A Plague Tale: Innocence_20190517215955

In einem Preview zu „A Plague Tale: Innocence“ wurde das Spiel bereits als „The Last of Us im Mittelalter“ bezeichnet und nun da das Spiel da ist und ich es durchgespielt habe muss ich sagen, dass dieser Vergleich gar nicht so weit hergeholt ist, auch wenn sich beide Spiele in vielen Punkten sehr voneinander unterscheiden. Zum einen handelt es sich beim Spiel um kein AAA-Game, obwohl es danach aussieht. Denn grafisch spielt das Spiel, entwickelt vom kleinen Entwicklerstudio Asobo Studio und herausgebracht vom französischen Publisher Focus Home Interactive ganz oben mit. Dass man kein AAA sein muss um grafische Höchstleistung abzuliefern hatte bereits „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ gezeigt, doch das ist zugeben eher die Ausnahme, denn selbst einige hochkarätige Spiele erreichen nicht das Niveau, das uns „A Plague Tale: Innocence“ präsentiert.

Im Spiel dreht sich die Handlung um das Geschwisterpaar Amicia und Hugo de Rune, die Kinder aus einer Adelsfamilie auf dem französischen Land, die sich auf der Flucht vor der heiligen Inquisition befinden. In Mitten des 100-jährigen Krieges wird das Land zusätzlich von einer Seuche von bisher unbekannten Ausmaßen in Form von blutrünstigen Rattenschwärmen befallen, die alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Und da Hugo seit seiner Geburt an einer mysteriösen Krankheit leidet macht man ihn für diese Plage verantwortlich. Seine Mutter Beatrice, eine Alchimistin, hat den kleinen Jungen seit seiner Geburt behandelt, um ein Gegenmittel gegen die Krankheit zu finden und ihn in Isolation gehalten, weswegen Amicia und Hugo sich im Grunde überhaupt nicht kennen. Als die Inquisition jedoch gewaltsam auf die Güter der Familie eindringt und auf der Suche nach Hugo nicht nur alle Bediensteten, sondern auch Amicia‘s und Hugo’s Eltern brutal hinrichtet wird Amicia gezwungen ist sich mit ihrem Bruder auf eine gefährliche Reise zu machen… – Dabei stehen neben der Geschichte um die mysteriöse Rattenseuche auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Charakteren im Vordergrund, denn Amicia ist von jetzt auf gleich gezwungen sich um ihren kleinen Bruder zu kümmern, den sie im Grunde gar nicht kennt. Auf ihrer Reise wachsen die Geschwister immer enger zusammen, ähnlich wie man es in der Entwicklung der Charakterbeziehungen von „The Last of Us“ bereits kennt.

Wir steuern dabei die junge Amicia in der 3rd Person Ansicht. Hugo wird von der KI gesteuert, bzw. befindet sich ohnehin für einen Großteil der Geschichte an Amicia’s Hand, weswegen er einfach mitläuft. Was auf den ersten Blick wie eine nicht enden wollenden Beschützermission anmutet ist aber mehr ein organisches Zusammenspiel zwischen zwei recht unterschiedlichen Charakteren und Hugo besitzt zusätzlich einige Fähigkeiten, die Amica nicht beherrscht und die wir ihn mittels Knopfdruck ausführen lassen können, was hilfreich und teilweise auch notwendig ist, um die Herausforderungen zu meistern, die sich den Geschwistern in der Weg stellen. Denn neben den Soldaten der Inquisition stellen sich den Geschwistern auch noch fanatische Dorfbewohner oder auch die Rattenschwärme entgegen. Da es sich bei unseren Protagonisten um Kinder handelt haben sie der Übermacht wenig entgegen zu setzen. Amicia ist über das gesamte Spiel lediglich mit einer Steinschleuder bewaffnet, die sie zwar im Spielverlauf aufwerten kann, doch diese hat Soldaten in Rüstung relativ wenig entgegenzusetzen und sollte sie entdeckt werden ist sie innerhalb von einem Treffer tot. Daher beschränkt sich das Spielprinzip hauptsächlich auf das Schleichen und den Einsatz vom Verstand um Situationen zu überwinden, entgegen das Kämpfen per se. So sind wir gezwungen uns durch hohes Gras zu schleichen, Steine zur gekonnten Ablenkung einzusetzen und auf unserem Weg das ein oder andere Rätzel zu lösen, das unsere Weiterreise stoppt. Es gibt zwar auch ein paar Bosskämpfe, wo wir aktiv kämpfen müssen, aber diese hätte es meiner Meinung eigentlich gar nicht gebraucht, denn darauf ist die Engine nicht wirklich ausgelegt, was die Kämpfe nicht besonders anspruchsvoll gestaltet: Wir weichen aus, wenn uns ein Gegner versucht zu schlagen, um ihn danach mit der Schleuder zu beschießen. Da haben andere Aufeinandertreffen mit den Gegnern, wo unbemerkt durch einen Bereich schleichen müssen oder in anderen Instanzen sogar gejagt werden, mehr Impact und reißen mehr mit. Zwar ist die Gegner-KI stellenweise etwas fragwürdig, da die Soldaten zum Beispiel nicht interessiert wenn wir einen ihrer Soldatenfreunde in eine Falle locken und dieser von Ratten aufgefressen wird, doch da wir als Spieler innerhalb von einem Schlag das zeitliche segnen kann man über jeden Gegner weniger froh sein, zumal es ja dann auch immer noch die Ratten gibt. Diese sind dabei besonders hervorzuheben.

Die Schwärme von blutrünstigen Ratten, die ähnlich wie die Horden in „Days Gone“ in einer großen Gruppe agieren sind nicht nur durch ihre schiere Anzahl beeindruckend, sondern auch bedrohlich. Entgegen der normalen Gegner, die im Grunde aus jedem x-beliebigen Spiel entnommen sein könnten, bieten die Ratten etwas komplett neues und sind mehr als bloße Dekoration, da sie sowohl auf uns als Spieler, wie auch auf Lichtquellen reagieren. Denn Licht, bzw. Feuer ist die einzige Möglichkeit sich die lästigen Nager vom Leib zu halten. Wir müssen darauf achten entweder eine Fackel oder ähnliches dabei zu haben oder uns immer in den rettenden Lichtkegel einer Feuerquelle zu retten, damit wir nicht das zeitliche segnen. Auf diese Mechanik bauen auch viele der Rätzel im Spiel auf. Dazu lernen wir innerhalb de s Spiels neue Mechaniken, wie das Werfen von Brandsätzen mit unser Schleuder dazu, um das Spielgeschehen auch mit fortschreitender Spieldauer frisch zu halten. So sind die Rätzel am Anfang recht simpel und beschränken sich meist nur auf das gezielte Einsetzen der Schleuder um beispielsweise eine Kiste von einer Kette zu befreien und erfordern später eine Kombination mehrerer Mechaniken, um eine Stelle zu überwinden.

Grafisch, wie auch sound-technisch ist das Spiel auf allerhöchstem Niveau und besticht durch immense Detailtreue im noch recht unverbrauchten Setting des Mittelalters. So wechseln die leuchtende Farben der Wälder zu Beginn des Spiels zu mehr ländlichen und landwirtschaftlichen Bereichen bis hin zu düsteren Krypten unter den Städten. Zwar erkauft man sich diese Grafikleistung durch die Tatsache, dass das Spiel an sich überaus linear ist und es wenig links und rechts des vorgegebenen Weges gibt, doch es muss nicht jedes Spiel eine offene Spielwelt besitzen und gerade wenn ein Spiel so hochwertig inszeniert ist und gleichzeitig mit einer so spannenden Geschichte aufwartet, sollte man das dem Spiel keinesfalls zum Nachteil auslegen. Zusätzlich muss man berücksichtigen, dass es sich eben um kein AAA-Spiel, sondern um ein Spiel eines kleinen Studios handelt, dass noch nicht mal zum Vollpreis, sondern direkt zum Release zum Mid-Preis, um die 40 bis 45 Euro, anstatt der regulären 60 bis 70 Euro, bei den meisten anderen Spielen, handelt.

Die Geschichte ist dabei in 16 Kapitel plus Epilog aufgeteilt und hält in ihrem Verlauf einige Überraschungen bereit. Sind wir am Anfang noch alleine unterwegs so gesellen sich im Verlauf der Geschichte weitere Verbündete in Form des Alchemisten-Lehrlings Lucas oder auch den diebischen Waisenkindern Mellie und Arthur zu unsere Duo, die jeweils eine neue Dynamik in die Dramaturgie, wie auch neue Spielmechaniken ins Spiel einführen und den weiteren Verlauf der Geschichte formen. Verbunden werden die Kapitel durch eine Vielzahl hochwertig inszenierter Cutscenes, wie aber auch Gespräche im Spielverlauf der normalen Gameplay-Szenen, wie man es auch aus „The Last of Us“ kennt, wenn sich verschiedene Charaktere fast nebensächlich unterhalten, während man in der Spielwelt umher streift. Und auch wenn der Titel des Spiels bereits impliziert, dass es sowohl um eine Geschichte um Pest und den Verlust von Unschuld geht, kann wahrscheinlich niemand erahnen, wie am Ende die Auflösung aussieht, denn hier haben die Schreiber einiges für den Spieler in petto, was man durchaus selbst erleben sollte, weswegen ich selbstverständlich weder den Haupttwist, noch das Ende spoilern werde…

Selten hat mich ein Spiel von Anfang an so begeistert, wie „A Plague Tale: Innocence“, denn nicht nur sieht das Spiel phantastisch aus, sondern es wartet auch mit einer wirklich interessanten und frischen Geschichte und schön geschriebenen Charakteren auf, mit denen wir während des Spielens eine echte Beziehung aufbauen. Auch wenn das Spiel recht linear ist, hat es mit seinen knapp 15 Stunden eine recht ordentliche Spielzeit, die sich aber durch das Suchen der innerhalb der Levels versteckten Sammelobjekte noch etwas verlängern lässt, auch wenn es leider abgesehen davon keinen wirklichen Wiederspielwert gibt, da das Spiel weder über unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, noch abweichende Lösungswege und Verläufe verfügt. Aber zugegeben bieten die Vergleichsspiele wie „The Last of Us“ oder „Senua’s Sacrifice“ auch nicht viel mehr an dieser Stelle und dennoch zählen sie dennoch zu den besten Spielen aller Zeiten. Ich hatte während meinem Durchspielen sehr viel Spaß mit dem Spiel und hoffe persönlich, dass das Spiel, trotz des kleinen Studios und Publishers, die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.

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NB@24.05.2019

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