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Es gibt Spiele, da wundert man sich, warum diese auch als Retail-Version in den Regalen der Läden landen und andere, da wundert man sich eher über das Gegenteil. „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ ist eines dieser Beispiele, denn bisher ist es hierzulande ausschließlich digital auf PC, PS4 und Xbox One erhältlich. Zwar ist in der Zwischenzeit seit dem ursprünglichen Release im August 2017 eine Retailversion als Import erhältlich, die Ende diesen Jahres auch offiziell in Deutschland erscheinen soll, doch das ist sie bisher noch nicht.

Normalerweise ist das Fehlen einer Retailveröffentlichung immer kein gutes Zeichen für ein Spiel, wenn das Spiel dann auch noch von Ninja Theory stammt, ist das insgesamt noch merkwürdiger, denn das britische Studio hat bereits einige hochkarätige Spiele, wie unter anderem „Heavenly Sword“ oder „DmC. – Devil may Cry“ in ihrem Resümee. Genau darin liegt aber auch der Grund für die bisher rein digitale Vertriebsform und das im Grunde nicht vorhandene Werbebudget begraben, denn entgegen ihrer anderen Werke hat sich Ninja Theory dazu entschlossen mit „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ ein Spiel ohne Fremdbeteiligung abzuliefern und es rein selbst zu vermarkten, damit sie vollkommen freie Hand bei der Gestaltung haben und keine Kompromisse eingehen müssen. Aus diesem Grund bezeichnen sie „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ auch als das erste Indie-AAA-Spiel der Welt, wobei der Zeiger des Productionvalue eindeutig mehr auf AAA, als auf Indie steht.

Im Spiel geht es um die Reise von Senua, einer keltischen Kriegerin in die Tiefen der Höllendimension von Helheim. Auch wenn wir in ebendiese Welt bereits vor kurzem mit Kratos, der mittlerweile auch in der Welt der nordischen Mythologie beheimatet ist, unterwegs waren, unterscheidet sich die Art und Weise der Darstellung doch sehr voneinander. Das betrifft nicht nur die optischen Schauwerte, sondern hier ist die Geschichte viel düsterer und wird durch die Emotionen der starken Hauptfigur maßgeblich bestimmt. Ich will das aktuellste „God of War“ in keiner Weise damit abwerten, ganz im Gegenteil, es handelt sich dabei ohne Zweifel um eins der besten Spiele 2018, doch „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ steht dem wirklich in nichts nach, auch wenn es insgesamt unbekannter ist. Was hebt das Spiel also von anderen ab? – Es behandelt mit Senua einen von unterschiedlichen Psychosen geplagten Charakter, was sich komplett auf ihre Wahrnehmung der Welt und auch darüber hinaus ausdrückt. Was sich heute größtenteils gut in den Griff bekommen lässt, war im 8. Jahrhundert, der Zeit in dem das Spiel angesiedelt ist, nicht so ohne weiteres möglich. Sie leidet bereits seit ihrer Geburt an Psychosen, was ihr Vater als „Fluch der Dunkelheit“ beschreibt. Auch wenn sie von den anderen Dorfbewohnern größtenteils gemieden wird, freundet sie sich mit dem Sohn des Häuptlings, Dillion an, in den sie sich schließlich auch verliebt. Doch das junge Glück bleibt nicht lange, denn in einer Welt des Aberglauben gilt sie als verflucht und wird in Folge dessen für alles Schlechte verantwortlich gemacht. Als eine Seuche in ihrem Dorf ausbricht steht so außer Frage, dass Senua und diese unnatürliche Liebe dafür der Grund sind. Sie wird von dort an dem Dorf verwiesen und lebt in der Isolation des Waldes. Doch als das Dorf von einem Brutalen Wikingerstamm überrannt wird kehrt sie dorthin zurück, um Dillion’s Überreste, der auf grausamste Weise geopfert wurde, zu finden. Senua schwört darauf Rache und beschließt den Wikingern zu folgen, um diese zu töten und Dillion’s Seele aus Helheim zurückzuholen. Dabei wird sie durch ihre Psychosen und durch die traumatischen Erlebnisse von Visionen, Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Stimmen in ihrem Kopf geplagt, die sowohl ihre, aber auch die Wahrnehmung von uns als Spieler verändern…

Dabei setzt das Spiel auf stimmungsvolle Effekte und verzichtet hingegen auf billiges Schockieren. Es empfiehlt sich das Spiel komplett mit guten Kopfhörern zu spielen, da besonders dann die unterschiedlichen Stimmen, die mit Seanu sprechen, richtig räumlich zu Geltung kommen. Es gibt zwar einige Spiele, die auf eine besondere „Headphone-Experience“ hinweisen, aber so gut wie hier habe ich es noch nie gesehen. Besonders mit guten Kopfhörern wird ein Gefühl von Dreidimensionalität von den Stimmen und den Umgebungsgeräuschen erzeugt, denn die Stimmen sind fast immer aktiv, reden mit Senua, reden untereinander über sie, beleidigen, machen sich lustig oder reden einfach über das, was man gerade als Spieler erlebt. Es gibt in vielen Spielen Gesprächspartner für den Hauptcharakter, die zur Untermalung des dargebotenen dienen sollen, aber sowas habe ich persönlich noch nie erlebt. Die Intensität ist beeindruckend und lässt uns gut nachempfinden, wie es im inneren unserer Heldin aussehen soll. Zusätzlich zu den auditiven prasseln auch noch visuelle Stimuli auf Sie ein, die uns Dinge sehen lassen, die gar nicht da sind, unsere Wahrnehmung verzerren und mit uns als Spieler spielen. Wir können uns bei nichts im Spiel sicher sein, ob es wirklich so stattfindet, wie wir es durch Senua’s Augen wahrnehmen. Auch wenn wir Senua nicht aus der Ego-Perspektive steuern, sondern auf eine moderne 3rd-Person Schulterperspektive setzt, damit man in Kämpfen den nötigen Überblick behält, so sind diese Effekte auch in dieser Perspektive überwältigend, wie auch teilweise Alptraumhaft verstörend oder sogar schockierend. Die Entwickler haben diese Elemente der Immersion perfektioniert und haben es sogar so stringent umgesetzt, dass es weder ein Tutorial, noch ein HUD oder sonstige Einblendungen gibt, die uns aus der Welt und dem Geist von Senua herausreißt. Also gibt es auch keinerlei Missionsbeschreibungen, Objektmarker, Karte oder sonstige Hilfestellungen. Das braucht zwar etwas Eingewöhnungszeit, was ich mal darauf schiebe, dass wir von anderen modernen Spielen wahrscheinlich etwas verwöhnt sind, fühlt sich aber nach kurzem sehr natürlich an und zieht uns sogar noch mehr in die Welt und fordert uns auch mental heraus, sowohl was das Weiterkommen, aber auch diverse Rätzel angeht.

Neben Rätzeln und der zugegeben teilweise recht kranken Welt ist auf der Kampf ein fester Bestandteil des Spiels. Dabei erinnert das Kampfsystem mit Blocken, Parieren und unterschiedlich-kräftigen Angriffen sehr Kampfsysteme, wie in „Dark Souls“, aber auch dem aktuellsten „God of War“: Es ist leicht zu erlernen, aber schwierig zu meistern. Unterschiedliche Angriffe lassen sich zu längeren Attacken miteinander verketten. Die Kämpfe laufen dann ähnlich, wie in der Devil may Cry-Reihe ab, indem wir in abgesteckte Areale, die als Arena fungieren kommen und mit einer wechselnden Anzahl von Gegnern konfrontiert werden, die wir dann alle vernichten müssen, bevor wir weitergehen können. Auch wenn das nichts wirklich Neues ist und die Gegnervarianz auch ein wenig größer sein könnte, so sind auch kleinere Kämpfe wirklich fordernd, aber nicht überfordernd. Hier macht Übung den Meister, auch wenn etwas Nervenkitzel immer dabei bleibt, denn das Spiel hat noch ein wirklich fieses Feature im Gepäck: Wenn wir zu oft sterben wird unser Spielstand gelöscht und wir müssen von vorne anfangen. Das klingt zwar wie ein etwas schlechter Scherz, soll aber das Spiel weist uns explizit auf diese Gefahr hin, auch wenn mir das während meinem Durchlauf nicht passiert ist.

Von den technischen Seite sieht das Spiel überwältigend schön aus und präsentiert herausragende Darstellungen, von denen sich andere Spiele gerne eine Scheibe abschneiden können. Das trifft schon auf die normale PS4 zu, aber wer eine PS4 Pro sein Eigen nennt bekommt sogar noch eine Schippe draufgesetzt, denn das Spiel hat einen extra Modus, der die Grafikleistung nochmal steigert und das Spiel zusätzlich bei flüssigen 60 fps ablaufen lässt. Hier merkt man, dass Ninja Theory kein unbeschriebenes Blatt ist, denn sie wissen genau, wie sie die Konsole perfekt zu ihrem Vorteil ausnutzen und uns ein noch runderes Erlebnis präsentieren.

Insgesamt ist „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ ein wirklich tolles Spiel geworden, welches zu Unrecht etwas untergegangen ist, was ich hauptsächlich auf den Umstand zurückführe, dass es sich um ein (bislang) rein digital erhältliches Spiel handelt für das auch so gut wie keine Werbung gemacht wurde. Zusätzlich ist das Spiel mit regulären 29,99€ für ein digitales Spiel nicht ganz billig, doch ist auch ohne einen Sale jeden Cent wirklich wert, denn es gibt sogar unzählige Spiele, die für 59,99€ oder 69,99€ als Retailversion in die Läden kommen, die weniger Daseinsberechtigung haben als Hellblade. Was hier geboten wird ist Spitzenklasse sowohl in Sachen Atmosphäre, Storytelling und frischen Ideen mit den Psychosen der Hauptdarstellerin. Ninja Theory hat damit ihr bisher bestes Werk abgeliefert, auch wenn ich euch einen kleinen Kritikpunkt nicht vorenthalten möchte: Die Spielzeit. – Je nachdem, mit welchem Tempo man an das Spiel herangeht und welchen Schwierigkeitsgrad man zum Beginn wählt, beläuft sich die Spielzeit auf maximal 8-10 Stunden, was im Vergleich zu anderen Spielen deutlich abfällt. Ich habe persönlich kein Problem damit zur Abwechslung von „Assassin’s Creed: Odyssey“ und mit „Red Dead Redemption 2“ bereits in greifbarer Nähe mal kein Spiel mit +100 Spielstunden vor mir zu haben, doch bin mir bewusst, dass das einige Spiele abschrecken könnte, weswegen ich den Hinweis gebe. Doch seit euch sicher, diese 8-10 Stunden sind wirklich von Anfang bis Ende bombastisch und das Spiel verzichtet auch größtenteils auf unnötige Füller.

Es gibt zwar eine Handvoll Sammelobjekte in Form von Runensteinen, die aber zumindest sinnvoller in die Story eingebunden sind als die Federn und sonstige Sammelobjekte, wie in den früheren Teilen der Assassin’s Creed-Reihe und auch ein paar Mal etwas Backtracking, aber wird nicht ad absurdum geführt, wie in machen Spielen, wo man sinnloserweise von A über B nach C geleitet wird, um dann bei D eine Aufgabe zu erfüllen und am Ende wieder bei A anzukommen. Dieses Spiel sollte sich in jeder gut-sortierten Spielebibliothek befinden, wenn man generell Actionspielen nicht abgeneigt ist, denn das Spiel ist eins der besten Spiele, die ich bisher gespielt habe.

NB@22.10.2018