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Um sich von Halloween und „Red Dead Redemption 2“, von dem mein Review sich in den Endzügen befindet, etwas zu erholen, habe ich mal etwas ziemlich anderes im Gepäck. Ich bin zwar an sich kein besonderer Fan von Sportspielen, doch Rennspielen mit Arcade-Touch kann ich dennoch etwas abgewinnen. „The Crew“ war so ein Spiel, dass mich mit seiner offenen Spielwelt und abwechslungsreichem Missionsdesign dennoch in seinen Bann ziehen konnte. Auch wenn ich im Grunde eigentlich keine Fortsetzung gebraucht hätte, hab Ubisoft, bzw. das Studio Ubisoft Ivory Tower, mit „The Crew 2“ quasi eine Version 2.0 abgeliefert, der gekonnt auf die Stärken des ersten Teils aufbaut und gleichermaßen die Kritikpunkte größtenteils ausmerzt.

Eins vorweg: Fans von realitätsnahen Rennsimulationen à la Gran Turismo werden wahrscheinlich mit dem Spiel nicht warm werden, denn das Spiel möchte nicht simulieren, es will unterhalten und liefert dabei ein stark vereinfachtes Arcade-Spielprinzip mit dem Fokus auf Bombastische Inszenierung, Abwechslung und einer fulminanten Kulisse, ab. So beginnt bereits das Prolog, der gleichzeitig als Tutorial für die rudimentären Steuerungsoptionen und Spielmechaniken fungiert, wie ein echter Blockbuster und entleiht sich sogar Elementen aus dem Film „Inception“, bei denen die Welt „gefaltet“ und gedreht wird. Das macht zwar logisch überhaupt keinen Sinn, aber will es auch überhaupt nicht. Genauso wenig macht Sinn, dass wir per Quickmenü jederzeit unser Auto in ein Boot, Motorrad, Flugzeug oder seit dem neuesten kostenlosen Update sogar in ein Luftkissenboot verwandeln können. Wir können dabei aus einer Liste unterschiedlicher Charaktere wählen, die als unser Avatar fungieren. Diese Auswahl versorgt uns zwar mit etwas Spielraum zu Individualisierung, bleibt aber am Ende recht irrelevant und hat keinerlei Auswirkungen auf das Spiel. Nach unserer Auswahl werden wir direkt in den Prolog entlassen, den wir im Sportwagen beginnen, bevor uns die „Straße ausgeht“ und wir im Sprung zum Boot wechseln, bevor wir auch den weitläufigen Fluss über eine Rampe verlassen und im Sprung unser Speedboat gegen ein Flugzeug austauschen.

Im Anschluss werden wir in die offene Spielwelt entlassen, die wir nach Lust und Laune erkunden können. Zusätzlich zur offenen Welt gibt es auch fixe Punkte, sogenannte Clubs, bei denen wir neue Events und Rennen angehen können. Die Auswahl ist dazu gerade zu Beginn recht überschaubar, denn wir müssen uns erst in der Welt von „The Crew 2“ beweisen. Das machen wir, in dem wir Follower an uns binden, die als Erfahrung fungieren und uns im Rang aufsteigen lassen: Ähnlich wie in Rollenspielen bekommen wir für jedes Rennen, jeden Stunt und jede Nebenaufgabe, wie zum Beispiel Fotoevents oder sonstige Minigames neue Follower dazu, die uns dann im Level aufsteigen lassen und uns helfen unseren Charakter im Standing und Ansehen, aber auch in Sachen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Jeder dieser Clubs fokussiert ein anderes Event, die sich von Standards, wie Street Racing über Wüsten- oder auch Flugrennen erstrecken und können sowohl Rennen gegen Mitstreiter, aber auch Checkpoint-Rennen sein. Dabei steigt der Schwierigkeitsgrad innerhalb eines Clubs kontinuierlich an. Wenn wir genug Erfahrung innerhalb eines Events gesammelt haben, können wir uns im Rahmen der Story auf dem Weg zum Ruhm dann den Bossen der jeweiligen Clubs stellen, die dann als eine Art Bosskampf fungieren, sich aber nicht großartig von den normalen Rennen unterscheiden.

So weit, so gut, doch worin unterscheidet sich „The Crew 2“ eigentlich von anderen Arcade-Racern? – Hier gibt es zwei grundlegende Unterschiede zu anderen Titel, auf die ich nun kurz gesondert eingehen möchte:

1) Offene Spielwelt:

 Zum Erkunden steht eine riesige Map der vereinigten Staaten zur Verfügung, die wir nach Lust und Laune erkunden können. So gibt es neben riesigen Städten auch Wüstengebite um die Route 66, bergige Landschaften oder schneeverhangene Bergpässe. Natürlich ist die Karte nicht 1:1 eine Darstellung der Realität, aber man hat aus jedem Staat die markantesten Elemente und Wahrzeichen herausgesucht, um eine komprimierte Version des Staates ins Spiel zu packen. Wollen wir mit dem Flugzeug um die Freiheitsstatue in New York fliegen oder mit einem getunten Sportwagen den Las Vergas-Strip unsicher machen? – Beides geht und neben den bekannten Elementen gibt es auch abseits dieser Wahrzeichen viel zu entdecken, was die Karte für uns bereit hält. Vom Umfang ist es möglich diese komplett ohne Ladezeiten zu bereisen, was je nach Fahrzeug und Route auch mal mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann, wenn man von einer zur anderen Seite fährt. Zusätzlich gibt es aber auch Schnellreisepunkte, die die Erkundung etwas beschleunigen, auch wenn man dabei einiges von der Kulisse verpasst. Darüber hinaus wartet die Spielwelt mit dynamischen Tag- und Nacht-, sowie Wetterwechseln auf, was mitunter bombastisch aussieht. Dabei ist gut, dass das Spiel auch mit einem Fotomodus ausgestattet ist, um die Action zu pausieren, die Kamera neu zu positionieren und einige überragende Screenshots zu machen, die auch ohne weiteres als Bildschirmhintergrund herhalten können. Auch die Städte sind mit jeder Menge an kleinen Details gespickt, die die Welt lebhaft erscheinen lassen, auch wenn sie teilweise etwas zu leer ist. Aber sonst könnte man durch New York etwas schlecht fahren und würde sonst eher im Stau stehen. Und dafür braucht man wirklich kein Spiel…

2) die Online-Anbindung:

Das Spiel kann sowohl Online mit bis zu 7 weiteren Mitstreitern gespielt werden, aber macht auch Solo eine gute Figur. Lediglich sei darauf hingewiesen, dass auf der Hülle der Hinweis prangert, dass eine „Onlineverbindung erforderlich“ ist. Komplett offline lässt sich das Spiel also nicht spielen. Wir können uns dabei, um online mit anderen zu spielen, mit Freunden zusammenschließen oder das Spiel offen lassen, um zufällige Bekanntschaften zu machen. Zusammen mit den Mitstreitern, mit denen man dann auch in den Events gemeinsam antritt, wird das Spiel, bzw. der Fortschritt etwas einfacher, da es ausreicht wenn einer aus unserer Crew gewinnt, damit bei allen der Erfolg gezählt wird. Insgesamt schein Ubisoft in den letzten Jahren ein wirklicher Fan dieser Verbindungen von Onlinespiel und Offlinespielen zu sein, was auch ähnliche Implementierungen unter anderem in Watch_Dogs aufzeigen. Doch die Implementierung ist hier insgesamt runder geworden und wirkt nicht so aufgesetzt, wie in Spielen, die klassischerweise eher für Einzelspieler gemacht sind.

Grafisch bietet das Spiel einiges und das die Spielwelt komplett ohne Ladezeiten auskommt, ist ein dickes Plus. Doch insgesamt bringt das leider auch eine Stellenweise recht stotternde Framerate und auch Pop-Ups mit sich. Das ist zwar nicht an der Tagesordnung, aber muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, wenn auch die sonst wirkliche schöne Spielwelt und die dynamischen Veränderungen über einiges Hinwegtäuschen können. Soundtechnisch spielt das Spiel in der Spitzenklasse mit und jedes Fahrzeug kommt mit einem unterschiedlichen Sound. Neben dem Röhren der Motoren, die Quietschen der Reifen können wir auch in bester GTA-Manier aus 8 unterschiedlichen Radiosendern wählen, die unsere Fahren musikalisch untermalen. Von Rock über Hip Hop bis Klassik sind dabei alle unterschiedlichen Geschmäcker berücksichtigt und warten mit überrascht großen Playlisten auf.

Für jedes Rennen stehen uns dann unterschiedliche Fahrzeuge zur Verfügung, von denen wir viele allerdings er freischalten müssen. Das geschieht bei manchen durch simplen Spielfortschritt oder wir müssen diese kaufen. Wie mitlerweile fast normal in neuen Spielen kann man auch Premiumitems durch Mikrotransaktionen in Form der sogenannten Crew-Credits, die man in Paketen im Store erwerben kann, kaufen, was aber zu keiner Zeit notwendig ist, da man im Grunde mehr als genug Fahrzeuge und Items durch den Fortschritt freischaltet oder genug Geld verdient, um sich immer wieder neue Fahrzeuge oder Items zu gönnen. Dabei handelt es sich bei den meisten Fahrzeugen im lizensierte Originale und nicht um irgendwelche Fantasie-Autos, was ungemein nerven kann, wenn man klar sieht, dass es ein Porsche oder ein Ferrari sein soll, aber die Entwickler sich durch kleine Änderungen eine Lizenzgebühr sparen wollten. Die Fahrzeuge in unserem Fuhrpark lassen sich auch tunen, doch hier beschränken sich die Entwickler leider nur auf ein Minimum und echte Tuning-Freunde werden hiermit wahrscheinlich nicht glücklich werden, da sich das optische Tuning auf Lackierung, Schweller, Stoßfänger und Felgen beschränkt. Das interne Tuning geschieht durch in Rennen verdiente Erweiterungen, die über ein simples Menü ausgerüstet werden können und in Folge unsere Beschleunigung oder Maximalgeschwindigkeit steigern.

Das Steuerung ist Arcade-typisch recht simpel gehalten und im Grunde steuert sich alles ähnlich. Auch die unterschiedlichen Fahrzeuge unterscheiden sich in ihrer Steuerung nur recht rudimentär und es ist im Grunde, wenn man von der Beschleunigung und der Geschwindigkeit per se absieht, unerheblich, ob wir mit einem Pickup, Strandbuggy oder Sportwagen unterwegs sind. Aber das ist mir im Grunde auch viel lieber, als stundenlanges Eingewöhnen, als wenn man in einem Event plötzlich gezwungen wird ein anderes Fahrzeug zu fahren. Lediglich in einigen Momenten verhält sich die Physik etwas komisch, wenn man über eine Rampe springt oder einen gegnerischen Fahrer rammt. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber wirkt insgesamt etwas „unwirklich“, als ob die Schwerpunkte und der Einschlagswinkel falsch berechnet würden. Ähnliches Verhalten kennt man zwar auch stellenweise aus anderen Open-World-Spielen, wie GTA oder Watch_Dogs, doch gerade bei einem Spiel, wo das Fahren im ausdrücklichen Fokus liegt, hätte man hieran besser noch etwas gefeilt, damit es nicht so sehr ins Auge springt. Aber vielleicht wird daran ja mittels Patch noch nachgebessert, denn auch abseits der kostenpflichtigen Erweiterungen innerhalb des Season Pass gibt es auch kontinuierlich kostenfreie Updates und Erweiterungen, die das kürzlich implementierte „Gator Rush“-Update, das mit Hovercrafts eine neue Fahrzeuggattung, mitsamt neuen Events und Herausforderungen in das Spiel gebracht hat.

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Zusammenfassend kann man festhalten, dass Ubisoft Ivory Tower  mit „The Crew 2“ einen sehr unterhaltsamen und spaßigen Racer abgeliefert hat, der gekonnt auf der Qualität des Vorgängers aufbaut. Die immens große Spielwelt, sowie die abwechslungsreichen Events und Herausforderungen schaffen es auch nach vielen Spielstunden immer wieder zu begeistern. Freunde von realistischen Renn-Simulationen werden damit auf keinen Fall glücklich werden, da das Spielprinzip zu simplifiziert und die Action zu sehr an Actionkino erinnert. Man hätte zwar noch etwas mehr in Sachen Tuning ins Spiel implementieren können, aber dennoch ist das schon jammern auf sehr hohem Niveau. Wer Arcade-Racern etwas abgewinnen kann, wird hiermit auf jeden Fall seine helle Freude haben.

NB@05.11.2018