Kaum hatte ich noch über den Gratis-Vorgeschmack für Vorbesteller des neuesten Hitman-Spiels mit „Hitman – Sniper Assassin“ berichtet, schon ist es da. Es wurde am 13.11.2018 für PC, PS4 und Xbox One veröffentlicht. War das letzte Hitman-Spiel um den charismatischen Agent 47 aus dem Jahr 2016 noch im Episodenformat veröffentlicht wurde, so bekommen wir mit dem direkten Nachfolger „Hitman 2“ direkt ein komplettes Spiel abgeliefert. Aber gab’s das nicht schon mal? – Stimmt! Bereits 2002 gab es ein „Hitman 2“ mit dem Zusatz „Silent Assassin“, was für mich und die meisten anderen Spieler der Einstieg in die Reihe war, da es das erste Spiel der Reihe war, das auch auf Konsolen veröffentlicht wurde. Da Entwickler IO Interactive und Publisher WB Games das 2016er Spiel allerdings nur als „Hitman“ betitelt hatten und als Reboot der Reihe konzipiert haben ist die Betitelung als „Hitman 2“ folgerichtig, auch wenn es eigentlich der bereits 7. Teil der Reihe ist.

Und pünktlich zum Release hat das Spiel auch schon seinen ersten Shitstorm bekommen, da der Umfang des Spiels für einen Vollpreistitel immens kritisiert wird. Und ja, dem kann ich in gewisser Weise auch zustimmen, doch wenn man genauer hinsieht bekommt man dennoch einiges geboten für sein Geld, zumal einige Händler, wie Amazon das Spiel nun auch direkt zum Release um fast 40% heruntergesetzt haben, was meiner Meinung nach ein wirklich guter Preis dafür ist. Aber beschäftigen wir uns erstmal genauer mit dem Spiel, bevor wir uns mit dieser Diskussion beschäftigen…

Aber worum geht es eigentlich genau? – Unser Protagonist ist der wortkarge Agent 47, ein Auftragskiller im Auftrag der Geheimorganisation ICA. Er bekommt seine Aufträge über seine direkte Kontaktperson, den sogenannten „Handler“, Diana Burnwood, die ihn auch zu jeder Mission über äußere Gegebenheiten und die Zielpersonen instruiert. Das Geschehen setzt dabei nahtlos am Ende des 2016er Teils ein und Agent 47 ist gerade auf der Suche nach Informationen über seine Vergangenheit und die mysteriöse Gesellschaft Providence, sowie die Personen hinter dem mysteriösen Shadow Client. Dafür begibt sich Agent 47 auf Spurensuche, die ihn nach Hawke’s Bay (Neuseeland), Miami (USA), Santa Fortuna (Kolumbien), Mumbai (Indien), Whittleton Creek (USA) und die Isle of Sgail (Nordatlantik) führt. Das mag etwas sehr verworren klingen und setzt im Grunde auch voraus, dass man den Vorgänger gespielt hat. Es gibt zwar am Anfang eine kurze Zusammenfassung, die uns up-to-Date bringen soll, die aber meiner Meinung nach etwas zu kurz gehalten und somit leicht überfrachtet daherkommt, wenn man den Vorgänger oder die Reihe im allgemeinen nicht kennt. Natürlich kann man das Spiel dennoch spielen, aber die Geschichte reißt mitunter dann nicht so mit, wie es sein sollte.

Spieltechnisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger aber kaum etwas geändert. Wir bekommen wieder abgesteckte Levels präsentiert, die jeweils als Sandbox für unser aktuelles Spiel fungieren. Diese unterscheiden sich stark voneinander und liefern unterschiedlich viele Zielpersonen, die wir ausschalten müssen und warten teilweise, wie die die Mission in Mumbai mit hunderten NPCs auf. Die Areale variieren sowohl von der Größe, als auch vom allgemeinen Design stark voneinander und laden durch diese immense Abwechslung auf jeden Fall zum Erkunden und Ausprobieren von unterschiedlichen Wegen ein. Denn auch wenn sich Agent 47 in den Promo-Materialien immer in Actionpose präsentiert, ist das Spiel kein reinrassiges Actionspiel: Es ist vornehmlich ein Schleichspiel mit Actionelementen für das man sich Zeit nehmen muss und fordert vom Spieler eine gewisse Hingabe und Affinität zum Knobeln. Zwar könnte man auch versuchen mit gezogener Waffe das Ziel auszuschalten, aber erstens passt das überhaupt nicht zum Vorgehen eines Profikillers und zweitens ist diese direkte Herangehensweise meist nicht von Erfolg gekrönt. Agent 47 ist kein Superheld und steckt relativ wenig Treffer ein, bis er das zeitliche segnet und die wahre Herausforderung besteht darin das Ziel auszuschalten und zu entkommen, bevor jemand auch nur merkt, dass wir überhaupt da waren. Das geschieht durch die gezielte Infiltrieren, durch das Stehlen von Verkleidungen und Schlüsselkarten, damit wir Zugang zu neuen Bereichen bekommen oder das Finden von Alternativen, denn vielleicht steht irgendwo ein Fenster offen oder eine Wache macht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Raucherpause und lässt dann einen Eingang unbeobachtet… Als Hilfe stehen uns dabei sowohl Storystränge (der man als Hilfe ansehen könnte), aber auch Challenges zur Verfügung, die uns herausfordern das Ziel auf eine bestimmte Weise auszuschalten. Jedes Level wartet dabei mit vielen unterschiedlichen (optionalen) Challenges und Lösungswegen auf, die zu einem wiederholten Durchspielen der einzelnen Levels ermuntern sollen und eine kreative und detektivische Herangehensweise meist mit den schrillsten Gelegenheiten belohnen:

Verkleiden wir uns bei einem großen Rennsportevent in Miami als Teil der Boxencrew und manipulieren die Bremsen einer der Zielpersonen und warten wir auf einen unbeobachteten Moment, wenn die Person sich mal kurz frischmachen geht? Dabei gibt es so viele Verkleidungen, Szenarien und in Folge dessen Lösungswege, dass man auch beim 7. oder 8. Durchgang immer noch neue Elemente entdecken kann. Agent 47 hat dafür eine Art der Eagle-Vision aus der Assassin’s Creed-Reihe, die auf Knopfdruck Interaktionspunkte, Objekte und auch die Zielpersonen kurzzeitig farblich hervorhebt. Natürlich kann man diese „Hilfestellungen“ seitens des Spieles aber auch gänzlich ausschalten, was das Spiel um einiges fordernder macht. Dabei verdienen wir in jedem Durchgang und durch jede Aktion auch XP, die wir für neue Waffen, Startpunkte und weiteres nützliches Zeug verwenden können, um die nächsten Durchgänge noch abwechslungsreicher zu gestalten.

Aber das klingt doch alles per se ganz toll, oder? Wie verhält es sich dann mit der Spielzeit, die den im Eingang erwähnten Shitstorm ausgelöst haben? – Das ist dann die Kehrseite dieses sehr offenen Spielprinzips: Wer diese ganzen optionalen Challenges und Lösungswege ignoriert und ohne Finesse durch die Levels rennt wird vom Spiel wahrscheinlich sehr enttäuscht sein, denn es gibt insgesamt nur 6 Level im Spiel, die man ohne größeren Aufwand in wenigen Stunden beenden kann, wenn man sich denn entschließt das Spiel auf diese im Grunde „falsche Weise“ zu spielen. Denn man soll die Levels immer wieder auf andere (kreative) Weisen spielen, um mehr vom Spiel haben. Hier ist eindeutig der Weg das Ziel und nicht nur das Ziel von Relevanz. Das war zwar schon immer ein Steckenpferd der Reihe, aber besonders diese inhaltlich abgeschlossenen Episoden erlauben dem Spieler sich dabei mehr auszutoben, da keine (erzwungenen) Schlauchlevel als Überleitung mehr vorhanden sind, wie es anderen Teilen der Reihe noch der Fall war. Doch im Grunde ist dieser geringe Umfang nicht anders, als beim Vorgänger, denn auch dieser hatte, wenn man den Prolog abzieht, der in beiden Spielen enthalten ist, nur 6 Episoden, die zwar später durch zwei weitere und ein Holiday-Update erweitert wurden, was man im Grunde aber nicht mitzählen darf, da wir nicht wissen, ob mit „Hitman 2“ noch etwas ähnliches passiert. Der einzige Unterschied ist, dass diese 6 Episoden nicht direkt im Spiel verfügbar waren, sondern im Monats-Rhythmus herausgebracht wurden, was den Spieler sozusagen gezwungen hat die verfügbaren Episoden immer wieder zu spielen, da er nicht direkt zur nächsten weitergehen konnte. Und im direkten Vergleich sind die Levels, die wir in Teil 2 geboten bekommen inhaltlich „runder“ geworden und bieten mehr Abwechslung und Highlight-Momente, als einige der Levels aus dem Vorgänger. Es gibt allerdings eine Möglichkeit die Anzahl der Level zu erweitern, wenn man den Vorgänger bereits besitzt. Denn dieser Umstand schaltet die Level aus dem Vorgänger in einer Remasterten Version in „Hitman 2“ frei. Diese kann man dann genauso wie die Level aus Teil 2 auswählen und mit den angepassten Mechaniken von Teil 2 spielen. Ich hatte den Vorgänger in digitaler Form erworben und obwohl dieser zur Zeit auf Grund vom akutem Platzmangel nicht mehr auf meiner PS4 installiert war, hat die Installation des Nachfolgers erkannt, dass ich diesen besitze und alle Inhalte des Vorgängers auf Anhieb freigeschaltet, ohne etwas nachladen zu müssen. Wer den Vorgänger allerdings nicht besitzt kann nur auf den Prolog des Vorgängers zugreifen, der auch gleichzeitig als Tutorial fungiert und in die Spielmechaniken einführt. Leider werden bereits abgeschlossene Challenges dabei nicht übernommen und müssen nochmal neu gemacht werden.


Von der technischen Seite sieht das Spiel gut, wenn auch nicht überragend aus. Hier haben die Entwickler eindeutig Masse über Klasse gesetzt, denn die Welten strotzen nur so vor NPCs und Details, dass es leider immer wieder wiederholende NPCs und Gesichtsanimationen aus dem Wachsfigurenmuseum gibt. Das soll in keiner Weise heißen, dass die Levels an sich nicht schön anzusehen sind, ganz im Gegenteil, denn gerade im Vergleich mit anderen Teilen der Reihe, ist es das bislang wohl schönste Hitman-Spiel, aber gerade in der jüngsten Zeit, wo „Red Dead Redemption 2“ und „Assassin’s Creed: Odyssey“ immens umfangreiche, abwechslungsreiche offene Spielwelten UND Details noch und nöcher liefern, zieht „Hitman 2“ eindeutig den kürzeren, was besonders bei den Zwischensequenzen auffällt, denn diese wurden im Gegensatz zum direkten Vorgänger größtenteils nur in Form vom Standbildern mit kleinen Animationen, wie man es auch aus Visual Novels kennt, umgesetzt. Die genauen Gründe dafür sind leider nicht bekannt, aber das fällt doch leider sehr auf und wirkt gerade im direkten Vergleich schon etwas störend.

Insgesamt macht mir das Spiel wirklich Spaß und auch die Langzeitmotivation stimmt, wenn man sich darauf einlässt. Wer neben den verfügbaren Levels noch mehr haben möchte, der wird hier auch mit einem dem bereits erwähnten Sniper-Minispiel, einem Ghost-Modus, einem Contract-Modus und diversen Online-Events gefüttert. Denn auch wer das Spiel nicht vorbestellt hat, hat über das fertige Spiel Zugriff auf „Hitman – Sniper Assassin“, das als extra Modus auswählbar ist. Im Ghost-Modus kann man sich mit anderen Spielern, die die gleiche Aufgabe zu erledigen haben, messen. Dabei sieht man den anderen Spieler als Geist in der eigenen Map und kann so sehen, wo er langgeht, wie er sich verhält, usw. Darauf setzt auch der Contract-Modus auf, den man bereits aus dem Vorgänger kennt. Denn neben den vorgefertigten Missionszielen und Challenges innerhalb der Karten der Maps können wir auch komplett eigene Aufträge erstellen, bestimmen einen willkürlichen NPC als Zielperson, wählen Waffe, Verkleidung und äußere Umstände und teilen diesen Contract mit der Community. Im Gegenzug können wir natürlich auch andere Contracts zum eigenen Spielen herunterladen, die mitunter sogar um einiges kniffliger ausfallen, als vorgelieferten Aufträge. Last but not least gibt es auch noch bestimmte Online-Events, wie die „Elusive Targets“, zeitlich begrenzte Ziele und Herausforderungen. Sehr prominent wird hier gerade das erste Event mit dem Titel „The Undying“ beworben, da niemand geringeres als der Schauspieler Sean Bean, der in der TV-Serie Game of Thrones den Charakter Ned Stark gespielt hat, als Ziel erscheinen wird und von uns um die Ecke gebracht werden soll. Auch wenn die gewöhnlichen Ziele hier in der Regel nicht so prominent ausfallen, bin ich auf diese spezielle Event schon sehr gespannt. Hier ist der Trailer dieser sehr prominenten Ankündigung:

Ob die weiteren „Elusive Targets“ ähnlich prominent ausfallen ist leider noch nicht bekannt, aber das setzt auf jeden Fall schon mal ein starkes Zeichen, dass man auch wenn das Spiel diesmal nicht in Episodenform erscheint, dennoch mit neuen Inhalten rechnen kann.

Doch wie sieht mein Resümee aus? Kann ich denn das Spiel empfehlen? – Ich mag die Hitman-Spiele und mir hat auch der direkte Vorgänger sehr gefallen, wenn ich auch in manchen Momenten ein organischeres Verbinden der Level, durch kurze Schlauchabschnitte, wie zuletzt in „Hitman: Absolution“ vermisse, muss ich zugeben, dass das viel von der Freiheit, die das Spiel ursprünglich ausgemacht hat, weggenommen hat. Das ist auch wahrscheinlich der Grund, warum sich IO Interactive 2016 für ein Reboot, anstatt einer Fortsetzung entschieden hat. Diese Form in einzelnen Episoden, die dann als Sandbox fungieren, passt nämlich wie die Faust aufs Auge! – So muss man sich im Grunde auch die Arbeit eines Killers vorstellen, der von Auftrag zu Auftrag reist.

Nichts desto trotz kann sich die Geschichte, besonders in der nahtlosen Kombination mit dem 2016er Hitman, die „Hitman 2“ nahtlos weiterentwickelt, wirklich sehen lassen und macht bereits Lust auf die nächste Fortsetzung. Für mich ist das Spiel trotz einiger Kritikpunkte das bisher beste Hitman und gerade zum vergünstigen Preis kann man getrost zugreifen. Wer allerdings wer Action haben möchte, vom wiederholten Spielen und Probieren der unterschiedlichen Lösungswege und das Spiel wenn überhaupt nur einmal beenden möchte, sollte lieber einen Bogen darum machen und es vielleicht erst einmal testen. Und wie der Zufall es will gibt es dazu sogar die Möglichkeit im PSN als kostenloser Download des Prologs, den ihr hier finden.

NB@16.11.2018