Kaum eine Shooter-Reihe hat das Genre der Third-Person-Deckungsshooter so nachhaltig geprägt wie „Gears of War“. Seit dem Debüt im Jahr 2006 steht die Serie für wuchtige Feuergefechte, eine düstere Science-Fiction-Welt und den verzweifelten Überlebenskampf der Menschheit. Mit „Gears of War: E-Day“ kehrt das Franchise nun zu seinen Ursprüngen zurück. Der Titel ist allerdings weder eine klassische Fortsetzung noch ein Remake des Originals. Stattdessen erzählt das Prequel jene Ereignisse, die den Grundstein für die gesamte Reihe legten und die im Laufe der Reihe bisher immer nur angedeutet wurden. Doch gelingt es den Entwicklern, die bekannten Stärken mit zeitgemäßen Neuerungen zu verbinden und gleichzeitig ein mitreißendes Prequel abzuliefern dessen Ausgang man, bedingt durch die anderen Teile der Reihe, vermeintlich kennt?

Die Handlung spielt vierzehn Jahre vor dem ersten Serienteil auf dem Planeten Sera. Nach dem Ende der jahrzehntelangen Pendulum-Kriege scheint für die Bevölkerung endlich eine friedlichere Zukunft möglich. Doch diese Hoffnung wird am sogenannten Emergence Day jäh zerstört. Ohne Vorwarnung brechen die als Locust bekannten Kreaturen aus dem Untergrund hervor und beginnen einen erbarmungslosen Vernichtungsfeldzug. Ganze Städte versinken innerhalb kürzester Zeit im Chaos, während die Streitkräfte verzweifelt versuchen, der unbekannten Bedrohung Herr zu werden.

Im Mittelpunkt stehen die jungen Soldaten Marcus Fenix und Dominic Santiago, die Serienfans natürlich bestens kennen. Anders als in den bisherigen Abenteuern erleben wir die beiden allerdings noch vor ihrer gemeinsamen Zeit als abgebrühte Veteranen. Besonders interessant ist dabei ihre persönliche Vorgeschichte. Der Tod von Carlos Santiago, Doms älterem Bruder und Marcus’ bestem Freund, hat ihre einst enge Beziehung belastet. Erst die gemeinsame Konfrontation mit einer völlig neuen Bedrohung bringt sie wieder näher zusammen. Damit erzählt das Spiel nicht nur vom Beginn des Locust-Krieges, sondern auch von den Ursprüngen einer Freundschaft, die später zum emotionalen Mittelpunkt der gesamten Reihe werden sollte.

Gerade dieser Ansatz macht das Prequel interessant. Während wir in den bisherigen Spielen eine bereits vom Krieg gezeichnete Welt kennenlernten, erleben wir diesmal deren Untergang praktisch aus erster Hand. Die Menschen wissen noch nicht, womit sie es zu tun haben, und selbst erfahrene Soldaten sind auf das Grauen aus dem Untergrund kaum vorbereitet. Das verleiht den Begegnungen mit den Locust eine andere Bedeutung. Die Geschichte profitiert dabei von unserem Wissen um die späteren Ereignisse, funktioniert aber auch ohne Vorkenntnisse. Gleichzeitig rückt der Titel den Horror wieder stärker in den Vordergrund, der bereits das ursprüngliche „Gears of War“ auszeichnete.

Spielerisch bleibt sich die Reihe grundsätzlich treu. Aus der Third-Person-Perspektive bewegen wir uns durch zerstörte Straßenzüge, Gebäude und weitläufigere Kampfgebiete, suchen Deckung und nehmen die Gegner unter Beschuss. Das bekannte Deckungssystem bildet weiterhin das Fundament der Gefechte, wurde allerdings vollständig überarbeitet. Bewegungen zwischen unterschiedlichen Hindernissen funktionieren flüssiger, während zusätzliche Deckungshöhen mehr Möglichkeiten bei der Positionierung eröffnen. Neu ist außerdem, dass unsere Spielfigur erstmals springen kann. Zusammen mit Rutschmanövern und erweiterten Klettermöglichkeiten ergeben sich dadurch deutlich mehr Optionen, um Gegner zu flankieren oder alternative Wege durch die Umgebung zu nutzen.

Auch beim Waffenhandling hat sich einiges getan. Die Projektile besitzen nun eine simulierte Flugbahn, wodurch insbesondere auf größere Entfernungen ein genaueres Zielen erforderlich wird. Zudem lässt sich beim Anvisieren die Schulterperspektive wechseln, was gerade bei Gefechten aus der Deckung hilfreich ist. Hinzu kommen überarbeitete Rückstoßmechaniken und neue Waffen, die das bekannte Arsenal ergänzen. Das aktive Nachladesystem bleibt ebenso erhalten wie die charakteristisch wuchtigen Trefferreaktionen. Besonders interessant ist zudem die Entstehung des legendären Lancers mit Kettensägenbajonett, dessen Entwicklung diesmal unmittelbar in die Handlung eingebunden wird.

Das Leveldesign profitiert spürbar von den erweiterten Bewegungsmöglichkeiten. Zwar bleibt die Kampagne überwiegend linear, doch größere Areale erlauben unterschiedliche Vorgehensweisen. Statt Gegner grundsätzlich frontal anzugreifen, können wir beispielsweise erhöhte Positionen nutzen oder ihnen über Seitenwege in den Rücken fallen. Gelegentliche Erkundungsmöglichkeiten und Verbesserungen für die Ausrüstung lockern das Geschehen zusätzlich auf. Dabei bleibt das Spiel erfreulich konzentriert und verzichtet darauf, seine Geschichte unnötig mit einer riesigen offenen Spielwelt zu strecken. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich anpassen, wobei gerade auf höheren Einstellungen ein überlegter Umgang mit Deckungen und Munition gefragt ist.

Neben der Einzelspielerkampagne spielt natürlich auch der Mehrspielermodus wieder eine wichtige Rolle. Die Geschichte lässt sich auf den Konsolen zu zweit im Splitscreen oder online mit bis zu vier Teilnehmern erleben. Mit Horde Siege erwartet uns außerdem eine deutlich erweiterte Variante des bekannten Horde-Modus. Hier kämpfen bis zu zwölf Spieler, aufgeteilt in drei Viererteams, auf großen Karten gegen die Locust und erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Verschiedene Klassen sorgen dabei für zusätzliche taktische Möglichkeiten. Wer lieber gegen menschliche Gegner antritt, findet im klassischen Versus-Modus kompetitive 4-gegen-4-Gefechte. Damit bleibt auch abseits der Kampagne genügend Raum für gemeinsame Spielstunden.

Technisch markiert der Wechsel auf die Unreal Engine 5 einen deutlichen Fortschritt. The Coalition hat sämtliche Charaktermodelle, Animationen, Waffen und Umgebungen von Grund auf neu entwickelt. Besonders die zerstörte Stadt Kalona vermittelt eindrucksvoll das Ausmaß der Katastrophe. Monumentale Gebäude, dichte Rauchschwaden und aufwendig gestaltete Innenräume sorgen für eine beklemmende Atmosphäre. Dabei orientiert sich die Farbgebung wieder stärker am düsteren Stil des Originals, ohne auf moderne Beleuchtungs- und Partikeleffekte zu verzichten. Auf der Xbox Series X unterstützt das Spiel eine 4K-Darstellung mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde. Auch akustisch überzeugt die vertraute Mischung aus druckvollen Waffengeräuschen, bedrohlichen Gegnerlauten und einer stimmungsvollen musikalischen Begleitung. Gerade in ruhigeren Momenten entfaltet die Präsentation ihre besondere Wirkung.

Innerhalb der Reihe nimmt das Prequel eine interessante Sonderstellung ein. Während „Gears 4“ und „Gears 5“ die Geschichte mit einer neuen Generation fortführten, konzentriert sich das aktuelle Abenteuer wieder auf die ursprünglichen Hauptfiguren. Dabei handelt es sich keineswegs um eine bloße Neuauflage bekannter Ereignisse. Vielmehr werden bislang nur angedeutete Hintergründe aufgegriffen und um neue Perspektiven ergänzt. Verantwortlich zeichnet erneut das kanadische Studio The Coalition, das bereits „Gears of War: Ultimate Edition“ sowie die beiden jüngsten Hauptteile entwickelte. Nach mehreren Jahren kontinuierlicher Arbeit an der Marke nutzte das Team die Gelegenheit, deren technische Grundlagen vollständig zu erneuern. Als Publisher fungiert erneut Xbox Game Studios.

„Gears of War: E-Day“ besinnt sich auf die Stärken, die der Reihe einst ihren besonderen Charakter verliehen haben, ohne dabei auf spielerische Weiterentwicklungen zu verzichten. Die überarbeitete Steuerung, größere Bewegungsfreiheit und modernisierte Technik sorgen für ein zeitgemäßes Spielerlebnis, während die Geschichte den bekannten Figuren zusätzliche Tiefe verleiht. Besonders gelungen ist die Entscheidung, den Beginn der Locust-Invasion aus einer Perspektive zu erzählen, in der die Menschheit noch völlig unvorbereitet auf das bevorstehende Grauen trifft. Das Spiel muss das Genre nicht neu erfinden, um zu unterhalten. Vielmehr verbindet es klassische Deckungsgefechte mit einer düsteren Atmosphäre und einer interessanten Vorgeschichte. Für langjährige Fans bietet die Rückkehr zum Emergence Day eine willkommene Ergänzung der Serienhistorie. Gleichzeitig finden Neueinsteiger einen geeigneten Ausgangspunkt, um die Welt von Sera kennenzulernen.
Entwickler: The Coalition
Publisher: Xbox Game Studios
Erhältlich auf: Xbox Series X/S, PC
Getestet auf: Xbox Series X
NB@29.10.2026
——— Hinweise & Disclaimer: ———
Zur Erstellung dieses Reviews wurde uns vom Publisher ein unentgeltlicher Key für das Spiel zur Verfügung gestellt. Wir danken vielmals für die Unterstützung, weisen aber darauf hin, dass dieser Umstand keine Auswirkung auf unsere Bewertung hat!
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