Im Jahr 1990, nachdem Sam Raimi bereits einige Erfolge mit den ersten beiden Tanz der Teufel-Filmen verzeichnen konnte, wollte er sich bereits Jahre vor „Spider-Man“ dem Superhelden-Genre zuwenden. Am liebsten hätte er einen Film zu „The Shadow“, einem seiner lieblinge Comics, umgesetzt, doch die Recht waren damals leider nicht zu bekommen. So entschied sich Raimi einen eigenen Superhelden zu kreieren: „Darkman“, einen Film, der sich grob irgendwo zwischen Horror, Action und Drama einordnen lässt. Der Film war ein Erfolg, sodass eine Videospielumsetzung im selben Jahr von Ocean Software für das NES umgesetzt wurde – ein Schritt, der bei vielen zunächst Verwunderung auslöste, denn Raimis unkonventioneller Antiheld wirkte nicht unbedingt wie typisches Futter für ein klassisches Jump’n’Run. Doch genau das wagte Ocean: eine Mischung aus Plattform-Action mit leichten Stealth-Elementen, eingebettet in eine stilisierte 8-Bit-Version der düsteren Filmvorlage…

Im Zentrum von „Darkman“ steht Peyton Westlake, ein brillanter Wissenschaftler, dessen Leben auf tragische Weise zerbricht, als eine Gruppe Krimineller sein Labor in die Luft jagt. Entstellt, traumatisiert und offiziell für tot erklärt, erwacht Peyton als eine Art Phantom seiner selbst – ohne Schmerzempfinden, aber mit loderndem Zorn und dem unbedingten Wunsch nach Rache. In einer Welt, die ihn für tot hält, kehrt er als „Darkman“ zurück, nutzt seine biotechnologische Forschung, um temporäre Masken herzustellen und so die Identität seiner Feinde anzunehmen, um sie Stück für Stück zur Strecke zu bringen.

Die Handlung des Spiels orientiert sich lose am Film, wobei sie sich in fragmentierte Level gliedert, die Schlüsselmomente nacherzählen – wenn auch sehr frei interpretiert. Der Konflikt zwischen Westlake und dem skrupellosen Industriellen Louis Strack sowie dem Handlanger Durant wird zusätzlich in simplen Zwischensequenzen vermittelt. In gewisser Weise erinnert der narrative Aufbau an Spiele wie „Batman: The Video Game“ von Sunsoft, wo die Geschichte nur als lose Klammer dient, um Actionsequenzen miteinander zu verbinden. Trotzdem spürt man beim Spielen einen gewissen Respekt gegenüber der Vorlage – zumindest atmosphärisch. Die Welt ist dreckig, urban, bedrohlich. Statt farbenfroher Mario-Kulisse begegnen einem rostige Dächer, brennende Lagerhallen und finstere Stadtlandschaften – mit viel Schwarz, Grau und verwaschenen Brauntönen, die das dystopische Flair von Raimis Vision erstaunlich gut einfangen.

Gameplaytechnisch ist „Darkman“ ein klassisches Plattform-Actionspiel mit einem interessanten Twist: In bestimmten Abschnitten muss Westlake heimlich Fotos von seinen Gegnern machen, um später ihre Identität anzunehmen – eine Art primitive Stealth-Mechanik, die dem Spiel für damalige Verhältnisse tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal verleiht. Die Kamera-Szenen spielen sich fast wie Mini-Schleichpassagen, in denen man sich vorsichtig voran bewegen muss, ohne entdeckt zu werden – das Ganze ein wenig sperrig, aber überraschend ambitioniert, auch wenn es anscheinend keine Konsequenzen zu haben scheint wie gut oder schlecht man in diesem Abschnitten abschneidet.

Der Großteil des Spiels jedoch besteht aus recht traditionellem Plattforming: Springen, Kämpfen, Ausweichen. Dabei wirkt die Steuerung leider oft etwas schwammig. Westlake bewegt sich träge, seine Sprungmechanik ist gewöhnungsbedürftig und die Kollisionsabfrage nicht immer fair. So schien es bis zum Ende wie ein Glücksspiel ob ein kurzer oder ein langer Sprung ausgeführt wird, oder ob ein Schlag trifft oder vorbei geht. In hektischen Situationen – etwa bei Bosskämpfen oder vertikalen Fluchtsequenzen – kann das sehr schnell frustrieren. Verglichen mit Genrekollegen wie „Ninja Gaiden“ oder auch „Shadow of the Ninja“ hinkt „Darkman“ spürbar hinterher, was Präzision und Spielfluss angeht.

Trotzdem gibt es positive Ansätze: Die Level sind abwechslungsreich designt – von dunklen Lagerhäusern über U-Bahn-Schächte bis hin zu Hochhausdächern. Auch der Schwierigkeitsgrad ist herausfordernd, aber nicht unüberwindbar – ein guter Mix aus Trial-and-Error und Belohnung durch Auswendiglernen. Darüber hinaus bietet das Masken-System ein interessantes Feature, da jede Maske auch eigene Fähigkeiten mit sich bringt. So spielen wir nur im ersten Level Darkman und in allen anderen jeweils einen anderen Bösewicht.

Die audiovisuelle Umsetzung gehört zu den Stärken des Spiels – zumindest gemessen am Limit der 8-Bit-Hardware. Grafisch zeigt sich Ocean durchaus kompetent: Die Sprites sind detailreich, besonders Westlake in seinen Masken ist gut erkennbar, ebenso wie seine Gegner, die allesamt individuelle Animationen besitzen. Besonders gelungen ist der Effekt der Masken-Zerfallsanzeige: Je länger man getarnt ist, desto mehr „blättert“ die Maske visuell ab – ein cleverer, visueller Timer, der spielerische Konsequenzen nach sich zieht.

Der Soundtrack – komponiert im NES-typischen Chiptune-Stil – ist düster, pulsierend und erstaunlich atmosphärisch. Während viele NES-Spiele sich auf einfache Loops verlassen, versucht „Darkman“ die Klanglandschaft des Films zu reflektieren. Streckenweise fühlt man sich fast an die bedrückende Stimmung von „Double Dragon II“ erinnert, nur dass hier mehr dissonante Töne vorherrschen. Technisch läuft das Spiel auf dem NES stabil, ohne auffälliges Flackern oder Ruckeln. Bei anderen Plattformen, etwa dem C64, fällt das Ergebnis teils schwächer aus – dort leidet die Performance gelegentlich unter träger Steuerung und längeren Ladezeiten. Die NES-Version bleibt damit die wohl ausgewogenste und am besten spielbare Fassung.

„Darkman“ ist kein Remake und keine Fortsetzung, sondern eine eigenständige Umsetzung des Films, die versucht, dem Film sowohl inhaltlich als auch stilistisch gerecht zu werden. Auffällig ist dabei, dass Ocean nicht bloß eine simple Filmlizenz in ein austauschbares Actionspiel gegossen hat, sondern sich sichtlich bemüht hat, narrative Elemente und Mechaniken einzubauen, die Bezug zur Vorlage nehmen – auch wenn das Ergebnis nicht immer vollständig aufgeht.

Entwickelt wurde das Spiel von Ocean Software, einem britischen Studio, das in den 80er- und frühen 90er-Jahren für zahlreiche Filmumsetzungen auf Heimcomputern bekannt war. Titel wie „Robocop“, „Lethal Weapon“ oder „The Addams Family“ stammen ebenfalls aus dem Hause Ocean. Dabei war das Studio berüchtigt dafür, enge Zeitpläne und Lizenzdruck mit überraschend kreativen Ansätzen zu verbinden. „Darkman“ entstand vermutlich unter ähnlichen Bedingungen – die gleichzeitige Veröffentlichung mit dem Film deutet auf eine parallele Entwicklung hin. Dennoch muss man den Entwicklern zugestehen, dass sie versucht haben, mehr als nur Marketingbeilage abzuliefern.

Abschließend lässt sich sagen, dass „Darkman“ auf dem NES ein ungewöhnliches Stück Spielehistorie ist: technisch solide, atmosphärisch dicht, aber spielerisch nicht ganz ausgereift, besonders in Hinblick auf die Steuerung. Wer auf düstere Superhelden-Stoffe steht und das NES über die üblichen Klassiker hinaus erkunden möchte, findet hier ein ambitioniertes, wenn auch stellenweise frustrierendes Spiel. Es richtet sich besonders an nostalgische Spielerinnen und Spieler, die den rauen Charme früher Lizenzspiele zu schätzen wissen und sich nicht von einer etwas hakeligen Steuerung abschrecken lassen. Für Gelegenheitsspieler oder Genre-Neulinge dürfte der Zugang hingegen schwierig sein. Aber für jene, die den Mut aufbringen, sich durch die Schatten zu kämpfen, offenbart sich ein kleiner, fast vergessener Klassiker mit Ecken, Kanten und viel Stil.
Entwickler: Ocean Software
Publisher: Ocean Software
Erhältlich auf: NES, Amiga 500, Atari ST, Commodore 64, ZX Spectrum
Getestet auf: NES
NB@07.08.2025
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