Wie setzt man eines der besten JRPG-Remakes der vergangenen Jahre fort? Falcom entscheidet sich bei Trails in the Sky 2nd Chapter für die naheliegendste Antwort: Man verändert erstaunlich wenig und führt stattdessen konsequent fort, was bereits hervorragend funktioniert hat. Das mag bei anderen Spielen nach fehlendem Mut klingen, ist hier aber genau die richtige Entscheidung. Schon der Vorgänger fühlte sich weniger wie der Beginn einer klassischen Trilogie und vielmehr wie die erste Hälfte eines riesigen Abenteuers an. 2nd Chapter setzt praktisch unmittelbar dort an und darf nun all die Figuren, Konflikte und Geheimnisse nutzen, für deren Aufbau sich 1st Chapter so viel Zeit genommen hat.

Nach dem vollständigen Durchspielen auf der PlayStation 5 steht für mich deshalb fest, dass Falcom erneut ein außergewöhnliches Rollenspiel gelungen ist. 2nd Chapter übertrifft seinen ohnehin fantastischen Vorgänger vor allem erzählerisch und liefert einige der emotionalsten Momente, die die Trails-Reihe überhaupt zu bieten hat. Gleichzeitig bleibt das hervorragende Kampfsystem nahezu unangetastet und profitiert davon, dass die Charaktere bereits erfahrene Kämpfer sind. Ganz ohne Schwächen kommt das Abenteuer allerdings nicht aus. Vor allem die ersten Kapitel verlangen enorm viel Geduld, bekannte Orte werden sehr ausgiebig wiederverwendet und manche Nebenaufgabe hätte problemlos etwas kürzer ausfallen dürfen. Wer sich darauf einlässt, wird dafür in der zweiten Hälfte mit einem JRPG belohnt, das kaum noch den Fuß vom Gaspedal nimmt.

Die Geschichte beginnt unmittelbar nach den dramatischen Ereignissen des ersten Spiels. Estelle Bright, deren Optimismus und beinahe unerschütterliche Lebensfreude einen großen Teil des Vorgängers geprägt haben, befindet sich plötzlich an einem emotionalen Tiefpunkt. Gerade erst hat sie ihre Gefühle für Joshua vollständig verstanden, da wird sie von ihm getrennt. Für Estelle bricht damit eine Welt zusammen. Diese Ausgangslage gibt der Geschichte von Beginn an einen deutlich ernsteren Ton. Estelle bleibt natürlich Estelle, doch 2nd Chapter zeigt eine verletzlichere Seite der Protagonistin. Statt einfach zum nächsten Abenteuer aufzubrechen, muss sie zunächst lernen, mit Verlust, Unsicherheit und ihrer eigenen Hilflosigkeit umzugehen. Die Bracer Guild hilft ihr schließlich dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Während des Prologs vergehen mehrere Monate, in denen Estelle ein hartes Trainingsprogramm absolviert. Ihr Ziel ist eindeutig: Sie will stärker werden, Joshua finden und endlich verstehen, was hinter seinem Verschwinden steckt. Gerade diese Entwicklung macht Estelle erneut zu einer fantastischen Hauptfigur. Ihr Fortschritt wird nicht nur über höhere Statuswerte oder neue Fähigkeiten dargestellt. Sie wirkt auch charakterlich reifer. Der naive Optimismus des ersten Spiels verschwindet dabei nicht vollständig, bekommt aber eine neue Grundlage. Estelle beginnt zunehmend zu verstehen, dass sie nicht jedes Problem allein durch Willenskraft lösen kann. Diese Entwicklung zieht sich durch das gesamte Abenteuer und bildet das emotionale Fundament der Handlung.

Nach dem Prolog beginnt allerdings zunächst der schwierigste Abschnitt des Spiels. Estelle reist gemeinsam mit einer stetig wachsenden Gruppe erneut durch Liberl und besucht viele der Städte und Regionen, die bereits im ersten Teil eine wichtige Rolle gespielt haben. Dort sucht die Gruppe nach Hinweisen auf Joshua und versucht gleichzeitig herauszufinden, welche neuen Gefahren das Königreich bedrohen. Für Fans besitzt das Wiedersehen mit diesen Orten durchaus Charme. Gleichzeitig fehlt zwangsläufig der Entdeckungsreiz des Vorgängers. In 1st Chapter war beinahe jede neue Stadt ein kleines Ereignis. Man lernte die politischen Strukturen, Bewohner und Probleme der jeweiligen Region kennen und bekam dadurch langsam ein Gefühl dafür, wie erstaunlich detailliert Falcom diese Welt aufgebaut hat. In 2nd Chapter kennt man einen großen Teil davon bereits. Das macht sich besonders während der ersten Kapitel bemerkbar. Es gibt zahlreiche neue Nebenquests, neue Gespräche und veränderte Situationen, doch geografisch bewegt man sich häufig auf vertrautem Boden. Das Tempo leidet darunter merklich. Gerade weil das Ende des ersten Spiels so viele Fragen aufgeworfen hat, möchte man eigentlich möglichst schnell Antworten erhalten. Stattdessen nimmt sich 2nd Chapter erneut sehr viel Zeit, führt alte Bekannte zurück und verteilt kleine Hinweise über viele Stunden. Die Geduld wird dabei durchaus auf die Probe gestellt. Zum Glück besitzt Falcom eine Geheimwaffe: seine Charaktere. Das Wiedersehen mit der bekannten Gruppe gehört zu den schönsten Momenten des Spiels. Figuren wie Scherazard, Agate, Olivier, Kloe und Tita benötigen keine stundenlangen Einführungen mehr. Wir kennen ihre Persönlichkeiten, Beziehungen und Hintergründe bereits.

Dadurch kann Falcom wesentlich schneller mit ihnen arbeiten. Dialoge wirken natürlicher, Freundschaften entwickeln sich weiter und auch kleinere Gespräche bekommen mehr Gewicht, weil bereits eine gemeinsame Geschichte existiert. 2nd Chapter zeigt eindrucksvoll, warum der langsame Aufbau des Vorgängers rückblickend so wichtig war. Das gilt besonders für Estelle. Ihre Beziehung zu den anderen Figuren verändert sich spürbar. Sie ist nicht mehr einfach nur die enthusiastische Nachwuchs-Bracerin, die von einem Abenteuer ins nächste stolpert. Die Ereignisse des ersten Spiels haben Spuren hinterlassen und ihre Freunde bemerken diese Veränderung ebenfalls. Falcom versteht es hervorragend, solche Entwicklungen nicht ausschließlich in großen Zwischensequenzen zu erzählen. Häufig sind es kurze Gespräche am Wegesrand, Reaktionen während einer Nebenmission oder kleine Kommentare, die zeigen, wie sehr die Figuren inzwischen miteinander verbunden sind. Genau darin liegt weiterhin eine der größten Stärken von Trails. Eine zentrale Rolle übernimmt diesmal Ouroboros. Die geheimnisvolle Organisation wird später zu einem festen Bestandteil der gesamten Trails-Saga, doch hier besitzt sie noch eine ganz andere Aura. Ihre Ziele sind zunächst kaum greifbar und ihre Mitglieder wirken wie Figuren, die plötzlich aus einer wesentlich größeren Geschichte in Liberl auftauchen. Das funktioniert hervorragend. Anstatt einen einzelnen Bösewicht ins Zentrum zu stellen, präsentiert 2nd Chapter gleich eine ganze Gruppe außergewöhnlicher Antagonisten. Viele von ihnen besitzen eigene Motivationen, Fähigkeiten und Beziehungen zu den Helden. Mit zunehmender Spielzeit werden ihre Pläne immer deutlicher und genau an diesem Punkt beginnt 2nd Chapter richtig aufzudrehen.

Die langsame erste Hälfte weicht einer Handlung, in der Ereignisse plötzlich mit beeindruckender Geschwindigkeit aufeinanderfolgen. Enthüllungen verändern den Blick auf Figuren und Geschehnisse aus dem Vorgänger, persönliche Konflikte eskalieren und die Bedrohung für Liberl nimmt immer größere Dimensionen an. Hier zahlt sich praktisch alles aus, was 1st Chapter und die ersten Stunden dieses Spiels aufgebaut haben. Ohne konkrete Ereignisse vorwegzunehmen, gehört die zweite Hälfte von Trails in the Sky 2nd Chapter für mich zu den stärksten Abschnitten der gesamten Reihe. Falcom kann nun auf die emotionale Vorarbeit von anderthalb Spielen zurückgreifen und nutzt diese Grundlage konsequent. Besonders die Charakterentwicklung profitiert davon. Beziehungen, die über Dutzende Stunden aufgebaut wurden, erreichen ihre entscheidenden Momente. Gleichzeitig erhalten verschiedene Mitglieder der Gruppe ihre eigenen persönlichen Konflikte. Der größte Unterschied zum ursprünglichen Trails in the Sky SC liegt dabei natürlich in der Präsentation. Die Geschichte war bereits damals hervorragend. Durch die vollständig modernisierte Inszenierung gewinnen viele Szenen jedoch enorm an Wirkung. Charaktermodelle verfügen über wesentlich mehr Ausdruck, Gestik und Mimik. Aufwendig animierte Zwischensequenzen verleihen den dramatischen Momenten eine Intensität, die das Original technisch schlicht nicht erreichen konnte. Gerade einige der emotionalsten Szenen profitieren massiv davon.

Beim Gameplay verfolgt Falcom einen deutlich konservativeren Ansatz. Wer 1st Chapter gespielt hat, wird sich innerhalb weniger Minuten wieder heimisch fühlen. Erkundung, Kampfsystem und grundlegender Spielablauf wurden nahezu vollständig übernommen. Und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Das Kampfsystem des ersten Remakes gehörte bereits zu seinen größten Stärken. Die rundenbasierten Gefechte fühlen sich schnell und unmittelbar an, ohne die taktischen Elemente klassischer Trails-Spiele zu verlieren. Reihenfolge, Positionierung, Arts und individuelle Crafts müssen weiterhin sinnvoll miteinander kombiniert werden. 2nd Chapter besitzt allerdings einen entscheidenden Vorteil: Die Gruppe beginnt nicht wieder bei null. Die Charaktere haben im Vorgänger bereits zahlreiche Kämpfe bestritten und entsprechend hoch fällt ihr Ausgangslevel aus. Dadurch stehen früh deutlich mehr Fähigkeiten zur Verfügung. Statt zunächst stundenlang grundlegende Angriffe freizuschalten, kann man relativ schnell mit komplexeren Kombinationen experimentieren. Das macht die Kämpfe bereits in den ersten Stunden taktisch interessanter.

Optisch baut 2nd Chapter auf dem hervorragenden Fundament seines Vorgängers auf. Die farbenfrohe Anime-Ästhetik passt weiterhin hervorragend zu Trails. Besonders Charaktermodelle und Animationen überzeugen, weil Falcom viel Wert auf kleine Gesten und Gesichtsausdrücke legt. Während normaler Dialoge mag das unscheinbar wirken. In emotionalen Schlüsselszenen macht es jedoch einen enormen Unterschied. Noch stärker fällt das bei den großen Zwischensequenzen auf. Das Remake inszeniert einige Momente mit einer Qualität, die der ursprünglichen Version völlig neue Wirkung verleiht. Gerade die dramatischen Ereignisse der zweiten Hälfte profitieren enorm von Kameraführung und Animation. Auch musikalisch liefert Falcom wieder ab. Der Soundtrack reicht von entspannten Melodien während der Erkundung bis zu energiegeladenen Battle Themes und emotionalen Stücken in den entscheidenden Storymomenten. Einige Melodien bleiben bereits nach wenigen Stunden im Kopf hängen. Gerade in Kombination mit den großen Bosskämpfen trägt die Musik erheblich zur Atmosphäre bei.

Trails in the Sky 2nd Chapter ist genau die Fortsetzung, die 1st Chapter verdient hat. Falcom versucht nicht, ein hervorragendes System unnötig neu zu erfinden, sondern konzentriert sich darauf, die bereits gelegten Grundlagen konsequent weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist vor allem erzählerisch herausragend. Estelles persönliche Entwicklung, die Suche nach Joshua, das Auftreten von Ouroboros und die zahlreichen Konflikte innerhalb der Gruppe führen zu einer zweiten Spielhälfte, die zu den stärksten Abschnitten der gesamten Trails-Reihe gehört. Spielerisch bleibt vieles vertraut, doch die höhere Ausgangsstufe der Charaktere, die größere Auswahl an Quartz und die hervorragenden Bosskämpfe sorgen dafür, dass sich das Kampfsystem noch früher von seiner besten Seite zeigt.

Die größte Schwäche bleibt das Tempo. Gerade die ersten Kapitel ziehen sich teilweise erheblich. Bekannte Regionen werden erneut ausgiebig bereist und einige Nebenquests könnten deutlich kompakter sein. Wer nach dem Ende des Vorgängers sofort Antworten erwartet, muss sich zunächst erneut gedulden. Doch genau wie so oft bei Trails wird diese Geduld belohnt. Wenn die Geschichte schließlich Fahrt aufnimmt, entwickelt sich 2nd Chapter zu einem emotionalen, hervorragend geschriebenen und fantastisch inszenierten JRPG, das die Stärken seines Vorgängers nicht nur übernimmt, sondern in den entscheidenden Bereichen noch übertrifft. Trails in the Sky 2nd Chapter ist keine Neuerfindung und muss auch keine sein. Es ist die zweite Hälfte eines gewaltigen Abenteuers und eine, die den langen Aufbau mit einer außergewöhnlichen emotionalen Auszahlung belohnt.

——— Hinweise & Disclaimer: ———

Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!

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