Seit fast vier Jahrzehnten gehört Mega Man, bzw. Rock Man, wie er in Japan heißt, zu den konstantesten Namen der Videospielgeschichte. Was 1987 als klassischer Action-Plattformer begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem großen Kosmos aus unterschiedlichen Reihen, Tonlagen und Spielideen: vom ikonischen Kampf gegen Erzfeind Dr. Wily in der ursprünglichen Serie über die düstere Zukunft von Mega Man X, Zero/ZX bis hin zu den RPG-Experimenten von Battle Network und Star Force. Kaum eine andere Capcom-Marke hat sich dabei so oft neu erfunden und trotzdem ihre Identität bewahrt.

Und nun rückt mit der „Mega Man Star Force Legacy Collection“ eine der ungewöhnlichsten und gleichzeitig unterschätztesten Inkarnationen der Reihe erneut ins Rampenlicht. Als spiritueller Nachfolger von Battle Network verlagerte Star Force die Formel in eine stärker vernetzte, futuristische Welt und verband klassische Rollenspielelemente mit schnellen Echtzeitkämpfen. Die Collection bietet damit nicht nur eine Rückkehr zu einer oft übersehenen Ära des Nintendo DS, sondern auch einen spannenden Blick darauf, wie wandelbar Mega Man über die Jahrzehnte geblieben ist. Die eigentliche Frage ist damit weniger, ob diese Spiele historisch interessant sind – das sind sie ohne Zweifel –, sondern ob ihre Mischung aus Rollenspiel, Deckbau und Rasterkämpfen heute noch dieselbe Zugkraft entfaltet wie damals auf dem Handheld und auf einem 55+ Zoll UHD-Bildschirm genauso wirkt, wie damals auf dem gedoppelten 3 Inch LCD des DS?

Im Zentrum der Reihe steht Geo Stelar, im Japanischen ursprünglich als Subaru Hoshikawa bekannt, ein Junge in einer futuristischen 220X-Welt, die vollständig von elektromagnetischer Kommunikation durchzogen ist. Nach dem Verschwinden seines Vaters zieht sich Geo mehr und mehr aus dem Alltag zurück, bis ihm mit Omega-Xis – beziehungsweise der japanischen Vorlage War-Rock – ein außerirdisches Wesen begegnet, das nicht nur die Handlung, sondern den gesamten Ton dieser Spiele bestimmt. Die Geschichte ist Science-Fiction-lastig, aber nie kalt; sie verbindet Schulalltag, Verlust, digitale Parallelräume und die alte Mega Man-Tugend, große Themen in eine Form zu gießen, die auch etwas Melancholisches behalten darf. Gerade aus heutiger Sicht wirkt diese Konstellation erstaunlich feinfühlig: Hinter der bunten Oberfläche steckt eine Erzählung über Einsamkeit, Freundschaft und das vorsichtige Wiederöffnen einer Welt, die man innerlich längst aufgegeben hatte.

Spoilerarm betrachtet lebt die Sammlung vor allem davon, wie konsequent sie ihre eigene Welt ausbaut. Aus dem ersten Abenteuer über die späteren Versionen und Fortsetzungen hinweg entsteht das Bild einer Reihe, die nicht bloß auf den Erfolg von „Mega Man Battle Network“ reagieren wollte, sondern einen etwas anderen Schwerpunkt setzte: weniger Technikbegeisterung im Alltag, etwas mehr Weltraumsehnsucht, etwas mehr Jugenddrama, etwas mehr das Gefühl, dass hinter jedem Signal auch ein persönlicher Ruf stecken könnte. Figuren wie Geo, Omega-Xis, Sonia Strumm oder Luna Platz bleiben deshalb eher als Menschen und Stimmungen im Gedächtnis als nur als Funktionsbestandteile eines Rollenspiels. Das verleiht der Collection heute eine Qualität, die über reine Archivarbeit hinausgeht: Sie bewahrt nicht nur Spiele, sondern auch einen sehr speziellen Tonfall aus einer Phase, in der Capcom seine Handheld-Serien noch deutlich experimentierfreudiger anlegte.

Die offiziell „7 Titel“, die die Sammlung umfasst, ergeben sich nicht aus sieben komplett unterschiedlichen Spielen, sondern aus den verschiedenen Versionen der drei Hauptteile. Konkret sind enthalten:
- „Mega Man Star Force Pegasus“
- „Mega Man Star Force Leo“
- „Mega Man Star Force Dragon“
- „Mega Man Star Force 2 Zerker x Ninja“
- „Mega Man Star Force 2 Zerker x Saurian“
- „Mega Man Star Force 3 Black Ace“
- „Mega Man Star Force 3 Red Joker“
Das entspricht exakt den ursprünglichen Release-Strukturen auf dem Nintendo DS, bei denen mehrere Versionen parallel erschienen sind – ähnlich wie man es von anderen Reihen mit Versionssystem, allem voran der Pokémon-Reihe, kennt. Diese Mehrfachversionen waren schon damals Teil des Konzepts und fühlen sich heute naturgemäß nicht immer gleich frisch an. Gleichzeitig ist genau dieses Nebeneinander für eine „Legacy Collection“ fast unverzichtbar, weil es die Reihe nicht glättet, sondern in ihrer historischen Form erhält.

Spielerisch ist die Sammlung nach wie vor eine reizvolle Hybridform. Die Reihe übernimmt die Echtzeit-Rasterkämpfe und das Karten- beziehungsweise Chipbasierte Bauen von Kampfdecks aus der „Battle Network“-Tradition, rückt die Perspektive aber stärker hinter die Figur und verändert damit sofort das Gefühl für Raum, Tempo und Reaktion. Kämpfe bleiben überschaubar genug, um taktisch lesbar zu sein, gewinnen aber durch ihre räumliche Inszenierung an Direktheit. Dieses System trägt auch heute noch, gerade weil es nicht dem Reflex folgt, alles größer und hektischer machen zu wollen. Stattdessen entsteht Spannung aus Rhythmus, Mustererkennung und der Frage, wann man welche Battle Cards einsetzt. Wer das Genre nur aus klassischen JRPG-Menüs kennt, findet hier eine angenehm unorthodoxe Alternative; wer mit den alten Handheld-Vorbildern aufgewachsen ist, erkennt sofort, warum diese Reihe bis heute einen so treuen Kreis an Anhängern besitzt.

Dass Capcom zusätzlich Online-Funktionen integriert hat, ist mehr als nur eine Beigabe für Vollständigkeitsfanatiker. Ranglisten, Freundesmatches sowie Austausch- und Verbindungsfunktionen greifen einen Kernaspekt der Originale auf, die stark vom sozialen Austausch lebten. Gerade bei einer Serie, die ursprünglich stark von Versionenlogik geprägt war, ist das ein wichtiger Schritt, um den ursprünglichen Gedanken in die Gegenwart zu übertragen. Gleichzeitig bleibt die Collection in ihrem Wesen klar eine Rückkehr, kein Neubau. Es gibt keinen radikalen Eingriff in Balance oder Progression, keinen Versuch, die Reihe den Sehgewohnheiten der Gegenwart vollständig anzupassen.

Audiovisuell lebt die Sammlung eindeutig von einer Mischung aus Nostalgie und Konservierung. Die Spiele stammen sichtbar aus der späten DS-Ära, und die Collection macht daraus kein Geheimnis. Sprites, Interfaces und Effekte wurden nicht in eine sterile Hochglanzästhetik überführt, sondern so aufbereitet, dass sie auf modernen Bildschirmen funktionieren, ohne ihren Ursprung zu verlieren. Gerade auf PS5 ergibt sich daraus ein interessantes Bild: technisch stabil, aber atmosphärisch fest in jener Zeit verankert, in der Science-Fiction bei Mega Man gleichzeitig futuristisch und erstaunlich handgemacht wirkte. Hinzu kommen Komfortfunktionen: kurze Ladezeiten, saubere Menüführung, schnelles Wechseln zwischen den Spielen und ein Präsentationsrahmen, der den alten Handheld-Titeln genügend Respekt entgegenbringt, ohne sie künstlich zu modernisieren. Abgerundet wird die Sammlung dann noch von einer Musikgalerie, die den Soundtrack nicht bloß als Bonusmaterial präsentiert, sondern daran erinnert, wie sehr diese Reihe von ihren melodischen, treibenden Kompositionen getragen wurde.

Im Vergleich zu anderen Sammlungen aus dem Hause Capcom, wie die „Marvel vs. Capcom Fighting Collection„, die „Capcom Fighting Collection„, „Arcade Stadium“ und diverse weitere Sammlungen, lässt sich diese Veröffentlichung als logische Fortsetzung einer Strategie lesen, ältere Reihen nicht nur verfügbar zu halten, sondern bewusst einzuordnen. Nach der Battle Network wirkt Star Force zwar immer noch wie der etwas speziellere Nachfolger: weniger massenkompatibel, dafür charakterstärker in Ton und Ausrichtung. Als Sammlung ist sie daher wahrscheinlich für viele weniger spektakulär, aber sie versteht, was an diesen Spielen Wert zu bewahren ist.

Insgesamt ist „Mega Man Star Force Legacy Collection“ eine Sammlung für Spieler, die in Spielen mehr suchen als bloße Geschwindigkeit und unmittelbare Effekte. Wer Freude an ungewöhnlichen Kampfsystemen, einer leicht melancholischen Science-Fiction-Atmosphäre und bewusst erhaltenem Spieldesign vergangener Generationen hat, findet hier ein stimmiges Gesamtpaket. Für Neueinsteiger ist die Collection wahrscheinlich, trotz moderner Annehmlichkeiten, nicht in jeder Minute bequem, doch genau darin liegt auch ihre Authentizität. So entsteht eine ruhige, respektvolle Wiederbegegnung mit einer Reihe, die bis heute eine eigene Handschrift trägt…
Entwickler: Capcom
Publisher: Capcom
Erhältlich auf: PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch
Getestet auf: PS5
NB@08.05.2026
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