Das Modul rastet mit einem satten Klick in der Konsole ein. Ein Druck auf den Power-Knopf genügt und nur wenige Sekunden später erscheint das Menü auf dem Bildschirm. Kein Download, keine Installation, keine Updates und keine Anmeldung mit einem Benutzerkonto. Stattdessen blättert man durch das gedruckte Handbuch in den Händen, wählt einen der enthaltenen Klassiker und beginnt sofort zu spielen.
Genau dieses Gefühl macht Evercade aus. Während sich die Videospielbranche immer stärker in Richtung digitaler Distribution entwickelt, verfolgt Blaze Entertainment einen vollkommen anderen Ansatz. Das britische Unternehmen setzt konsequent auf physische Spiele, offiziell lizenzierte Sammlungen und Hardware, die das Spielgefühl vergangener Jahrzehnte mit modernen Annehmlichkeiten verbindet. Für Retro-Fans und Sammler ist Evercade deshalb weit mehr als nur eine weitere Retro-Konsole – es ist ein komplettes Ökosystem.
Eine Idee, die zur richtigen Zeit kam
Als das erste Evercade-Handheld im Jahr 2020 vorgestellt wurde, war die Skepsis zunächst groß. Emulatoren gab es bereits unzählige, ebenso wie Mini-Konsolen oder Geräte mit vorinstallierten ROM-Sammlungen.

Blaze Entertainment verfolgte jedoch von Anfang an eine andere Philosophie. Statt fragwürdiger Spielebibliotheken setzt das Unternehmen ausschließlich auf offiziell lizenzierte Titel. Jedes Cartridge entsteht in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Rechteinhabern und bündelt Klassiker eines Publishers, einer Plattform oder eines bestimmten Genres. Dadurch erscheinen Spiele von Atari, Namco, Data East, Technos, Bitmap Brothers, Team17, Toaplan, Rare und vielen weiteren Entwicklern in hochwertiger Form erneut auf echter Hardware.
Das Besondere daran: Man kauft keine einzelnen Downloads, sondern kleine kuratierte Sammlungen Videospielgeschichte, die man sich auch ins Regal stellen kann…
Vom Handheld zum vollständigen Ökosystem
Aus dem ursprünglichen Handheld entwickelte sich innerhalb weniger Jahre eine komplette Produktfamilie.
Mit dem Evercade VS erschien erstmals eine stationäre Konsole für den Fernseher. Dank vier Controller-Anschlüssen richtet sie sich besonders an Freunde lokaler Mehrspieler-Partien. Zwei Cartridge-Steckplätze erlauben es zudem, zwischen unterschiedlichen Spielesammlungen zu wechseln, ohne ständig Module austauschen zu müssen. Einige Kombinationen schalten sogar versteckte Bonusspiele frei – ein kleines Detail, das den Charme des Systems unterstreicht.

Später folgte mit dem Evercade VS-R eine überarbeitete Version der Heimkonsole. Technisch bleibt sie dem ursprünglichen Modell weitgehend treu, präsentiert sich jedoch in einem moderneren Design und bietet einen günstigeren Einstieg in das System.
Auch das Handheld wurde kontinuierlich weiterentwickelt. Der aktuelle Evercade EXP-R übernimmt die Stärken seines Vorgängers mit hochauflösendem IPS-Display, integriertem TATE-Modus für vertikale Arcade-Shooter und einer verbesserten Ergonomie. Gleichzeitig konzentriert sich das Gerät vollständig auf das eigentliche Spielerlebnis und verzichtet auf einige Sonderfunktionen des ursprünglichen EXP.
Das Schönste daran: Sämtliche Geräte greifen auf dieselbe Spielesammlung zu. Ein heute gekauftes Cartridge funktioniert sowohl auf dem Handheld als auch auf der Heimkonsole. Dadurch wächst die eigene Sammlung unabhängig von der verwendeten Hardware kontinuierlich weiter.
Spielen wie früher – nur komfortabler
Obwohl Evercade bewusst nostalgische Gefühle weckt, fühlt sich das Spielen keineswegs altmodisch an. Die Konsole setzt dabei selbstverständlich auf HDMI und lässt sich damit ohne Probleme an modernen Bildschirmen verwenden.

Nach dem Einschalten landet man direkt im Menü des jeweiligen Cartridges. Von dort aus können alle enthaltenen Spiele ausgewählt werden. Lange Ladezeiten oder Installationen existieren praktisch nicht und zusätzlich bekommt man noch wissenswerte Hintergrundinformationen zu den einzelnen Spielen.
Gleichzeitig bietet das System zahlreiche Komfortfunktionen, die viele Spieler heute nicht mehr missen möchten. Spielstände lassen sich jederzeit per Save State speichern und später exakt an derselben Stelle fortsetzen. Mehrere Speicherplätze pro Spiel sorgen dafür, dass verschiedene Abenteuer parallel gespielt werden können. Firmware-Updates verbessern das System regelmäßig und erweitern teilweise sogar dessen Funktionsumfang. Und wer mehr Nostalgie-Flash haben möchte kann sich selbstverständlich mit unterschiedlichen Filteroptionen austoben. So verbindet Evercade das unmittelbare Spielgefühl klassischer Konsolen mit dem Komfort moderner Hardware.
Wie gut ist die Emulation?
Eine der häufigsten Fragen betrifft die Emulationsqualität.
Hier leistet Blaze Entertainment insgesamt hervorragende Arbeit. Die meisten Klassiker laufen flüssig, reagieren präzise auf Eingaben und vermitteln ein authentisches Spielgefühl. Natürlich erreicht das System nicht die Perfektion spezialisierter FPGA-Lösungen oder originaler Konsolenhardware. Wer jedes einzelne Timing bis ins letzte Detail analysiert, wird Unterschiede entdecken.

Im normalen Spielbetrieb treten diese jedoch kaum in Erscheinung. Statt technischer Perfektion steht der unkomplizierte Spielspaß im Vordergrund – und genau darin überzeugt Evercade auf ganzer Linie.
Mehr als Spiele – eine Sammlung zum Anfassen
Ein entscheidender Bestandteil des Konzepts sind die Module selbst.
Jedes Cartridge erscheint in einer hochwertigen Kunststoffhülle inklusive farbigem Handbuch. Dieses enthält nicht nur Spielanleitungen, sondern oft auch Hintergrundinformationen über Entwickler, Publisher und die Geschichte der jeweiligen Titel. Schon das Auspacken erinnert an eine Zeit, in der Handbücher selbstverständlich zum Spielerlebnis gehörten.

Auch preislich bleibt das System erfreulich fair. Die meisten Module kosten zwischen 20 und 30 Euro und enthalten je nach Collection zwischen vier und zwanzig Spiele, teilweise sogar noch mehr. Rechnet man den Preis auf die einzelnen Titel herunter, ergibt sich häufig ein erstaunlich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – insbesondere angesichts der offiziellen Lizenzen und der hochwertigen Präsentation.
Für Sammler bietet Evercade einen zusätzlichen Reiz. Einige ältere Collections wurden inzwischen aus dem Sortiment genommen und gelten als sogenannte Legacy-Cartridges. Diese Module entwickeln sich zunehmend zu begehrten Sammlerstücken und zeigen, dass physische Spiele auch im digitalen Zeitalter ihren besonderen Wert behalten können.
Warum physische Spiele wieder wichtiger werden
In den vergangenen Jahren hat sich der Spielemarkt grundlegend verändert. Immer mehr Titel erscheinen ausschließlich digital, Online-Stores werden geschlossen und Lizenzen laufen aus. Selbst gekaufte Spiele sind häufig nur so lange verfügbar, wie der jeweilige Anbieter seinen Dienst betreibt.

Evercade setzt diesem Trend bewusst etwas entgegen.
Ein Cartridge gehört dem Käufer dauerhaft. Es lässt sich jederzeit erneut einlegen, weiterverkaufen oder an spätere Generationen weitergeben. Genau dieses Gefühl von Besitz und Beständigkeit ist heute beinahe außergewöhnlich geworden und macht einen großen Teil der Faszination des Systems aus.
Fazit
Evercade ist keine Konsole für Spieler, die ausschließlich nach maximaler Rechenleistung oder perfekter Originalhardware suchen. Stattdessen richtet sich das System an Menschen, die Videospielgeschichte erleben, sammeln und dauerhaft besitzen möchten.
Mit offiziell lizenzierten Spielesammlungen, einer durchdachten Hardware-Familie, fairen Modulpreisen und einer überzeugenden Emulationsqualität hat Blaze Entertainment in wenigen Jahren eines der spannendsten Retro-Ökosysteme überhaupt geschaffen.
Gerade heute, wo digitale Bibliotheken immer vergänglicher werden, erinnert Evercade daran, wie schön es sein kann, ein Spiel tatsächlich in die Hand zu nehmen. Das Cartridge einzulegen, den Einschaltknopf zu drücken und einfach loszuspielen – manchmal ist genau diese Einfachheit der größte Luxus.
NB@23.07.2026
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