Stadia Review: „Gylt“ #Gylt

Google’s Streaming-Plattform Stadia fehlt bislang noch einiges, um eine ernstzunehmende Konkurrenz zu den etablierten Größen im Videospielbereich zu werden. Neben leider immer noch fehlenden Features gibt es so gut wie keine Exklusivtitel, die es den Kunden schmackhaft machen, sich für die neue Plattform zu erwärmen. Ein Grund dafür könnte aber durchaus das erste Exklusivspiel „Gylt“ sein, das trotz familienfreundlicher Präsentation nicht davor zurückschreckt ernste Themen anzusprechen, wie Mobbing, Einsamkeit und Ausgrenzung anzusprechen und damit thematisch in eine ähnliche Kerbe, wie „Contrete Genie“ schlägt, wobei sich beide Spiele aber Gameplay-Technisch aber stark voneinander unterscheiden. Finden wir mal heraus, ob es ähnlich überzeugen kann, denn nicht ohne Grund ist „Concrete Genie“ auf einem verdienten Platz 7 meiner Top 10 der Spiele 2019 gelandet… – „Gylt“ wurde vom spanischen Entwicklerstudio Tequila Works entwickelt, die mit „Deadlight“, „The Sexy Brutale“ und „Rime“ bereits ein paar wirklich gelungene Spiele abgeliefert haben, ist exklusiv für die Streaming-Plattform erhältlich und wurde pünktlich zum Launch veröffentlicht. Zusätzlich wurde das Spiel im Februar für Stadia Pro-Abonnenten kostenfrei zur Verfügung gestellt, was dem Spiel hoffentlich etwas mehr Aufmerksamkeit beschert, denn das fehlende Marketing seitens Google, der für Indies eher hohe Preis zum Release von knapp 30€ und die recht kindlich anmutende Optik haben viele Spieler bisher eventuell zu Unrecht abgeschreckt. Davon mal ganz zu schweigen, dass das Spiel exklusiv auf einem (momentanen) Nischenprodukt erschienen ist, wo es ohnehin nicht so viele Spieler gibt.

Wir begleiten die junge Sally, die auf der Suche nach ihrer vermissten Cousine Emily ist und sich plötzlich in einer alptraumhaften Version der Stadt à la Silent Hill wiederfindet, in der Chaos und Zerstörung herrscht und verzerrte Monster durch die Straßen laufen. Dabei beginnt alles erst mal recht simple: Sally hängt Vermisstenposter in der Stadt auf und alles wirkt normal. Als Dunkelheit hereinbricht und sie sich auf den Nachhauseweg macht wird sie von einer Gruppe Halbstarker verfolgt, sie darauf auch noch mit ihrem Fahrrad verunglückt, das dann unbrauchbar ist, flüchtet sie sich in die Gondel einer Seilbahn. Doch die Seilbahn an ihrem Bestimmungsort angekommen ist und die Türen der Gondel sich öffnen ist die Welt nicht mehr die Gleiche. Dunkelheit hat Einzug erhalten, es ist keine Menschenseele auffindbar und Spuren von Zerstörung, wie nach einem Erdbeben oder eine Militärschlag sind allgegenwärtig. Sally erspäht plötzlich ihre Cousine Emily, die vor etwas zu fliehen scheint und beschließt ihr zu folgen, doch das vordem Emily geflüchtet ist, ist nun auch hinter Sally her…

Von dort an offenbart das Spiel seine ganze morbide Schönheit und zeigt seine Muskeln als Schleichspiel. Denn entgegen Silent Hill sind wir besonders anfangs gezwungen gegen die Monster unseren Grips einzusetzen: Wir beobachten Laufwege, benutzen Lüftungsschächte, oder lenken die Gegner mittels geworfenen Sodadosen in eine falsche Richtung, während wir hinter ihrem Rücken vorbei schleichen. Im späteren Spielverlauf bekommen wir dann zwar auch eine Waffe in Form einer starken Taschenlampe, womit wir die Gegner durch die gezielten (Licht-)Beschuss auf gelb-markierte Schwachstellen ausschalten können, was aber oft nicht der beste Weg ist, zumal es auch Batterien, die als Munition fungieren verbraucht. Zwar findet man in der Regel immer genug Batterien, doch ein Kampf mit einem Gegner macht zwangsläufig leider Lärm und lockt weitere Gegner an, die uns dann mitunter überrennen können. So ist man meist besser beraten zu versuchen die Gegner zu umgehen, anstatt einen Frontalangriff zu starten. Dabei sind die Stealth-Mechaniken an sich solide Standardkost, indem über den Gegnern ein Indikator zu finden, der anzeigt, ob er entspannt ist, etwas vermutet oder uns sogar schon gesehen hat und sobald wir aus dem Sichtfeld verschwinden beginnt man erst nach uns zu suchen und kehrt irgendwann wieder zur Entspannungsposition zurück. Einzig eine Möglichkeit unerkannt um Ecken zu schauen vermisse ich an dieser Stelle generell, denn dadurch, dass so ein spezieller Move fehlt läuft man schnell Gefahr, dass man gesehen wird, wenn man sich an Ecken heran tastet. Aber das ist eher ein kleinerer Makel, den man getrost darauf schieben kann, dass ich manchmal zu voreilig vorgegangen bin, denn sonst macht das Spiel fast alles richtig.   

Gerade von der technischen Seite kann sich das Spiel nämlich mehr als sehen lassen. Waren die vorherigen Spiele von Tequila Works eher kleinere Indies mit recht reduzierter Optik, liefern die Spanier mit „Gylt“ ein Spiel ab, das sich nicht hinter AAA-Veröffentlichungen verstecken muss. Die Grafik wirkt sehr plastisch und erinnert vom Stil her sehr an die Comichaften Stop-Motion-Figuren à la Tim Burton und wartet mit vielen kleinen Details auf. Das Spiel findet dabei aus einer Third-Person-Ansicht mit einer frei-steuerbaren Kamera statt und wartet auf Grund des Gruselsettings mit einigen echt schönen Licht- und Schatteneffekten auf. Der Sound tut sein übrigens und ebenso wie die Figuren von Tim Burton inspiriert zu sein scheinen, so hat man für die Musik passenderweise Inspiration von Danny Elfman herangezogen, was natürlich in sich sehr stimmig ist. Dabei läuft das Spiel überaus flüssig und während meinem Durchspielen gab es keinerlei Aussetzer in Sachen Framerate oder nachladende Texturen. Das kann zum einen am cineastischeren Ansatz des Spiels, aber auch zum anderen daran liegen, dass Google eventuell seine Server aufgestockt hat. Dennoch ist es auf jeden Fall positiv zu vermerken, dass es keine erkennbare Probleme mehr gibt, die Stadia zum Launch noch geplagt haben. Auch wenn die Geschichte am Anfang recht simpel wirken mag und durch die übernatürlichen Elemente einen Twist bekommt, so ist der Kern dennoch ein viel ernsterer und die Probleme werden im Spielverlauf auf eine wirklich interessante Weise thematisiert, ohne zu sehr zu einem Appell mit erhobenem Zeigefinger zu verkommen. Denn wenn es um Themen wie Mobbing, Einsamkeit, oder auch Selbstzweifel geht, denen besonders heranwachsende Kinder ausgesetzt sind, wäre der größte Fehler so etwas halbherzig abzutun oder zu versuchen eine einfache Lösung zu präsentieren.

Ähnlich wie „Concrete Genie“ zuvor hebt man das vielschichtige Thema daher auf eine andere Ebene und verpackt es in eine dennoch unterhaltsame Geschichte. Dabei können die Elemente teilweise verstörend wirken, was aber durchaus gewollt sein dürfte und wirken anfangs unwirklich, werden aber im Spielverlauf durchaus folgerichtig thematisiert und warten auch mit einigen interessanten Wendungen auf, die man nicht unbedingt kommen sieht. Dabei empfiehlt es sich übrigens auch einen Blick links und rechts des Hauptgrades zu haben, denn es gibt einige Sammelobjekte und Elemente in der Spielwelt, die zwar nicht notwendig sind, aber dabei helfen der Geschichte mehr Tiefe zu verleihen, auch wenn das Ende für meinen Geschmack dann fast schon zu abrupt kommt. Es gibt lediglich einen Punkt, der mit am Storytelling nicht so wirklich gefallen hat und das sind die Zwischensequenzen, die im Grunde nicht mehr als recht spartanisch animierte Bilderfolgen sind und somit einen komplett anderen Artstyle, als der Rest des Spieles, verwenden und bei jeder neuen Instanz des Storytellings wieder etwas merkwürdig anmuten, was aber wahrscheinlich aus Budgetgründen notwendig war.

Insgesamt handelt es sich bei „Gylt“ um ein wirklich gelungenes Spiel. Es überzeugt nicht nur technisch, sondern auch spielerisch und zieht recht viele, obgleich passende, Anleihen bei Silent Hill und Alan Wake, während es dabei aber größtenteils familienfreundlicher bleibt. Die Spieler sollten aber auf keinen Fall zu jung sein, denn auch wenn es lediglich ein paar Instanzen mit Jumpscares gibt, sind die Gegner und die allgemeine Stimmung schon ziemlich gruselig und könnten sonst mitunter für Alpträume sorgen. Natürlich ist das auf keinem Niveau von „P.T.“, doch für junge Kinder ist es, trotz der verspielten Optik, nichts, auch wenn sich am Ende natürlich alles auflöst und dadurch etwas von der Bedrohung einbüßt. Die Geschichte unterhält gut und macht auch am Ende noch Sinn, obwohl mir das Ende an sich etwas zu abrupt kam und der finale Bosskampf etwas aufgesetzt gewirkt hat. Darüber hinaus sollte man auch in Sachen Spielzeit nicht zu viel erwarten, denn das recht lineare Abenteuer ist in maximal 8 Stunden auch schon wieder vorbei, was einige bestimmt abschrecken wird. Für mich geht das aber voll in Ordnung, denn im Spiel an sich gibt es daher auch kaum Leerlauf und ich weiß neben den zeitaufwendigen Spielen der letzten Zeit auch komprimierter Erfahrungen durchaus zu schätzen, wenn sie dennoch gut unterhalten. Vielleicht erscheint das Spiel ja doch noch mal auf einer anderen Plattform, damit es die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Denn das ist an sich gar nicht so weit hergeholt, denn obwohl „Deadlight“, das ebenfalls von Tequila Works stammt exklusiv auf der Xbox 360 erschienen ist wurde es einige Zeit später doch noch als „Director’s Cut“ auf die PS4 gebracht. Und Tequila Works hat interessanterweise jegliche Fragen in Richtung Exklusivität. Zeitexklusivität und potentielle Veröffentlichungen auf anderen Plattformen in Bezug auf „Gylt“ bisher weder bestätigt, noch dementiert, was an sich ja auch schon als Statement ausgelegt werden kann…

Entwickler:      Tequila Works

Publisher:        Tequila Works

Erhältlich auf: Google Stadia

NB@02.03.2020

——— Hinweise & Disclaimer: ———

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Die verwendeten  Bilder und/oder Screenshots wurden, wenn nicht anders angegeben, vom Autor selbst erstellt und dienen zur Unterstützung des Berichtes. Das Copyright an der dargestellten Sache, bzw. dem Spiel bleibt davon selbstverständlich unberührt und verbleibt beim ursprünglichen Rechteinhaber.

3 Gedanken zu “Stadia Review: „Gylt“ #Gylt

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