Mit Sword Art Online: Echoes of Aincrad wagt Bandai Namco einen Neustart der Videospielreihe und kehrt dorthin zurück, wo für viele Fans alles begann: nach Aincrad. Anstatt jedoch erneut Kiritos Geschichte nachzuerzählen, schlüpft ihr dieses Mal in die Rolle eines selbst erstellten Charakters und erlebt den berühmten Death-Game-Handlungsbogen aus einer völlig neuen Perspektive.
Auf dem Papier klingt das nach genau dem Neustart, den die Spieleserie dringend gebraucht hat. Ein höheres Budget, ein deutlich düsterer Grundton, überarbeitete Spielmechaniken und ein stärkerer Fokus auf die Atmosphäre der Vorlage sollten Echoes of Aincrad endlich zum großen Sword-Art-Online-Spiel machen. Nach dem kompletten Durchspielen auf der PlayStation 5 bleibt allerdings ein gemischter Eindruck zurück. Denn unter der Oberfläche steckt durchaus ein gutes Action-RPG, doch zahlreiche spielerische Schwächen verhindern immer wieder, dass das Abenteuer sein eigentliches Potenzial ausschöpfen kann.

Die Geschichte beginnt mit dem Beta-Test von Sword Art Online. Dieser dient gleichzeitig als rund dreistündiger Prolog, in dem die wichtigsten Spielmechaniken erklärt und die Welt eingeführt werden. Anschließend startet die eigentliche Handlung mit dem bekannten Schockmoment: Tausende Spieler sind im virtuellen MMORPG gefangen und können das Spiel nur verlassen, indem sie sämtliche Ebenen von Aincrad bezwingen. Stirbt der Avatar, stirbt auch der Mensch in der Realität. Die Entscheidung, nicht Kirito, sondern einen eigenen Charakter in den Mittelpunkt zu stellen, funktioniert überraschend gut. Statt bereits etablierte Ereignisse einfach nachzuspielen, entsteht das Gefühl, selbst Teil dieser verzweifelten Gemeinschaft zu sein, die ums Überleben kämpft. Gleichzeitig begegnet man bekannten Figuren der Serie regelmäßig, wodurch Fans der Vorlage viele schöne Momente erleben dürfen. Besonders gelungen ist dabei die Atmosphäre. Echoes of Aincrad vermittelt deutlich besser als viele frühere Spiele das bedrückende Gefühl, tatsächlich in einer lebensgefährlichen Spielwelt gefangen zu sein. Die ständige Unsicherheit, vorsichtige Dialoge zwischen den Charakteren und die ernste Grundstimmung treffen den Ton der Anime- und Romanvorlage erstaunlich gut.

Allerdings braucht die Geschichte sehr lange, bis sie wirklich Fahrt aufnimmt. Nach dem Prolog folgen viele Stunden, in denen sich die Handlung nur langsam entwickelt. Zwar sorgen die Gespräche zwischen den Figuren immer wieder für interessante Momente, doch bis größere Wendungen oder emotionale Höhepunkte erreicht werden, vergeht deutlich mehr Zeit als nötig. Die eigentliche Struktur erinnert an klassische Action-RPGs. Jede Mission führt euch in größere Gebiete, die miteinander verbunden sind und nach und nach erkundet werden. Leider nutzt das Spiel diese Karten kaum sinnvoll. Die Landschaften wirken oft erstaunlich leer. Abseits einiger Gegnergruppen und vereinzelter Schatzkisten gibt es nur wenig zu entdecken. Meist besteht eine Mission daraus, über weite Strecken zum nächsten Zielmarker zu laufen, unterwegs dieselben Gegnertypen zu besiegen und anschließend wieder zurückzukehren. Das Problem dabei ist nicht die Größe der Karten, sondern deren mangelnde Abwechslung. Kaum eine Erkundung wird wirklich belohnt. Viele Truhen enthalten lediglich austauschbare Materialien oder Ausrüstung, die bereits wenige Minuten später wieder ersetzt wird. Gerade weil Aincrad als Welt eigentlich voller Geheimnisse und Abenteuer steckt, fühlt sich dieses verschenkte Potenzial besonders schade an.

Spielerisch orientiert sich Echoes of Aincrad überraschend stark an modernen Soulslikes. Gegner erscheinen nach jeder Rast erneut, Bosskämpfe sind durch Nebelwände getrennt und das Kampfsystem setzt auf Ausweichen, gezieltes Timing und das Studieren von Angriffsmustern. Grundsätzlich funktioniert dieses Konzept durchaus. Besonders Bosskämpfe können spannend sein, wenn man ihre Bewegungsabläufe verinnerlicht und geduldig auf die richtige Gelegenheit wartet. Das eigentliche Problem liegt jedoch im Kampfsystem selbst. Den Angriffen fehlt schlicht das nötige Gewicht. Egal ob Schwert, Axt oder andere Waffen – viele Treffer fühlen sich an, als würden sie durch Luft gleiten. Gegner reagieren oft kaum sichtbar auf Treffer, während der eigene Charakter bei gegnerischen Angriffen entweder quer durch die Arena geschleudert wird oder überhaupt keine erkennbare Reaktion zeigt. Ein überzeugendes Trefferfeedback entsteht dadurch nur selten. Hinzu kommen teils unpräzise Animationen der Gegner. Manche Angriffe sind nur schwer zu lesen, was vor allem in hektischen Kämpfen schnell frustrierend wird.

Besonders deutlich treten die Schwächen in Kämpfen gegen mehrere Gegner hervor. Eigentlich möchte das Spiel, dass man Feinde einzeln ausschaltet. Viele Bosskämpfe ignorieren dieses Prinzip jedoch komplett und beschwören zusätzliche Gegner, sodass plötzlich mehrere Angreifer gleichzeitig auf den Spieler einprügeln. Da das Kampfsystem weder über eine zuverlässige Zielerfassung noch über ausreichend defensive Möglichkeiten verfügt, entstehen häufig unfaire Situationen. Angriffe treffen aus dem Offscreen, Gegner blockieren sich gegenseitig oder verdecken wichtige Animationen. Zum Glück stehen dem Spieler stets KI-Begleiter zur Seite, die überraschend kompetent agieren. Sie können Gegner auf sich ziehen, unterstützen aktiv im Kampf und verhindern oft, dass schwierige Situationen völlig eskalieren. Ohne diese Begleiter wäre das Kampfsystem deutlich frustrierender ausgefallen.

Wo Echoes of Aincrad dagegen richtig punktet, ist beim Charakterfortschritt. Nahezu jeder Gegner hinterlässt Waffen oder Materialien mit zufälligen Eigenschaften. Zurück in der Stadt lassen sich Lieblingswaffen verbessern, Werte übertragen oder besondere Fähigkeiten kombinieren, sodass nach und nach individuelle Ausrüstung entsteht. Gemeinsam mit den klassischen Levelaufstiegen und den frei verteilbaren Fähigkeitspunkten entwickelt sich daraus eine überraschend motivierende Progressionsspirale. Immer wieder möchte man „nur noch eine Mission“ abschließen, um eine bessere Waffe oder ein neues Ausrüstungsteil zu finden. Gerade Fans von lootlastigen Action-RPGs dürften an diesem System ihre Freude haben.
Es sorgt dafür, dass selbst schwächere Spielabschnitte durch das stetige Gefühl von Fortschritt motivierend bleiben. Unverständlich wirkt dagegen der Mangel an modernen Komfortfunktionen. Während einer Mission kann das Spiel beispielsweise nicht pausiert werden, selbst während langer Dialogsequenzen nicht. Wer eine Quest zwischendurch verlässt, muss beim nächsten Start oftmals große Teile erneut spielen. Gesammelte Beute geht verloren, Zwischensequenzen müssen erneut angesehen oder übersprungen werden und längere Missionen beginnen teilweise wieder von vorne. Gerade weil manche Quests über eine Stunde dauern und durch große, leere Gebiete führen, wirkt diese Designentscheidung unnötig frustrierend. Auch technisch hinterlässt die PS5-Version keinen perfekten Eindruck. Zwar läuft das Spiel über weite Strecken flüssig, doch in größeren Arealen oder während umfangreicher Kämpfe kommt es immer wieder zu sichtbaren Framerate-Einbrüchen.

Trotz aller Kritikpunkte schafft es Echoes of Aincrad erstaunlicherweise immer wieder, seine Stärken auszuspielen. Der ernste Ton passt hervorragend zur Vorlage, die englische Synchronisation überzeugt mit starken Leistungen und gerade langjährige Sword-Art-Online-Fans werden viele emotionale Momente erleben. Die Geschichte entwickelt sich nach ihrem langsamen Beginn zu einer durchaus spannenden Neuinterpretation des Aincrad-Arcs und bietet genügend interessante Charaktere, um bis zum Ende motiviert zu bleiben. Leider stehen diesen Qualitäten jedoch zu viele spielerische Probleme gegenüber. Das Kampfsystem fühlt sich nie wirklich ausgereift an, die Spielwelt bleibt oft erschreckend leer und zahlreiche Komfortfunktionen fehlen schlicht.
Sword Art Online: Echoes of Aincrad besitzt alle Zutaten für das bislang beste Spiel der Reihe. Die düstere Atmosphäre trifft den Geist der Vorlage hervorragend, die Geschichte gewinnt nach ihrem langsamen Einstieg deutlich an Qualität und das umfangreiche Loot- sowie Progressionssystem entwickelt einen überraschend hohen Suchtfaktor. Gleichzeitig verhindern jedoch das unausgereifte Kampfsystem, eintönige Missionsstrukturen, leere Gebiete und fehlende Quality-of-Life-Funktionen, dass das Spiel sein volles Potenzial ausschöpfen kann. Für eingefleischte Sword-Art-Online-Fans lohnt sich die Reise nach Aincrad dennoch, allein wegen der gelungenen Neuinterpretation der bekannten Geschichte. Wer dagegen vor allem ein rundes Action-RPG sucht, muss bereit sein, über zahlreiche spielerische Schwächen hinwegzusehen.
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Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!
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