Gerade ist die zweite Episode von Telltale’s finaler Staffel von „The Walking Dead“ erschienen. Und die Episode ist wirklich gut geworden, aber leider hilft das im Moment auch nicht wirklich, über andere Entwicklungen um Telltale hinwegzutäuschen. Leider bleibt ein sehr schaler Beigeschmack beim Spielen der Episode, denn wie es aussieht wird es auch die letzte Episode bleiben und wird die Staffel leider unvollendet lassen. Denn leider hat Telltale vor einigen Tagen auf Grund massiver finanzieller Probleme über 90% der Belegschaft fristlos entlassen und arbeitet nun mit einer 25-Mann-Crew nur noch die letzten vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Investoren ab. Auch wenn das zu diesem Zeitpunkt so aussah, als ob diese „Verpflichtungen“ auch den Abschluss der finalen Staffel für denen viele, wie ich auch, im Voraus für die kompletten 4 Episoden gezahlt haben, mit einschließt, wurde das nun entkräftet. Das komplette Team um „The Walking Dead“ wurde ebenfalls entlassen und die verbleibenden Episoden gehören nicht mehr zu den abzuarbeitenden Verpflichtungen und werden demnach auch nicht mehr veröffentlicht, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

In Wieweit man als Käufer der Staffel einen Anspruch auf die verbleibenden Episoden oder zumindest eine (evtl. teilweise) Erstattung hat, ist momentan unklar, da Telltale, obwohl eine offizielle Insolvenzerklärung bislang noch fehlt, wahrscheinlich nicht mehr in der Lage ist die Episoden fertigzustellen und zu liefern. Nicht nur weil sich das Studio ohnehin in massiven Problemen befindet und bereits eine Sammelklage der ehemaligen Mitarbeiter wegen offenen Gehaltszahlungen und die Kündigung ohne Vorlauf stattgefunden hat, wird hier bestimmt noch einiges geschehen. Und machen wir uns nichts vor, die über 250 Mitarbeiter, die nun plötzlich ohne Job dastehen und schauen müssen, wie sie ihre eigenen Verbindlichkeiten begleichen sind hier allemal wichtiger, als die Gamer, die für etwas bezahlt haben, was (wahrscheinlich) nicht kommen wird. Wenn man Berichten glaubt hat Telltale bis zu einer Woche vor den Entlassungen sogar noch neue Leute eingestellt, die nun buchstäblich auf der Straße stehen. Allem Anschein nach haben viele andere Studios unter #TelltaleJobs den entlassenen Mitarbeitern neue Jobs angeboten und wir können nur hoffen, dass diese talentierten Leute schnell wieder in Lohn und Brot stehen.

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Aus unerfindlichem Grund wird aber der Season Pass auf nahezu allen virtuellen Plattformen weiterhin verkauft. Hier sollte man dringlich Abstand davon nehmen diesen noch zu kaufen, bis klar ist, wie und ob es weiter geht, denn im Zweifel zahlt ihr den Preis von 23,99€ für eine unvollendete Staffel mit lediglich der Hälfte der Episoden.

*= Hier haben sich die Ereignisse während des Schreibens des Artikels leider leicht überholt, von jetzt auf gleich lassen sich weder der Season Pass, noch die einzelnen Episoden noch über die gängigen digitalen Vertriebsplattformen beziehen. Jedoch fehlt auf allen Plattformen, bis auf GOG eine offizielle Stellungnahme zu dem Thema. Auf den anderen Plattformen ist der Artikel entweder „nicht verfügbar“ oder gar nicht mehr gelistet

Zwar hat Telltale in Aussicht gestellt, dass sie nichts dagegen hätten, wenn andere Studios die Episoden fertigstellen würden, aber bisher hat sich dafür wohl keins gefunden oder zumindest ist davon noch nichts auch nur annähernd spruchreif. Wir werden also sehen, wie’s mit den finalen Staffel weitergehen wird, denn eigentlich sollten Episode 3 am 06.11. und Episode 4 am 18.12. erscheinen…

Aber beschäftigen wir uns lieber erst mal mit was Positivem, wie zum Beispiel der aktuellen Episode, die eventuell auch Telltale’s Swan Song sein könnte. Sie ist, genau wie ursprünglich angekündigt, seit dem 25.09. als Download verfügbar. Hier sind zumindest die Verschiebungen aus der Vergangenheit, wie es früher leider zu oft der Fall war, passé und wir konnten uns pünktlich über die neuen Abenteuer von Clem und AJ freuen.

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Bevor wir in die Story einsteigen gibt es allerdings noch eine Warnung vorweg: Da es sich um ein sehr Story-lastiges Spiel handelt lassen sich einige Spoiler nicht wirklich vermeiden. Ich versuche es, besonders für die Handlung der aktuellen Episode, im Rahmen zu halten. Für vorherige Staffel und Episoden kann ich das allerdings nicht gewährleisten, denn hier verhält es sich ähnlich bei Episoden von TV-Serien, auf einander aufbauen, gewisse vergangene Ereignisse zum Verständnis der aktuellen Geschichte voraussetzen oder man diese sogar zwingend kennen muss, um die Handlungen nachvollziehen zu können. Besonders bei den Telltale-Spielen sind die enden der Episoden meist durch einen (möglichst dramatischen) Cliffhanger geprägt, der neben dem allgemeinen Spannungsaufbau auch als Animierung zum Kauf der kommenden Episoden eingesetzt wird.

Der dramatische Cliffhanger am Ende der ersten Episode „Done running“, in dem Marlon seine wahren Hintergründe zur Aufnahme von Clem und AJ offenbart hatte und AJ ihn nach einer Auseinandersetzung erschossen hat, bleibt leider für Clementine und AJ nicht ohne weitere Folgen. Auch wenn die Handlungen (größtenteils) gerechtfertigt waren, so sehen das nicht alle Anhänger der Gruppe durchaus so entspannt, denn immerhin war Marlon ihr jahrelanger Anführer und Freund. Als Folge werden unsere Protagonisten ihrer neu-gewonnenen Heimat beraubt und der Gruppe verwiesen. In Grunde zeichnet sich hierbei auch schon das Hauptthema der Episode ab, dass jede Action zwangsläufig eine Konsequenz nach sich zieht und uns diese nicht immer gefällt, wie Clementine kurze Zeit später am eigenen Leib erkennen muss, wenn sie einem Geist der Vergangenheit nach langer Abstinenz wieder in die Augen blickt und nicht nur die Zukunft von ihr und AJ, sondern auch die der Gruppe, die sie gerade verstoßen haben, gefährdet. Auch wenn Serienveteranen wahrscheinlich wissen wer gemeint ist, werde ich das hier nicht spoilern und habe Screenshots diesbezüglich angepasst. Hier empfiehlt es sich wirklich die vorherigen Staffeln und besonders die erste Staffel gespielt zu haben, um der Emotionalität an dieser Stelle richtig folgen zu können.

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Auch wenn Clem einen Groll gegen die Gruppe hegen könnte, die sie und AJ verstoßen haben, beschließt sie dennoch zur Erickson Academy zurückzukehren, um die Mitglieder zu warnen und diese im Kampf gegen den neuen Feind zu unterstützen. Denn aus bisher unbekannten Beweggründen will der Geist aus der Vergangenheit die Jugendlichen von der Academy verschleppen und versklaven. Gut dass Clem mit an Bord ist, die in ihrer Vergangenheit bereits einiges an Kampferfahrung gemacht hat und der einzige Charakter ist, der die Gruppe auf das vorbeireiten kann, was da kommen mag…

Auch wenn die Höhepunkt der Episode dann durch den brutalen Angriff einer feindlichen Gruppe und der nackte Kampf ums Überleben der Schülergruppe, bestimmt wird, wartet die Episode dennoch auch mit einigen ruhigeren Momenten auf. Auch wenn diese im Vergleich schon fast Trivial wirken mögen, sind sie dennoch unglaublich mitreißend und tragen ungemein zur Charakterzeichnung bei. So bekommen wir weitere Einblicke in die Beziehung zwischen AJ und Clem und wie viel beide einander bedeuten. Zusätzlich bekommt auch Clem ihre ersten Einblicke in die Welt eines „normalen“ Teenagers, einem Leben dem Sie durch die Zombie-Apokalypse schon beraubt schien… Hier zeigt sich wieder, dass die Entwickler mit dieser Staffel endlich das perfekte Gleichgewicht zwischen Action, Emotion und Tiefgang gefunden haben. Es werden einige interessante Charaktere und Aspekte der Geschichte eingeführt, die leider unter Umständen nie eine Auflösung erfahren werden, was ebenfalls auf den nicht minder mitreißenden Cliffhanger der Episode zutrifft, das ebenfalls den Kern der Comic- und TV-Serie unterstreicht, denn in diesem Universum können die verbleibenden Lebenden um einiges schlimmer sein, als die laufenden Toten…

Auch von der technischen Seite gibt es nichts auszusetzen. Die leistungsstärkere neue Grafikengine der Staffel zeigt ihr in detaillierten Arealen mit teilweise wunderschönen Licht- und Schatteneffekten, dass sie sehr viel mehr ist aus ein elektronisches Bilderbuch. Vorbei sind die Zeiten der zu starren Charakteranimationen. Hier sehen wir Dreck auf der Kleidung und den Gesichtern und Windstöße, die für sanfte Bewegungen von Haaren oder Umgebungselementen sorgen. Insgesamt läuft das Spiel sehr viel flüssiger, als vorherige Spiele des Entwicklers und die Ladezeiten zwischen den einzelnen Szenen scheinen auch abgenommen zu haben. Einige der Areale laden zum offenen Erkunden ein, auch wenn es leider weniger zu entdecken gibt, als in der ersten Episode. Das überarbeitete Kampfsystem hat ebenfalls ein weiteres Upgrade erfahren, denn nun ist Clementine im Kampf sogar mit einem Bogen bewaffnet bei dem wir in bester 3rd-Persion-Action-Manier über die linke Schultertaste anvisieren und mit der Rechten feuern. Gepaart mit der bereits in der ersten Episode eingeführten neuen Bewegungsfreiheit in Actionsequenzen werden die Kämpfe so sehr viel fordernder und zeitgleich auch spannender, denn es gibt nun unterschiedliche Herangehensweisen und zeitgleich auch zusätzliche Variablen, die wir im Kampf berücksichtigen müssen um nicht beim Game-Over-Bildschirm zu landen.

Gerade im Vergleich zu anderen Telltale-Spielen weiß das neue Gesamtpaket an Neuerungen gepaart mit einer durchdachten Geschichte und starken Charakteren zu begeistern. Die neue Form der Offenheit des Spiels sorgt auch in der zweiten Episode für eine längere Spielzeit, wie gewohnt. Ich habe zwei Abende mit insgesamt 4-5 Stunden Gesamtspielzeit für das Durchspielen und Erreichen alle erhältlichen Erfolge gebraucht. Hier bekommt man durchaus einiges an Spiel für sein Geld geboten und wenn alle Spiele des Studios diese hohe Qualität abgeliefert hätten, würde es heute wahrscheinlich anders um Telltale aussehen. Denn auch wenn ich diese entschleunigte und Storylastige Spielprinzip der Spiele sehr mag, muss ich auch zugeben, dass nicht alle Reihen und besonders alle Episoden innerhalb der Reihen wirklich gut waren. Mehr als einmal gab es zu lange Wartezeiten bis zur Veröffentlichung, technische Unzulänglichkeiten oder gefühlte Füller-Episoden, die im Grunde nichts zur Story beigetragen haben oder mit einer viel zu kurzen Spielzeit aufgewartet haben. Ich habe zwar dennoch alle Games, teilweise mehrfach auf verschiedenen Plattformen gekauft, aber damit bin ich wahrscheinlich die Ausnahme und diese Fehler haben doch eher einige Spieler abgeschreckt, die die Veröffentlichungen dann nicht mehr zu Release oder überhaupt gekauft haben. Zumindest könnte das einer der Gründe sein, warum es heute so um Telltale bestellt ist, wie es nun leider Realität geworden ist. Weitere Gründe sind wahrscheinlich, dass Telltale zu schnell zu stark gewachsen ist, denn in den letzten Jahren sind wir quasi von den Spielen überschwemmt worden und zu Hochzeiten liefen sogar mehrere Reihen in der Veröffentlichung parallel. Hier sind viele Spieler nicht mehr von Anfang an dabei gewesen, sondern habe die Reihe eher später als komplette Veröffentlichung in diversen Sales mitgenommen. Denn wirklich preisstabil sind die Spiele nicht gewesen. Kosteten die Staffeln bei Release grob immer zwischen 20 und 30 Euro, so werden sie ziemlich schnell in irgendwelchen Sales für einen Bruchteil davon verramscht. Es gibt einfach zu viel davon. Und letztendlich kommt es auch noch auf die IPs an, denn Telltale hat nicht grade unbekannte IPs verwendet und geringe Verkaufszahlen habe wahrscheinlich gar nicht ausgereicht, um Lizenzgebühren, Mitarbeiter und sonstige Nebenkosten überhaupt zu decken.

Je nachdem, wie die Geschichte um Telltale weitergeht und was, entweder von Telltale selbst, oder von den Verkäufern des Season Pass (Sony, Microsoft, etc.) für die Käufer des Season Pass gemacht wird, könnte es auch durchaus sein, dass dieses Ereignis der episodischen Veröffentlichung und der Vorab-Finanzierung durch diese Staffelpässe nicht mehr stattfinden kann. Denn entgegen Kickstarter, wo auf die Möglichkeit hingewiesen wird, dass man unter Umständen keine Gegenleistung erhält und es sich bei Kickstarter um kein „Geschäft“ handelt, fehlen diese Hinweise bei Staffelpässen. Im Grunde ist es aber nichts anderes, man erwirbt etwas, was es zum Zeitpunkt des Kaufes noch gar nicht gibt und das eingenommene Geld wird (zumindest teilweise) für die Fertigstellung des versprochenen Produktes genutzt. Sobald es neue Informationen dazu gibt, wie es mit Telltale und/oder „The Walking Dead – The final Season“ weitergeht, erfahrt ihr es selbstverständlich umgehend. Es wäre nämlich überaus schade, wenn die Saga um Clementine unvollendet und überschattet von den Ereignissen zu Ende geht…

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NB@01.10.2018