Seit wenigen Tagen ist „Spirit of the North 2“, ein atmosphärisches Third-Person-Adventure mit einer starken Verbindung zur nordischen Mythologie und Fortsetzung des Überraschungshits aus dem Jahr 2020 erhältlich. Das Spiel legt wie sein Vorgänger großen Wert auf visuelles Erzählen, natürliche Erkundung und symbolische Tiefe, allerdings in einer weitaus ambitionierteren Form. Während der erste Teil bereits durch seine stille Schönheit auffiel, geht die Fortsetzung einen Schritt weiter und bringt nicht nur neue Gameplay-Elemente, sondern auch eine offenere, dynamischere Welt und eine stärkere narrative Struktur mit. Ich hatte persönlich eine Menge Spaß mit dem Vorgänger, was aber auch an seiner stringenten und kompakten Struktur lag, daher gilt es herauszufinden, ob man den Erfolg wiederholen kann, oder ob man sich nicht vielleicht damit verhoben hat.

Die Geschichte des Spiels beginnt in einer Welt, die von Dunkelheit und Verfall gezeichnet ist. Die Balance der Natur ist gestört, seit ein mächtiger, düsterer Schamane namens Grimnir die uralten Tierwächter der Welt verdorben hat. Der Spieler schlüpft erneut in die Rolle eines mystischen roten Fuchses, einem Tierwesen zwischen Leben und Legende, der diesmal nicht alleine unterwegs ist. An seiner Seite: ein weiser Rabe, der als Gegengewicht zur tierischen Perspektive des Fuchses fungiert. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich organisch, und obwohl beide Tiere nicht sprechen, gelingt es dem Spiel, durch Gesten, Kameraperspektiven und subtile Animationen eine emotionale Tiefe zu erzeugen, die an Erzählweisen wie in „Journey“ oder „Shadow of the Colossus“ erinnert. Die Welt selbst wirkt wie ein Gemälde, das zum Leben erwacht ist – melancholisch, zerbrechlich, voller Geheimnisse. Vergleiche zu Filmen wie „Der letzte Einhorn“ oder „Prinzessin Mononoke“ sind nicht unangebracht, denn auch hier geht es um die Wiederherstellung einer vom Menschen – oder in diesem Fall vom Bösen – entwurzelten Natur.

Spielerisch hat sich im Vergleich zum ersten Teil vieles verändert. „Spirit of the North 2“ verabschiedet sich vom linearen Leveldesign und öffnet seine Welt. Man kann nun weite Landschaften erkunden, geheimnisvolle Ruinen betreten, verborgene Pfade entdecken und mit der Umwelt interagieren, wie es früher nur andeutungsweise möglich war. Der Rabe ist dabei mehr als nur ein Begleiter – er kann auf Kommando bestimmte Aktionen ausführen, etwa Hebel aktivieren, magische Barrieren auflösen oder die Umgebung aus der Luft erkunden. Diese neuen Rätselmechaniken verlangen oft ein gutes Timing und das richtige Zusammenspiel beider Charaktere. Hinzu kommt ein neues Fähigkeitensystem, bei dem man durch das Auffinden uralter Runen neue Kräfte freischaltet – beispielsweise die Fähigkeit, durch bestimmte Portale zu reisen oder kurzzeitig in eine Geisterform zu wechseln. Bosskämpfe gegen korrumpierte Tierwächter wie einen verfluchten Bären oder einen Schattenhirsch fordern das Timing und die Kombinationsgabe des Spielers stärker als im ersten Teil.

Die Steuerung wirkt dabei durchweg durchdacht. Der Fuchs bewegt sich geschmeidig, mit nachvollziehbarem Gewicht und flüssigen Animationen. Der Wechsel zwischen den Fähigkeiten erfolgt schnell und intuitiv, auch wenn es in den hektischeren Momenten mitunter etwas fummelig werden kann. Der Schwierigkeitsgrad bleibt insgesamt aber eher moderat. Geübte Spieler werden zwar keine allzu großen Herausforderungen finden, doch dafür punktet das Spiel durch seine meditative Atmosphäre. Es belohnt langsames Erkunden, genaues Hinsehen und das Hineinfühlen in seine Welt.

Visuell ist „Spirit of the North 2“ ein echter Leckerbissen. Die Unreal Engine 5 bringt beeindruckende Lichteffekte, realistische Wetterwechsel und fein detaillierte Texturen auf den Bildschirm. Besonders bemerkenswert ist die Dichte der Welt – moosbedeckte Steine, dichte Nebelschwaden, Lichtstrahlen, die durch Bäume brechen. Auf der PlayStation 5 und Xbox Series X läuft das Spiel stabil in 4K mit 60 FPS. Beide Versionen bieten flüssige Performance, wobei die Ladezeiten auf der PS5 minimal kürzer ausfallen. Nur gelegentlich trüben kleinere Bugs – etwa ein Kameraflug, der sich nicht korrekt zurücksetzt, oder ein selten auftretender Clipping-Fehler – das ansonsten makellose Erlebnis.

Der Soundtrack verdient ein besonderes Lob. Die Musik von Pav Gekko ist dynamisch und einfühlsam. Mal getragen und melancholisch, mal hoffnungsvoll und erhebend, aber stets im Einklang mit dem, was auf dem Bildschirm passiert. Einzelne Musikstücke bleiben im Gedächtnis, und der gezielte Einsatz von Stille verstärkt die emotionale Wirkung zusätzlich. Auch die Soundeffekte – das Knacken von Ästen, das Heulen des Windes, das Echo in alten Ruinen – sind perfekt abgemischt und tragen viel zur dichten Atmosphäre bei.

Im Vergleich zum ersten „Spirit of the North“ wirkt der zweite Teil wie der natürliche nächste Schritt. Wo das Original eher als poetisches Kunstprojekt wirkte, das auf lineares Gameplay setzte, fühlt sich Teil zwei wie ein vollwertiges Abenteuer an. Die größere Welt, das interaktive Gameplay, der deutlich gewachsene Umfang – all das verleiht dem Franchise neue Tiefe. Dennoch bleibt der Kern erhalten: Es geht um Verbindung, um Natur, um Einklang, um Verlust und Wiederherstellung. In einer Zeit, in der viele Spiele laut und hektisch sind, traut sich „Spirit of the North 2“, leise zu sein – und gewinnt damit.

Hinter dem Spiel steht Infuse Studio, ein kleines Indie-Team mit Sitz in Utah, das sich bereits mit dem ersten Teil einen Namen gemacht hat. Ihr Stil zeichnet sich durch eine Mischung aus meditativer Exploration, emotionalem Storytelling und symbolischer Bildsprache aus. Mit Merge Games als Publisher konnten sie einen verlässlichen Partner gewinnen, der sich auf kreative Indie-Projekte spezialisiert hat. Die Entwicklung von Teil zwei begann nach dem überraschenden Erfolg des ersten Spiels und war von Anfang an als ambitioniertes Herzensprojekt geplant. Man merkt „Spirit of the North 2“ an, dass es mit Sorgfalt und Hingabe entwickelt wurde – hier wurde nicht einfach ein Konzept wiederholt, sondern weitergedacht.

Am Ende bleibt ein Spiel, das sich seinen Platz zwischen den lauten AAA-Titeln verdient hat. Es ist ein leiser, emotionaler und visueller Trip, der Spielerinnen und Spieler in eine mystische, wunderschöne Welt entführt und ihnen eine Geschichte erzählt, ohne ein einziges Wort zu sagen. Wer Spiele wie „Journey“, „Abzû“ oder „Rime“ liebt, wird auch „Spirit of the North 2“ ins Herz schließen. Es ist eine Fortsetzung, die auf allen Ebenen gewachsen ist, ohne ihre Seele zu verlieren – und genau das macht sie so besonders.
Entwickler: Infuse Studios
Publisher: Merge Games
Erhältlich auf: PC, PS5, Xbox Series X/S
Getestet auf: PS5, Xbox Series X
NB@03.06.2025
——— Hinweise & Disclaimer: ———
Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!
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