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Viele Leute, mich eingeschlossen, waren vom Endzeit-Shooter-RPG „Fallout 76“ enttäuscht. Ich habe trotz meines Frustes während der Beta und dem rapiden Preisverfall nach der Veröffentlichung die Vollversion zugelegt und hatte dennoch einiges an Spaß im Ödland, wenn man sich nur genug auf das Spiel einlässt und es schafft über die Defizite hinwegzusehen. Ich werde meine Erfahrungen dazu auch in Zukunft noch zu einem vollwertigen Bericht ausweiten, denn so schlecht, wie es die Leute gerne machen, ist das Spiel gar nicht. Allerdings wenn man einen Endzeit-Shooter sucht gibt es eine wirklich gute Alternative: „Metro Exodus“, entwickelt von 4A Games und gepublished von Deep Silver!

Basierend auf dem Metro-Universum von Dimitry Glukhovsky hat sich die Reihe mit dem aktuellsten Ableger sehr weiterentwickelt, die dunklen Gänge des Untergrundes größtenteils hinter sich gelassen und präsentiert sich als das Spiel, was viele von einem Fallout-Nachfolger erwartet haben. Aber fangen wir am besten am Anfang an. Bislang haben die Spiele der Reihe fast ausschließlich im Untergrund, eben der namensgebenden Metro unter Moskau gespielt. Es gab zwar hin und wieder einen Ausflug an die Oberfläche, wo man sich in den Ruinen der Metropole gegen Mutanten und den drohenden Strahlentod zur Wehr setzte, doch wirklich abwechslungsreich war das Spiel von seinem Setting her nicht. Ebenso waren die Levels an sich sehr schlauchig, wie man es auch von anderen Shootern kennt, was im Rahmen des Settings zwar gepasst hat, heute aber nicht mehr wirklich zeitgemäß ist. Das haben sich wohl auch die Entwickler von 4A Games gedacht und Leuten mit dem aktuellen Teil den buchstäblichen Aufbruch in eine neue Richtung ein. Das ist sowohl bildlich, wie auch wörtlich zu verstehen, denn auch wenn wir am Anfang noch in den gewohnten Arealen umherstreifen sind wir und eine kleine Gruppe von Verbündeten gezwungen diesen sicheren Hafen zu verlassen und den Aufbruch in neue Welt zu wagen. Wie in der Vorlage und den anderen Spielen verkörpern wir dabei den (stillen) Protagonisten Artjom, der durch Zufall eine Verschwörung in seiner Heimat aufdeckt: Es gibt Siedlungen außerhalb von Moskau und nicht die ganze Welt ist radioaktiv verseucht, ein Sachverhalt, den die Führung gerne für sich behalten möchte, um die Bevölkerung in Moskau als willige Sklaven halten zu können. Aus diesem Grund ist Artjom mit samt seiner Frau Anja und einigen Waffenbrüdern gezwungen mit einem Zug, der Aurora, die Stadt zu verlassen…

Das Spiel präsentiert sich ab diesem Punkt radikal anders als Roadtrip durch mehrere teilweise riesige Open-Word-Areale, die wir vollkommen frei erkunden können. Dabei gibt es neben Random-Encounters mit Banditen, Mutanten auch diverse Haupt- und Nebenmissionen, die wir nach Lust und Laune angehen können. Das erinnert nicht nur von der Beschreibung her sehr an Fallout, sondern auch vom spielerischen selbst. Die Areale sind offen designed und warten mit allerlei versteckten Elementen auf. Auch das für RPGs charakteristische Looten und Craften gibt es in abgespeckter Form. Leveln gibt es zwar nicht, aber dafür kann Artjom Waffen und Munition craften und findet auch neue Ausrüstungsgegenstände, die ihn im Kampf widerstandsfähiger machen. Und das ist auch notwendig, denn entgegen des aktuellen Fallout ist die Welt aber alles andere als leer, denn hier bekommt man es neben unzähligen Fundstücken in Schriftform oder Audiologs, die teilweise recht tragische Geschichte erzählen auch mit NPCs, die sowohl freundlich oder feindlich sein können, zu tun. Ähnlich wie bei der Far Cry-Reihe haben sich die Entwickler aber gegen die Ausrichtung aus reinrassiger Shooter entschlossen und so können wir die Gegner mit Geschick auch lautlos ausschalten oder komplett umgehen. Und gerade die Gegner sind ziemlich vielfältig und bietet mehr Variation, als die vorherigen Teile, da wir es nicht nur mit Mutanten und Monstern zu tun bekommen. So stoßen wir bereits in ersten großen Areal auf einen fanatisch-religiösen Kult, der uns und anderen Menschen ans Leder möchte, um nur ein frühes Beispiel zu nennen.

Eingebettet ist das in eine dichte, aber nicht verworrene Geschichte für die die Reihe bereits in der Vergangenheit bekannt war. Hier wird die Vorlage in Buchform deutlich, denn hier gibt es ziemlich viel Lore, die im Spiel wirklich gut untergebracht und transportiert wird. Wie die Vorgänger hat auch Exodus ein Karma-System: Wir können an Schlüsselstellen zwischen unterschiedlichen Entscheidungen wählen, die uns entweder mit einer Person besser oder schlechter stellen, den weiteren Verlauf der Geschichte, den Tod von Verbündeten bis hin zu unterschiedlichen Enden führen. Das sorgt auch für einiges an Wiederspielwert.

Klar ist die Story in vielen Punkten vorhersehbar, aber dafür wiegt man sich auch in anderen Sequenzen schon fast in Sicherheit, bevor das Spiel einem den Teppich unter den Füßen wegzieht. Einzig was dabei schon fast negativ aufstößt ist, dass Artjom als Prototyp des stillen Protagonisten nicht spricht oder antwortet, selbst wenn andere Figuren direkt mit ihm sprechen. Das ist meiner Meinung nach heute nicht mehr zeitgemäß und wirkt stellenweise schon fast komisch, da er in Konversationen immer stumm bleibt. Auch wenn das ursprünglich für mehr Identifikation mit der Figur sorgen soll hat es also eher einen konträren Effekt. Aber das ist wahrscheinlich schon eher jammern auf ganz hohem Niveau, denn abseits davon macht das Spiel wirklich alles richtig. Die Shootouts machen Spaß und haben ein gutes Balancing, unabhängig davon ob man gegen Monster oder menschliche Gegner kämpft und die Welt beeindruckt durch eine wunderschöne und abwechslungsreiche Grafik. Denn die Spielwelt sieht einfach nur phänomenal aus und gehört zweifelsfrei zu den besten Grafiken, die ich auf der PS4 je gesehen haben.

Die Areale sind dabei abwechslungsreich, bieten tolle Licht- und Schatteneffekt und verfügen über wirklich gute Weitsicht, was wiederrum zum Erkunden einlädt, denn wenn wir etwas interessantes in der Ferne erblicken ist die Verlockung umso größer einen Weg zu finden dort hinzukommen. Zum Erkunden sind wir meist zu Fuß unterwegs, wenn man von einigen Abschnitten absieht bei dem wir zum Überwinden des radioaktiv-verseuchten Wassers ein Ruderbot steuern können, bzw. müssen. Und kommt auch wieder die Mischung zum Tragen, denn wenn die unterschiedlichen Mechaniken, wie der Wechsel zwischen schlauchigen Story-Levels, die sich mit Open Word Arealen abwechseln sorgen dafür, dass das Spiel nicht langweilig wird, was sonst leider in einigen Open World-Spielen irgendwann der Fall ist, wenn man immer das gleiche macht. Hier fühle ich mich immer wieder an die Fallout-Reihe und oder auch „Far Cry – New Dawn“, die beide auf eine offene Welt setzen und beide auch irgendwann langweilig werden können, da der Fokus mitunter mehr auf der Welt und weniger auf der Geschichte liegt. Hier ist Metro mit seiner starken Vorlage eindeutig im Vorteil, auch wenn die Handlung „Metro Exodus“ keine direkte Vorlage in den Romanen hat, haben die Entwickler eine glaubhafte Geschichte geschrieben, die durchaus aus einem der Romane von Dimitry Glukhovsky stammen könnte.

Wer auf Story-lastige Spiele mag, Spaß am Erkunden hat, dem kann ich das Spiel mehr als ans Herz legen. Natürlich sollte man dem Gewand als Shooter mit RPG-Elementen auch nicht abgeneigt sein, wobei man auch keinen reinrassigen Shooter ohne Sinn und Verstand erwarten darf. Wer so an das Spiel rangeht wird wahrscheinlich etwas enttäuscht sein. Ich hatte persönlich in meinem Durchspielen eine Menge Spaß und werde es bestimmt auch nochmal spielen, um alternative Lösungswege zu erproben und auch die unterschiedlichen Enden zu sehen.

NB@26.04.2019

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