Es gibt nur wenige Spiele, die für das Medium Videospiel einen ähnlich prägenden Stellenwert besitzen wie „Myst“. Als das ursprüngliche Abenteuer 1993 erschien, setzte es nicht nur neue Maßstäbe für atmosphärisches Storytelling, Rätseldesign und technische Präsentation, sondern fungierte neben „Rebel Assault“ als Systemseller für CD-Laufwerke für PCs.

Fast 30 Jahre später hat das Kultspiel dann ein umfangreiches und von Grund auf neu aufgebautes Remake erfahren, das jetzt endlich auch seinen Einzug auf Konsolen gibt, das wir uns für euch ganz genau angesehen haben. Die Entwickler betonen dabei, dass das Remake, trotz des neuen Anstrichs, seinem Kern treu bleibt: eine Mischung aus Erkundung, Rätseln und geheimnisvoller Erzählkunst. Doch die zentrale Frage lautet dabei zweifelsfrei, ob ein Werk aus den frühen Neunzigern auch heute noch dieselbe Faszination entfalten kann wie damals?

Die Antwort beginnt bereits mit den ersten Schritten auf der titelgebenden Insel. Ohne große Einführung findet man sich an einem fremdartigen Ort wieder, dessen friedliche Oberfläche zahlreiche Geheimnisse verbirgt. Statt auf Action oder lange Zwischensequenzen setzt das Abenteuer konsequent auf Beobachtung und Neugier. Nach und nach stößt man auf Bücher, Aufzeichnungen und Hinweise, die eine Geschichte über Familie, Macht und Verrat erzählen.

Im Mittelpunkt stehen die Brüder Sirrus und Achenar sowie ihr Vater Atrus, deren Schicksale eng mit den sogenannten Zeitaltern verbunden sind – fremden Welten, die über besondere Bücher bereist werden können. Die Handlung entfaltet sich dabei vor allem über Dokumente, Umgebungsdetails und die Rätsel selbst. Vieles bleibt zunächst offen und fordert die eigene Interpretation heraus. Dadurch entsteht eine geheimnisvolle Atmosphäre, die eher an einen interaktiven Roman erinnert als an klassische Adventure-Spiele.

Die Welt lebt von ihrer Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen. Warum befinden sich bestimmte Maschinen an bestimmten Orten? Welche Ereignisse haben die Insel geprägt? Wem kann man überhaupt vertrauen? Die Antworten ergeben sich langsam und belohnen aufmerksame Spieler mit einem Gefühl echter Entdeckung. Dieser Ansatz wirkt auch heute noch erstaunlich modern und sorgt dafür, dass die Geschichte lange im Gedächtnis bleibt.

Spielerisch bleibt das Grundprinzip unverändert. Man erkundet die Insel und ihre verschiedenen Zeitalter aus der Ego-Perspektive, untersucht die Umgebung und löst Rätsel. Während das Original noch auf statische Bildschirme setzte, erlaubt die Neuauflage vollständige Bewegungsfreiheit in einer dreidimensionalen Welt. Dadurch wirken die Schauplätze deutlich lebendiger und glaubwürdiger als in früheren Versionen.

Die Steuerung auf der PlayStation 5 funktioniert insgesamt sehr intuitiv. Gegenstände lassen sich direkt anwählen, Schalter bedienen und Mechanismen aktivieren. Gleichzeitig gibt das Abenteuer nur wenige Hilfestellungen. Wer vorankommen möchte, muss aufmerksam beobachten, Notizen machen und Zusammenhänge erkennen. Viele moderne Spiele markieren Lösungen deutlich oder geben konkrete Hinweise. Hier gilt das Gegenteil. Fast jede Herausforderung verlangt eigenständiges Denken.

Gerade darin liegt die größte Stärke des Spiels. Das Lösen der Rätsel fühlt sich selten wie das Abarbeiten vorgegebener Aufgaben an, sondern wie das Entschlüsseln einer fremden Welt. Wer Zusammenhänge erkennt und schließlich die Lösung eines komplexen Problems findet, wird mit einem besonders befriedigenden Erfolgserlebnis belohnt. Gleichzeitig verlangt diese Philosophie Geduld. Einige Rätsel können anspruchsvoll sein und setzen voraus, dass man aufmerksam bleibt und sich intensiv mit seiner Umgebung beschäftigt.

Das Leveldesign unterstützt diesen Ansatz hervorragend. Die verschiedenen Zeitalter unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch in ihrer Struktur und ihren Mechaniken. Jede Welt besitzt ihre eigene Identität und erweitert das Abenteuer um neue Ideen, ohne die grundlegenden Spielprinzipien aus den Augen zu verlieren. Zusätzlich bietet die Neuauflage die Möglichkeit, bestimmte Rätsellösungen zufällig zu variieren. Selbst Veteranen können dadurch nicht jede Aufgabe automatisch auswendig lösen.

Grafisch präsentiert sich das Remake beeindruckend. Wo das Original noch mit vorgerenderten Standbildern arbeitete, setzt die Neuauflage auf moderne 3D-Technik und vollständig frei erkundbare Umgebungen. Die Insel wirkt detailliert, glaubwürdig und gleichzeitig angenehm surreal. Besonders die Lichtstimmung trägt viel zur Atmosphäre bei. Sonnenstrahlen brechen durch Bäume, Wasser reflektiert seine Umgebung und zahlreiche kleine Details verleihen den verschiedenen Zeitaltern eine fast greifbare Präsenz.

Auf der PlayStation 5 läuft das Abenteuer überwiegend stabil und profitiert von kurzen Ladezeiten. Da das Spiel keinen Fokus auf schnelle Reaktionen legt, steht die Atmosphäre stets im Vordergrund. Die technische Umsetzung unterstützt diesen Ansatz wirkungsvoll und lässt die fremdartigen Landschaften besonders eindrucksvoll zur Geltung kommen.

Auch akustisch überzeugt die Neuauflage. Die Musik bleibt zurückhaltend und setzt gezielt Akzente, anstatt dauerhaft im Vordergrund zu stehen. Oft sind es Umgebungsgeräusche, Wind, Wasser oder das mechanische Klacken komplexer Apparaturen, die die Stimmung prägen. Dadurch entsteht ein Gefühl der Isolation, das perfekt zur Grundstimmung passt. Die wenigen Dialoge erhalten durch die gelungene Vertonung zusätzliches Gewicht, ohne die ruhige Atmosphäre zu stören.

Da es sich um ein vollständiges Remake handelt, lohnt sich ein Blick auf das Original. Sämtliche Umgebungen wurden neu erschaffen, Interaktionen überarbeitet und die Präsentation an moderne Standards angepasst. Gleichzeitig bleibt der Kern unangetastet. Rätsel, Atmosphäre und Erzählstruktur orientieren sich eng an der Vorlage und vermitteln noch immer jenes Gefühl von Entdeckung, das den Klassiker einst berühmt machte. Wer die ursprüngliche Version kennt, wird zahlreiche vertraute Orte wiedererkennen und dennoch viele Details neu erleben.

Hinter dem Projekt steht Cyan Worlds, jenes Studio, das bereits das Original entwickelte und bis heute eng mit der Reihe verbunden ist. Gegründet von den Brüdern Rand Miller und Robyn Miller, zählt das Unternehmen zu den Pionieren narrativer Adventure-Spiele. Nach dem Erfolg von „Myst“ entstanden weitere Titel wie „Riven“, „Uru“ und „Obduction“, die ebenfalls großen Wert auf Atmosphäre, Erkundung und anspruchsvolle Rätsel legten. Die Entscheidung, den Klassiker erneut neu aufzulegen, wirkt daher wie eine konsequente Weiterentwicklung der eigenen Geschichte.

Am Ende bleibt „Myst“, damals wie heute, ein außergewöhnliches Erlebnis, das sich bewusst gegen viele moderne Designtrends stellt. Das Abenteuer richtet sich nicht an Spieler, die permanente Action oder ständige Belohnungen suchen. Stattdessen spricht es Menschen an, die gerne beobachten, kombinieren und sich vollständig in eine fremde Welt vertiefen möchten. Die Neuauflage bewahrt die Faszination des Originals und zeigt eindrucksvoll, wie zeitlos gutes Worldbuilding, cleveres Rätseldesign und atmosphärisches Storytelling sein können.

Wer Freude an klassischen Rätselabenteuern, atmosphärischer Erkundung und intelligent aufgebauten Spielwelten hat, sollte sich diese Neuinterpretation näher ansehen. Auch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Debüt besitzt dieses Abenteuer noch immer die Fähigkeit, Staunen, Neugier und Entdeckergeist zu wecken.
Entwickler: Cyan Worlds
Publisher: Cyan Worlds
Erhältlich auf: PC, PS5, PSVR2, Xbox One, Xbox Series X/S, Meta Quest
Getestet auf: PS5
NB@17.06.2026
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Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!
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