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Wer sich in den 90ern mit Adventure-Spielen für den PC beschäftigt hat, dem ist auch der ein oder andere „interaktive Film“ untergekommen. Dabei hatten die Spiele, wie z.B. „Das Rätzel des Master Lu“, „Urban Runner“, „Gabriel Knight 2 – The Beast within“ oder „Phantasmagoria“ mit einem Film nur die expansive Verwendung von abgefilmtem Material anstatt animiertem gemein. Im Herz blieben die Spiele dennoch Point and Klick-Adventures in denen man einen digitalisierten Schauspieler durch niedrig texturierte Fotos steuerte und bei jeder zweiten Aktion eine kurzes Video gezeigt bekam. Es ist wenig verwunderlich, dass sich dieses Genre nicht durchgesetzt hat und die Spieleentwickler wieder zu Animiertem zurückgekehrt sind und damit diese interaktiven Filme für immer zu Grabe getragen haben. – Wobei nun knapp über 20 Jahre später gibt es doch noch ein Lebenszeichen…

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Denn zu meiner Verwunderung bin ich beim Stöbern im PSN vor kurzem über ein Angebot gestoßen, wo ein Spiel als Interaktiver Film angepriesen wird und man auf dem Cover und den Screenshots wieder gefilmte Schauspieler sieht. Da sich das Spiel gerade im Sale befand und die Prämisse recht interessant klang beschloss ich dem Spiel eine Chance zu geben…

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„Late Shift“ ist ein interaktiver Krimi-Thriller von Wales Interactive, die bereits mit „The Bunker“ ein ähnlich gelagertes Spiel veröffentlicht hatten, was ebenfalls komplett an mir vorbeigegangen war. Das Spiel besteht dabei  aus recht hochwertig produzierten Videosequenzen und vielen unterschiedlichen Alternativrouten innerhalb der Geschichte, die wir durch das Treffen von Entscheidungen beeinflussen. Das funktioniert dabei ähnlich, wie man es aus dem Spielen von Telltale kennt:

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Wir spielen dabei den Studenten Matt, der eigentlich nur als Nachtwächter in einem Parkhaus für Nobelkarossen jobbt und dann in einen waschechten Gangster-Krimi, komplett mit Einbruch in ein nobles Auktionshaus, Diebstahl, Flucht vor der Polizei und einer Asiatischen Gang, Mord, Entführung und der Suche nach der Wahrheit.

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Die Geschichte läuft bis zu einem gewissen Punkt und dann wird uns eine Entscheidungsmöglichkeit, die manchmal aus 2, manchmal aus 3 Alternativen besteht, geboten. Je nachdem, wie wir uns entscheiden, nimmt die Geschichte dann teilweise einen sehr anderen Verlauf oder kann mitunter sogar zum Ableben unseres Protagonisten führen. Dabei kann die Tragweite von jeder kleinen Entscheidung große Konsequenzen haben und auch wenn wir auf Grund eines überaus sensiblen Timers bei den Entscheidungen nur wenig Zeit zum Überlegen haben, muss man mit Bedacht vorgehen…

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Auch wenn die Story innerhalb von knapp 90 Minuten beendet werden kann, wird auf Grund der unterschiedlichen Entscheidungen ein hoher Wiederspielwert geboten, denn es gibt insgesamt 7 unterschiedliche Enden und 14 unterschiedliche Story-Stränge (abgeschlossene Abschnitte) von denen es unmöglich ist alle im Verlauf eines Durchlaufs zu sehen.

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Auch wenn die Story an sich keinen Oscar gewinnt ist sie interessant und hat den Charme eines britischen Gangsterfilms. Die Schauspieler sind allesamt gut und keine Laien auf ihrem Gebiet. Man merkt sowohl von der Kamera, als auch von der Narrative, dass ein gewissen Production-Value in die Produktion geflossen ist und es sich nicht um ein 08/15-Projekt gehandelt hat.

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Das einzige, was man dem Spiel wirklich ankreiden kann ist, dass es bis auf die Entscheidungen keinerlei Einflussnahme gibt. Selbst Telltale hat die ein oder andere Passage, wo wir Rätzel lösen müssen oder uns frei bewegen. Sowas fehlt hier komplett und die einzige Art Einfluss zu nehmen ist die entsprechende Auswahl an den vorgegebenen Entscheidungspunkten. Insgesamt finde ich das aber gar nicht störend und das ist aus Sicht der Entwicklung auch durchaus nachvollziehbar, denn mit gefilmten Szenen hätte das Spiel sonst schnell zu einer Lachnummer, wie die interaktiven Filme aus den 90ern werden können. Das Risiko ist dafür wohl leider zu groß.

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Aber das was das Spiel macht, macht es wirklich gut. Ich habe nun alle unterschiedlichen Enden und fast alle Szenen gesehen. Klar gibt es hier und da mal ein oder zwei unsaubere Anschlussfehler wenn eine Szene in die andere übergeht oder man sollte auch nicht zu tief in vorhandenen Logiklöchern bohren, aber ich habe mich mit diesem Spiel wirklich gut amüsiert und es war sehr erfrischend mal etwas anders in Form eines Spieles zu sehen als der x-te Aufguss von allem was es schon gibt.

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Zur Zeit ist das Spiel noch im Angebot für <10€ erhältlich und für diesen Preis kann man mit „Late Shift“ nichts falsch machen, wenn man sich auf dieses Experiment einlässt.

NB@15.08.2017