Das war schon eine Überraschung von Sony bei der Pressekonferenz im Rahmen der Eröffnung der Gamescom. Sie haben nicht nur eine neue IP von SIE London Studio, dem In-house-Team, das unter anderem für „The Getaway“, „VR Worlds“ und für das erst letztens veröffentlichte „Blood & Truth“ verantwortlich ist, angekündigt, sondern das Spiel sogar zeitgleich mit der Konferenz zum recht schmalen Preis von 9,99€ ins PSN gebracht. Und da es sich um ein FMV-Spiel handelt und der Trailer dazu auch noch sehr ansprechend war, habe ich direkt zugeschlagen. Hier verlinke ich auch daher mal den Trailer zum Spiel:

Das Spiel, betitelt als „Erica“, dreht ich um die gleichnamige Hauptfigur, eine junge Frau mit einer mysteriösen Vergangenheit. Bereits im Kindesalter wurde sie Opfer eines gewaltsamen Übergriffes, bei dem ihr Vater getötet wurde. Doch handelte es sich dabei um keinen normalen Mord, sondern alles erinnerte mehr an eine rituelle Hinrichtung, die sie bis ins Erwachsenenalter noch nicht richtig verarbeitet hat. Jede Nacht war sie schweißgebadet auf, nachdem sie diese dramatischen Ereignisse im Schlaf wiedererlebt hat. Besonders mysteriös ist dabei ein merkwürdiges Symbol, dass in die Brust ihres toten Vaters geschnitten wurde…- Die Ereignisse überschlagen sich, als Erica ein Paket mit einer abgetrennten Hand und einer Kette mit dem gleichen Symbol vor ihrer Haustür findet und die Polizei davon ausgehen muss, dass der Mord an Erica’s Vater damit in Verbindung stehen muss. Erica wird zu ihrem eigenen Schutz nach Delphi Haus, einer Anstalt bei der sowohl ihr Vater, wie auch ihre Mutter lange Jahre gearbeitet haben, gebracht, was allerdings eher entgegengesetzte Effekte hat: Nicht nur werden die Träume intensiver und realer, sondern auch die Bedrohung scheint ihr nach Delphi Haus gefolgt zu sein. Wird es Erica Schaffen der Bedrohung zu entgehen und kann sie auf ihrem Weg vielleicht auch noch die Geister der Vergangenheit ein für alle Mal loswerden? – So zumindest die Aufgabe an uns als Spieler. – Und es liegt dabei wortwörtlich in unserer Hand, was wir herausfinden, wie wir uns in Schlüsselmomenten entscheiden und in Folge dessen auch, wie die Geschichte ausgeht. Dabei lebt das Spiel davon, dass man es mehrfach durchspielt, denn sonst sieht man nur einen schwindend-geringen Teil der Geschichte und kann das Spiel in knapp 90 bis 120 Minuten beenden. Spannend wird es allerdings, wenn wir unterschiedliche Wege innerhalb des Spiels ausprobieren, was in manchen Fällen nur kleine Variationen, in anderen Fällen aber komplett andere Handlungsstränge mit sich bringt. Das erinnert von der Grundstruktur her an die Spiele von Telltale, wurde aber konsequenter umgesetzt und geht mehr in die Tiefe. Gab es bei Telltale in der Regel immer wieder fixen Knotenpunkte in der Story, an denen alle Stränge wieder zusammenliefen, so ist das bei „Erica“ nicht der Fall. Wir können zwangsläufig in einem Durchgang nur einen kleinen Anteil der Geschichte sehen und entsprechend wurde viel Material für das Spiel produziert, um die Varianz zu ermöglichen. Und da es sich um ein FMV-Spiel, als ein Spiel mit gefilmten Videosequenzen handelt, wurden echt viele unterschiedliche Aktionen aufgenommen.

Interessant ist dabei, abgesehen davon, dass es sich um ein FMV-Spiel handelt, für die ich ohnehin ein Fable habe, das Spiel auch Sony’s Playlink-Service wiederaufleben lässt. Das bedeutet, dass wir das Spiel, neben der Steuerung mit dem Controller auch über das Smartphone über eine spezielle App steuern können. Ich habe dazu auch extra beide Varianten ausprobiert. Wir können dabei während dem Spielstart die Steuerung auswählen und ich finde es prinzipiell auch gut, dass wir die Wahl haben, denn „Hidden Agenda“, das Murder Mystery à la „Heavy Rain“ ließ sich ausschließlich mit dem Smartphone steuern. Allerdings muss man an dieser Stelle auch eindeutig darauf hinweisen, dass die Steuerung via Controller mehr als ungelenk ist, da man die Eingaben ausschließlich über die Eingabe von Gesten über das Touchpad vornimmt und das dafür doch etwas knapp bemessen ist. Es funktioniert zwar, doch ist kein Vergleich zum Smartphone. Die passende App gibt es sowohl auf Android, wie auch auf iOS und sie umfasst (zumindest auf Android) 59,90 MB an Speicher. Sobald man das Spiel und die App startet und beides sich im gleichen Netzwerk befindet koppeln sich beide Anwendungen automatisch und man kann alle Eingaben mit dem Smartphone vornehmen. Dabei funktioniert auch bei dieser Steuerungsvariante die Eingabe und die Entscheidung über Gesten, die aber dieses Mal auf dem Display vorgeblendet werden. Dann und wann steuern wir auch einen Curser zur Selektion von Auswahlmöglichkeiten und insgesamt geht das wirklich gut von der Hand. Hatte ich bei der Steuerung via Controller auch mal eine Fehleingabe ist die Steuerung über die App sehr viel leichtgängiger, zumal es intuitiver ist auf dem Handy mit dem Finger Gesten zu zeichnen, als auf dem Touchpad des Controllers. Das muss man sich in Realität dann ungefähr so vorstellen:

Aber gehen wir mal tiefer auf das Spiel und die Produktion an sich ein: Die Geschichte ist zwar zugegebenermaßen nicht besonders originell und man hat ähnliches schon mehrfach in Film und Fernsehen gesehen, doch die Art, wie es als intensive Erfahrung umgesetzt ist, ist durchaus spannend. Durch die Kombination von den gefilmten Szenen und dem Einbezug von uns als Spieler, zieht uns das Spiel vom Anfang an in seinen Bann. Denn entgegen der Spiele von Telltale, wo unsere Rolle als Spieler größtenteils daraus besteht Entscheidungen zu treffen, müssen wir auch aktiv Aktionen durchführen, die dann im Spiel umgesetzt werden: So müssen wir zum Beispiel in einer frühen Szene die Scharniere eines Koffers öffnen, Geschenkpapier entfernen, oder auch durch eine Schallplattensammlung blättern, alles mittels einer Steuerung durch die entsprechenden Gesten. Das mag zwar banal klingen, ist es von spielerischer Seite her auch, doch so sind wir viel tiefer in der Geschichte drin, wenn wir selbst interagieren, anstatt nur einen Knopf zu drücken.

Von der technischen Seite lauft das Spiel flüssig, wie es auf für einen Film der Fall sein sollte und mir sind keine Fehler aufgefallen. Lediglich das gewählte Stilmittel der Filmaufnahmen, über die konstant ein Blur-Filter gelegt zu sein scheint, außer wenn man in vordefinierten Szenen einzelnen Elemente à la Batman’s Detektiv-Modus heranzoomt und untersucht. Das ist zweifelsfrei ein gewähltes Stilmittel und soll wahrscheinlich symbolisieren, dass sich Erica teilweise nicht sicher ist, ob das was sie sieht wirklich Realität ist, doch es macht das Bild damit auch etwas schlechter, als es sein müsste. Und das ist wirklich schade, denn sowohl von den Kulissen, über die Ausstattung und auch die Schauspieler an sich ist hier wirklich alles auf dem hohen Niveau von Netflix-Produktionen. Die Schauspieler sind zwar durchweg unbekannte Gesichter, aber machen ihre Arbeit wirklich gut. Allein wenn ich dem Spiel etwas ankreiden müsste wäre es, dass die Optionen, die für uns als Spieler zur Auswahl stehen in manchen Fällen nicht ganz sprechend sind und es so zu Aktionen kam, die ich eigentlich gar nicht wollte, nur weil ich die Option anders interpretiert habe. Aber das ist zugegebenermaßen kein Problem von „Erica“ per se, sondern von vielen Spielen, wo man eine Entscheidung zu treffen hat. Das war zum Beispiel beim ersten „Life is Strange“ ganz schick, dass man nach einer Entscheidung und der unmittelbaren Konsequenz die Zeit nochmal zurückspulen konnte, um sich die andere Entscheidung anzusehen. Diese Möglichkeit gibt es bei „Erica“ nicht. Wir fällen unsere Entscheidung und es gibt kein Zurück mehr. Doch da ein Durchlauf eine recht überschaubare Länge hat und das Spiel davon leibt es mehrfach durchzuspielen, ist das auch kein gravierendes Problem, denn man kann es einfach im nächsten Durchgang anders machen.

Interessanterweise gibt es keine erkennbaren Anschlussfehler oder krude Schnittfolgen, was bei einem FMV-Spiel mit derart vielen Aktionen und Interaktionsmöglichkeiten zu erwarten wäre, aber es läuft durchweg flüssig, sodass man es auch für einen Film halten könnte, wenn da nicht die regelmäßigen Eingabeaufforderungen wären. Aber zumindest aus der Beobachterperspektive scheint es auch Spaß zu machen dem Spiel zu folgen, denn meine bessere Hälfte hat zur Abwechslung aktiv zugesehen und mir mehr als einmal gesagt, was ich ihrer Meinung nach als nächstes machen soll…

Wie zu erwarten war hatte ich mit dem Spiel eine Menge Spaß und werde es bestimmt auch noch mehrfach durchspielen, um die anderen Variationen in der Geschichte zu sehen, denn bei meinen bisherigen 4 Durchgängen habe ich zwar viel, aber bei weitem nicht alles gesehen, was das Spiel zu bieten hat. Und ich kann bisher aber wirklich schon sagen, dass die Verläufe der Geschichte sich teilweise wirklich stark voneinander unterscheiden, was zugegebenermaßen bei vielen anderen Spielen à la Telltale nicht immer der Fall war. Ich würde das Spiel jederzeit wieder kaufen und gerade bei dem recht schmalen Preis kann ich es wirklich jedem wärmstens ans Herz legen, der FMV-Spiele oder Interaktive Filme mag.

NB@05.09.2019

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