Mit Marvel Tokon: Fighting Souls treffen gleich mehrere Schwergewichte aufeinander. Marvel liefert einige der bekanntesten Figuren der Popkultur, Sony bringt die PlayStation-Marke ins Spiel und Arc System Works steuert seine jahrzehntelange Erfahrung mit Fighting Games bei. Das Ergebnis hätte leicht wie ein kalkuliertes Lizenzprodukt wirken können. Stattdessen ist daraus einer der spannendsten neuen Prügler der letzten Jahre geworden. Nach dem ausführlichen Test auf der PlayStation 5 bleibt vor allem hängen, wie selbstbewusst Marvel Tokon seine eigene Identität behauptet. Natürlich lassen sich Einflüsse aus Guilty Gear Strive, Dragon Ball FighterZ und klassischen Tag-Fightern erkennen, doch das ungewöhnliche Vier-gegen-Vier-System verleiht dem Spiel eine eigene Dynamik. Gleichzeitig gelingt der Spagat zwischen Zugänglichkeit für Einsteiger und genügend mechanischer Tiefe für erfahrene Fighting-Game-Spieler überraschend gut. Schon nach den ersten Partien wird deutlich, dass Arc System Works hier nicht einfach versucht hat, Marvel vs. Capcom neu aufzulegen. Marvel Tokon spielt sich anders, sieht anders aus und verfolgt auch strukturell einen eigenen Ansatz.

Das zentrale Alleinstellungsmerkmal ist das Vier-gegen-Vier-System. Statt zwei oder drei Figuren zusammenzustellen, geht ihr mit einem kompletten Team aus vier Charakteren in den Kampf. Auf dem Papier klingt das nach permanentem Bildschirmchaos, in der Praxis ist das System erstaunlich kontrolliert. Die aktive Figur steht im Mittelpunkt, während die drei Teammitglieder als Assists, taktische Werkzeuge und potenzielle Tag-Partner dienen. Dadurch lässt sich Marvel Tokon zunächst sogar fast wie ein klassischer Eins-gegen-Eins-Fighter spielen. Assists können beispielsweise Räume kontrollieren, Gegner aus der Luft holen oder eigene Angriffe absichern. Mit zunehmender Spielzeit wird jedoch klar, wie viel Potenzial im Tag-System steckt. Charakterwechsel lassen sich in Combos integrieren und eröffnen völlig neue Angriffsfolgen. Gerade erfahrene Spieler dürften hier langfristig einen Großteil der Tiefe finden. Noch wirkt der eigentliche Tag etwas weniger direkt, als man es sich wünschen würde. In hektischen Situationen fühlt sich der Wechsel manchmal einen Tick zu langsam an. Trotzdem funktioniert das Grundprinzip hervorragend und dürfte vor allem im kompetitiven Bereich mit zunehmender Spielzeit noch deutlich komplexer werden.

Arc System Works hat außerdem viel dafür getan, den Einstieg möglichst niedrigschwellig zu gestalten. Auto-Combos und vereinfachte Spezialangriffe sorgen dafür, dass selbst Spieler ohne jahrelange Fighting-Game-Erfahrung schnell spektakuläre Aktionen auf den Bildschirm bringen können. Das bedeutet jedoch nicht, dass Marvel Tokon oberflächlich wäre. Die Grundlagen vieler Charaktere teilen ähnliche Eingaben, wodurch das Ausprobieren neuer Figuren angenehm unkompliziert bleibt. Die eigentliche Tiefe liegt dagegen in den individuellen Mechaniken, Combo-Routen und Teamkombinationen. Captain America kann beispielsweise seinen Schild sowohl defensiv als auch offensiv einsetzen und ihn über das Schlachtfeld springen lassen, um bestimmte Bereiche zu kontrollieren. Ghost Rider besitzt dagegen ein Überhitzungssystem, das ihn immer stärker macht, solange man es nicht übertreibt. Solche Mechaniken passen hervorragend zu den Figuren und verleihen ihnen spielerisch eine eigene Identität. Dadurch entsteht eine angenehme Lernkurve. Einen Charakter grundsätzlich zu verstehen dauert nur wenige Minuten. Ihn wirklich zu meistern kann dagegen viele Stunden verschlingen.

Mit 20 Charakteren fällt das Launch-Aufgebot umfangreich genug aus, besonders weil Arc System Works nicht ausschließlich auf die offensichtlichsten Marvel-Stars setzt. Natürlich dürfen Spider-Man, Hulk, Iron Man und Captain America nicht fehlen. Daneben gibt es aber auch ungewöhnlichere Figuren wie Danger aus dem X-Men-Universum. Gerade diese Mischung sorgt dafür, dass sich das Roster nicht wie eine simple Zusammenstellung der bekanntesten MCU-Figuren anfühlt. Noch beeindruckender ist die visuelle Neuinterpretation. Arc System Works übernimmt die bekannten Designs nicht einfach eins zu eins, sondern versieht sie mit einer deutlich japanischeren Handschrift. Iron Mans Rüstung erinnert stellenweise beinahe an einen Gundam, während Peni Parkers riesiger Sp//dr-Mech den halben Bildschirm einnimmt. Trotzdem bleiben sämtliche Charaktere sofort erkennbar. Diese Designs gehören zu den größten Stärken des Spiels. Marvel Tokon sieht in Bewegung schlicht fantastisch aus. Animationen besitzen die für Arc System Works typische Dynamik, Angriffe gehen nahtlos ineinander über und selbst einfache Treffer wirken spektakulär.

Visuell gehört Marvel Tokon ohne Zweifel zur Spitze des Genres. Der stilisierte Anime-Look funktioniert erstaunlich gut mit den Comic-Vorlagen und gibt dem Spiel eine Identität, die sich deutlich von anderen Marvel-Adaptionen unterscheidet. Auch die Arenen profitieren davon. Besonders Marvel’s New York und das X-Mansion sind voller kleiner Referenzen und Details, die Fans entdecken können. Teilweise ertappte ich mich während des Tests dabei, zwischen den Kämpfen bewusst auf den Hintergrund zu achten, um weitere Easter Eggs zu finden. Ein paar zusätzliche Arenen hätten dem Gesamtpaket allerdings gutgetan. Die vorhandenen Schauplätze sind hervorragend gestaltet, doch nach längerer Spielzeit wiederholen sie sich relativ häufig. Erfreulich umfangreich fällt der Einzelspielerbereich aus. Das Herzstück bildet eine Kampagne aus fünf unterschiedlichen Episoden, die jeweils ein anderes Team in den Mittelpunkt stellen. Anstatt klassische 3D-Zwischensequenzen zu nutzen, präsentiert Marvel Tokon seine Geschichten wie animierte Comicbücher. Besonders gelungen ist, dass jede Episode von einem anderen Künstler gestaltet wurde. Dadurch unterscheiden sich die einzelnen Storys visuell deutlich voneinander. Die Geschichten selbst stammen von Comic-Autor Kieron Gillen und überzeugen mit einer überraschend starken Charakterisierung. Besonders Robbie Reyes als Ghost Rider erhält einige schöne Momente, in denen seine innere Zerrissenheit stärker beleuchtet wird.

Die einzelnen Episoden folgen zwar strukturell einem ähnlichen Ablauf, doch die unterschiedlichen Zeichenstile sorgen für genügend Abwechslung. Insgesamt beschäftigt die Kampagne etwa sechs bis acht Stunden und dient gleichzeitig als hervorragende Möglichkeit, viele Figuren auszuprobieren. Wer einen ähnlich umfangreichen Einzelspieler-Modus wie den World Tour aus Street Fighter 6 erwartet, wird allerdings enttäuscht. Marvel Tokon setzt deutlich stärker auf eine klassische Kampagnenstruktur und bleibt insgesamt linearer. Neben den Story-Episoden wartet die All-Star Arena, die sich am ehesten mit klassischen Arcade-Leitern vergleichen lässt. Verschiedene Pfade und Herausforderungen sorgen für etwas Variation, während neue Artwork-Belohnungen für die Galerie freigeschaltet werden. Hinzu kommt ein Survival-Modus mit leichten Roguelite-Elementen sowie Arcadia Rumble. Letzteres ist eine eher verspielte Mischung aus Fighting Game und Partyspiel, bei dem die Chibi-Avatare der Online-Lobby zum Einsatz kommen. Arcadia Rumble war während meines Tests nicht unbedingt mein Lieblingsmodus, aber die Idee ist charmant und lockert das ansonsten recht kompetitive Gesamtpaket auf. Besonders gemeinsam mit Freunden kann der Modus durchaus unterhalten. Combo Trials und umfangreiche Charakterlektionen runden das Offline-Angebot ab. Insgesamt gibt es also genügend Inhalte, um Marvel Tokon auch ohne Online-Matches eine ganze Weile zu spielen.

Langfristig wird der Multiplayer jedoch zweifellos das Herzstück sein. Der Rollback-Netcode funktionierte auf der PS5 während meiner Matches größtenteils hervorragend. Kämpfe gegen andere PlayStation-Spieler liefen nahezu durchgehend sauber und reaktionsschnell. Probleme können aktuell allerdings durch Crossplay mit der PC-Version entstehen, da diese zum Launch mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. In einzelnen Matches kam es dadurch beispielsweise zu kleinen Unterbrechungen bei Übergängen. Die eigentliche PS5-Version hinterließ dagegen einen ausgesprochen polierten Eindruck. Abstürze oder gravierende technische Probleme traten während meines Tests nicht auf. Lediglich die Spielersuche im Casual-Modus dauerte manchmal etwas länger als erwartet. Auch technisch präsentiert sich Marvel Tokon hervorragend. Die Bildrate bleibt selbst bei spektakulären Effekten stabil, die Animationen laufen butterweich und die Eingaben werden zuverlässig umgesetzt. Die DualSense-Unterstützung verdient ebenfalls Lob. Das haptische Feedback wird nicht übertrieben eingesetzt, unterstützt bestimmte Attacken und Momente aber angenehm. Besonders während der Story-Episoden gibt es immer wieder kleine haptische Details, die zusätzliche Immersion erzeugen.

Auch akustisch befindet sich das Spiel auf sehr hohem Niveau. Viele bekannte Sprecher kehren zurück und liefern starke Leistungen. Besonders Nolan North als Deadpool bekommt zahlreiche humorvolle Dialogzeilen, in denen sogar andere Fighting Games oder Arc-System-Works-Titel auf die Schippe genommen werden. Der Soundtrack springt munter zwischen Heavy Metal, elektronischer Musik und J-Pop und passt erstaunlich gut zur wilden stilistischen Mischung. Gerade einige Charakterthemen bleiben schnell im Kopf. Marvel Tokon ist offensichtlich als langfristiges Projekt geplant. Weitere Charaktere und Inhalte sollen folgen, und angesichts der hervorragenden Unterstützung, die Arc System Works Spielen wie Guilty Gear Strive oder Dragon Ball FighterZ über Jahre gegeben hat, gibt es durchaus Grund für Optimismus. Natürlich wird entscheidend sein, wie groß die Community langfristig bleibt und wie schnell neue Inhalte erscheinen. Schon zum Start besitzt das Spiel jedoch genügend Substanz, um nicht wie eine leere Live-Service-Hülle zu wirken. Das ist vermutlich die wichtigste Erkenntnis: Marvel Tokon funktioniert bereits jetzt als vollständiges Fighting Game. Zukünftige Charaktere und Arenen können das Erlebnis erweitern, müssen aber kein unfertiges Fundament retten.

Marvel Tokon: Fighting Souls ist ein bemerkenswert souveräner Einstieg in eine neue Fighting-Game-Reihe. Arc System Works gelingt es, die Marvel-Lizenz mit seiner eigenen Designhandschrift zu verbinden, ohne einfach Marvel vs. Capcom oder Dragon Ball FighterZ mit neuen Charaktermodellen zu kopieren. Das Vier-gegen-Vier-System besitzt enormes Potenzial, die Kämpfe fühlen sich schnell und präzise an und der Spagat zwischen Einsteigerfreundlichkeit und kompetitiver Tiefe gelingt hervorragend. Dazu kommen eine fantastische Präsentation, außergewöhnliche Charakterdesigns und ein erfreulich solides Einzelspielerangebot.

Kleine Schwächen gibt es trotzdem. Das Tag-System könnte etwas direkter reagieren, ein paar zusätzliche Arenen wären willkommen gewesen und Arcadia Rumble wird sicherlich nicht jeden begeistern. Die technischen Probleme der PC-Version können zudem vereinzelt das Crossplay beeinträchtigen. Auf der PlayStation 5 präsentiert sich Marvel Tokon dagegen bereits zum Start in hervorragender Form. Für Marvel-Fans ist es ohnehin ein Fest, doch auch wer mit den Comics wenig anfangen kann und einfach einen neuen hochwertigen Fighter sucht, sollte einen Blick riskieren. Marvel Tokon: Fighting Souls gehört schon jetzt zu den spannendsten Fighting Games dieser Generation und besitzt das Potenzial, sich über Jahre zu einem festen Bestandteil der Szene zu entwickeln.

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