The Long Reach_20181225222951

Moderne Games in auf-alt-getrimmter Pixelgrafik sind zu 99% dem Gerne des Metroidvania, wie im Beispiel von „The Mummy: Demastered“ oder auch dem klassischen Point & Click-Adventure, wie „Thimbleweed Park“ zugeordnet. Es gibt jedoch mittlerweile auch eine Handvoll dieser Neo-Retro-Spiele, die von dieser Formel abweichen und versuchen ein Psychological-Horror-Adventure à la „Silent Hill“ und Konsorten zu sein, wie es „Lone Survivor“ vor ein paar Jahren vorgemacht hat. Nun gibt es ein weiteres Spiel, das sich in diese letztgenannte Kategorie einsortieren lässt und auch optisch ein spiritueller Nachfolger sein könnte. Doch hat das von Merge Games herausgegebene und von Painted Black Games entwickelte Spiel genauso viel zu bieten, wie „Lone Survivor“?

„The Long Reach“ beginnt bereits mit einem Paukenschlag und einigen Überraschungen, denn der Charakter, der vermeintlich unser Hauptcharakter ist und sich bereits in den ersten Minuten als faules Schwein erweist, wird vor unseren Augen brutal ermordet. Es gibt keine wirkliche Erklärung dafür und auch keine Möglichkeit dem aus dem Weg zu gehen. Und wo andere Spiele dann enden, geht es hier erst wirklich los, denn der Charakter namens Calvin ist überhaupt nicht unser Hauptcharakter, sondern diese kurze Intro soll uns lediglich in die Grundmechanik einführen und einen kurzen Teaser liefern, dass im Spiel alles passieren kann, denn erst im Anschluss beginnen wir richtig mit dem Spiel…

Wir finden uns in einem Labor wieder, indem unser Hauptcharakter namens Stewart, den wir damit erstmals kennenlernen, Teil eines Experiments ist, Doch irgendetwas läuft gewaltig schief, wir werden ohnmächtig und erwachen erst einige Zeit später wieder. Wir haben keine Ahnung, was eigentlich passiert ist, aber die Welt hat sich verändert. Ist teilweise zerstört und menschenleer. Irgendwas stimmt hier überhaupt nicht und als wir unsere ersten Schritte aus dem Labor herausmachen und die erste blutverschmierten Wände sehen wissen wir, hier müssen wir mehr als vorsichtig sein, denn sonst könnte es bald unser Blut sein, das an den Wänden klebt. Denn der Horror der sich abgespielt hat, hat auch Besitz von einigen ehemaligen Freunden und Kollegen ergriffen, die uns nur zu gerne den Gar ausmachen wollen, wenn wir ihnen zu nahe kommen und so ist unsere Hauptaufgabe herauszufinden, was genau passiert ist, wie wir es aufhalten können und als wäre das nicht schon schwierig genug, auch am Leben zu bleiben…

Dabei präsentiert sich “The Long Reach” in liebevoller und dennoch überraschend detaillierter Pixelgrafik mit seitlich-scrollenden Arealen. Wir steuern Stewart frei durch diverse Areale, wie das Laborgebäude, die Straßen der Stadt bis hin in phantastische oder gar alptraumhafte Welten. Dabei spielt das Spiel mit unserer Wahrnehmung und wir können nicht allem (und jedem) trauen, den wir sehen, wie es auch unter anderem in der Silent Hill-Reihe der Fall ist. Die mysteriöse Horror-Thriller-Geschichte wird dabei zwar hauptsächlich in Form vom freien Erkunden der Welt, gefundenen Emails und Memos, wie durch geführte Dialogen erzählt, ist aber dennoch sehr mitreißend und hält auch die ein oder andere interessante Wendung, wie auch Aha-Momente bereit. Allerdings muss hierbei erwähnt werden, dass man sich auf diese reduzierte Erzählweise einlassen muss, denn wenn man gefundene Memos nicht liest oder mit jedem Charakter alle Gesprächsoptionen durchspricht, so bleiben am Ende des Spiels einige Fragen unbeantwortet, was wirklich schade wäre. Denn die Story und das Storytelling ist neben der schicken Grafik und gruseligen Atmosphäre, was entsprechend auch mit einem tollen Soundtrack untermalt wird, ein wahres Highlight. Zu dieser Stimmung trägt ebenfalls der Sachverhalt bei, dass wir gegen die Gegner nicht kämpfen können, sondern entweder weglaufen und uns verstecken oder unseren Verstand zum Bezwingen einsetzen müssen. So gibt es bereits früh im Spiel einen Gegner, der uns tötet, wenn wir ihm zu nahe kommen. Blöd ist aber, dass wir unbedingt an ihm vorbeimüssen. So haben wir die Möglichkeit ihn abgeschirmtes Sicherheitslabor zu locken für das wir die Schlüsselkarte zuvor gefunden haben, um ihn dann darin einzusperren. Er kommt ohne die Schlüsselkarte nicht mehr aus dem verschlossenen Bereich heraus und wir können somit weiter. Es gibt dabei einige Rätzel in dieser Form im Spiel für die wir unseren Verstand etwas anstrengen müssen und auch immer wieder in bester Adventure-Manier, wie ein Kleptomane alles in der Welt einsammeln, was nicht niet- und nagelfest ist, um es irgendwann zu verwenden. Man muss in diesem Bezug allerdings auch erwähnen, dass das Spiel dadurch auch repetitiv werden kann, wenn man einfach nicht weiterkommt und bereits besuchte Gebiete dann nochmal durchläuft, bis man einen Gegenstand entdeckt, den man bisher übersehen hatte. Wer ein Faible für Adventures kann darüber wahrscheinlich hinwegsehen, aber ich halte es trotzdem wichtig das zu erwähnen.

Entgegen dem bereits erwähnten spirituellen Vorgänger „Lone Survivor“ bietet „The Long Reach“ ein kompakteres Spielerlebnis und bietet keine alternativen Endszenarien, sondern nur im Grunde nur einen recht stringenten Verlauf und bietet lediglich am Endpunkt eine Entscheidung, die das Ende bestimmt. Ebenfalls lassen sich in einem Durchlauf die meisten, wenn nicht gar alle Trophäen verdienen.

Für Trophäenjäger halt das Spiel daher eine recht schnelle und simple Trophäenliste inklusive einer Platintrophäe bereit, die sich in weniger als 2 Stunden erspielen lässt. Insgesamt lassen sich im Spiel 16 Trophäen (0 x Bronze, 5 x Silber, 10 x Gold, 1 x Platin) verdienen und macht obendrauf noch wirklich Spaß, was man von anderen Spielen mit einer leichten Trophäenliste ja nicht immer behaupten kann.

Insgesamt hatte ich mit dem Spiel wirklich viel Spaß, weswegen ich mich sogar neben der Version für die PS4 auch noch mal die separat vertriebene, wenn auch inhaltsgleiche Version für die Vita besorgt habe, um das Spiel auch unterwegs spielen zu können und dabei vielleicht auch noch das ein oder andere Geheimnis zu finden. Wobei „Spaß“ zugegebenermaßen das falsche Wort ist, denn die dichte und anstrengende Stimmung sorgt teilweise eher für emotionalen Stress, da das Spiel bewusst mit uns und unserer Wahrnehmung spielt, wie es auch bei Spielen wie zum Beispiel „Silent Hill“ oder „Enternal Darkness“, falls sich daran noch jemand erinnert, der Fall ist. Zusätzlich muss man eine Affinität für Adventures haben, da sonst eventuell Frust aufkommen kann. Aber wer damit keine Probleme hat, sollte wirklich mal einen Blick riskieren, denn „The Long Reach“ ist ein wirklich interessantes kleines Spiel, das zu Unrecht etwas untergegangen ist.

NB@22.01.2019