Die Just Cause-Reihe von Entwickler Avalanche und Publisher Square Enix ist für vieles berühmt, wenn nicht gar berüchtigt, doch zugegebenermaßen Tiefgang ist nichts davon. Auch der neue Teil der Reihe, „Just Cause 4“ ist da keine Ausnahme. Es handelt sich quasi um die zum Spiel gewordene Version des Proto-Actionhelden der 80er, bevor irgendjemand beschlossen hat, dass auch Actionfilme mehr Tiefgang brauchen und „Sinn“ machen müssen. Ich spreche hier von der Rambo-Reihe, bei dem John Rambo mit Pfeil und Bogen einen Helikopter vom Himmel schießt, Waffen nie nachgeladen werden müssen, außer es passt zur Dramaturgie und Arnold Schwarzenegger als John Matrix in „Phantom Kommando“ im Alleingang eine gesamte Armee ausschaltet. Kombiniert man das mit einer offenen Spielwelt, einem Wingsuit, einem Fallschirm und einem Greifhaken bekommt man „Just Cause“ und auch wenn diese Beschreibung wahrscheinlich viele erst mal vor den Kopf stößt, macht das richtig viel Spaß.

 

Geändert hat sich im Vergleich zu den Vorgängern im Grunde gar nichts, abseits der Kulisse und einem neuen Bösewicht, der diesmal dank einer Wettermaschine die Naturgewalten im Kampf gegen uns einsetzt. Der Rest der Geschichte ist auch wirklich schnell erzählt: Wir spielen dabei, wie in den Vorgängern, Rico Rodriguez, fleischgewordene ein-Mann-Armee, die sich nach den Ereignissen des direkten Vorgängers aus dem Dienst der Agency zurückgezogen hat. Dennoch ist sein Kampf nicht abgeschlossen, denn um bei Actionfilm-Klischees zu bleiben könnte man auch sagen, „this time it’s personal“ –  Rico ist auf Grund einer heißen Spur auf der Suche nach seiner Vergangenheit in den beschaulichen Inselstaat Solis gereist, wo der wahnsinnige Diktator Oscar Espinosa mit Hilfe seiner Privatarmee Black Hand und der Wettermaschine, die Rico’s Vater gebaut hat mit eiserner Faust regiert. Nachdem Rico im Prolog leider vergebens versucht sich alleine Espinosa entgegenzustellen ist er gezwungen seine Vorgehensweise gegen diese übermächtigen Gegner zu ändern. Und wie macht man das am besten? Man zettelt einen überaus explosiven Bürgerkrieg an um gemeinsam mit dem unterdrückten Volk der Terrorherrschaft ein Ende zu bereiten… – Was soll ich sagen, die Seiten sind von Anfang an klar definiert, es gibt kaum wirkliche Überraschungen und dennoch fällt das überhaupt nicht negativ auf. Natürlich ist diese Geschichte nicht Oscarverdächtig, aber sie soll auch nur das Grundgerüst für unseren abgedrehten Spielplatz der Zerstörung liefern, denn wenn Rico eins kann, dann ist es Dinge kaputt machen. Dazu hat er neben einem schier unglaublichen Waffenarsenal auch wie immer seinen Greifhaken, seinen Wingsuit und seinen Fallschirm mit an Bord. Unsere abgedrehten Ideen sind dabei fast die einzige Beschränkung, denn uns wird vollkommen freigestellt, ob wir mit unerkannt mit dem Fallschirm in ein feindliches Gebiet eindringen, mit dem Greifhaken Mauern überwinden, Gegner zusammenbinden oder ganz einfach mit einem auf Kamikaze-Mission mit Linienflugzeug in das feindliche Gebiet fliegen und kurz vor dem Aufprall herausspringen und uns nur noch mit den Überresten der Zerstörung befassen. Solch abgedrehte Szenarien sind in anderen Spielen die Ausnahme, hier aber die Regel und das Beste ist dabei noch, dass es in den meisten Fällen sogar besser funktioniert, als das „normale“ spielen.

 

In anderen Spielen würden die Entwickler wahrscheinlich gleich zum Beginn ein Ereignis im Spiel als Vehikel benutzen, damit Rico alle seine Gadgets und Fähigkeiten verliert und sich im Verlauf des Spieles alles erst wieder erarbeiten muss, aber diese Route schlagen die Entwickler Gott-sei-Dank nicht ein. Zwar sieht es direkt am Anfang wirklich so aus, da Rico ohne sein Equipment im Dschungel aufwacht, aber nach 3 Minuten haben wir wieder alles an Bord und die Action dreht umgehend auf 180 auf. Besonders die Wettermaschine mit der wir neben menschlichen Gegnern auch gegen überaus überwältigende Naturgewalten, wie Stürme, Tornados und weiteres Wetterphänomene antreten müssen, die in Folge dessen auch eine Adaption unserer Angriffe erfordern, denn mit einem Wingsuit kommt man im Tornado nämlich nicht besonders weit, lockern das Spielprinzip im Gegensatz nicht nur auf, sondern liefern auch ein paar der beeindruckensten Setpieces, der Reihe, wenn nicht gar dem Actiongenre per se. Zugegeben gibt es in Spielen wie der Uncharted-Reihe auch einige überragende geskriptete Sequenzen, aber nichts ist so abgedreht, wie in Just Cause und in 99% der Fälle ist dabei noch nicht mal etwas geskriptet, sondern vollkommen selbstheraufbeschworen.

 

Im direkten Vergleich zu „Just Cause 3“ zieht der vierte Teil hier einige Register und merzt einige Kritikpunkte des Vorgängers aus. So bekommen wir allein mit der Karte des Spieles einiges mehr an Varianz geboten und haben neben Wüstenstädten auch Regenwälder, verschneite Berge und florierende Metropolen, die von ihrem Design und pompösen Aussehen ziemlich an Dubai erinnern. Allein abseits der Geschichte kann man hier einiges erleben und so bekommen wir neben Haupt- und Nebenmissionen auch unzählige weitere Events, wie zum Beispiel Stunts. Rennen oder sogar versteckte Inka-Gräber (Lara Croft lässt grüßen…) geboten. Zusätzlich lassen sich eine schier überwältigende Armada aus Waffen und Fahrzeugen freischalten, die wir sobald wir sie freigeschaltet haben und jederzeit auf Knopfdruck liefern lassen können. Auch die Erweiterungen für den Enterhaken aus dem Vorgänger in Form Steuerungs-Boostern feiern ein Comeback und lassen sich dieses Mal sogar untereinander in drei unterschiedlichen Konfigurationen, die wir per Knopfdruck wechseln können, kombinieren, oder wer von euch wollte noch nie einen Gegner mit einer Kuh verbinden, die wir dann mittels Ballon in die Stratosphäre schicken? Da wir aber in Verbindung mit anderen stärker sind können wir uns dieses Mal sogar eine eigene Armee des Wiederstandes als Unterstützung aufbauen, die neben uns selbstständig gegen die Black Hand kämpfen, was schon fast an die Rebellion in „Far Cry 4“ erinnert.

 

Von der technischen Seite kann sich das Spiel wirklich sehen lasse. Avalanche hat ihre neuen Engine, die Apex Engine gegenüber der vorherigen massiv überarbeitet und zeigt die Physik gerade in Hinsicht auf die massiven Wetterphänomene und dynamische Wetterwechsel. Gerade die Physik und die Möglichkeiten der gezielten Zerstörung sind eindeutig die Steckenpferde des Spiels. Abseits davon wird die Luft allerdings wirklich dünn. Die Spielwelt ist zwar riesig groß und abwechslungsreich und das Spiel läuft auch in hektischen Szenen meist sehr flüssig, wenn man mal von total überfrachteten Szenen mit jeder Menge Fahrzeugen, Explosionen und einem Wirbelsturm absieht. Aber man hat dafür eindeutig einiges geopfert: Die Charaktermodelle sind, abseits von Rico im Grunde sehr minimalistisch und besonders Haare wirken eher wie ein fester Teil des Kopfes. Ähnlich verhält es sich leider auch mit der Spielwelt, wenn man mal von den detailreichen Ansichten aus der Ferne an sich absieht. So treten Pop-Ins sehr häufig auf und es gibt auch viele Situationen, wo Texturen eine gefühlte Ewigkeit gebraucht haben nachzuladen, was nicht nur hässlich, sondern stellenweise auch störend ist. Doch dann bekommen wir wieder einige Actioneinlagen, bei denen sogar Michael Bay anfangen würde zu sabbern präsentiert und all das ist wieder vergessen. – Ja, das Spiel gewinnt weder einen Schönheitspreis und auch die Story an sich hätte sich wahrscheinlich eine Kindergartengruppe ausdenken können, aber meine Güte macht das Spiel spaß. Zugegeben bin ich auch mit den 80er Jahre Actionhelden aufgewachsen und hab mich früher nie an der übertriebenen Gewalt gepaart mit einer seeeeehr flachen Geschichte gestört und das Spiel ist hier eben genau von dieser Machart. Die puren Möglichkeiten begeistern immer wieder aufs Neue. In anderen Spielen, wie GTA oder in der jüngsten Vergangenheit Red Dead kommt es auch durch eine ungünstige Verkettung von Ereignissen (oder einfache Dummheit) immer wieder an künstliche Grenzen. Denn wenn wir zu viel Mist bauen werden wir von alles und jedem gejagt. Hier ist diese Eskalation quasi vom Spiel gewünscht, weswegen es uns dafür auch in keiner Weise bestraft und so habe ich in meinem Durchspielen der Story so viele abstruse Situationen gesehen (und selbst hervorgerufen), dass es auf keine Kuhhaut mehr geht. Auch Soundtechnisch kann sich das Spiel wirklich sehen lassen, denn gepaart mit der Zerstörung bekommen wir einiges an tollen Sounds und auch einen stimmungsvollen Soundtrack, der auch direkt aus dem Actionkino der 80er und 90er kommen könnte, präsentiert. Auch die sonstige Vertonung kann sich wirklich sehen lassen, was sowohl auf die deutsche Synchro, wie auch das Original zutrifft. Besonders die deutsche Synchro hat mir diesem Mal um einiges besser gefallen, da Rico nicht mehr von Moritz Bleibtreu gesprochen wird. Er hatte zwar seine Sache im Vorgänger auch ganz gut gemacht, aber es wirkt immer etwas merkwürdig, wenn bekannte Schauspieler eine Figur ebenso bekannte Figur sprechen, die man nicht zwangsläufig miteinander in Verbindung bringen würde. Genauso merkwürdig fand ich es als Nora Tschirner Lara Croft beim Tomb Raider-Reboot gesprochen hatte… Das kann natürlich rein persönliche Meinung sein.

 

Insgesamt habe ich mit dem Spiel auf Grund der abgedrehten Ideen und der Over-the-Top-Inszenierung eine riesige Menge Spaß und kann gar nicht verstehen, warum das Spiel im Grunde unter ferner Liefen veröffentlicht wurde. Avalanche hat gerade in Hinsicht auf die Effekte und die Wetterphänomene einiges aus dem Hut gezaubert, wenn auch andere Abstriche zu deren Gunsten offensichtlich sind. Die Story beschäftigt so um die 15 Stunden und hält aber auch nach dem Ende der Geschichte durch etliche Nebenbeschäftigungen und Freischaltbares noch einiges zum Weiterspielen bereit. Wer ein realistisches State-of-the-Art-Spiel sucht, sollte besser einen Bogen um „Just Cause 4“ machen, denn was hier geboten wird ist alles andere als realistisch, aber gerade auf Grund dessen ist es für mich sooooo viel Spaß den fiktiven Inselstaat mit Rico aufzumischen und auszuprobieren, was man noch alles machen kann…

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NB@17.12.2018

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