyklopen, Harpyien und zahlreiche weitere Monster stellen sich dem untoten Protagonisten in den Weg. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Genrevertretern besteht allerdings darin, dass Davy seine Feinde nicht einfach nur vernichten muss.

Er kann sie auch verschlingen. Dadurch absorbiert der Zombie ihre Fähigkeiten und verwandelt sich gewissermaßen in die entsprechenden Kreaturen. Genau dieses System gehört zu den interessantesten Ideen des Spiels und sorgt dafür, dass sich die Kämpfe mit zunehmender Spielzeit deutlich abwechslungsreicher gestalten. In seiner gewöhnlichen Gestalt fühlt sich Davy zunächst nämlich nicht besonders überzeugend an. Angriffe besitzen nur wenig Gewicht, Bewegungen wirken etwas unpräzise und gerade in hektischen Situationen fehlt dem Kampfsystem jene unmittelbare Rückmeldung, die hervorragende Actionspiele auszeichnet. Wer zuvor Titel wie Devil May Cry oder Bayonetta gespielt hat, wird schnell feststellen, dass Stupid Never Dies in dieser Disziplin nicht mithalten kann. Sobald jedoch die ersten Monsterfähigkeiten zur Verfügung stehen, verbessert sich dieser Eindruck spürbar. Die unterschiedlichen Verwandlungen eröffnen neue Angriffsmöglichkeiten und verändern teilweise erheblich, wie man an bestimmte Gegner herangeht. Plötzlich entstehen interessante Kombinationen und das zunächst recht simple Kampfsystem gewinnt an Dynamik. Ganz verschwinden die grundlegenden Schwächen dadurch allerdings nicht. Selbst mit zahlreichen freigeschalteten Fähigkeiten fehlt den Gefechten gelegentlich die gewünschte Präzision. Das Spiel fühlt sich deshalb eher wie ein unterhaltsames Actionexperiment an als wie ein perfekt abgestimmtes Charakter-Actionspiel.

Wie bei jedem guten Roguelite lebt auch Stupid Never Dies von der Motivation, nach einer Niederlage sofort einen weiteren Versuch zu starten. Und genau hier macht GPTRACK50 einiges richtig. Mit jedem Ausflug sammelt Davy neue Ressourcen, schaltet zusätzliche Möglichkeiten frei und verbessert seine Chancen, beim nächsten Mal noch tiefer in die Unterwelt vorzudringen. Besonders interessant ist dabei das umfangreiche Verbesserungssystem. Im Laufe des Abenteuers trifft man unter anderem auf eine Burgerverkäuferin namens Bessie, bei der verschiedene Vorteile mit der erspielten Währung gekauft werden können. Diese erweitern die möglichen Charakter-Builds und sorgen dafür, dass sich neue Strategien ausprobieren lassen. Dazu kommen ungewöhnliche Körperteile, die innerhalb der einzelnen Ebenen gefunden werden können. Diese besitzen unterschiedliche Statuswerte und bringen teilweise sogar aktive Fähigkeiten mit sich. So kann beispielsweise ein spezielles Kopfteil dafür sorgen, dass Davy nach einem Sturz automatisch von Landminen umgeben wird. Das klingt vollkommen absurd, passt aber hervorragend zur allgemeinen Spielphilosophie. Gerade die Kombination dieser unterschiedlichen Systeme macht einen großen Teil des Reizes aus. Man experimentiert mit Körperteilen, Fähigkeiten und Verbesserungen, versucht möglichst effektive Kombinationen zu finden und hofft darauf, dass der nächste Durchgang endlich den gewünschten Erfolg bringt.

Dabei spielt allerdings auch der Zufall eine wichtige Rolle. Nicht jede Fähigkeit steht in jedem Versuch zur Verfügung und manchmal entscheidet die Reihenfolge der gefundenen Verbesserungen darüber, wie erfolgreich ein Durchgang verläuft. Das ist für Roguelites grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, kann aber gelegentlich frustrieren, wenn besonders nützliche Kombinationen einfach nicht auftauchen wollen. Trotzdem funktioniert die Fortschrittskurve insgesamt erstaunlich gut. Selbst nach mehreren Niederlagen entsteht selten das Gefühl, vollkommen auf der Stelle zu treten. Neue Fähigkeiten und zusätzliche Möglichkeiten sorgen dafür, dass Davy langsam, aber stetig stärker wird. Genau dieser Fortschritt erzeugt den typischen Effekt, den erfolgreiche Roguelites so meisterhaft beherrschen: Eigentlich wollte man die Konsole längst ausschalten, aber ein weiterer Versuch kann schließlich nicht schaden.

Stupid Never Dies ist ein herrlich durchgeknalltes Action-Roguelite, das vor allem durch seine außergewöhnliche Persönlichkeit überzeugt. GPTRACK50 liefert mit seinem Debüt kein spielerisch revolutionäres Werk ab, sondern kombiniert bekannte Genremechaniken mit einer der ungewöhnlichsten Präsentationen, die man derzeit auf der PlayStation 5 finden kann. Die Geschichte rund um den untoten Punkrocker Davy, seine angebetete Julia und den Kampf gegen die dämonische Gottheit KOM ist vollkommen absurd und nimmt sich selbst erfreulich selten ernst. Dazu kommen eine groteske Spielwelt, zahlreiche schräge Charaktere und ein visueller Stil, der irgendwo zwischen handgekritzeltem Comic, Punk-Fanzine und vollständiger Reizüberflutung angesiedelt ist. Spielerisch überzeugt vor allem das motivierende Fortschrittssystem. Die Möglichkeit, Gegner zu verschlingen und ihre Fähigkeiten zu übernehmen, sorgt für interessante Variationen im Kampf. Unterschiedliche Körperteile, freischaltbare Vorteile und zahlreiche Verbesserungen eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, mit verschiedenen Builds zu experimentieren. Gerade dadurch entsteht jener typische Roguelite-Sog, bei dem man nach einer Niederlage unbedingt noch einen weiteren Versuch starten möchte.

Ganz ohne Probleme funktioniert das allerdings nicht. Das Kampfsystem besitzt nicht die Präzision und Wucht der besten Actionspiele, manche Gegnertypen sind unnötig nervig und die wiederkehrenden Kämpfe verlieren mit der Zeit etwas von ihrem Reiz. Hinzu kommt, dass das Spiel gerade zu Beginn zu häufig den eigenen Spielfluss unterbricht, um neue Mechaniken oder umfangreiche Dialoge einzuführen. Auch der Humor und die visuelle Gestaltung dürften die Spielerschaft deutlich spalten. Wer mit albernen Witzen, grellen Farben und bewusst chaotischen Benutzeroberflächen nichts anfangen kann, wird hier vermutlich nicht glücklich. Wer dagegen Spiele wie No More Heroes liebt und gerne Abenteuer erlebt, die sich konsequent jeder gewöhnlichen Designkonvention verweigern, sollte Stupid Never Dies unbedingt eine Chance geben. Denn gerade in einer Zeit, in der sich viele Videospiele immer ähnlicher anfühlen, ist ein Titel wie dieser eine willkommene Abwechslung. GPTRACK50 hat vielleicht nicht das beste Roguelite der vergangenen Jahre erschaffen, aber definitiv eines der eigenwilligsten.

——— Hinweise & Disclaimer: ———

Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!

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