Mit „Marvel’s Wolverine“ wagt sich Insomniac Games an eine der bekanntesten Figuren aus dem Marvel-Universum und tritt gleichzeitig in große Fußstapfen. Nach den erfolgreichen „Marvel’s Spider-Man“-Spielen sind die Erwartungen an das nächste Superheldenabenteuer des Studios entsprechend hoch. Allerdings schlägt der Entwickler diesmal einen deutlich härteren Weg ein. Statt durch eine offene Stadt zu schwingen, stehen kompromisslose Nahkämpfe, eine düstere Geschichte und ein Hauptcharakter im Mittelpunkt, dessen Methoden sich deutlich von denen des freundlichen Netzschwingers unterscheiden. Die entscheidende Frage lautet also: Kann Insomniac Games erneut ein mitreißendes Einzelspieler-Erlebnis abliefern, oder werden die hohen Erwartungen zur Belastungsprobe?

Nach meinem Durchspielen fällt die Antwort durchaus positiv aus, auch wenn nicht jede erzählerische Entscheidung überzeugt. Im Mittelpunkt steht Logan, besser bekannt als Wolverine. Der Mutant wird von seiner Vergangenheit verfolgt und versucht, mehr über die Ereignisse herauszufinden, die ihn zu dem gemacht haben, der er heute ist. Seine Suche führt ihn an unterschiedliche Schauplätze, darunter die gefährlichen Straßen Madripoors, die eisige Wildnis Kanadas und die urbane Kulisse Tokios. Dabei begegnet er sowohl bekannten Gesichtern aus den Comics als auch Gegnern, die ihm körperlich und mental einiges abverlangen. Zu den wichtigen Figuren gehören unter anderem Mystique und Omega Red, während die Reavers als gefährliche Gegenspieler auftreten.

Die Geschichte bemüht sich dabei die widersprüchlichen Seiten des Titelhelden einzufangen. Logan ist kein strahlender Vorzeigeheld, sondern ein gebrochener Charakter, der mit seiner Vergangenheit ringt und seine Wut nur bedingt kontrollieren kann. Gerade diese raue Persönlichkeit passt hervorragend zu einem Spiel, das sich bewusst von der vergleichsweise familienfreundlichen Präsentation anderer Superheldenabenteuer absetzt.

Die Figuren wirken insgesamt nah an ihren Comicvorlagen, ohne dass dafür jede Szene auf möglichst große Wiedererkennung setzen muss. Dennoch bleibt die Handlung nicht durchgehend auf diesem Niveau. Besonders im Mittelteil fehlt es ihr an Klarheit. Die Beweggründe einzelner Charaktere sind mitunter schwer nachzuvollziehen, und manche Entwicklungen wirken eher wie notwendige Stationen auf dem Weg zum nächsten großen Ereignis als wie die logische Konsequenz der vorherigen Handlung. Gegen Ende zieht die Geschichte das Tempo dann deutlich an und löst Konflikte teilweise schneller auf, als es ihnen guttun würde. Hier wäre weniger Hast und mehr erzählerischer Raum die bessere Wahl gewesen.

Spielerisch setzt das Abenteuer auf eine lineare Struktur, die sich wohltuend von den ausladenden offenen Welten der „Spider-Man“-Reihe unterscheidet. Statt eine riesige Karte mit Nebenaktivitäten zu füllen, konzentriert sich das Spiel auf inszenierte Abschnitte, Erkundung und intensive Gefechte. Das bedeutet keineswegs, dass die Schauplätze eintönig ausfallen. Im Gegenteil: Immer wieder wechseln sich ruhigere Passagen mit aufwendig inszenierten Actionsequenzen ab, die stellenweise an die großen Momente aus „Uncharted“ erinnern. Verfolgungsjagden, spektakuläre Umgebungen und filmreife Ereignisse sorgen dafür, dass die Reise selten lange stillsteht.

Das Herzstück bleibt jedoch der Kampf. Wolverine geht auf kurze Distanz zu Werke und setzt seine Adamantiumklauen mit einer Wucht ein, die man von der Figur erwartet. Die Auseinandersetzungen sind schnell, direkt und ausgesprochen brutal. Gegner werden nicht einfach nur zu Boden geschlagen, sondern regelrecht zerlegt. Der hohe Gewaltgrad ist dabei kein bloßer Selbstzweck, sondern prägt die gesamte Identität des Spiels. Wo andere Superhelden ihre Fähigkeiten eher kontrolliert einsetzen, darf Logan seine animalische Seite ausleben. Seine Regeneration und die Möglichkeit, seine Wut gezielt einzusetzen, ergänzen das Kampfsystem sinnvoll und unterstreichen den Charakter des Mutanten.

Auch abseits der Kämpfe gibt es genug zu tun. Die Erkundung der Level, kleinere Entdeckungen und die Abwechslung zwischen verschiedenen Spielabschnitten sorgen dafür, dass das Abenteuer nicht ausschließlich aus aufeinanderfolgenden Gefechten besteht. Allerdings zeigt sich gerade im letzten Drittel eine Schwäche im Pacing. Um die Spielzeit zu strecken, wirft das Spiel gefühlt immer mehr Gegner in die Arenen. Was anfangs für intensive und abwechslungsreiche Kämpfe sorgt, kann sich dadurch zunehmend wiederholen. Statt jede Begegnung dramaturgisch sinnvoll einzusetzen, scheint die reine Menge mitunter wichtiger zu sein als der Spielfluss. Das ist schade, denn die grundlegenden Mechaniken hätten es nicht nötig, derart häufig auf die gleiche Weise gefordert zu werden.

Mit etwas mehr als 18 Stunden auf dem Weg zur Platin-Trophäe empfinde ich den Umfang dennoch als absolut angemessen. Das Abenteuer nimmt sich genügend Zeit, seine Schauplätze und Figuren vorzustellen, ohne unnötig in die Länge gezogen zu wirken. Gerade im Vergleich zu manch überladener Open-World-Produktion ist diese Konzentration auf eine überschaubare, handlungsgetriebene Erfahrung eine echte Stärke. Ein wenig mehr Feinschliff bei der Verteilung der Kämpfe und der Dramaturgie hätte das Erlebnis allerdings noch runder gemacht.

Technisch zeigt der Entwickler einmal mehr, warum das Studio zu den erfahrensten Entwicklern auf der PlayStation 5 gehört, doch dazu gleich mehr. Die Grafik ist schlicht atemberaubend. Detaillierte Charaktermodelle, hochwertige Animationen, eindrucksvolle Beleuchtung und abwechslungsreiche Umgebungen lassen die Welt glaubwürdig und lebendig erscheinen. Besonders die Inszenierung der großen Actionsequenzen hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Hier greifen Bildgestaltung, Animation und Spielgeschehen so ineinander, dass man sich stellenweise eher in einem interaktiven Blockbuster als in einem klassischen Actionspiel wähnt.

Auch die audiovisuelle Präsentation unterstützt die düstere Ausrichtung. Die Kämpfe wirken durch ihre Animationen und die akustische Rückmeldung wuchtig, während die ruhigeren Momente genügend Raum lassen, um die Atmosphäre der jeweiligen Schauplätze aufzunehmen. Die technische Umsetzung zählt für mich zu den stärksten Aspekten des Spiels. Dass die Entwickler auf eine offene Welt verzichten, erweist sich dabei keineswegs als Nachteil. Vielmehr können sie die einzelnen Abschnitte gezielter gestalten und ihre Ressourcen auf aufwendige Inszenierungen konzentrieren. Gerade die Mischung aus unmittelbarer Action und spektakulären Setpieces zeigt, wie gut dieses Konzept funktionieren kann.

Hinter dem Projekt steht Insomniac Games, ein Studio mit einer langen Geschichte und Erfahrung in unterschiedlichen Action-Genres. Neben „Ratchet & Clank“ und „Resistance“ hat sich das Team insbesondere mit den modernen Marvel-Adaptionen einen Namen gemacht. Die beiden Spider-Man-Spiele, aber auch „Miles Morales“ haben gezeigt, wie sich bekannte Comicfiguren in aufwendige, spielerisch zugängliche Abenteuer übertragen lassen. Mit „Marvel’s Wolverine“ beweist das Studio, dass es auch eine deutlich kompromisslosere Tonalität beherrscht. Als Publisher tritt Sony Interactive Entertainment auf, während Marvel Games an der Umsetzung des bekannten Comicuniversums beteiligt ist. Die Erfahrung aller Beteiligten ist dem Ergebnis deutlich anzumerken, auch wenn die erzählerischen Schwächen zeigen, dass selbst ein erfahrenes Team nicht jeden Bereich gleichermaßen perfektioniert.

Unterm Strich füllt „Marvel’s Wolverine“ die großen Fußstapfen seiner Vorgänger allerdings nicht vollständig aus. Die Geschichte leidet unter einem schwächeren Mittelteil, gelegentlich unklaren Figurenmotiven und einem Finale, das sich zu wenig Zeit für seine Entwicklungen nimmt. Auch die inflationäre Gegnerzahl gegen Ende hätte es nicht gebraucht. Trotzdem wird das Spiel dem teilweise heftigen Gegenwind im Netz aus meiner Sicht nicht gerecht. Ich hatte sehr viel Spaß mit diesem Abenteuer und habe die rund Stunden bis zur Platin-Trophäe durchgehend genossen.

Die brutalen Kämpfe, die überzeugende Darstellung der Figuren, die herausragende Grafik und die mitreißende Inszenierung machen es zu einem jener Singleplayer-Erlebnisse, die man auf der Konsole viel zu selten in dieser Produktionsqualität bekommt. Wer eine offene Welt erwartet, wird hier nicht fündig. Wer hingegen ein geradliniges, erwachsenes Action-Abenteuer mit hohem Produktionswert und einem kompromisslosen Comichelden erleben möchte, sollte sich selbst ein Bild machen. Für mich ist das kein makelloser, aber ein ausgesprochen unterhaltsamer Auftritt von Wolverine.
Entwickler: Insomniac Games
Publisher: Sony Interactive Entertainment
Erhältlich auf: PS5
Getestet auf: PS5
NB@20.10.2026
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