Was fehlt eurer Meinung nach in der heutigen Spielelandschaft? – Genau, mehr christliche Videospiele!

Nein, Scherz beiseite, aber es gab zu NES-Zeiten wirklich ein Spieleentwickler, der sich auf christliche Videospiele spezialisiert hatte. Ursprünglich firmierte der Entwickler als Color Dreams und hatte auch einige Spiele in seinem Repertoire, die allerdings immer ohne Lizenz von Nintendo auf deren NES veröffentlicht wurden. „Crystal Mines“, „Menace Beach“ und „Master Chu and the druckard Hu“ zählen dabei wahrscheinlich zu den bekanntesten Veröffentlichungen. Ähnlich wie bei anderen Hersteller wurden dabei ähnlich geformte Cardridges gefertigt und auch ein Chip verwendet, der dem NES vorgaukelte, dass es sich um einen original Nintendo-Chip handelte, obwohl es ein unlizensiertes Spiel war.

1991 firmierte Color Dreams zu „Wisdom Tree“ um und fokussierte ab dieser Umfirmierung ausschließlich das Ziel christliche Videospiele zu machen, einen Markt den bis dahin (und seitdem auch genaugenommen niemand), niemand im Fokus hatte. Die genauen Hintergründe dazu sind leider nicht bekannt, aber immerhin schaffte sich der Entwickler damit von der Masse abzuheben und hat immerhin 8 komplette Videospiele, 7 im Lebenszyklus des NES und 1 für das SNES, unter dem Label „Widsom Tree“ veröffentlicht Da die Spiele nie offiziell veröffentlicht wurden und auch nur in USA vermarktet wurden, sind einige davon heutzutage schon zu obskuren Sammlerstücken geworden. Doch jetzt gibt es wieder eine Möglichkeit diese Spiele zu spielen, denn es ist eine Sammlung für das NES erschienen, die alle 7 NES-Spiele enthält. Als ich davon gehört hatte konnte ich nicht wiederstehen und habe mir die Sammlung kurzerhand geordert.

Die Sammlung kommt in einer originalgetreuen NES Papp-Verpackung und enthält ein rotes Modul mit allen Spielen. Zusätzlich befindet sich in der Packung noch eine Anleitung und ein Quizbuch, das man für eines der Spiele benötigt.

Enthalten sind die folgenden Spiele:

  • Bible Adventures (1991)
  • Exodus: Journey to the promised Land (1991)
  • King of Kings: The early Years (1991)
  • Joshua and the Battle of Jericho (1992)
  • Spiritual Warfare (1992)
  • Bible Buffet (1993)
  • Sunday Funday (1995)

Die Front der Packung vereint unter der Überschrift „Wisdom Tree NES Collection“ die Titel und Logos aller enthaltenen Spiele. In der Fußzeile ist ein Hinweistext, der zwar mitteilt, dass das Spiel auf dem NES abspielbar ist, jedoch nicht von Nintendo lizensiert ist. Dabei handelt es sich um den gleichen Hinweis, der bereits die Originalverpackungen der einzelnen Spiele geziert hatte. Auf der Rückseite findet man nochmal die Spieletitel und jedes der 8 Spiele hat noch einen kleinen Screenshot. – Moment, 8 Spiele? – Ja, anscheinend hat sich hier ein Fehler in der Produktion eingeschlichen. Gelistet wird neben den 7 Spielen noch „Noah’s Ark“ als 8. Spiel. Es gibt ein nur in Europa erschienenes Spiel mit Namen „Noah’s Ark“, das aber nicht von „Wisdom Tree“, sondern von „Konami“ ist. Weiter gibt es auch das Spiel „Super Noah’s Ark 3D“, welches wirklich von „Wisdom Tree“ ist, aber für das SNES erschien. Schmückt man sich hier etwa mit fremden, oder zumindest NES-fremden Federn? Schaut man sich das Spiel allerdings genauer an wird deutlich, dass keine der beiden Varianten zutreffend ist, sondern der Screenshot aus dem Spiel „Bible Adventures“ stammt, dass somit mit 2 Screenshots, einmal als „Bible Adventures“ und einmal als „Noah’s Ark“ auf der Verpackung vertreten ist.

Die Spiele an sich sind größtenteils Ripoffs von anderen Spielen. So sind „Exodus“ und „Joshua and the Battle of Jericho” beides Kopien vom hauseigenen “Crystal Mines”, was allerdings selbst auch eine Kopie von “Boulderdash” ist. „Bible Adventures“ und „King of Kings: The early Years“ bedienen sich von Super Mario, wobei das zuerst genannte sich beim zweiten Teil der Klempnersaga und das zweite vom dritten Teil von Mario bedient, was die komplette Engine, Sprites und Design angeht. „Spiritual Warfare“ bedient sich bei „The Legend of Zelda“ und „Bible Buffet“ ist eine Versoftung des Brettspiels „Candyland“ und „Sunday Funday: The Ride“ ist eine Kopie des Hauseigenen „Menace Beach“.

Das klingt jetzt schon mal nicht besonders vielversprechend, wenn es sich um bei allen Spielen um nicht lizensierte Kopien von irgendwelchen anderen Spielen handelt. Schauen wir uns die Spiele daher mal genauer an:

  • Bible Adventures

Das Spiel ist in drei einzelne Spiele unterteilt, wobei alle der drei Spiele auf die gleichen Assets zurückgreifen und sich auch identisch steuern. Zum einen „Noah’s Ark“, bei dem wir, als Noah, Tiere für unsere Arche einsammeln müssen. Dabei bekommen wir pro Level eine Liste von unterschiedlichen Tieren präsentiert, von denen wir jeweils eine bestimmte Anzahl einsammeln und sicher zur Arche bringen müssen.

Das zweite Spiel ist „Baby Moses“ und wir spielen Miriam, die Schwester von Moses und müssen es in klassischer Sidescroller Manier schaffen das Ende des Levels zu erreichen. Die Problematik dabei ist allerdings, dass wir Baby Moses tragen müssen, der uns allerdings beim Gegnerkontakt immer wieder aus den Händen gleitet und wieder neu eingesammelt werden muss, bevor die Gegner ihn zu fassen bekommen.

Das dritte Spiel ist „David and Goliath“ und wir spielen dabei David, der in den ersten Levels allerdings erst Schafe einsammeln muss und danach erst eine Steinschleuder freischaltet mit der er gegen wilde Tiere, Wachen und am Ende auch gegen Goliath, antreten kann.

  • Exodus: Journey to the promised Land + Joshua & the Battle of Jericho

Diese beiden Spiele handele ich aus einem bestimmten Grund gemeinsam ab, da nicht nur das eine die direkte Fortsetzung des anderen sein soll, sondern da es sich im Grunde auch im das gleiche Spiel handelt. In beiden Spielen steuern wir unsere Spielfigur, wobei wir in „Exodus“ Moses spielen und in „Joshua“ den titelgebenden Joshua, pro Level durch ein Labyrinth und müssen eine vordefinierte Anzahl von versteckten Items finden. Dazu können beide Protagonisten „mit ihrem Glauben Berge versetzen“(d.h. sie schießen sie einfach weg), was die versteckten Items offenbart.

Natürlich gibt es im Spielverlauf auch Gegner, die sich uns in den Weg stellen und kleinere Rätzel, die es zu lösen gilt, um an alle Items zu kommen. Dabei bieten beide Spiele gute und solide Puzzler-Unterhaltung mit einem großen Umfang von jeweils 100 Leveln.

  • King of Kings: The early Years

Hier handelt es, ähnlich wie bei “Bible Adventures” wieder um ein Jump n Run, wobei sich das Spiel wieder in drei Spiele aufteilt, die frühe Jahre des Lebens von Jesus darstellen. Das erste Spiel ist „The wise Men“ betitelt und wir steuern ein Kamel auf dem einer der drei Weisen aus dem Morgenland reitet und dem Stern von Bethlehem zu folgen. Dabei müssen wir neben der Hindernisse in den Levels, wie Abgründen auch Gegner überwinden, die wir allerdings mit der Spucke des Kamels abschießen können. Das Ziel jeden Levels ist dabei das Ende zu erreichen.

Das zweite Spiel heißt „Flight to Egypt“ und wir steuern diesmal statt einem Kamel einen Esel auf dem Josef, Maria und Baby Jesus reiten. Das Trio muss sicher einen Berg hoch gebracht werden, was durch fallende Steine und Gegner leider leichter gesagt ist, als getan. Da Esel nicht spucken, kann das auch der Videospiel-Esel nicht. Allerdings hat der Esel einen mächtigen Tritt, den man im Kampf gegen Gegner einsetzen kann. Das Ziel hier ist den Bergpfad zu erklimmen, der allerdings nicht nur von links nach rechts, sondern serpentinenartig verläuft.

Im dritten Spiel mit dem Titel „Jesus and the Temple“ steuern wir dann Josef, der auf der Suche nach dem jungen Jesus durch Jerusalem hüpft und springt. Die Abwechslung diesmal kein Reittier zu steuern ist erfrischend. Am Spielprinzip ändert sich dabei aber nicht viel. Die Jump n Run Passagen nehmen etwas zu, aber im Grunde müssen wir auch nur von links nach rechts, um das Ende des Levels zu erreichen.

  • Spiritual Warfare

Für dieses Spiel hatte ich besonders große Hoffnungen, da es sich um einen Klon von Zelda handelt, was eins meiner liebsten Spiele auf dem NES darstellt. Die Darstellung und das Spielprinzip sind dabei auch sehr ähnlich, wenn auch natürlich sehr viel minderwertiger produziert. Die Animationen wirken sehr hölzern und es kommt leider kein wirklicher Spaß auf. Zu verworren ist die Welt, die Gegner stellen schon zu Beginn keine wirkliche Herausforderung dar und es gibt viel zu lange Laufwege und Backtracking, die meiner Meinung nach nur zur Verlängerung der Spielzeit dienen sollten. Das Spiel kann man sich als Zelda-Fan durchaus mal ansehen, aber wenn man die Wahl hat, greift man lieber zum Original…

  • Bible Buffet

„Bible Buffet“ ist ein obskures Spiel, mehr noch als die anderen Spiele in dieser Sammlung, da es sich dabei, wie bereits erwähnt, um einen Nachbau eines Brettspiels handelt. Das wird auch im Hauptbildschirm des Spieles deutlich, denn dabei wurde leidglich das Spielbrett in elektronischer Form dargestellt. Wir können alleine, oder mit mehreren Mitspielern zugweise per Knopfdruck würfeln und unsere Figur zieht dann die gewürfelten Zahlen auf dem Spielbrett weiter. Je nachdem wo wir auf dem Brett landen können wir in einem Minispiel landen, wo wir als kleiner Avatar den Ausgang aus einem mal mehr und mal weniger verschachtelten Labyrinth (aus einem oder mehreren Screens) finden müssen. Dabei stellt sich uns Gemüse in den Weg, das wir auch mit Projektilen abschließen können.

Haben wir den Ausweg aus dem Minispiel gefunden, wechselt das Spiel wieder zum Spielbrett und der nächste Spieler ist am Zug. Es gibt allerdings auch noch Fragerunden, in denen wir Bibelfragen als Multiple-Choice beantworten müssen. Hier ist man leider aufgeschmissen, wenn man das neben dem Handbuch existierende Quizbuch nicht vorliegen hat, denn dort stehen die gestellten Fragen und die unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten drin. Auf dem Bildschirm steht nur eine Kennzahl zur Identifizierung der Frage und Indexe zur Unterscheidung der Fragen, die jeweils nur von den Auswahlmöglichkeiten „True“ oder „False“ gefolgt sind. Ohne das Quizbuch weiß man daher nicht was man überhaupt beantwortet…

  • Sunday Funday: The Ride

Zu guter Letzt gibt es auf dem Cardridge noch das Spiel „Sunday Funday: The Ride“. Das Spiel ist wirklich erwähnenswert, nicht weil es besonders gut ist, wir reden immerhin immer noch über eine Spiel von den Machern der vorhergenannten Titel, aber weil es das letzte jemals erschienene Spiel für das NES darstellt. Es ist erst 1995 erschienen, wo das SNES bereits etabliert war und sogar Wisdom Tree schon „Super Noah’s Ark 3D“ auf der nachfolgenden Konsole herausgebracht hatte. In „Sunday Funday“ spielen wir ein namensloses Kind mit Skateboard auf dem Weg zur Sonntagsschule.

Auf unserem Weg stellen sich uns allerlei Widrigkeiten in den Weg:

Unzählige Bullies, Clowns, Geschäfts- und Milchmänner scheinen etwas dagegen zu haben, dass unser Held in einem Stück in der Sonntagsschule ankommt. Dazu kommt noch das recht diffizile Plattforming durch Städte, über Abgründe und durch Abwasserkanäle, was dadurch, dass unser Held auf dem Skateboard unterwegs ist, unnötig schwer und ungenau ausfällt. Zusätzlich zum Hauptspiel befinden sich im Hauptmenü noch zwei weitere Auswahlmöglichkeiten. Dabei handelt es sich zum einen um ein Arcadiges Minispiel namens „Fish Fall“, in dem wir von oben herabfallende Fische fangen müssen, bevor sie den Boden erreichen und zum anderen mit „The Ride“ ein Sing-Along des gleichnamigen Songs von einer christlichen Popband namens „4Him“. Besonders das Sing-Along weiß wenig zu begeistern, aber das Minispiel „Fish Fall“ kann zum Zeitvertreib sogar ganz nett sein.

Insgesamt sind dabei alle Spiele nicht wirklich schlecht, aber auf Dauer leider etwas eintönig, da die Entwickler bei jedem der Spiele genau ein Spielprinzip bis zur Unendlichkeit wiederholt haben. Es gibt zwar auch andere Spiele, die das genauso machen und zugegeben auch die Mario Spiele verlaufen dabei nach einem Muster, bieten aber dennoch genug Varianz, sei es spielerisch durch neue Gegner oder andere Herausforderungen, die dennoch keine Langeweile aufkommen lassen. Aber so viel Finetuning hat man anscheinend nicht in die Spiele einfließen gelassen. Das merkt man auch an anderer Stelle, denn Glitches und sonstige Fehler im Spiel gibt es leider en Mass. Zusätzlich hätte besonders bei den besseren Spielen, wie „Sunday Funday: The Ride“ das Balancing noch etwas Überarbeitung erfahren können, denn das Spiel ist im Gegenzug zu den anderen Spielen überaus schwer ausgefallen und sorgt für einige Frustmomente.

Natürlich muss ich zugeben, dass niemand diese Sammlung wirklich gebraucht hat, aber das trifft größtenteils auch auf die Einzelveröffentlichungen der Spiele zu, die teilweise ziemlich rar geworden sind. Aus diesem Grund ist die Sammlung auch allen NES-Sammlern zu empfehlen, die ihre Sammlung durch dieses Bündel an Obskurität komplettieren möchten. Das Paket ist recht erschwinglich für unter 40€ zu bekommen, was im Vergleich zu den einzelnen Modulen ein wirkliches Schnäppchen ist, denn z.B. „Sunday Funday“ wird einzeln für weit mehr als 100€ gehandelt.

NB@16.08.2018