Xbox Series X/S Review: „The Medium“ #TheMedium

Irgendwie scheint es in den letzten Jahren ein Trend zu sein, dass Rechteinhaber an einer großen IP diese in der Schublade verkümmern lassen und man von anderen Studios spirituelle Nachfolger bekommt. So erging es uns in den letzten Jahren bereits mit dem grandiosen „Bloodstained: Ritual of the Night“, das nichts geringes als ein neues Castlevania, ohne die entsprechende Lizenz von Konami war, das sogar von Serienveteran Koji Igarashi produziert wurde und einen Soundtrack von Michiru Yamane spendiert bekommen hat, die beide ebenfalls am wahrscheinlich besten Teil der Reihe „Castlevania: Symphony of the Night“ mitgearbeitet haben. Doch das ist bei weitem nicht die einzige Lizenz, die Konami aus unerfindlichem Grund brach liegen lässt und so ist mit „The Medium“ ein Spiel erschienen, das im Netz schon als spiritueller Nachfolger der erfolgreichen Silent Hill-Reihe gefeiert wird. Doch was hat es damit auf sich und handelt es sich dabei um einen simplen Abklatsch oder verfügt das Spiel trotz Ähnlichkeiten über eine eigene Identität? Um das herauszufinden wurde mir dankenswerterweise eine kostenfreie Testversion zur Verfügung gestellt, was allerdings keinen Einfluss auf meine Bewertung hat.

Bevor wir uns genauer mit dem Spiel beschäftigen, möchte ich kurz die Veröffentlichung des Titels thematisieren, denn dabei gibt es auch eine nennenswerte Neuerung: Nach einigen Verschiebungen ist das Spiel konsolenexklusiv auf der Xbox Series X/S erschienen und ist damit sogar das erste Spiel auf der Microsoft-Konsole, das nicht mehr auf der normalen Xbox One erhältlich ist, obwohl Microsoft derartige Exklusivität bislang eigentlich ausgeschlossen hatte. Doch dabei handelt es sich in keiner Weise über eine politische, sondern um eine Architektonische Entscheidung, denn die alte Generation ist einfach nicht in der Lage das Spiel in adäquater Weise darstellen. Und da man sich ein Debakel um die Performance, ähnlich wie es mit „Cyberpunk 2077“ auf den Base- und Slim-Modellen der Xbox One für negative Kritik gesorgt hat, entschied man sich gegen eine Veröffentlichung. Interessanterweise lässt sich auf Xbox Series X und Xbox Series S hingegen kaum ein Unterschied feststellen, was ich später im Technik-Teil noch genauer ausführen werde, aber erst mal so viel: Ihr müsst euch keine grundlegenden Gedanken über die Performance machen, wenn ihr die Xbox Series S euer eigen nennt.

„Die Geschichte beginnt mit einem toten Mädchen“, wie uns ein Voiceover der Protagonisten des Spiels offenbar, bevor wir überhaupt auch nur ein Bild sehen und wir sind mitten im Geschehen, als eine verhüllte Person ein junges Mädchen am Rande eines Sees jagt, sie schließlich auf einem Bootssteg stellt, eine Waffe auf sie richtet und letztendlich den Abzug betätigt, bevor die Szene endet… – Die Handlung schwenkt über zu einer jungen Frau, die uns diese Geschichte erzählt hat, die sie seit ihrer Jugend verfolgt, ohne dass sie weiß, ob es sich um Realität, einen Traum, oder gar eine Vision handelt. Denn unsere Protagonisten Marianne ist nicht wie andere Frauen, sie ist ein Medium, die die Kraft hat das Reich der toten als Paralleldimension zu sehen und auch zeitweise darin zu wandeln. Nach Jahren der Abwesenheit ist sie gezwungen in ihr Elternhaus im Polen der ausgehenden 90er Jahre zurückzukehren, um ihrem Ziehvater die letzte Ehre zu erweisen. Plötzlich klingelt das Telefon und ein fremder Mann namens Thomas bittet um ihre Hilfe und bietet ihr im Gegenzug Antworten auf all ihre Fragen zu ihren Visionen und ihrer mysteriösen Gabe, wenn sie ihn am nahe gelegenen Niwa-Hotelkomplex trifft, einer eins prunkvollen Einrichtung, die nach einem blutigen Massaker vor sich hin rottet, trifft. Auch wenn Marianne’s erster Impuls ist den Unbekannten als Spinner abzutun, gewinnt ihre Neugier die Überhand und sie macht sich auf den Weg. Dort angekommen finden wir uns bald in einem Horrortrip wieder, der zwar recht gemäßigt beginnt, aber dafür umso härter zuschlägt, wenn das Spiel erst richtig in Fahrt ist…

Das Spiel geizt dabei nicht mit Atmosphäre und Grusel, was auch kein Wunder ist, denn entwickelt wurde das Spiel vom polnischen Studio Bloober Team, die sich vorher im Genre bereits durch „Observer“, „Blair Witch“, oder die Layers of Fear-Reihe einen Namen gemacht haben und mit „The Medium“ ihr bisher ambitioniertestes Spiel abliefern. Das zeigt sich vor allem im hohen Production Value und der komplett neuen Mechanik mit zwei parallel animierten Dimensionen zeigt, bei denen wir das Geschehen immer wieder gleichzeitig in der normalen und der Geisterwelt sehen. Denn an vordefinierten Stellen im Spiel überkreuzen sich die beiden Welten und wir sehen das Geschehen via Splitscreen, der mal horizontal, mal vertikal das Bild in zwei Hälften teilt, doppelt. Und dass es sich dabei weder um simple Reskins des gleichen Areals, noch plumpe Spiegelungen handelt, zeigt sich besonders wenn beide Ausschnitte unterschiedliche Kamerawinkel einnehmen und wir Weltenübergreifende Rätsel lösen müssen, bei denen wir auch stellenweise unseren Körper in der einen Welt an einer Stelle zurücklassen müssen und in der anderen Welt weitergehen.  

Einige mögen vielleicht das gerade zu Beginn recht gemäßigte Spieltempo kritisieren, doch gerade der langsamere Einstieg und die Erkundung des verlassenen Hotels tragen enorm zur Stimmung bei, die in der zweiten Spielhälfte dann merklich an Fahrt aufnimmt und nicht nur einige unvorhersehbare Twists bereithält, sondern pointiert für wahren Terror sorgt, komplett ohne Genreübliche Kämpfe, sondern allein durch die dichte Atmosphäre. Ich bin normalerweise kein schreckhafter Mensch und schaue auch seit meiner Jugend liebend gerne Horrorfilme, doch es gab ungelogen ein paar Szenen im Spiel, die mich derart überrascht und erschreckt haben, dass ich auf meiner Couch einen Satz zurück gemacht habe und dabei fast den Controller weggeworfen hätte. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn man das Spiel im Dunkeln mit Kopfhörern spielt, wodurch man sich fühlt, als ob man mitten im Spiel ist und man sich zwangsläufig öfters im heimischen Zimmer umschaut, als ich zugeben möchte. Besonders die Story hält dabei einige Überraschungen bereit, die ich selbstverständlich nicht spoilern werde. Doch selbst Genrekenner sollten sich für eine wahre Achterbahnfahrt mit unbekanntem Ausgang bereit machen.  

Auch technisch macht das Spiel eine solide Figur, auch wenn es auf beiden Versionen der Konsolen kleine Probleme mit nachladenden Texturen zu haben scheint, was besonders auftritt, wenn man Gegenstände aufhebt, oder genauer untersucht. So findet man viele matschig-texturierte Briefe, die erst während man sie bereits begonnen hat genauer anzusehen nachladen und geschärft werden. In der Spielwelt selbst ist das allerdings kein Problem, weswegen ich das Phänomen zwar immer mal wieder wahrgenommen habe, aber es nicht als übermäßig störend empfunden habe. Auf beiden Versionen der Konsole läuft das Spiel mit gelockten 30fps und lässt auch keine nennenswerten Unterschiede in Ladezeit und Bildwiedergabe feststellen. Wo die Konsolen aber auseinander gehen ist die Auflösung, denn wo wir uns auf der Xbox Series X in 4K gruseln dürfen und es zusätzlich einige schicke Raytracing-Effekte gibt, so muss man sich auf der Xbox Series S mit einer variablen Auflösung, die meist in 1080p läuft begnügen und muss auch auf Raytracing verzichten, was noch für etwas mehr Atmosphäre sorgt. Jedoch ist die Performance auch auf der kleinen Konsole mehr als solide und die Unterschiede fallen im Grunde nur auf, wenn man die Versionen direkt miteinander vergleicht.

Das natürlich der Tatsache geschuldet, dass das Spiel auf fixe Kamerawinkel setzt, wie es auch die klassischen Survival Horror-Spiele, sei es Resident Evil, oder Silent Hill lange getan haben. Das schont natürlich immens die Ressourcen und bietet gleichzeitig die Möglichkeit für eindrucksvolle Areale mit toller Beleuchtung, die perfekt aufeinander abgestimmt ist. Besonders toll ist das in Szene gesetzt, wenn wir beide Realitäten im Splitscreen sehen, die jeweils mit ihren ganz eigenen Details und Effekten aufwarten. Jedoch darf man an das Spiel keine Erwartung haben, es würde sich um eine Referenz handeln, denn auch wenn die Grafik schick anzusehen ist, so sind gerade die Charakteranimationen keinesfalls mit anderen Spielen in Sachen Detailgrad und Natürlichkeit der Bewegung vergleichbar. Konnte man selbst auf der PS4 bei Kratos in „God of War“ die einzelnen Barthaare zählen, ist das bei „The Medium“ weit davon entfernt. Besonders in Sachen Bewegungen agiert Marianne hölzern und die Steuerung tut noch ihr Übriges.

Denn was war bei Survival Horror immer im Einklang mit den fixen Kameraperspektiven? – Genau, Panzersteuerung. Und diese gibt es hier eben auch. Aber wenigstens hat man nicht den Fehler gemacht, dass man die Bewegungsrichtung mit jedem Kamerawechsel neu anpassen muss, sondern die Bewegung wird weiterhin in der Richtung ausgeführt, wie als wir los gelaufen sind. Laufen wir also mit Marianne los und nach oben bedeutet vorwärts, so ist das bei Perspektivwechsel unverändert, auch wenn dann vorwärts nicht mehr oben, sondern rechts wäre. Erst wenn wir stoppen greift die Neuausrichtung, was die Bewegung immerhin etwas eingängiger gestaltet. Das soll nicht bedeuten, dass wir nicht mehr in der Szenerie hängenbleiben, wenn die Kamera wechselt, aber es ist immerhin etwas leichter den Überblick über die Laufrichtung zu behalten, was besonders in hektischeren Szenen wichtig ist.

Denn abseits der eher gemäßigten Erkundung und der Rätsel, gibt es auch einige Schleich- und Fluchtsequenzen. Ich werde zwar nicht spoilern vor dem oder was wir uns verstecken, oder weglaufen, doch nicht nur lockern diese in der Regel recht kurzen Szenen das Spielgeschehen auf, da sie kurzzeitig den Adrenalinspiegel in die Höhe springen lassen, sondern hier zeigt sich auch, dass man aus der Steuerung das beste rausgeholt hat, denn gerade im Vergleich zum ersten Resident Evil wäre so etwas wahrscheinlich sonst nicht umsetzbar gewesen. Einzig unschön fand ich, dass es bei den Fluchtpassagen immer wieder Sackgassen gibt, die zum sofortigen Tod führen. Das ist nicht nur unfair, sondern lässt diese Abschnitte auch zu Trial and Error verkommen, die zwar nicht so frustrierend ausfallen, wie beispielsweise bei „Layers of Fear“, aber dennoch stellenweise Nerven können.

Trotz all der Inspiration ist „The Medium“ aber meiner Meinung nach mehr als ein simpler Abklatsch von Silent Hill, zwar liegt dieser Vergleich auf Grund der Parallelwelt-Thematik und der Tatsache, dass Akira Yamaoka, der ebenfalls den Soundtrack für Silent Hill gemacht hat, den Soundtrack geschrieben hat, doch das Spiel bietet mehr. Vielmehr handelt es sich um eine Liebeserklärung an das Genre an sich, das sich aber auf Grund seiner eigenen Mechanik und des konsequenten Verzichts auf klassische Kämpfe von den Vorbildern abhebt. Anstatt der Bedrohung durch Feinde setzt man auf eine ausgefeilte Geschichte, teils echt kreative Rätsel und eine überaus dichte Atmosphäre mit allerlei ekligen Ideen, die Türen, die aus Haut bestehen und von uns in mühsamer Arbeit aufgetrennt werden müssen…

Insgesamt liefert „The Medium“ mehr als „nur“ ein weiteres Survival Horror-Spiel, denn spätestens „Dawn of Fear„, das wirklich nur ein billiger Abklatsch war, hat gezeigt, dass es eben kein Hitgarant ist, wenn man versucht exakt wie etwas anderes zu sein. Gerade heute, wo eine florierende Indie-Szene nahezu täglich für Nachschub sorgt, braucht es eben etwas mehr als eine Kopie zu sein. Und so bedient sich das Spiel zwar einschlägigen Mechaniken, instrumentalisiert sie für die eigenen Zwecke, die zum Beispiel durch die Soundkulisse in Kombination mit den fixen Kamerawinkeln für ein konstantes Gefühl der Bedrohung sorgt. Ein besonderes Highlight sind selbstverständlich die Szenen, die sich gleichzeitig in beiden Welten abspielen und die selbst immer wieder für Überraschungen sorgen, wenn wir uns beispielsweise in der normalen Welt sicher fühlen und plötzlich aus der anderen Welt eine Entität herüber wechselt. In den knapp unter zehn Stunden, die man für einen Durchgang braucht, wurde ich wirklich gut unterhalten und gerade das Ende begleitet einen nachhaltig. Und da das Spiel direkt zum Launch im Gamepass enthalten ist, kann das Fazit nur laufen: Eine Empfehlung für jeden, der sich gerne geißelt!

Entwickler: Bloober Team

Publisher: Bloober Team

Erhältlich auf: PC, Xbox Series X/S

NB@12.02.2021

——— Hinweise & Disclaimer: ———

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Die verwendeten  Bilder und/oder Screenshots wurden, wenn nicht anders angegeben, vom Autor selbst erstellt und dienen zur Unterstützung des Berichtes. Das Copyright an der dargestellten Sache, bzw. dem Spiel bleibt davon selbstverständlich unberührt und verbleibt beim ursprünglichen Rechteinhaber.

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