Als Fan klassischer Shmups habe ich dem Release von „Sonic Wings Reunion“, entgegengefiebert. Die Reihe ist im Westen wahrscheinlich eher unter dem alternativen Titel „Aero Fighters“ bekannt und der neue Teil strebt an eine direkte Fortsetzung einer Reihe zu sein, die in den 90ern ihre letzte offizielle Veröffentlichung in Europa erfahren hat. Gerade darin liegt schon der Reiz dieses Comebacks: „Sonic Wings Reunion“ versucht nicht, das Genre neu zu erfinden, sondern eine sehr konkrete Form des Shoot-’em-up-Gefühls in die Gegenwart zu holen. Die Frage ist allerdings, ob Nostalgie genug Basis für Erfolg darstellt?

Die Handlung bleibt angenehm traditionsbewusst und funktioniert vor allem als Rahmen für das eigentliche Fluggefecht. Im Jahr 20XX geraten Städte rund um den Globus unter Angriff, weil die rätselhafte Organisation Fata Morgana mit überlegener Technologie und Superwaffen zurückkehrt. Dagegen stellt sich das internationale Rettungsteam Project Blue, dessen Pilotinnen und Piloten aus unterschiedlichen Motiven in den Einsatz ziehen. Das ist bewusst kein Storyspiel im modernen Sinn, sondern eher eine erzählerische Klammer, wie man sie aus der Arcade-Zeit kennt: knapp, klar, weltumspannend und mit genau jener Mischung aus Ernst und leicht exzentrischem Ton, die dem Genre früher oft einen ganz eigenen Charme gegeben hat. Dass sich Szenen und Dialoge je nach Charakterkombination verändern, gibt dem Ganzen dennoch mehr Farbe, als man bei einem so kompromisslos alten Schulmodell zunächst erwarten würde.

Gerade diese Struktur vermittelt schnell das Gefühl, dass das Spiel seine Herkunft nicht versteckt. Statt filmischer Zwischensequenzen oder ausufernder Lore setzt das Spiel auf Typen, Schauplätze und Konflikte, die sofort verständlich sind. Figuren wie Mao Mao, Whity, Hien oder Glenda sind weniger tiefenpsychologisch ausgearbeitet als vielmehr archetypische Arcade-Persönlichkeiten, die sich über Auftreten, Fluggerät und kleine Szenen definieren. Das muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil: In einem Genre, das so stark vom Rhythmus des Spiels lebt, kann diese Reduktion sogar nostalgisch wirken. Man wird nicht lange aufgehalten, bekommt aber gerade genug Kontext, damit sich die Reise durch Tokio, Florida, Abu Dhabi oder das arktische Meer nicht wie eine bloße Aneinanderreihung abstrakter Level anfühlt.

Spielerisch bleibt das Spiel erfreulich geradlinig. Die Perspektive ist klassisch vertikal, der Bildschirm füllt sich mit Projektilmustern, Gegnerwellen und großen futuristischen Maschinen, während man sich mit ausgewähltem Piloten durch acht Etappen arbeitet, Bonus-Abschnitte eingeschlossen. Offiziell startet das Spiel mit acht Charakteren, weitere lassen sich unter Bedingungen freischalten; auf der Nintendo Switch-Version wird von bis zu zehn Pilotinnen und Piloten gesprochen. Dazu kommen unterschiedliche Szenarien abhängig von der Figurenwahl, was dem Wiederspielwert sichtbar hilft. Für ein Genre, das immer vom erneuten Durchgang lebt, ist das ein wichtiger Punkt. „Sonic Wings Reunion“ will nicht nur einmal abgeschlossen, sondern in verschiedenen Konstellationen verstanden und gemeistert werden.

Was den Spielfluss betrifft, wirkt die Designphilosophie angenehm unverstellt. Große Bühnen, klar lesbare Angriffswellen und das bewusste Wechselspiel aus Druck, Bewegung und kurzer Entlastung bestimmen das Tempo. Hilfreich ist, dass das Spiel neben dem normalen Ablauf auch Trainingsoptionen und weitere Einstellungen bietet; etwa lassen sich Schwierigkeitsgrad, Unverwundbarkeit und andere Parameter anpassen. Das ist nicht nur komfortabel, sondern zeigt auch ein Verständnis dafür, wie unterschiedlich Shoot-’em-up-Spieler an solche Titel herangehen. Veteranen suchen die harte Perfektionslinie, während neugierige Neueinsteiger zunächst an Mustern, Routen und Bossphasen lernen möchten. Genau an dieser Stelle wirkt das Spiel zugänglicher als sein kompromissloser Retro-Kern zunächst vermuten lässt.

Besonders interessant ist, wie sehr das Spiel zwischen alter Schule und modernen Erwartungen vermittelt. Einerseits bleibt es im Herzen ein klassischer Arcade-Titel, also ein Spiel, das auf kurze, intensive Sitzungen, Wiederholung und Optimierung ausgelegt ist. Andererseits werden Komfortfunktionen ergänzt, die heute fast unverzichtbar erscheinen: Bestenlisten sind vorhanden, zusätzlich kommen auf PlayStation Trophies und Cloud-Speicherung hinzu, und auf den Konsolenversionen wird lokaler Koop unterstützt. Gerade der lokale Mehrspielermodus passt hervorragend zur Reihe, weil sich das Genre traditionell in gemeinsamem Ausweichen, Rufen und improvisiertem Überleben oft noch etwas lebendiger anfühlt. Dass die zugehörigen Gesprächsszenen selbst im Einzelspielermodus nachvollzogen werden können, ist dabei eine kluge Ergänzung. So wird auch allein mehr von der kleinen Welt sichtbar, die hinter dem Dauerfeuer steckt.

Optisch setzt das Spiel, wie im Eingang bereits erwähnt, weniger auf radikale Modernisierung als auf eine saubere, bewusst stilisierte Fortschreibung des Seriengefühls. Die Präsentation betont moderne Städte und Einsatzorte, gleichzeitig bleiben die riesigen futuristischen Waffen und die klaren, arkadigen Kontraste zentrale Elemente. Dadurch entsteht keine sterile Hochglanzästhetik, sondern eher der Eindruck eines Spiels, das seine Wurzeln sichtbar mitträgt. Auch beim Sound zeigt sich diese Haltung besonders deutlich. Es gibt drei verschiedene Sound-Modi, darunter einen Grund-Sound von Serienkomponist Soshi Hosoi, einen Arrange-Modus mit neu bearbeiteter Musik früherer Teile und einen speziellen Mao Mao-Modus. Allein diese Auswahl verrät schon viel über den Ansatz des Projekts: „Sonic Wings Reunion“ möchte nicht nur fortsetzen, sondern Erinnerungen aktiv ansprechen und musikalisch in die Gegenwart übersetzen.

Als Fortsetzung ist das Spiel vor allem deshalb spannend, weil es keine demonstrative Neuerfindung anstrebt. Stattdessen setzt es dort an, wo die Reihe historisch verortet ist. Die lange Pause seit dem letzten großen Auftritt der Serie im Westen wird hier nicht kaschiert, sondern beinahe bewusst betont. Vieles wirkt wie ein Statement dafür, dass klassische Shooter nicht zwangsläufig auf nostalgische Collections oder Retro-Re-Releases beschränkt bleiben müssen. Hier wird eine alte Linie weitergezogen, mit neuen Inhalten, aber ohne die Sprache des Genres aufzugeben. Wer eine große Modernisierung mit cineastischer Inszenierung, Metaprogression und systemischer Überfrachtung erwartet, dürfte das als konservativ empfinden. Wer hingegen genau diese Direktheit sucht, dürfte darin einen Teil der Stärke sehen.

Auch der Blick auf Success Corp. passt gut zu diesem Bild. Das japanische Studio existiert seit den späten Siebzigern und ist seit Jahrzehnten mit Action- und Shooter-Projekten verbunden; besonders häufig wird das Unternehmen mit Reihen wie „Cotton“ oder „Psyvariar“ in Verbindung gebracht. „Sonic Wings Reunion“ wirkt deshalb nicht wie ein zufälliger Rückgriff auf eine alte Marke, sondern wie ein Titel, der aus einer gewachsenen Genretradition heraus entsteht. In diesem Kontext erscheint die Rückkehr der Reihe fast folgerichtig. Publisher im Westen ist Red Art Games, die in letzter Zeit schon einige vergessene Marken neu veröffentlicht haben.

Unterm Strich ist „Sonic Wings Reunion“ vor allem ein Spiel für Menschen, die den Wert klarer Arcade-Strukturen noch immer schätzen. Es richtet sich an Genre-Fans, an Freunde klassischer Shoot-’em-ups und an Spielerinnen und Spieler, die Freude daran haben, Muster zu lesen, Durchgänge zu verbessern und sich Stück für Stück mehr Kontrolle über das Chaos auf dem Bildschirm zu erarbeiten. Gleichzeitig macht die Ausstattung mit Trainingsoptionen, variablen Sound-Modi und mehreren Figurenkonstellationen den Einstieg weniger abweisend, als man bei einer traditionsbewussten Fortsetzung vielleicht vermuten würde. Gerade auf Nintendo Switch passt diese Form des Spiels prinzipiell sehr gut, weil kurze Runs und wiederholte Versuche dem Format entgegenkommen. „Sonic Wings Reunion“ ist damit kein lauter Neuanfang, sondern eine erstaunlich geradlinige, selbstbewusste Rückkehr eines Genres, das auch heute noch sehr genau weiß, was es sein möchte.
Entwickler: Success Corp.
Publisher: Red Art Games
Erhältlich auf: PC, PS4, PS5, Nintendo Switch
Getestet auf: Nintendo Switch
NB@02.04.2026
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Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt.
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