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Oh „Life is Strange“… Von diesem Episodenspiel um die Freundschaft zwischen zwei Teenagern, die sich in einer mitreißende Geschichte um eine verschwundene Freundin, einen potentiellen Killer, Zeitreisen und einen davon hervorgerufenen massiven Sturm, der die gesamte Heimat der beiden zu zerstören droht. Zusätzlich war es für mich ein persönliches Highlight des Spielejahres 2015. Der französische Entwickler Dontnod hat es durch gute Charakterzeichnung, einen ansprechenden Artstyle in wie von Pinsel gezeichneten Pastelltönen und unterschiedliche Entscheidungen des Spielers, die das Spielgeschehen beeinflussen, fast geschafft den Genrekönig Telltale vom Thron zu stoßen.

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Es war nur eine Frage der Zeit bis die Serie in irgendeiner Form fortgesetzt wird. Da das Ende des ersten Spiels aber sehr stark divergierende Verläufe nehmen kann hat man sich von seitens des Publishers für ein Prequel, anstatt eines Sequels entschieden. „Life ist Strange – Before the Storm“ ist daher vor den Ereignissen des ersten Teils angesiedelt und wir spielen einige der Entwicklungen, die dorthin führen. Das ist allerdings auch teilweise ein Problem mit dem Spiel an sich und auch Prequels per se, denn wir wissen zwangsläufig wo die Reise hingehen wird, da alle Schachfiguren zum Beginn des ersten Teils an den entsprechenden Stellen stehen müssen. In Folge dessen sind wir in unseren eigenen Entscheidungen und der Freiheit limitiert und können lediglich Nuancen im Verlauf beeinflussen, das Ende ist allerdings fix. Besonders bei Spielen, die dem Spieler die totale Freiheit und den Einfluss der eigenen Entscheidungen vorgaukeln ist das eher unpassend, da dieser Zustand verdeutlicht, dass unsere Entscheidungen eigentlich keinen wirklichen Einfluss zu haben scheinen und nicht genug Tragweite haben können/dürfen, damit diese in die folgende Geschichte passen.

Da wir allerdings viele der gleichen Schauplätze wiederfinden und mit den gleichen Charakteren interagieren kommt es aber zwangsläufig zu Inkonsistenzen, denn selbst wenn wir uns hier mit einem Charakter guthalten und anfreunden, kannte er „uns“ im ersten Teil entweder gar nicht, oder das Verhalten ist ein komplett anderes. Hier hat man eindeutig versucht zu viele Elemente des ersten Teils verarbeiten, damit ein Wiedererkennungswert und der ein oder andere Aha-Moment auftritt einzubauen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Es ist aus diesem Grund auch nicht verwunderlich, dass der Entwickler des ersten Teils, für die der erste Teil ein Herzensprojekt war, wenn man den Interviews dazu Glauben schenkt, aus diesem Grund auch nicht mehr mit an Bord ist und Publisher Square Enix die Arbeit an ein anderes Studio weitergegeben hat. Generell ist das erst mal nichts ungewöhnliches. Etwas ähnliches hat Sony mit dem Vita-Ableger der Uncharted-Serie gemacht, indem dieser nicht von Naughty Dog, sondern von Bent entwickelt wurde. Und dennoch handelte es sich bei diesem Spiel um ein richtig tolles Erlebnis, was wirklich ein Remaster für PS4 dringend nötig hätte.

Und leider merkt man diesen Eingriff auch, denn sowohl vom Writing, Spielmechanik, Pacing und Artstyle gibt es massive Unterschiede: Der insgesamt Look des Spiels ist zwar schön, aber es gibt Veränderungen im Artstyle. Hatte der erste Teil noch durch interessante Lichteffekte und Lensflare punkten können, sieht das neue Spiel irgendwie abgespeckt aus. Auch wenn das Spiel in der gleichen Farbpalette agiert hat man viele der interessanten Lichteffekte über Bord geworfen und die schon fast malerischen Texturen sehen sehr viel steriler aus, wie man sie aus zig anderen Spielen auch kennt. Natürlich kann man diese Entscheidung dadurch begründen, dass die Protagonistin diesmal keine Fotografin ist und dadurch auch keine Kameraeffekte zum Einsatz kommen, aber im Direktvergleich ist  das leider ein Downgrade. In Ansätzen ist das Feeling des ersten Teils zwar noch vorhanden, aber eben nur in Ansätzen, was wahrscheinlich eher durch den Wiedererkennungswert hervorgerufen wird. Es ist so ähnlich wie ein modernes Remake eines beliebten Klassikers im Kino zu sehen. – Klar, die Geschichte und Charaktere ist zumindest ähnlich und es gibt erfahrungsgemäß auch viele Hinweise und Easter Eggs zu Original, aber mal ehrlich. Wie oft war ein Remake so gut, wie das Original und hätte das Remake ohne das Original überhaupt jemanden interessiert?

An der Spielmechanik haben auch Änderungen stattgefunden, denn die komplette Spielmechanik mit dem Beeinflussen der Zeit ist Passé. Wir steuern diesmal Chloe und nicht Max. Chloe hat diese Kräfte nicht und so hätte eine Implementierung der Mechanik, besonders in Bezug auf das erste Spiel, überhaupt keinen Sinn gemacht. Dennoch verändert das natürlich das gesamte Spielgeschehen. Im Gegenzug hat man sich ein anderes, Dialogbasiertes Minispiel ausgedacht, bei dem Chloe, wortgewannt, wie sie eben ist, ihren Gesprächspartner durch schnelle Aneinanderreihung von Argumenten beeinflussen kann. Zumindest kommt es einem so vor, als ob man diese Mechanik als „Ersatz“ eingebunden hat. Jedoch zündet das als Ersatz zum Zurückspulen der Zeit nicht so richtig, da es im Grunde nur eine etwas erweiterte Dialogoption mit einer Statusanzeige die anzeigt wer gerade im Gespräch die Oberhand hat, ist.

Jedoch muss man hervorrufen, dass nicht alles mit „Before the Storm“ schlecht ist, auch wenn viele negative Punkte zu Buche schlagen. Wo das Spiel wirklich punkten kann ist die Charakterentwicklung der Hauptcharaktere und die mit Episode 1 angefangenen Geschichte birgt wirklich Potential, denn wir erfahren hautnah, wie Chloe sich von einem etwas unsicheren Teenager zum Rebell, den wir aus dem ersten Teil kennen entwickelt hat und wie die ihre Romanze mit Rachel Amber seinen Lauf genommen hat. Dabei sind wir sowohl beim ersten Aufeinandertreffen, wie auch dem ersten Date der beiden dabei. Wobei diese zu Beginn heile Welt durch eine für Rachel dramatische Beobachtung aus den Fugen gerät und wir als Chloe erst mal die Hintergründe herausfinden und danach versuchen müssen Rachel zu helfen. Im Verlauf der knapp 4 Stunden umfassenden Episode müssen wir auch einige Rätzel lösen und können mehrere unterschiedliche Areale in bester Adventure-Manier erkunden. Teilweise kennen wir diese Areale schon und teilweise sind es neue Areale. Insgesamt wurde hier wieder auf sehr viel Liebe zum Detail geachtet und man kann viel abseits der Geschichte entdecken. So gibt es auch optionale Sidequests in Form von Graffitis, die an die Stelle von Max’s optionalen Fotos treten. In jedem Areal gibt es Bereiche, die wir auf Knopfdruck „verschönern“ können und mit mehreren unterschiedlichen Bildern und/oder Sprüchen versehen können, die teilweise echt gut versteckt und zusätzlich auch lustig sind. Auf diese Weise kann man die ohnehin recht stattliche Spielzeit für eine Episode Spiel noch verlängern. Die unterschiedlichen Graffiti-optionen laden, ebenso wie unterschiedliche Entscheidungen im Spiel auch zum mehrfachen durchspielen ein. Wohin sich die Geschichte weiter entwickelt kann nach der ersten Episode noch nicht genau abgesehen werden, aber die Geschichte ist bislang fesselnd genug, damit man weiterspielen möchte.

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Insgesamt wird es drei Episoden geben, die um eine weitere Bonusepisode (in der man Max aus dem ersten Teil spielt) erweitert werden, wenn man gleich die Deluxe Edition des Spiels bestellt. Momentan ist nur die erste Episode verfügbar und die kommenden Episoden werden in regelmäßigen Abständen veröffentlicht.

NB@08.09.2017