Das Warten hat endlich ein Ende. Nachdem die erste Episode „Roads“ von Dontnod’s Teen-Drama-Reihe „Life is Strange 2“ bereits am 26.09. des vergangenen Jahres erschienen war ist nun endlich am 24.01. diesen Jahres die zweite Episode veröffentlicht worden. Vier Monate zwischen den Episoden sind eine lange Zeit und auch wenn die Erinnerungen an die erste Episode bereits etwas verblasst waren, so war ich dennoch voller Vorfreude zu erfahren, wie die Flucht vor dem Gesetz von Sean und Daniel weitergehen mag. Und zu meiner Überraschung kommt in dieser Episode, die diesmal als „Rules“ betitelt ist, sogar die kostenlose Episode „The awesome Adventures of Captain Spirit“, die es nach wie vor kostenlos zum Download im PSN gibt, zum Tragen und es empfiehlt sich diese auf jeden Fall gespielt zu haben, bevor man der zweiten Episode beginnt, worauf einen das Spiel auch nochmal hinweist, bevor man die Episode startet…

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Wem es ähnlich wie mir geht, der wird froh sein, dass die neue Episode gleich zu Beginn einen Recap bereithält, ähnlich, wie es bei TV-Serien der Fall ist. Hier hat man sich aber sogar künstlerisch ausgelebt, denn der Recap wird mit wunderschönen gezeichneten Grafiken und Analogien in Form eine Fabel erzählt. Es werden also nicht nur simpel einige Szenen oder Screenshots der ersten Episode zusammengeschnitten. Über die Visualisierung bekommen wir ein Voiceover von Sean, der uns sehr emotional berichtet, was bisher geschehen ist… Im Anschluss daran beginnt das eigentliche Spiel. Doch bevor wir uns damit genauer beschäftigen, eine Warnung vorweg, denn ich werde zwar versuchen auf Spoiler für die aktuelle Episode zu verzichten, kann aber nicht das gleiche für die erste Episode garantieren: Immerhin haben die Ereignisse in dieser den Grundstein für die Entwicklung gelegt und ohne ein gewisses Vorwissen fällt es sonst schwer die Motivation zu verstehen.

Die Episode setzt einige Zeit nach den Ereignissen der ersten Episode ein. Sean und sein jüngerer Bruder Daniel, der über telekinetische Fähigkeiten verfügt sind auf der Flucht vor dem Gesetz, denn in einem Wutausbruch, der die bis dahin verborgene Gabe freigesetzt hat, ist nicht nur der Vater der Brüder, sondern auch ein Polizist ums Leben gekommen. Das Gesetz hat den Vorfall als terroristischer Akt eingestuft und ist daher vehement hinter den beiden Jugendlichen mit mexikanischer Abstammung her, deren Plan es ist so schnell es geht das Land zu verlassen. Selbst wenn man von den übernatürlichen Fähigkeiten absieht ist davon auszugehen, dass den beiden wahrscheinlich kein fairer Prozess gemacht werden würde und wenn jemand herausfinden sollte, zu was Daniel in Wirklichkeit fähig ist, würde dieser wahrscheinlich den Rest seines Lebens als Versuchskaninchen für das Militär und die Regierung in einer Zelle verbringen, was wahrlich keine rosige Aussicht ist. Seit dem Ende der ersten Episode hatten sich die beiden in einer verlassenen Hütte im Wald verschanzt, wo sie sich zum Beginn der Episode immer noch aufhalten. Doch da langsam die Vorräte knapp werden und die Hütte nicht länger sicher ist, führt kein Weg daran vorbei weiterzuziehen.

In der Zwischenzeit hat Daniel sich mit seinen neuen Kräften arrangiert und beide haben diese kontinuierlich trainiert, was für mich entfernte Karate Kid-Vibes hervorgerufen hat, doch Sean hat dadurch ganz neue Probleme, denn verständlicherweise ist Daniel sehr stolz auf seine Fähigkeit und würde nur zu gerne damit angeben… Entgegen der ersten Staffel, in der wir selbst die Superkraft inne hatten, können wir mit Sean größtenteils nur zusehen und müssen versuchen durch Weitsicht und Argumentation die Kräfte zu verbergen. Aber das soll natürlich nicht bedeuten, dass es nicht die ein oder andere Situation gibt, wo die Kräfte zur Fortschritt oder zum Finden von Sammelobjekten zum Einsatz kommen und wir Daniel um entsprechende Hilfe bitten können. Bei der Verwendung der Kräfte kommt auch der Titel der Episode zum Tragen, denn diese ist mit „Rules“ (=Regeln) betitelt und spielt darauf an, dass wir als Sean die Aufgabe haben Daniel einen verantwortungsvollen Umgang mit seinen Kräften beizubringen. Immerhin haben uns ja schon die Spider-Man-Filme den Zusammenhang von Kraft und Verantwortung gelehrt. Und selbst wenn man von der übersinnlichen Komponente absieht, so müssen wir bei unseren Aktionen immer Bedenken, dass wir für den kleinen Bruder eine Vorbildfunktion ausüben, denn ähnlich wie A.J. in der aktuellen Staffel zu „The Walking Dead“, saugt auch Daniel unser Vorbild auf wie ein Schwamm. Wenn wir also wahllos anfangen zu fluchen besteht eine Möglichkeit, dass er (natürlich in den ungünstigsten Momenten) unserem Beispiel folgt…

Auf der Flucht nach Mexiko, bzw. konkreter dem Geburtsort des Vater Puerto Lobos macht das Duo diesmal in der verschlafenen Kleinstadt Beaver Creek halt, wo die Großeltern der beiden leben, die die beiden seit Jahren nicht mehr gesehen haben, als sich die Familie zerstritten hat. Doch Sean und Daniel haben keine Wahl, denn Daniel ist auf der Reise schwer erkrankt und braucht dringend medizinische Hilfe, weshalb kein Weg an einem Abstecher zu den Großeltern vorbeiführt. Der Umstand, dass beide aktiv von der Polizei gesucht werden ist nicht gerade förderlich für das Wiedersehen, ganz davon zu schweigen, dass zwei mexikanische Jugendliche in einer verschlafenen Kleinstadt in der jeder jeden kennt, ohne gleichen herausstechen. Hier spielt sich auch der Großteil der Episode ab, die dieses Mal als zentrales Thema die Familiengeschichte der Brüder fokussiert und uns im Beispiel des Nachbarsjungen Chris auch aufzeigt, was passieren kann, wenn ein Elternteil mit einer plötzlichen Lebensveränderung überfordert ist. Um die Handlungen und Hintergründe richtig zu verstehen ist es daher zwingend notwendig zumindest die Story der kostenlosen Einstimmungsepisode durchgespielt zu haben, denn die Episode wiederholt die Ereignisse nicht mehr. Zwar kann man diese Episode natürlich auch ohne das Vorwissen spielen, aber das ist ein wenig so, als ob man ein Buch in der Mitte, anstatt dem Anfang beginnen würde. Berücksichtig man das allerdings werden mit der Episode sogar einige Ereignisse, die man vorher nicht verstanden hat, ins rechte Licht gerückt und erklärt.

Hatte die erste Episode noch die schwere Aufgabe den Spagat zwischen der Einführung in die Geschichte, dem Wecken von Interesse (zum Kauf des Season Passes) und der Charakterentwicklung der Haupt- und Nebenfiguren zu schaffen und hat das meiner Meinung nach mit Bravur gemeistert, so muss ich leider sagen, dass das in der zweiten Episode nicht immer gelingt. Zwar wird die Charakterentwicklung der Hauptfiguren und auch einiger Nebenfiguren, wie zum Beispiel von Chris (aka Captain Spirit) gemeistert, bleiben allerdings andere Figuren, wie die Großeltern weit hinter den Erwartungen zurück. Das trifft gleichermaßen leider auch auf die allgemeine Story der Episode zu, die leider recht dünn geraten ist, da sich im Grunde alles im Haus der Großeltern abspielt, wenn man zwei weiteren kleinen Arealen absieht und sowohl große Aha- aber auch Schockmomente ausbleiben, wenn man sich unter anderem an die schockierende Szene aus der ersten Episode zurückerinnert, als Sean sich plötzlich angekettet im Büro eines Rassisten wiedergefunden hat. Persönlich habe ich auf eine ähnliche Wendung förmlich gewartet, besonders wenn man berücksichtig, dass das Haus der Großeltern, wie auch diese selbst auf den ersten Blick ein paar düstere Geheimnisse zu haben schienen und das Haus immer wieder als das „Gingerbread House“ (=Pfefferkuchenhaus aus Hänsel und Gretel) referenziert wird. Das klingt an sich zwar etwas schlimmer, als es zu verstehen ist, aber die treffendste Verdeutlichung bietet wahrscheinlich meine persönliche Erfahrung, während dem Spielen.

Normalerweise folgen die einzelnen Episoden von Episodenspielen dem gleichen Schema, wie Serienfolgen aus dem TV, die den Spannungsbogen hoch halten und uns auf diese Weise in ihren Bann ziehen. Bisher habe ich die Episoden daher immer an einem Stück beendet, bzw. selbst wenn die Zeit am Abend schon sehr fortgeschritten war, hatte ich im Grunde keine andere Wahl, da ich wissen wollte, wie es weitergeht. Hier hatte ich allerdings entgegen der ersten Episode hatte ich hier beim Spielen kein Problem in der Mitte einen Cut zu machen und das Weiterspielen auf den nächsten Abend zu vertagen. Das Ende der Episode macht dabei allerdings wieder einiges wett, denn dort kommt wieder mehr Schwung in die Handlung. Es wird sich weisen, ob Dontnod die Fahrt mit der dritten Episode wieder aufnehmen können, oder ob sie sich etwas verhoben haben, denn im Vergleich zur ersten Staffel haben es die Entwickler diesmal um einiges schwerer, denn konnte diese noch jede Episode auf größtenteils gleiche Areale und Charaktere aufbauen und diese so weiterentwickeln, so sorgt die Roadmovie-Ausrichtung dafür, dass wir wenig bis keine stätigen Elemente mehr haben. Auch von der Entwicklungsseite ist das um einiges auswendiger, da jedes Mal das „Rad“ neu erfunden werden muss und man keine Assets recyceln kann, was sich durchaus auch in der Verzögerung in der Veröffentlichung der Episode wiederspiegelt.

Allerdings muss man nochmal ein paar große Vorzüge im Gegensatz zur ersten Staffel erwähnen, denn gerade von der technischen Seite ist diese Staffel eine spürbare Weiterentwicklung und die Animationen und Details sind noch vielfältiger, als man es erlebt hat und laden noch mehr zum Erkunden ein, da es Versteckte Elemente en Masse gibt. Ebenso sind die Entscheidungen, die man treffen muss gravierender und haben mich manchmal mehrere Minuten die unterschiedlichen Möglichkeiten abwägen lassen, bevor ich mich schweren Herzens für eine der Optionen entschied. Das war in der ersten Staffel kein wirkliches Problem, da man sich durch das Zurückspulen der Zeit die unmittelbaren Auswirkungen der Alternativen ansehen konnte, bevor man sich festlegen musste. Vielleicht muss die neue Ausrichtung in der Staffel sich erst noch richtig finden, damit das Ergebnis wieder runder und mitreißender wird. Ich bin dennoch gespannt, wie es mit der Reise der Diaz-Brüder weitergeht und hoffe, dass die nächste Episode wieder auf dem Niveau der ersten Staffel spielt und zusätzlich wäre auch gut, wenn es nicht mehr vier Monate dauert, bis die Geschichte weitererzählt wird…

NB@18.02.2019

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Disclaimer: Die verwendeten Screenshots wurden, wenn nicht anders angegeben, vom Autor selbst erstellt und dienen zur Unterstützung des Berichtes. Das Copyright am dargestellten Spiel bleibt davon selbstverständlich unberührt und verbleibt beim ursprünglichen Rechteinhaber.