Wenn man sich die ersten Wertungen zu „Directive 8020“ ansieht, könnte man meinen, Supermassive Games hätte einen weiteren großen Wurf gelandet. So vergab IGN beispielsweise eine Wertung von 8 von 10 Punkten und ordnete das Spiel damit in die obere Liga der Veröffentlichungen dieses Jahres ein. Für mich als langjährigen Fan narrativer Horrorspiele, der sowohl die Werke von Telltale Games als auch Titel wie „Until Dawn“ und die bisherigen Ableger der „The Dark Pictures Anthology“ schätzt, sorgte das jedoch eher für Verwunderung. Denn nach meinem Durchgang hinterließ das neue Sci-Fi-Abenteuer vor allem eines: Enttäuschung.

(c) Supermassive Games

Aber lasst mich das etwas genauer erklären… – Das Spiel erschien markiert offiziell den Beginn einer neuen Staffel innerhalb der „Dark Pictures“-Reihe. Schauplatz ist das Kolonieschiff Cassiopeia, das auf einem fernen Planeten strandet. Die Ausgangslage verspricht klassischen Science-Fiction-Horror mit Entscheidungen, mehreren Enden und einer Bedrohung, die sich als Crewmitglieder ausgeben kann. Auf dem Papier klingt das nach einer perfekten Mischung aus „Alien“, „The Thing“ und den bekannten Stärken der Reihe. In der Praxis bleibt davon jedoch überraschend wenig übrig.

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Die Geschichte folgt einer Gruppe von Besatzungsmitgliedern, die feststellen müssen, dass sich eine fremde Lebensform an Bord befindet. Das Wesen ist in der Lage, andere Organismen zu imitieren und sorgt innerhalb der Crew für Misstrauen und Paranoia. Wer ist noch Mensch und wer wurde bereits ersetzt? Die Prämisse besitzt enormes Potenzial, leidet jedoch darunter, dass sie sich stellenweise fast schon zu stark bei John Carpenters „The Thing“ bedient. Inspirationen sind im Horror-Genre selbstverständlich nichts Neues, doch hier fällt es schwer, eine wirklich eigene Identität zu erkennen. Viele Entwicklungen wirken vertraut und überraschen deutlich seltener, als man es von einem neuen Kapitel der Reihe erwarten würde.

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Auch die Figuren bleiben hinter den Erwartungen zurück. Zwar gibt es einige interessante Dynamiken innerhalb der Crew, doch nur wenige Charaktere entwickeln ausreichend Profil, um langfristig in Erinnerung zu bleiben. Gerade weil die Handlung stark von zwischenmenschlichen Konflikten und gegenseitigem Misstrauen lebt, fällt diese Schwäche besonders ins Gewicht.

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Noch deutlicher zeigen sich die Probleme beim eigentlichen Spielablauf. Die bisherigen Titel der Anthologie lebten von einer klaren Struktur. Zwischen den Kapiteln traf man auf den geheimnisvollen Kurator, konnte die jüngsten Ereignisse reflektieren und erhielt gleichzeitig kryptische Hinweise auf kommende Gefahren. Diese Sequenzen gehörten für viele Fans ebenso zur Identität der Reihe wie die ikonische Eröffnung mit Khemmis‚ Version von „O Death“.

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In „Directive 8020“ wurde dieser Rahmen nahezu vollständig gestrichen. Abgesehen von einem kleinen Easter Egg fehlt der Kurator komplett. Ebenso verschwunden sind die Kapitelintermezzi und die traditionelle Eröffnungssequenz. Ebenso wurde das Branding der The Dark Pictures Anthology, nun nur noch als The Dark Pictures, stark zurückgefahren wird nicht mehr wirklich thematisiert. Das mag als Neuanfang gedacht gewesen sein, nimmt dem Spiel jedoch einen erheblichen Teil seiner Persönlichkeit. Ob dieser Ansatz langfristig erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Für langjährige Fans dürfte die neue Ausrichtung jedoch kontrovers ausfallen. Statt wie der Auftakt einer neuen Staffel wirkt das Abenteuer dadurch häufig eher wie ein eigenständiges Experiment oder sogar ein Lückenfüller zwischen größeren Projekten.

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Auch bei den Entscheidungen hinterlässt das Spiel einen zwiespältigen Eindruck. Zwar bietet die neue Übersicht über alternative Szenenverläufe interessante Einblicke und erinnert an Systeme aus „Detroit: Become Human“, gleichzeitig geht dadurch aber ein Teil des Reizes verloren. Gerade die Ungewissheit darüber, welche Auswirkungen bestimmte Handlungen haben könnten, gehörte bislang zu den größten Stärken der Reihe.

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Hinzu kommt das Gefühl, dass viele Entscheidungen weniger weitreichend ausfallen als früher. Natürlich gab es auch in älteren Teilen Momente, deren Konsequenzen geringer ausfielen als zunächst erwartet. Dennoch entstand meist der Eindruck eines stark verzweigten Abenteuers. Hier wirken zahlreiche Handlungswege deutlich stärker zusammengeführt, wodurch manche Entscheidungen an Gewicht verlieren.

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Besonders kritisch fallen die neu eingeführten Schleichpassagen auf. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, die klassische Formel um zusätzliche Gameplay-Elemente zu erweitern. Als Fan von Schleichspielen und insbesondere der „Hitman“-Reihe begrüße ich solche Ideen sogar grundsätzlich. In diesem Fall wirken sie jedoch häufig wie ein Fremdkörper.

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Die Sequenzen unterbrechen regelmäßig den erzählerischen Fluss und sorgen nicht selten dafür, dass zuvor aufgebaute Spannung wieder verloren geht. Statt Nervenkitzel entsteht häufig Frust durch eine hakelige Steuerung und Mechaniken, die sich nicht immer präzise anfühlen. Noch problematischer ist jedoch ihre inkonsequente Umsetzung. Mehrfach entsteht der Eindruck, dass es letztlich kaum einen Unterschied macht, ob man entdeckt wird oder nicht. Der Ausgang der jeweiligen Szene bleibt oftmals identisch. Dadurch verlieren diese Abschnitte nicht nur ihre Spannung, sondern auch ihren spielerischen Zweck. Die Schleichmechaniken sollen zusätzliche Interaktivität schaffen, erzeugen jedoch häufig das Gegenteil. Gerade in einem Spiel, das sich über bedeutungsvolle Entscheidungen definiert, wirkt es enttäuschend, wenn ganze Sequenzen kaum Auswirkungen auf den weiteren Verlauf besitzen.

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Auch technisch präsentiert sich das Abenteuer widersprüchlich. Die Umgebungen gehören zweifellos zu den stärksten Aspekten der Produktion. Die Raumschiffkorridore, Labore und technischen Einrichtungen erzeugen eine überzeugende Science-Fiction-Atmosphäre. Besonders die Details und die Beleuchtung hinterlässt einen starken Eindruck und sorgt immer wieder für stimmungsvolle Bilder.

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Doch umso stärker fallen die Schwächen bei den Charaktermodellen ins Auge. Während die Umgebungen oftmals beeindruckend aussehen, erinnern viele Charaktere an Wachsfiguren. Gesichter wirken künstlich, Animationen steif und Bewegungen teilweise überraschend unbeholfen. Gerade weil frühere Titel von Supermassive Games in diesem Bereich bereits deutlich glaubwürdigere Ergebnisse geliefert haben, wirkt dieser Rückschritt umso schwerer nachvollziehbar.

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Auf der PS5 Pro läuft das Spiel zwar grundsätzlich stabil und größere technische Probleme blieben während meines Durchgangs aus. Die audiovisuelle Präsentation profitiert zudem von einer gelungenen Klangkulisse und einer insgesamt hochwertigen Inszenierung. Dennoch reicht dies meines Erachtens nicht aus, um die auffälligen Schwächen bei der Darstellung der Figuren auszugleichen.

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Am Ende bleibt für mich ein enttäuschender Auftakt für die nächste Phase der Anthologie. Das Science-Fiction-Setting besitzt einiges an Potenzial, die Umgebungen sehen hervorragend aus und die Grundidee rund um Paranoia und Identitätsverlust hätte eine spannende Weiterentwicklung der bekannten Formel ermöglichen können. Stattdessen erhält man eine Geschichte, die sich zu stark an bekannten Vorbildern orientiert, spielerische Neuerungen, die selten überzeugen, und den Verlust zahlreicher Elemente, die die Reihe einst unverwechselbar gemacht haben. Besonders die Schleichpassagen stehen exemplarisch für dieses Problem: Sie sollen mehr Spannung und Interaktivität schaffen, erreichen aber oftmals das genaue Gegenteil.

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Wer bislang keine Berührungspunkte mit den Spielen von Supermassive Games hatte, findet hier möglicherweise dennoch einen unterhaltsamen Science-Fiction-Horrortrip. Für Fans der bisherigen „Dark Pictures“-Titel dürfte die Enttäuschung jedoch deutlich größer ausfallen. Gerade weil die Vorgänger in vielen Bereichen bereits gezeigt haben, wie gut diese Formel funktionieren kann, hinterlässt „Directive 8020“ das Gefühl einer verpassten Chance.

Entwickler: Supermassive Games

Publisher: Supermassive Games

Erhältlich auf: PC, PS5, Xbox Series X/S

Getestet auf: PS5

NB@03.06.2026

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