Wir sind in Gefangenschaft und erfahren Folter am eigenen Leibe, wieder und wieder, bis wir uns mit unseren letzten Kräften losreißen können und in der Lage sind unsere Peiniger mit abzuwehren und zu töten. Denn wir sind kein x-beliebiger Gefangener, wir sind ein Ritter des Ordens. So beginnt das Spiel in überaus filmischer Manier und wirft dabei viele Fragen auf, die erst nachdem wir aus dem Gefängnis geflohen sind in Form einer Rückblende erklärt werden sollen… – Dabei handelt es sich nicht um den neuesten Blockbuster aus Hollywood, sondern um das Videospiel „The Order 1886“ aus dem Jahr 2015, ein Spiel dass direkt zu seinem Release bereits viel Kritik einstecken musste und seitdem in der Versenkung verschwunden ist. Ich hatte das Spiel direkt zum Release gespielt und konnte schon damals, lange bevor ich angefangen habe über Spiele zu berichten, die teilweise sehr harte Kritik nicht nachvollziehen weswegen ich mich dazu entschlossen habe das Spiel nochmal mit zu spielen und einen Bericht dazu zu verfassen…

 


Das Spiel wurde von Ready at Dawn in Zusammenarbeit mit Santa Monica Studio, LLC, dem Sony-eigenen Studio hinter „God of War“, entwickelt und erschien exklusiv für Sony’s PS4. Gleich zur Veröffentlichung machte das Spiel durch zwei Dinge von sich reden, was zum einen die überragende Grafik und zum anderen das Quicktime-lastige und Spielprinzip war, womit wir am besten direkt anfangen, um diese Punkte direkt zu adressieren. Ja, es gibt im Vergleich zu anderen Spielen gibt es einen höheren Anteil an Quicktime-Events und die Bosskämpfe im Spiel sind auch fast ausschließlich darauf ausgelegt, aber so schlimm wie es gemacht wird, ist es keinesfalls. Die Anzahl der Quicktime-Events bewegt sich meiner Meinung nach auf einem durchschnittlichen Maß für die damalige Zeit, wie sie auch recht exzessiv bei den frühen God of War-Teilen eingesetzt wurden. Dennoch dominiert das freie Spiel und die anderen Mechaniken des Spiels im direkten Vergleich in Relation zur Spielzeit. Wechseln wir daher zum Punkt Grafik: Hier ist das Spiel herausragend und präsentiert einen bis Dato nicht erreichten Detailgrad. Heute gibt es zwar einige Spiele, die ähnliche-hohe Ergebnisse abliefern, doch das war zur Veröffentlichung des Spiels nicht der Fall. Es war vor der Veröffentlichung anderer Referenzen in Sachen Grafik, wie zum Beispiel “Uncharted 4”, oder auch “Horizon Zero Dawn“. Zum Vergleich kann man andere Spiele, die in der gleichen Zeit herausgekommen sind heranziehen, wie „Evole“, „Limbo“, oder auch „Dead or Alive: Last Round“. Erst später im Jahr sollten von der grafischen Seite her ähnliche ansprechende Spiele in Form von „The Witcher 3“, „Mad Max“ und „Metal Gear Solid V: The Phantom Pain“ erscheinen. Hier stach das Spiel bis dahin allerdings wirklich heraus, da die filmische Inszenierung von London des Jahres 1886 in einer alternativen Steampunk Zeitlinie vor Details nur so strotzt. Gleiches gilt für die Lebensechten Charakteranimationen, die zwar besonders in den Cutscenes, aber auch durch kleine Details in den Bewegungen innerhalb der Levels zum Tragen kommen, wenn sich die Charaktere im Vorbeigehen an der Wand abstützen. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass diese Liebe zum Detail auch mit einem Nachteil einhergeht: Wir haben es mit keiner offenen Welt zu tun, sondern mit Schlauchleveln und werden mehr oder minder nur von Setpiece zu Setpiece geleitet und können nicht groß nach links oder rechts ausweichen, was wirklich schade ist, denn die Areale, in denen wir etwas freier agieren können, sind wirklich super interessant zum Erkunden und da würde man per se doch gerne noch mehr von der Welt sehen…

 

Aber worum geht es im Spiel eigentlich?- Nach unserer im Eingang erwähnten Flucht aus dem Gefängnis schwenkt die Erzählung zu einer Rückblende um, die einen Großteil des Spiels einnehmen wird, denn bevor wir aus bisher unbekanntem Grund ins Gefängnis gesteckt und gefoltert wurden, waren wir ein angesehener Hüter für Recht und Ordnung, ein Ritter des Orderns, die die Speerspitze in der Verteidigung des Königreiches. Es ist das Jahr 1886 in einer alternativen Zeitlinie. In London gibt es im verrohten Stadtteil Whitechappel eine Serie an mysteriösen Morden, die anscheinend nicht von Menschen verübt worden sind und einem gewissen „Jack the Ripper“ zugeschrieben werden. Wir verkörpern Sir Galahad, einen Ritter der Orderns (der Tafelrunde), die vor Jahrhunderten von König Arthus ins Leben gerufen wurde und heute immer noch existiert und agiert. Galahad agiert gemeinsam mit den Ordens-Anwärtern Isabeau, Lafayette und seinem langjährigen Partner Sebastian in der Ermittlung, die bald offenbart, dass Lycaner hinter den Morden zu stecken scheinen. Doch da gleichzeitig eine Revolte im Volk tobt ist das nicht das einzige Problem auf Galahad’s Agenda. Bei seinen Ermittlungen kommt Galahad allerdings einer Verschwörung auf höchster Ebene auf die Spur, die seine Überzeugung und sein Handeln auf eine starke Probe stellen soll…

 

So verschlägt uns das Spiel von den Straßen von Whitechappel über die für London typischen U-Bahnen, verlassenen Lagerhäusern am Hafen, bis hin zu massiven Luftschiffen, die als teilweise bombastische Setpieces angelegt sind und den Rahmen für unsere Erkundungen und diverse Feuergefechte bieten. Denn im Herzen ist das Spiel ein recht klassischer Cover-Shooter à la „Gears of War“. Der Ablauf ist dabei meist recht simpel aufgebaut: Wir bewegen uns meist von A nach B, lösen auf dem Weg das ein oder andere (recht simple und kleine Rätzel) und kommen dann an einem Areal an, wo wir entweder etwas finden müssen oder  begeben uns hinter kniehohen Hindernissen in Deckung und schalten die schier endlose Horde an Gegnern einen nach dem anderen aus. Das ist zwar nicht besonders innovativ, macht aber dennoch Spaß und die Abwechslung der unterschiedlichen Mechaniken sorgt dafür, dass es nicht langweilig wird. Einzig kann man dem Spiel hier den Vorwurf machen, dass einige der Shootouts meiner Meinung nach etwas zu lang sind, was aber auf viele Spiele mit dieser Mechanik zutrifft. Es gibt zwar zusätzlich ein Stealth-System, doch das können wir nur an bestimmten Abschnitten im Spiel einsetzen und es gibt keine Möglichkeit, wie im aktuellsten Uncharted den Gefechten so aus dem Weg zu gehen.

 

Da es sich um eine Steampunk-angehauchte Welt handelt stehen uns im Kampf allerlei unterschiedliche Waffen zur Verfügung, die über normale Pistolen und Gewehre hinausgehen, was nicht überaus verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass unser Waffenmeister kein geringerer als Nikola Tesla ist. So gibt es beispielsweise ein überaus effektives Thermalgewehr oder auch eine Elektrokanone mit der man Gegner beim Treffer in ihre Bestandteile zerlegen kann. Das gibt den Gefechten nochmal eine ganz andere Tragweite, als normale Waffen. Leider können wir erst in einem zweiten Durchgang unsere Waffen frei auswählen (und vor dem Beginn einer Mission ausrüsten). Im ersten Durchgang sind wir dabei recht eingeschränkt und bekommen die Waffen im Verlauf der Story, was dramaturgische Gründe hat. Dennoch macht es einfach mehr Spaß, wenn wir mit einer Waffe kämpfen können, die uns besser liegt.

 

Ähnliches im Sachen Entscheidungsfreiheit lässt sich im Übrigen auf das gesamte Spiel übertragen, denn durch die recht lineare Erzählstruktur und die teilweise Minutenlangen Cutscenes sind wir in unserer Handlung zwischen diesen Erzählstrengen recht eingeschränkt. Es gibt keine wirkliche Freiheit, denn ein Abschnitt endet erst, bzw. genau dann, wenn wir alle Gegner ausgeschaltet haben oder wenn wir ein Schlüsselobjekt gefunden haben. Das ist zwar spielerischer Usus, aber selten fällt es so sehr auf, wie in „The Order 1886“. Die Geschichte ist zwar wirklich interessant, aber von der dramaturgischen Seite sehr vorhersehbar und kommt fast gänzlich ohne Überraschungen aus, wenn man vom finalen Reveal, wer der Ripper ist, absieht. Doch abseits davon lässt die Geschichte leider einiges zu wünschen übrig, denn es gibt interessante Handlungsstränge, die leider im Nichts verlaufen oder andere, die eindeutig dafür da sein sollten, um einen Cliffhanger für eine Fortsetzung zu schaffen, die wahrscheinlich nie kommen wird. Vielleicht hatten die Entwickler nicht genug Zeit, um alle Inhalte, die ihnen vorgeschwebt haben, in das Spiel zum Implementieren oder man ging einfach davon aus, dass das Spiel ein Erfolg wird und die Fortsetzung quasi schon als gesetzt gilt, doch wie auch immer, gerade gegen Ende des Spiels, was überaus abrupt kommt, bleiben dennoch viele Fragen offen. Und gerade bei einer Spielzeit von 6-7 Stunden wäre hier eindeutig mehr drin gewesen.

 

Ich hatte zwar dennoch, auch beim zweiten Durchspielen, eine Menge Spaß mit dem Spiel, doch gerade in der Retrospektive werden einige der Unzulänglichkeiten noch deutlicher. Die Grafik ist immer noch über alles erhaben, aber gerade die recht kurze Spielzeit und fehlende Abwechslung zeigen, dass hier mehr als ein wenig Luft nach oben ist. So gibt es im Spiel zwei Bosskämpfe, die im Grunde 1:1 identisch ablaufen. Wo das Spiel allerdings wieder punktet sind die Trophäen, denn die Trophäenliste ist überaus leicht ausgefallen und erfordert im Grunde lediglich einen einzelnen Durchgang auf „schwer“, was aber auch nicht wirklich merklich anspruchsvoller ausfällt, als „normal“. Es lassen sich insgesamt 22 Trophäen (1 x Bronze, 14 x Silber, 6 x Gold, 1 x Platin) verdienen und da das Spiel irgendwie in der Vergessenheit verschwunden ist, ist es überaus günstig zu bekommen, wofür man durchaus mal einen Blick riskieren kann.

The Order: 1886_20190425221103

NB@30.04.2019

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