Ich hatte wirklich große Hoffnungen in „The Quiet Man“ gesetzt, als ich zum ersten Mal davon gehört hatte. Ein FMV-Spiel in Kombination mit einem Brawler, herausgegeben von niemand geringerem als Square Enix, das kann nur gut werden, oder? Da hat mich auch erst mal nicht stutzig gemacht, dass man sich für eine rein digitale Veröffentlichung entschieden hat, denn das muss in keiner Weise irgendwelche Rückschlüsse auf die Qualität zulassen, wie man am Beispiel von „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ sieht, was für mich eins der besten Spiele der letzten Jahre ist. Ich hätte es auch sehr gerne in meine „Top & Flops des Jahres 2018“ aufgenommen, aber das Spiel ist bereits im Vorjahr erschienen und war daher nicht für „2018“ qualifiziert. Aber im Gegensatz hat es „The Quiet Man“ in die Liste geschafft, wenn auch nur unter den Flops, was ich euch hiermit mal genauer erläutern möchte.

Das Spiel wurde von Human Head Studios (ehem. Raven Software) in Zusammenarbeit mit Square Enix entwickelt und danach auch von Square Enix gepublished. Das Studio hat bereits einige Spiele, wie unter anderem den Shooter „Prey“ von 2006 in ihrem Resümee und man sollte daher meinen, dass das was hier abgeliefert wird, Hand und Fuß hat, aber es gibt leider einige Probleme mit dem Spiel. Die Präsentation als Kombination von gefilmten FMV-Sequenzen und (teilweise) nahtloser Transition zu Gameplay-Abschnitten, wie auch die Prämisse, dass wir einen Tauben Charakter spielen und demnach die Welt um uns herum nur reduziert wahrnehmen, ist an sich wirklich interessant, aber hier hakt es leider in der Umsetzung.

Wir spielen einen jungen Mann namens Dane, der taub ist. Er hat eine tragische Hintergrundgeschichte, die uns im Rahmen des Spiels durch Flashbacks nähergebracht wird. Auf Grund einer dramatischen Verkettung von Ereignissen bei einer Auseinandersetzung zwischen Dane’s Freund Taye und einem anderen Teenager names Isaac ,musste Dane als kleiner Junge mitansehen, wie seine Mutter gestorben ist. Da sein Vater Dane für die Ereignisse verantwortlich macht erfährt er von dort an regelmäßig häusliche Gewalt, was dafür sorgt, dass er sich immer mehr in seine eigene Welt zurückzieht. Jahre später ist Dane als Schläger für seinen Freund Taye tätig, der der Anführer einer Mafia-ähnlichen Organisation ist. In dessen Auftrag gerät er in Konflikt mit einer mächtigen Straßengang, den SOL 33, die von Isaac angeführt werden, was die unterdrückten Erinnerungen an seine tragische Vergangenheit wieder hervorkommen lässt und eine Spirale der Gewalt lostritt…

Als wäre das noch nicht kompliziert genug gibt es auch noch eine angedeutete Dreiecksbeziehung zwischen Dane, Taye und dessen Freundin Lala, die Dane’s Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht (zumal sie von der gleichen Schauspielerin verkörpert wird), mysteriöse Morddrohungen gegen Lala, Dane’s Vater der als Polizist in diesem Gangkrieg ermittelt und Alptraum-ähnliche Visionen eines maskierten Mannes mit einer Pest-Maske, den Dane immer mal wieder sieht und der Lala entführt. Und das Spiel erklärt uns davon im Grunde gar nichts, da Dane taub ist und das Spiel damit anscheinend gleichsetzt, dass Dane deswegen rein gar nichts mitzubekommen hat. Es gibt dabei minutenlange und dialoglastige FMV-Sequenzen, bei denen offensichtlich gesprochen wird, aber wir wissen nicht um was es geht. Das Spiel weist zwar zum Beginn darauf hin, dass nur untertitelt wird, was Dane selbst auch versteht, aber das ist nicht der Fall, denn es gibt abseits vom direkten Anfang, bei dem wir aus unerfindlichem Grund Untertitel bekommen, bekommen wir keine mehr, selbst wenn jemand mit Dane in Gebärdensprache spricht. Es gibt durchaus Möglichkeiten Handlung und besonders Emotionen ohne Dialoge zu transportieren, wenn man an Stummfilme denkt, aber hier wirkt es mehr, als ob man aus unerfindlichem Grund einfach den kompletten Ton abgeschaltet hat. Das trifft im gleichen Maße auch auf die Musik zu, denn wir bekommen nur gaaaaaanz leise hier und da mal ein sphärisches Geräusch und sonst rein gar nichts geboten, was alles umso kryptischer erscheinen lässt.

Selbst wenn man erstmal akzeptiert kommt dann noch der Hauptteil des Spiels dazu, das eigentliche Gameplay: Hier wechselt das Spiel von der wirklich FMV-Welt in eine eintönige 3rd-Person-Ansicht, die ich meiner Meinung nach schon auf der Last Gen besser gesehen habe, aber hierbei handelt es sich um ein aktuelles PS4-Spiel… Wir steuern Dane in mit einer totgeglaubten Panzersteueurng durch kleine Areale und werden alle paar Meter von ein paar unterschiedlichen Klongegnern aufgehalten, die wir dann verkloppen müssen, um weiter zu kommen. Hierbei wird uns das Kampfsystem nie wirklich erklärt und erfordert jede Menge Trial&Error vom Spieler, um irgendwie damit klarzukommen. Und dabei hat Dane nicht wirklich viele Moves im Repertoire: Er kann blocken, treten, schlagen, einen Gegner packen (was oft nicht funktioniert) und einen Supermove ausführen, wenn er genug Energie gesammelt hat. Dabei verzichtet das Spiel aber auf sämtliche Huds und so ist es ein reines Glücksspiel zu wissen, wann der Supermove ausgeführt werden kann. Ebenso wenig wissen wir zu irgendeinem Zeitpunkt, wie es um unsere Energie bestellt ist. Zwar wird der Bildschirm irgendwann rot, aber ich bin auch schon gestorben, bevor das der Fall war. Ein paar, von mir aus auch optionale Einblendungen und Erklärungen wäre hier nicht verkehrt gewesen. Die Kämpfe sind dabei eintönig, langweilig und machen nicht wirklich Spaß, da sie jede Taktik und Finesse vermissen lassen und man im Grunde nur wie wild auf unterschiedlichen Knöpfen herumdrückt, bis irgendwas passiert. Zusätzlich sind die Hitboxen aus der Hölle und derart willkürlich, dass eine Trophäe im Spiel bei der man laut Beschreiung im ganzen Spiel nicht einmal getroffen werden darf, praktisch unerreichbar ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass diese zum Beispiel bei PSNProfiles noch niemand erreicht hat, was ich vorher noch nie gesehen habe:

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https://psnprofiles.com/trophy/8130-the-quiet-man/5-win-at-life

Mit der Zeit schafft man es zwar sich an die Steuerung zu gewöhnen, aber komplette ohne Treffer durch das Spiel zu kommen halte ich persönlich für vollkommen unmöglich, zumal es auch einige recht fordernde Bosskämpfe im Spielverlauf gibt, bei denen meine Spielfigur einige Male das zeitliche gesegnet hat.

Sieht man davon ab, ist das Spiel auch von der technischen Seite in Sachen Präsentation überaus durchwachsen. Die gefilmten Szenen überzeugen durch hohes Production Value, wie man es unter anderem von hochwertigen amerikanischen TV-Produktionen oder Netflix-Serien kennt. Die Geschichte ist in New York angesiedelt und bietet dabei einige wirklich schicke Schauwerte. Diese Szenen werden für den Transport der Geschichte als Zwischensequenzen verwendet. Dann gibt es aber aus unerfindlichem Grund auch Zwischensequenzen in Spielegrafik, die im direkten Vergleich tausend Mal schlechter aussieht. Warum das in manchen Fällen gemacht wurde und in anderen nicht ist nicht wirklich nachvollziehbar, denn das wäre zwar erklärbar, wenn innerhalb der Szenen ins Gameplay gewechselt wird und man nicht so einen harten Übergang haben möchte, was aber wenn ich mich zurückerinnere nie der Fall ist.

Auch wenn die ganze Kritik teilweise wirklich hart klingt, schildert das durchaus die Spielerfahrung, auch wenn ich zugeben muss, das das Spiel auch stellenweise Spaß macht, denn besonders der letzte Bosskampf mit mehreren Etappen bringt noch ein paar nette Twists mit sich und lockert das Spielprinzip auch nochmal etwas auf, was aber schon fast blöd ist, dass das erst so spät im Spiel passiert. Wobei spät hier auch relativ zu sehen ist, denn besonders lang ist das Spiel nicht. Nach knapp 3-4 Stunden flimmert dann der Abspann über den Bildschirm und liefert sogar ein paar kleine Mosaiksteine zum besseren Verständnis der Geschichte nach, indem wir einige kurze Szenen nochmal mit Ton gezeigt bekommen, was in Ansätzen an das finale Reveal in der SAW-Filmreihe erinnert, wo wir ebenfalls einige Erklärungen nachgereicht bekommen, die uns helfen das Konstrukt nachvollziehen zu können. Auch wenn immer noch viele Fragen unbeantwortet bleiben, was allerdings ein zweiter Durchgang beheben kann, denn hier hat Square Enix die allgemeine Kritik gehört und einen zweiten Spielmodus „The Quiet Man – Answered“ nachgeliefert, der als kostenloses Update implementiert wurde und nach dem Durchspielen freigeschaltet wird. Dann kann man die komplette Geschichte mit Ton und Musik erleben, was für die ein oder andere Erkenntnis sorgt. – Sofern man die Geduld aufbringen kann das Spiel nochmal komplett durchzuspielen, denn abseits vom wieder in Stand gesetzten Ton liefert ein zweiter Durchgang keinen erkennbaren Mehrwert.

„The Quiet Man“ hätte an sich ein wirklich tolles Spiel werden können, wenn man etwas mehr Arbeit in das Kampfsystem, das allgemein repetitive Gameplay und die Präsentation gesteckt hätte. Die Prämisse ist wirklich neu und interessant, hingt aber den Ambitionen hinterher und hätte besser implementiert werden müssen, sei es durch eine angepasste Präsentation oder auch andere Mittel, wie mehr Dialoge in Gebärdensprache mit Untertiteln, damit man wenigstens etwas mitbekommt und nicht vom Spiel inhaltlich abgehängt wird. Wer dennoch neugierig ist hat noch bis zum 19.01. die Chance das Spiel 33% günstiger für 9,99€, anstatt der regulären 14,99€ im PSN zu bekommen, aber selbst für diesen Preis ist es nun mit Einschränkungen zu empfehlen, denn sonst wäre es wahrscheinlich auch nicht auf Platz 4 meiner „Flop Five“ des Jahres 2018 gelandet. Es gibt zwar schlechtere Spiele, aber auch viele bessere und wer nur die Story erleben will ist vielleicht mit Zusammenschnitten auf YouTube besser beraten.

NB@25.01.2019