Im Vergleich zu den meisten Spielen, in denen wir mit pummeligen Klempnern durch fröhliche Areale hüpfen oder wie jüngst mit Spider-Man durch ein virtuelles New York schwingen, ist „1979 Revolution: Black Friday“ eine komplett andere Hausnummer. Denn dieses Spiel ist kein fröhlicher Zeitvertreib, sondern ist sehr bedrückend und ernst. Die Thematik fühlt sich sehr real an, was dadurch begründet ist, dass das Spiel auf echten Ereignissen beruht, von denen man hierzulande allgemein eher weniger mitbekommen hat. Auch wenn das Cover auf den ersten Blick meiner Meinung nach eher eine Geschichte über eine Geschichte über Rock und Metal der 70er suggeriert, was wahrscheinlich durch die Ähnlichkeit der dargestellten Person zu Dio oder anderen Größen der Zeit begründet ist, handelt es sich hier um eine Darstellung der blutigen islamischen, bzw. iranischen Revolution der ausgehenden 70er und der anfangenden 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Dabei existiert für diese sowohl die Bezeichnung „islamische Revolution“, wie aber auch „iranische Revolution“, die je nachdem, welche Gruppierung darüber spricht. Das iranische Volk protestierte gegen die Monarchie und besonders gegen den regierenden Monarchen Schah Mohammad Reza Pahlavi, der im Jahr 1979 abgesetzt wurde. Auch wenn durch seine Absetzung die Monarchie als abgeschafft galt, waren die Ereignisse, die ins Rollen gekommen sind, bei weitem noch nicht beendet, denn die Symbolfigur der Revolution, Ruhollah Chomeini, wollte mehr. Er wollte selbst zum Oberhaupt des Staates werden und seine Idee von einer Islamischen Republik in Gänze, zur Not durch Gewalt, umsetzen. Dazu kam es leider auch und in mitten dieses Krieges ist das Spiel angesiedelt…

Das Spiel an sich ist bereits seit einiger Zeit auf Steam erhältlich, wurde aber jüngst auch auf der PS4 veröffentlicht, wo ich es mir nun genauer angesehen habe. Wir spielen dabei den Journalist Reza, der zwar Iranier ist, aber einige Jahre nicht im Land war und mehr durch Zufall, durch Leute, die er kennt, in die Revolution mit reingerissen wird. Das Spiel beginnt mit der Verhaftung und Inhaftierung von Reza. Ihm wird seine Mitarbeit bei Anschlägen zur Last gelegt, was er allerdings verneint. Wir als Spieler wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, was vorher passiert wird. Doch Reza berichtet seine Berührungspunkte mit Personen und seine Erlebnisse zu Schlüsselmomenten der Revolution in Rückblenden, die wir dann spielen.

Die Szenen sind an sich inhaltlich abgeschlossen und spielen sich dabei exakt wie ein Telltale-Spiel: Die Szenen sind meist sehr dialoglastig und wir haben innerhalb der Dialoge die Auswahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Alternativen, die sowohl den Fortlauf der Geschichte, oder das Verhältnis von anderen Personen zu uns, beeinflussen können. Zusätzlich gibt es auch Adventure-Passagen, in denen wir Reza frei durch abgesteckte Areale steuern, uns nach Lust und Laune mit Leuten unterhalten können, Gegenstände finden und das ein oder andere Rätzel lösen müssen. Da Reza Fotograf ist, können wir auch Fotos machen, was sehr an „Life is Strange“ erinnert, da wir da auch mit einer Kamera bewaffnet unterwegs waren. Ebenso wie bei „Life is Strange“ sind dabei etliche optionale Fotomotive in der Welt versteckt, die zwar auch durch die ein oder andere Trophäe, aber hauptsächlich durch weiterführende Informationen zu Land, Leuten und Hintergründe der Revolution, belohnen. Neben den Dialogen und Adventure-Passagen gibt es auch Actionsequenzen, bei denen es auf unsere Reaktionsfähigkeit ankommt, da diese als Quick-Time-Events konzipiert sind und unser Gelingen auch Konsequenzen für den weiteren Verlauf der Geschichte haben kann. Insgesamt fühlt sich alles sehr vertraut an, denn wer eins der Spiele von Telltale oder auch das bereits erwähnte „Life is Strange“ gespielt hat, der wird sich spielerisch sofort wie zu Hause fühlen, auch wenn die Geschichte sehr viel ernster ist, als bei anderen Spielen.

Das hat allerdings auch einen triftigen Grund. Das Spiel soll genau diese Reaktionen hervorrufen: Denn das Spiel wurde vom kleinen Indie-Entwickler Ink Stories unter der Leitung von Autor und Regisseur Navid Khonsari entwickelt, der als gebürtiger Iraner, der mit seiner Familie Ende der 70er aus dem Land floh, sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt und auf diese Weise auch anderen Menschen diese Kapitel der Geschichte näher bringen möchte.

Auch wenn die einzelnen Abschnitte teilweise etwas zusammenhanglos wirken und man sich als Spieler immer wieder fragen muss, ob in der Zwischenzeit zwischen Abschnitt A und Abschnitt B nicht vielleicht etwas passiert wäre, was man irgendwie verpasst hat, so bringt meistens ein Blick in unser Logbuch Licht ins Dunkel. Doch dabei gibt es ein großes ABER. Denn wir finden nur Informationen, die wir durch freie Erkundung und durch Erfüllen der optionalen Fotos auch freigeschaltet haben. Wer sich nicht mit der Spielwelt auseinandersetzt wird der Geschichte wahrscheinlich nicht folgen können, da die Ereignisse vielschichtig und keinesfalls trivial sind. Macht man das allerdings, schaffen es die Entwickler durch Erlebnisse unseren fiktiven Charakter Reza, der bei echten Etappen der Revolution zugegen ist, Geschichte lebendig werden zu lassen.

Die Entwickler beweisen dabei sehr viel Liebe zum Detail und so basieren alle Fotos die wir optional machen können auf realen Fotos der Revolution und setzen gleichzeitig auch das damals verbreitete Medium der Propagandakassetten ein, von denen wir ebenfalls etliche im Verlauf der Geschichte finden können.

Das Spiel ist definitiv nicht für jeden etwas und die Formulierung, dass das Spiel „Spaß“ gemacht hat, kann mir keineswegs loslassen. Zu ernst ist das Thema. Aber über seine knapp 4-6 Stunden an Spielzeit hat das Spiel durchaus unterhalten und hat gezeigt, wie man das Medium Videospiel auch sinnvoll für ernste Themen einsetzen kann. Wie es üblich für solche Spiele ist,  bieten unterschiedliche Entscheidungen innerhalb des Spiels auch unterschiedliche Abzweigungen innerhalb der Geschichte, was auch zu einem wiederholenden Durchspielen mit unterschiedlichen Entscheidungen einlädt. Auch wenn das technische Vorbild offensichtlich ist, offenbaren sich hier starke Unterschiede, denn die Charakteranimationen und die gesamte Präsentation fallen im Direktvergleich ab. Aber es handelt sich eben auch um kein AAA-Spiel, sondern ein kleines und sehr persönliches Indie-Projekt, das sich jeder einmal genauer ansehen sollte. Geschichte hautnah miterleben ist eben sehr viel effektiver, als nur darüber zu lesen…

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NB@28.09.2018