Die Atelier-Reihe ist zweifellos das bekannteste Aushängeschild des japanischen Entwicklers Gust, doch mit Blue Reflection hat das Studio vor einigen Jahren noch eine andere Marke geschaffen, die bis heute einen ganz eigenen Reiz besitzt. Statt klassischer Fantasy und Alchemie treffen hier Schulalltag, persönliche Probleme und zwischenmenschliche Beziehungen auf Magical-Girl-Elemente und mysteriöse Parallelwelten. Einen großen Anteil an der unverwechselbaren Identität der Reihe hat außerdem Illustrator Mel Kishida, dessen filigraner und farbenfroher Stil die Charaktere maßgeblich geprägt hat. Was 2017 mit dem ersten Blue Reflection begann, wurde später mit dem Anime Blue Reflection Ray, dem Mobile-Spiel Blue Reflection Sun und schließlich Blue Reflection: Second Light erweitert. Mit Blue Reflection Quartet bringt Koei Tecmo diese unterschiedlichen Bestandteile nun erstmals gemeinsam in einem Paket unter. Dabei handelt es sich allerdings nicht einfach nur um vier unveränderte Neuveröffentlichungen. Besonders Ray und Sun wurden für die Sammlung deutlich angepasst beziehungsweise teilweise komplett neu umgesetzt.

Das Ergebnis ist deshalb eine ungewöhnliche Kollektion. Zwei der enthaltenen Spiele zeigen sehr schön, warum Blue Reflection eine kleine, aber leidenschaftliche Fangemeinde aufbauen konnte. Die anderen beiden verdeutlichen dagegen, wie schwierig es sein kann, Inhalte aus einem Anime oder einem eingestellten Mobile-Spiel nachträglich in eine klassische Spielesammlung zu integrieren. Den Auftakt bildet natürlich das ursprüngliche Blue Reflection. Im Mittelpunkt steht Hinako Shirai, die eigentlich eine vielversprechende Karriere als Balletttänzerin vor sich hatte. Eine schwere Knieverletzung beendet diesen Traum jedoch abrupt. Hinako verliert dadurch nicht nur ihre sportliche Zukunft, sondern auch einen wichtigen Teil ihrer Identität. Entsprechend zurückhaltend und teilweise geradezu zynisch beginnt sie ihren neuen Schulalltag. Schon kurz nach ihrer Rückkehr wird Hinako mit der sogenannten Common konfrontiert. Dabei handelt es sich um eine geheimnisvolle Parallelwelt, in der die Emotionen von Menschen Gestalt annehmen können. Gemeinsam mit den mysteriösen Schwestern Yuzu und Lime erhält Hinako einen Reflector Ring und damit die Fähigkeit, sich selbst in eine Reflector zu verwandeln.

Damit beginnt eine Geschichte, die sich über weite Strecken mit den persönlichen Problemen von Hinakos Mitschülerinnen beschäftigt. Ängste, Unsicherheiten, Selbstzweifel und andere negative Emotionen manifestieren sich innerhalb der Common, sodass Hinako ihren Freundinnen nicht nur im Alltag helfen, sondern buchstäblich gegen deren innere Dämonen kämpfen muss. Gerade dieser erzählerische Ansatz funktioniert auch heute noch überraschend gut. Hinako ist keine klassische, grenzenlos optimistische JRPG-Heldin. Ihre eigene Enttäuschung und die Schwierigkeiten, mit dem Verlust ihrer Karriere umzugehen, machen sie zu einer interessanten Protagonistin. Im Laufe des Spiels öffnet sie sich zunehmend anderen Menschen und lernt dabei auch, mit ihren eigenen Problemen umzugehen. Spielerisch merkt man Blue Reflection sein Alter und das vergleichsweise überschaubare Budget dagegen deutlich stärker an. Das Kampfsystem setzt auf klassische rundenbasierte Auseinandersetzungen, wobei eine Zeitleiste die Reihenfolge der Aktionen darstellt. Durch Levelaufstiege werden Punkte verdient, die sich auf unterschiedliche Kategorien verteilen lassen. Dadurch werden wiederum neue Ether Skills freigeschaltet. Zusätzlich spielen die sogenannten Fragments eine wichtige Rolle. Diese erhält Hinako unter anderem durch Aktivitäten und Beziehungen im Schulalltag. Richtig kombiniert ermöglichen sie Anpassungen an Fähigkeiten und Werten und eröffnen durchaus mächtige Builds. Das Problem ist, dass Blue Reflection seine Systeme nur selten wirklich ausreizt. Wer sich intensiv mit den Mechaniken beschäftigt, kann enorm starke Kombinationen entdecken, doch für einen normalen Durchgang ist das kaum notwendig. Auch die Erkundung der Common bleibt ausgesprochen simpel. Viele Gebiete wirken klein, wiederholen sich optisch und bieten nur wenige Gründe, wirklich jeden Winkel abzusuchen.

Blue Reflection wirkt deshalb rückblickend wie ein sehr sympathischer Prototyp für das, was die Reihe später werden sollte. Atmosphäre, Charaktere und Grundidee stimmen, während Gameplay und Leveldesign noch deutlich Luft nach oben besitzen. Für Quartet wurde das Spiel zumindest etwas komfortabler gestaltet. Zu den Verbesserungen gehören unter anderem eine Beschleunigungsfunktion, technische Optimierungen und ein Glossar, das wichtige Begriffe und Zusammenhänge erklärt. Gleichzeitig wurden einzelne Szenen gegenüber der ursprünglichen Veröffentlichung verändert beziehungsweise zensiert. Für das eigentliche Spielerlebnis ist das zwar kein entscheidender Faktor, Besitzer des Originals sollten sich dieser Änderungen aber bewusst sein. Nach dem ersten Spiel empfiehlt die Sammlung Blue Reflection Ray. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine Anime-Serie, die zeitlich nach den Ereignissen des ersten Blue Reflection angesiedelt ist. Für Quartet wurde allerdings nicht einfach der Anime beigelegt. Stattdessen hat Gust versucht, dessen Geschichte in eine spielbare Form zu übertragen. Das klingt zunächst interessant, funktioniert in der Praxis aber kaum. Blue Reflection Ray beginnt praktisch im späteren Verlauf der ursprünglichen Geschichte. Hiori und Ruka treten gegen die zentrale Bedrohung an, verlieren die Konfrontation und erwachen anschließend ohne ihre Erinnerungen. Daraufhin erkunden sie die Common und suchen nach Erinnerungsfragmenten, um ihre Vergangenheit und ihre Kräfte als Reflectors wiederherzustellen.

Das Problem liegt bereits in diesem Aufbau. Wer den Anime nicht kennt, wird mitten in eine Geschichte geworfen, deren Figuren, Beziehungen und Konflikte kaum erklärt werden. Immer wieder sprechen die Protagonistinnen über vergangene Ereignisse und Personen, zu denen Neueinsteiger keinerlei Verbindung besitzen. Noch problematischer ist die spielerische Umsetzung. Ein richtiges Kampfsystem gibt es nicht. Stattdessen bewegt man Hiori durch die Common und sammelt Erinnerungsfragmente ein. Diese schalten Standbilder aus dem Anime sowie kurze erzählerische Passagen frei. Was eigentlich eine interaktive Zusammenfassung der Serie sein könnte, wirkt dadurch eher wie eine Sammlung aus dem Zusammenhang gerissener Erinnerungen. Zwar existieren zusätzliche Dokumente, die weitere Hintergründe liefern, doch grundlegende Bestandteile einer Handlung sollten nicht erst über optionale Textarchive verständlich werden. Wer Blue Reflection Ray bereits als Anime kennt, mag zumindest einen gewissen nostalgischen Wert aus diesen Szenen ziehen. Als eigenständiges Spiel oder als Möglichkeit, die Geschichte erstmals kennenzulernen, funktioniert diese Umsetzung jedoch kaum. Innerhalb der gesamten Quartet-Sammlung ist Ray mit deutlichem Abstand der schwächste Bestandteil. Deutlich interessanter ist Blue Reflection Sun. Das ursprüngliche Spiel erschien ausschließlich in Japan für Mobile-Plattformen und setzte entsprechend auf typische Free-to-Play- beziehungsweise Gacha-Mechaniken. Für Quartet hat Gust diese Elemente vollständig entfernt und Sun in ein klassisches Singleplayer-Spiel umgebaut. Allein aus Sicht der Spieleerhaltung ist das grundsätzlich begrüßenswert, denn damit bleibt zumindest die Geschichte eines mittlerweile schwer zugänglichen Mobile-Titels erhalten.

Sun setzt während beziehungsweise im Umfeld der Ereignisse des ersten Blue Reflection an. Hinakos Kampf gegen die Sephirot hat ungeahnte Konsequenzen und führt letztlich zur Entstehung der sogenannten Ashen World. Mysteriöse Asche fällt vom Himmel und verändert Menschen, die mit ihr in Kontakt kommen. Einige verwandeln sich in gefährliche Kreaturen namens Testa, während andere ihre Persönlichkeit behalten und übernatürliche Fähigkeiten entwickeln. Diese Menschen werden als Eroded bezeichnet. Als namenloser Protagonist übernimmt man die Führung über eine Gruppe aus Eroded und Reflectors, die sich der wachsenden Bedrohung entgegenstellen. Grundsätzlich funktioniert diese Ausgangslage gut und erweitert die Mythologie der Reihe um einige interessante Aspekte. Zwischen den Einsätzen verbringt man Zeit mit den verschiedenen Gruppenmitgliedern in der Schule und erfährt mehr über deren Persönlichkeiten und Beziehungen. Viele dieser Szenen dürften ursprünglich als Events innerhalb des Mobile-Spiels konzipiert worden sein. Spielerisch hat diese Version von Sun allerdings nur noch eingeschränkt mit dem Original zu tun. Gust verwendet für die Quartet-Fassung die technische und spielerische Grundlage von Blue Reflection: Second Light. Kampfsystem, Struktur und zahlreiche weitere Elemente erinnern deshalb deutlich stärker an den Nachfolger als an das ursprüngliche Mobile-Spiel.

Das ist grundsätzlich keine schlechte Basis, denn Second Light besitzt mit Abstand das stärkste Gameplay der Reihe. Gleichzeitig verliert Sun dadurch einen Teil seiner eigenen Identität. Das ursprüngliche Spiel besaß beispielsweise eigene Kampfsysteme, Elementmechaniken und einen eigenständigen Soundtrack. In Quartet wurden dagegen zahlreiche Bestandteile durch Elemente aus Second Light ersetzt. Das Ergebnis fühlt sich teilweise wie eine umfangreiche Modifikation von Second Light an, in die Geschichte und Charaktere von Sun integriert wurden. Rein spielerisch funktioniert das ordentlich. Als historische Aufarbeitung des ursprünglichen Blue Reflection Sun ist diese Version allerdings nur bedingt geeignet. Gust hat zwar dessen Geschichte gerettet, gleichzeitig aber einen großen Teil dessen entfernt, was das ursprüngliche Spiel mechanisch und audiovisuell auszeichnete. Am Ende der chronologischen Reise wartet Blue Reflection: Second Light und damit weiterhin der beste Teil der Reihe. Protagonistin ist Ao Hoshizaki, die plötzlich in einer geheimnisvollen Parallelwelt erwacht. Gemeinsam mit drei anderen Mädchen lebt sie dort in einer Schule, die von einem endlosen Ozean umgeben zu sein scheint. Während ihre Begleiterinnen große Teile ihrer Erinnerungen verloren haben, kann sich Ao weiterhin an ihr bisheriges Leben erinnern.

Die Gruppe versucht herauszufinden, warum sie an diesem Ort gelandet ist und wie sie wieder nach Hause gelangen kann. Entscheidend sind dabei die sogenannten Heartscapes. Diese surrealen Gebiete entstehen aus Erinnerungen und Emotionen der Charaktere und verbinden persönliche Geschichten direkt mit der Erkundung. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sehr Gust aus den Schwächen des ersten Blue Reflection gelernt hat. Die Gebiete sind abwechslungsreicher, die Beziehungen zwischen den Figuren besser in das Gameplay eingebunden und das Kampfsystem besitzt deutlich mehr Dynamik. Vor allem die Charaktere tragen Second Light. Freundschaften entwickeln sich nachvollziehbar und die persönlichen Geschichten erhalten wesentlich mehr Raum als noch im ersten Teil. Dadurch funktionieren auch die emotionalen Momente besser. Spielerisch ist Second Light ebenfalls das rundeste Gesamtpaket. Kämpfe fühlen sich schneller und strategischer an, Erkundung bietet mehr Abwechslung und die Progression greift deutlich besser mit den sozialen Elementen ineinander. Lediglich die verpflichtenden Stealth-Passagen gehören weiterhin zu den schwächeren Bestandteilen des Spiels. Auch in Quartet profitiert Second Light von einigen Komfortverbesserungen, grundsätzlich bleibt es jedoch dasselbe hervorragende Spiel. Wer die Reihe bislang komplett verpasst hat, dürfte spätestens hier verstehen, warum Blue Reflection trotz seiner vergleichsweise kleinen Reichweite eine treue Fangemeinde besitzt.

Als Gesamtpaket ist Blue Reflection Quartet schwer zu bewerten. Rein quantitativ wird enorm viel geboten. Vier unterschiedliche Projekte aus mehreren Jahren Seriengeschichte befinden sich erstmals gemeinsam in einer Veröffentlichung. Gerade für Neueinsteiger ist das praktisch, weil man nicht länger unterschiedliche Plattformen und teilweise überhaupt nicht mehr regulär erhältliche Veröffentlichungen zusammensuchen muss. Der erste Blue Reflection ist ein interessantes, atmosphärisches JRPG mit starken Figuren, aber deutlich sichtbaren spielerischen Schwächen. Second Light ist dagegen eine hervorragende Weiterentwicklung und nach wie vor der klare Höhepunkt der Reihe. Ray und Sun sind wesentlich komplizierter. Blue Reflection Ray funktioniert ohne Kenntnis des Anime kaum und fühlt sich eher wie eine interaktive Erinnerungssammlung als wie ein richtiges Spiel an. Blue Reflection Sun besitzt mehr Substanz und ist grundsätzlich unterhaltsam, entfernt sich durch seine komplette Überarbeitung aber so weit vom Mobile-Original, dass ein wichtiger Teil seiner ursprünglichen Identität verloren gegangen ist. Dazu kommt, dass die technischen Verbesserungen der eigentlichen Spiele relativ überschaubar ausfallen. Wer Blue Reflection und Second Light bereits besitzt und gespielt hat, bekommt deshalb nur wenige wirklich überzeugende Gründe für einen erneuten Kauf.

Blue Reflection Quartet ist gleichzeitig eine beeindruckende Sammlung und eine verpasste Gelegenheit. Die Möglichkeit, nahezu die gesamte Geschichte der Reihe innerhalb eines Pakets erleben zu können, ist grundsätzlich großartig. Gerade das ursprüngliche Blue Reflection und das hervorragende Second Light sind auch heute noch einen Blick wert und zeigen sehr schön, wie stark sich Gust innerhalb weniger Jahre weiterentwickelt hat. Problematisch sind dagegen die beiden anderen Bestandteile. Blue Reflection Ray scheitert daran, die Geschichte des Anime verständlich und spielerisch interessant aufzubereiten. Blue Reflection Sun ist wesentlich unterhaltsamer, wirkt durch die umfangreiche Nutzung der Second-Light-Grundlage jedoch eher wie eine Neuinterpretation als eine authentische Umsetzung des ursprünglichen Mobile-Spiels. Für Neueinsteiger bleibt Quartet trotzdem eine Empfehlung. Zwei umfangreiche JRPGs, ergänzt um zwei zusätzliche Kapitel der Seriengeschichte, ergeben gerade zum vergleichsweise günstigen Preis ein umfangreiches Gesamtpaket. Wer Blue Reflection und Second Light dagegen bereits besitzt, sollte sich einen erneuten Kauf gut überlegen. Blue Reflection Quartet bewahrt zwar fast die gesamte Geschichte der Marke an einem Ort, schafft es aber nicht, allen vier Teilen gleichermaßen gerecht zu werden. Als Einstieg in die Welt der Reflectors funktioniert die Sammlung trotzdem hervorragend, solange man akzeptieren kann, dass zwischen ihren besten und schwächsten Bestandteilen erhebliche Qualitätsunterschiede liegen.

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