Mit „Wake Up, Lia!“ nimmt sich Eastasiasoft gemeinsam mit SMV Games eines ungewöhnlich ernsten Themas an und verbindet es mit der vertrauten Struktur eines klassischen 2D-Präzisionsplattformers. Statt einer großen Fantasywelt oder eines actionreichen Abenteuers geht es um Albträume, Erinnerungen und die Folgen von Mobbing. Dabei stellt sich die Frage, ob sich ein emotional schweres Thema tatsächlich mit einem bewusst einfachen Plattformkonzept verbinden lässt?

Die Geschichte führt in die Albträume von Lia, einer jungen Heldin, deren Traumwelt von ihren Erfahrungen mit Mobbing geprägt ist. Vieles wird nicht über lange Dialoge oder ausufernde Zwischensequenzen erzählt, sondern über die Umgebung und symbolische Erinnerungsstücke. Puppen, Zeichnungen und zerbrochene Spiegel stehen stellvertretend für Erlebnisse und verlorene Teile ihrer Identität. Während Lia die einzelnen Albträume durchquert, setzt sich nach und nach ein Bild ihrer Vergangenheit zusammen.

Die Traumwelt wirkt zunächst beinahe verspielt und kindlich, entwickelt durch ihre dunkleren Elemente aber schnell eine bedrückende Wirkung. Die fünf Kapitel greifen unterschiedliche Aspekte von Lias Erlebnissen auf und führen von Isolation und Demütigung bis hin zu Wiederverbindung und Wiedergeburt. Die Erzählung bleibt dabei angenehm zurückhaltend und versucht nicht, das ernste Thema mit unnötigen Wendungen zu überladen.

Spielerisch bleibt die Produktion bewusst bodenständig. Aus der seitlichen Perspektive wird Lia durch insgesamt 20 handgefertigte Abschnitte geführt. Laufen, Springen und das richtige Timing bilden den Kern des Geschehens. Fallen, Hindernisse und Abgründe verwandeln die einzelnen Räume in kompakte Geschicklichkeitsprüfungen. Erkundung oder komplexe Systeme stehen dagegen nicht im Mittelpunkt.

Damit orientiert sich der Titel klar an klassischen 2D-Präzisionsplattformern. Viele Passagen sind schnell verstanden, müssen aber zunächst fehlerfrei ausgeführt werden. Scheitern gehört entsprechend zum Spielablauf. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade erlauben es, den Anspruch an die eigenen Fähigkeiten anzupassen, ohne das grundlegende Spielprinzip zu verändern.

Eine nette Ergänzung ist der lokale Koop-Modus für zwei Spieler. Im Splitscreen steuert jeder eine eigene Version von Lia. Die Level selbst verändern sich dadurch nicht grundlegend, dennoch bietet der Modus eine unterhaltsame Alternative zum Solodurchlauf und macht die kompakte Plattformkost auch für gemeinsames Spielen interessant.

Optisch setzt das Abenteuer auf einen handgezeichneten Stil, der den Kontrast zwischen kindlicher Unschuld und düsteren Traumbildern hervorhebt. Die Figuren erinnern teilweise an Illustrationen aus einem Kinderbuch, während die Umgebungen zunehmend unheimlicher wirken. Statt auf klassischen Horror setzt die Präsentation damit eher auf ein unterschwelliges Gefühl von Unbehagen.

Auf der getesteten Xbox Series X läuft das Spiel flüssig und unterstützt eine Ausgabe bis 4K sowie 60 Bilder pro Sekunde. Auch beim Sound steht die Atmosphäre im Vordergrund. Der zurückhaltende Soundtrack passt zur melancholischen Grundstimmung und begleitet die einzelnen Traumwelten, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Hinter dem Projekt stehen Eastasiasoft und SMV Games. Eastasiasoft ist ein unabhängiger Entwickler und Publisher aus Hongkong, der seit 2007 aktiv ist und ein umfangreiches Portfolio kleinerer und oftmals ungewöhnlicher Produktionen aufgebaut hat. Zum Katalog gehören unter anderem „Rainbow Moon“, „Rainbow Skies“, „Xuan Yuan Sword 7“ und „Trigger Witch“. Die Veröffentlichung fügt sich damit gut in das breit gefächerte Angebot des Unternehmens ein.

Am Ende bleibt eine bewusst kompakte Plattform-Erfahrung, die ihr einfaches Spielprinzip mit einem ungewöhnlich ernsten Hintergrund verbindet. Gerade der Gegensatz zwischen der teilweise niedlichen Optik und der bedrückenden Thematik verleiht dem Abenteuer seinen eigenen Charakter. Spielerisch sollte man allerdings keine komplexe Plattformsimulation erwarten: Der Reiz entsteht vor allem durch präzises Timing, Wiederholung und das Überwinden der einzelnen Passagen.

Wer klassische 2D-Präzisionsplattformer mag und sich auf eine etwas ungewöhnlichere, emotionalere Erzählweise einlassen möchte, bekommt eine überschaubare, atmosphärische Erfahrung. „Wake Up, Lia!“ versucht nicht, das Genre neu zu erfinden, setzt aber seine wenigen Bausteine stimmig zusammen und findet gerade dadurch eine eigene kleine Nische.
Entwickler: Eastasiasoft, SMV Games
Publisher: Eastasiasoft
Erhältlich auf: PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch
Getestet auf: Xbox Series X
NB@07.10.2026
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