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Als „Agony“ von Madmind Studio das erste Mal vor einigen Jahren angekündigt wurde war ich sofort begeistert: Ein Survival-Horror-Spiel, in dem man aus der Hölle entkommen muss. Es sollte seit langem mal wieder ein erwachsenes und sehr dichtes Spielerlebnis werden, das in Sachen Story, Storytelling und expliziter Gewaltdarstellung kein Blatt vor den Mund nimmt. Was kann dabei denn eigentlich schief gehen? – So wurde das Spiel 2016 zumindest auf Kickstarter zum Budgetsammeln beworben. Tja, in der Theorie klingt das alles schön und gut, aber in der Umsetzung hatte das anscheinend seine Tücken, denn kurz vor der angepeilten Veröffentlichung im März diesen Jahres wurde das Spiel in USA der ESRB (ähnlich unserer USK) vorgelegt, die prompt eine Freigabe verweigerte und es mit „Adults only“ abspeisen wollte, sofern die Entwickler nicht nachbessern.

Manch einer mag sagen, ok dann ist es halt „Adults only“, Hauptsache ich bekomme mein Spiel Uncut, aber so einfach ist das leider nicht, denn ohne die Freigabe hätten die Entwickler ihr Spiel so gut wie nirgends vertreiben dürfen. Denn diese Inhalte werden automatisch mit Pornografie gleichgesetzt und sowohl Sony, wie auch Microsoft verwehren allen Inhalten mit diesem Rating einen Vertrieb über denen Marktplätze. Aus diesem Grund wurde die Veröffentlichung um 2 Monate verschoben und die Schere an den härtesten Szenen angesetzt, um noch eine Freigabe für das Spiel zu erhalten. Aber merkt man diese Änderungen dem Spiel an und was blieb vom Ursprung erhalten? Kann es vielleicht daran liegen, dass das Spiel nicht gerade mit positiven Kritiken überschwemmt wird, sondern immer wieder als „unfertig“ bis hin zu „komplett kaputt“ beschrieben wird?

Es gibt allerdings auch positive Berichte zum Spiel, was mich dazu bewegt hat mir doch mein eigenes Bild davon zu machen. So habe ich zur PS4-Version gegriffen…

Wir spielen eine verdammte Seele, die frisch in der Hölle angekommen ist. Es handelt sich um einen ungemütlichen Ort aus Blut, Fleisch und Feuer, wie er nicht treffender auf Plattencovern von „Dio“ oder ähnlichen abgebildet ist. Warum wir hier sind, oder was wir getan haben, um zur Hölle geschickt zu werden wissen wir als Spieler nicht, denn unsere Hauptfigur hat keinerlei Erinnerung an das vorherige Leben. Jedoch ist eins sicher: Wir wollen hier nicht bleiben, denn dass wir hier sind muss ein Fehler sein. So treten wir eine Reise durch die Hölle an, um einen Ausweg aus der Hölle und zurück in die Welt der Lebenden zu finden. Wir steuern unsere Spielfigur dabei in der Ego-Perspektive durch eine überraschend eklige und drastische  Landschaft. Hier bekommt man einiges in Sachen Ekel und Gewalt geboten und es ist fast unvorstellbar, dass es sich dabei um die „entschärfte“ Variante handelt… Hier bin ich wirklich positiv überrascht, was die ESRB und hierzulande auch die USK mit einer Altersfreigabe haben durchgehen lassen. Da sind andere Spiele schon für weitaus weniger auf dem Index gelandet, denn besonders die Tötungssequenzen, in denen wir unser Ableben aus der Ego-Perspektive sehen haben sind nicht ohne.

Die Grafik ist dabei zwar keinesfalls auf dem Niveau eines AAA-Spiels, aber um ein solches handelt es sich hierbei auch bei weitem nicht. Es handelt sich um ein kleines Spiel, das mit wenig Budget und ohne einen großen Publisher geschaffen wurde. Das sieht man zwar auch teilweise etwas matschige Texturen, aber insgesamt ist die Präsentation stimmig und wirkt rund. Zwar hätte man hier besonders in Hinblick auf die teilweise unterirdischen Ladezeiten etwas mehr Finetuning betreiben können, aber das gebotene weiß auf jeden Fall zu überzeugen. Diese Hölle ist wahrlich ein Ort an dem wir uns nicht gerne aufhalten wollen und so lässt sich auch die Motivation der Hauptfigur durchaus nachvollziehen. Was allerdings wirklich negativ aufstößt sind die Gesichtsanimationen und die Gesichter von anderen verlorenen Seelen in der Hölle, denen wir hier zu Hauf begegnen, denn diese Gesichter wirken einfach nur unfertig und wirken einfach nur störend. Bei allem anderen hat man sich zumindest Mühe gegeben, dass man das geringe  Budget nicht auf den ersten Blick erkennt, aber hier wird es offensichtlich und stößt immer wieder negativ auf…

Leider wird es danach in den Bereichen Story und Storytelling auch nicht wirklich besser, denn hier präsentiert sich das Spiel leider sehr dünn. Es gibt im Grunde nicht viel mehr Story, als zum Eingang der Geschichte geschildert und es kommen auch nur kleine Häppchen im Verlauf der Geschichte dazu. Ähnlich verhält es sich leider beim Storytelling, denn hier liegt es quasi am Spieler selbst, ob er was von Story erfährt, denn diese wird fast ausschließlich durch Sammelobjekte, wie Notizen oder ähnlichem transportiert, von denen es unglaublich viele in den Levels gibt. Hier hat man eindeutig übertrieben, zumal der Inhalt leider sehr zusammenhangslos ist. Hier wurde leider viel Potential verschenkt, denn gerade zum Beginn gibt es doch ein paar interessante Elemente, wenn unser Charakter von einem anderen Höllenbewohner scheinbar erkannt wird und zur Sprache kommt, dass wir uns unser Pakt mit dem Teufel an der ganzen Misere Schuld sind… Uns wird bröckchenweise so eine Info hingeworfen, aber nichts wird wirklich draus gemacht, was alles sehr belanglos erscheinen lässt.

Leider verhält es sich ähnlich mit dem Gameplay, denn entgegen dem was eine Ego-Perspektive suggeriert handelt es sich hier nicht um ein Actionspiel, sondern um ein Survival-Horror-Spiel, bei dem wir uns im Grunde fast ausschließlich schleichend fortbewegen und am besten versuchen müssen jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Ich bin zwar Schleichspielen per se nicht abgeneigt, aber hier wirkt es teilweise geradezu willkürlich, wann wir entdeckt werden und wir müssen auf sehr viele Faktoren achten und auch noch per Knopfdruck unseren Atem anhalten. Zumindest ein Indikator, wann wir gesehen werden wäre hier hilfreich. So hat sich leider am effektivsten erwiesen einfach zu rennen und zu hoffen, dass man im Sprint die richtigen Abzweigungen nimmt und eventuell an einem Speicherpunkt landet. Kämpfen können wir leider nicht wirklich und so bleibt uns eigentlich nur die Flucht. Wenn wir sterben gibt es allerdings noch eine weitere Chance, bevor wir zum letzten Speicherpunkt zurückgeschickt werden. Befindet sich in der Nähe eine andere verlorene Seele können wir diese teilweise besetzen und benutzen deren Körper als neue Spielfigur. Es gibt sogar Punkte im Spiel, wo man das zu seinem Vorteil benutzen kann, denn es ist mehr als einmal vorgekommen, dass ich gestorben bin und ich dann einen Körper NACH der nervigen Stelle besetzen konnte. Das ist zwar eigentlich nicht so gedacht, war mir aber in diesem Moment egal. Wenn es diese Fähigkeit schon gibt kann man sie auch zum eigenen Vorteil einzusetzen, was das Spielgeschehen dann zumindest etwas auflockert.

Wie in eigentlich jedem Spiel mittlerweile gibt es in diesem Spiel auch das Light-RPG-Element eines Skilltree, aber im Gegensatz zu anderen Spielen scheinen die Upgrades keinerlei Effekt auf das Spielgeschehen zu haben, zumal es sich auch um keine neue Fähigkeiten handelt, sondern lediglich vorhandene etwas aufwertet. Im direkten Vergleich fällt vielleicht eine Veränderung auf, dass unser Charakter etwas mehr Schaden aushält, spielerisch fällt es aber nicht ins Gewicht.

Aber wie verhält es sich mit den stärksten Kritikpunkten, dass das Spiel „unfertig“  oder gar „komplett kaputt“ sein soll? – Zum direkten Release war das Spiel, besonders auf Konsole, unspielbar und es gab einige fiese Bugs, die dem Spieler das Spielen „zur Hölle“ 😉 gemacht haben. Man liest teilweise Horrorinfos über Speicherstände, die plötzlich nicht mehr lesbar sind und andere Fehler, die sich nur durch eine komplette Neuinstallation beheben lassen. Sieht man von der merkwürdig-agierenden und teilweise allwissenden KI der Gegner ab wurden hier in der Zwischenzeit seit Release die schlimmsten Bugs anscheinend ausgebügelt. Es gibt einen Patch, der das Spiel updated und mir sind nach dem Laden keine gravierenden Probleme aufgefallen. Natürlich gibt es das ein oder andere Grafikproblem, wo es etwas zu stark ruckelt oder auch Gegner auch mal halb in der Wand hängt, aber über sowas sehe ich getrost hinweg, besonders, wenn es sich um kein AAA-Spiel handelt.

Insgesamt hatte das Spiel einiges an Potential und zugegeben ist die Präsentation ist wirklich gelungen, aber spielerisch bleibt das Spiel leider sehr krampfig und macht nur selten Spaß, wo man oft nicht wusste wo man eigentlich hin muss und dann das x-te mal von einem Gegner aus unerfindlichem Grund getötet wurde. Das Spiel hat eine ungefähre Spielzeit von 10-12 Stunden und bietet insgesamt 7 unterschiedliche Enden, was zum wiederholten Durchspielen einlädt, sofern man die Geduld dafür aufbringen kann das Spiel mehrfach zu spielen. Mir persönlich hat einmal absolut gereicht und ich muss zugeben, dass ich während diesen Durchlauf sogar überlegt habe aufzuhören, da es einfach viele nervige Stellen gibt. Technisch ist es zwar durch diverse Updates endlich spielbar, aber ob man das sich dennoch antun möchte, ist eine andere Frage…

NB@31.07.2018