Ich mag Betas von Spielen. So bekommt man schon vorab einen Einblick in ein Spiel und kann mitunter sogar noch ein wenig Einfluss auf das fertige Produkt ausüben. Gerade ist die Beta zum neuesten Ableger der Fallout-Reihe zu Ende gegangen, die mich allerdings mit etwas gemischten Gefühlen zurücklässt, was zum einen an der Beta an sich und zum anderen mit dem Spiel zu tun hat.

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 Die Beta:

Ich habe schon viele Betas gespielt, aber im Fall der Beta (oder B.E.T.A. für Break-it Early Test Applicaltion, wie es überall beworben wird) von „Fallout 76“ hat sich Entwickler Bethesda organisatorisch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Zum einen hat man für die Beta nur Zugang erhalten, wenn man das Spiel vorbestellt und sich danach noch zusätzlich auf der Homepage von Bethesda für einen Account registriert hat. Das ist zwar mittlerweile Gang und Gebe (stimmt’s Ubisoft?) aber ich finde es persönlich immer etwas blöd, wenn man sich für sowas wiedermal einen extra Account anlegen muss. Aber wer die Beta spielen wollte kam daran nicht herum, solang man nicht digital über das PSN vorbestellt hat. Da diese digitalen Vorbestellungen, aber vom Preis her identisch mit dem Retailpreis sind, bestelle ich dann doch lieber eine physische Kopie vor. Wenige Tage vor dem Beginn der Beta habe ich dann meinen Code bekommen und konnte den Preload von knackigen 95GB (!!!) starten. Ich habe zwar eine relativ flotte Leitung, aber selbst diese Menge hat diese ziemlich zum Glühen gebracht. Dennoch habe ich alles bis zum Start der Beta heruntergeladen gehabt. Start der Beta sollte am 30.10.2018 sein. So habe ich am Abend dieses Datums versucht die Beta zu starten und bekam die Info, dass die Server offline sind. Was war hier los? – Nach einer kurzen Recherche im Netz habe ich dann herausgefunden, dass die Beta zwar am 30.10. starten sollte, aber nur von 7-11 Uhr, amerikanischer Zeit, also bei uns erst 31.10. von 0-4 Uhr nachts (!!!) an einem Wochentag. Das habe ich persönlich noch bei keiner Beta erlebt, dass die Server nur stundenweise online sind und man in so nur in sehr begrenzten Zeitfenstern spielen kann. So war aber die erst Beta-Phase für mich nicht umsetzbar und ich musste zwangsläufig auf die nächste Warten…

Die nächste Beta-Runde sollte dann am 01.11. von 2-7 Uhr, also 19-24 Uhr bei uns stattfinden, was an sich schon besser klingt, wenn man nicht den Fehler gemacht hat zu versuchen sich mit seinem Bethesda-Account, den man ja im Grunde extra dafür angelegt hat, einzuloggen. Denn dieser verhindert eine Verbindung zum Server, was man allerdings auch erst wieder nach einer weiteren Internetrecherche herausfindet. Leider kann man sich auch nicht wieder ausloggen und so blieb mir nichts anderes übrig, als die Beta zu löschen und die 95GB nochmal komplett neu herunterzuladen, damit ich beim nächsten Beta-Termin endlich mal spielen konnte… Der nächste Termin der Beta war dann am 03.11. von 22-2 Uhr und diesmal kam ich dann sogar auf den Server und konnte fast den ganzen Zeitraum spielen. Leider nur fast, da ich um 1 Uhr mit einem Bluescreen vom Server geflogen bin und mich dann nicht mehr einloggen konnte. Aber in meinen 3 Stunden Spielzeit habe ich dennoch einige Eindrücke sammeln können, die ich gerne an euch weitergebe…

Das Spiel:

Wer das letzte Fallout gespielt hat, der wird wenig bis keine Eingewöhnung brauchen, da sowohl von der optischen, als auch von der spielerischen Seite alles nahezu identisch ausgefallen ist. Auch in Sachen Animationen und Grafik konnte ich keinen wirklichen Unterschied feststellen. Es wird dazu bestimmt (spätestens nach Release) auch wieder unzählige „Pixelzähler“-Videos geben, aber für mich zählt in erster Linie das, was ich sehen kann und da konnte ich keine grundlegenden Unterschiede ausmachen. Lediglich die Framerate war in der Beta nicht immer gut, was zu Slowdowns oder harkelig laufenden Gegnern geführt hat. Aber ich würde jetzt nicht so weit gehen von dieser Beta auf das fertige Spiel zu schließen, denn Bethesda arbeitet ja weiterhin auf Hochtouren an dem Spiel und auch ein Day-One-Patch ist mittlerweile ja bei fast jedem Spiel so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Im direkten Vergleich zum Vorgänger gibt es aber einen grundlegenden Unterschied: Bisher waren die Spiele der Fallout-Serie reine Einzelspielererfahrungen, ein Konzept, dass Bethesda nun mit „Fallout 76“, dem Nachfolger von „Fallout 4“ nun aufbricht, denn dabei handelt es sich um ein reines Multiplayer-Game. Wir spielen dabei einen Bewohner des titelgebenden Vault 76, den wir uns identisch zum Charaktereditor im vierten Teil auch wieder komplett frei erstellen können, wobei uns sowohl beim Geschlecht, der ethnischen Herkunft, sowie Körpermäßen und Feinheiten, wie Augen- und Haarfarbe nahezu keine Grenzen gesetzt werden. Haben wir unseren Charakter erstellt beginnt das Spiel und wir können den Vault direkt verlassen und das Ödland von West-Virginia, genannt Appalachia umgehend betreten. Es gibt dabei im Grunde keine wirkliche Story zur Einführung und auch nur ein sehr rudimentäres Tutorial, wenn wir das Ödland betreten, das uns die grundlegenden Funktionen, den Fokus auf das Sammeln von Rohstoffen aller Art, die wir wiederum dafür brauchen, um am Leben zu bleiben und sowohl Ausrüstung und Waffen, craften zu können. Dabei sind Crafting-Möglichkeiten ziemlich weitreichend und sind nicht nur optischer Natur. So können wir unseren Jumpsuit durch Metallplatten zum Schutz erweitern, oder uns erste Nah- und Fernwaffen basteln. Und die braucht man auch, denn das Ödland ist ein ziemlich unfreundlicher Ort. Es gibt neben Mutanten auch noch fehlgeleitete Roboter, fiese Tiere und auch andere Spieler, die uns an den Kragen wollen. Und besonders in Hinsicht auf die anderen Mitspieler offenbaren sich die Stereotypen in allen Multiplayer-Spielen. Die meisten sind freundlich gesinnt und machen entweder ihr eigenes Ding oder versuchen sich sogar unserer Crew anzuschließen, damit man dann gemeinsam herumziehen kann, aber es gibt natürlich auch wieder die Leute, die sich einen Spaß daraus machen die anderen Mitspieler anzugreifen. So war ich noch keine drei Meter aus dem Vault draußen und schon hat irgendein Dödel versucht mich über den Haufen zu schießen, sodass ich, mangels eine Waffe, nur die Füße in die Hand nehmen konnte, um noch etwas mehr vom Spiel sehen zu können…

Was im Vergleich zu den Vorgängern auffällt ist, dass es in der Spielwelt keinerlei NPCs (abgesehen von Gegnern) zu geben scheint, die die Narrative weitertragen. Hingegen wird man von Computerterminals von Objektmarker zu Objektmarker geschickt und bekommt dabei oft willkürlich wirkende Aufgaben, wie zum Beispiel „Analysiere das Wasser an Stelle X und Stelle Y“ oder „Töte 3 Roboter“. Das ist nicht nur von der Storytelling-Seite recht dünn, sondern hinterlässt leider auch einen unbefriedigenden Eindruck und wirkt leider wie eine verschenkte Chance, zumal die Welt an sich einiges zu bieten hat. Aber hier muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es eben kein Singleplayer-, sondern ein Multiplayer-Spiel ist. Es ist so gedacht, dass man sich in einer Gruppe organisiert und die Welt frei erkundet. Diese hat nämlich einiges zu bieten und offenbart ihre verstörend-schöne Schönheit nur denen, die abseits des vorgegebenen Pfades erkunden möchten. Nur so findet man zum Beispiel ein verlassenes Motel, in dem sogar noch ein Skelett auf einem Liegestuhl oder in einem Schwimmreifen im Pool liegt. Diese wurden wohl vom Atomschlag direkt erwischt, als sie am Pool waren und sind daher in dieser Situation für die Ewigkeit eingefroren. Auch diese Welt erzählt auf diese Weise einige (düstere) Geschichten, die man aber nur erkennt, wenn man erkundet. Ich kann zwar die Intention dieses Ansatzes nachvollziehen, aber komplett auf die Questsgebenden NPCs zu verzichten ist dennoch eine merkwürdige Entscheidung, denn allein durch die Interaktion mit Computerterminals und freies Erkunden wird das Spiel bestimmt schnell eintönig. Hier hätte man es auch wie andere Multiplayer-Games machen können, bei denen es auch NPCs mit Quests gibt, die man dann entweder alleine oder in der Gruppe angehen kann… – Immerhin gibt es wenigstens NPC-Gegner, wie Humanoide Mutanten, riesige Zecken, Ernteroboter oder Mehrköpfige Tiere und diese sind nicht nur vielfältiger, als auch in größerer Anzahl vertreten, als in den anderen Spielen. Das hält auch Spieler, die nicht ums Verderben den Krieg mit anderen Vault-Bewohnern anzetteln wollen, bei Laune, während man das Ödland erkundet, denn wenn man auch hier darauf verzichtet hätte, wäre das Spiel umgehend zum Scheitern verurteilt, denn eine Spielwelt allein kann noch so schön sein, wenn es darin im Grunde nichts zu tun gibt, abseits von eine Schnitzeljagd von Computerterminal zu Computerterminal und dem ständigen Beachten der Bedürfnisse unserer Spielfigur – Richtig gehört, denn man hat nun eine Survival-Komponente ins Spiel eingebaut und wir müssen darauf achten, dass unser Charakter keinen Hunger oder Durst hat, da er sonst wohlmöglich stirbt, auch die radioaktive Kontamination müssen wir im Auge behalten und ggf. kurieren und dann müssen wir auch drauf achten, dass unser Charakter auch regelmäßig rastet und schläft. Das passt insgesamt ganz gut zur Reihe, wird aber schnell lästig: Nicht weil es nicht genug an Ressourcen gibt, sondern weil es zu häufig vorkommt, dass unser Charakter irgendein Bedürfnis äußert und wir ihm erst mal ein Stück Fleisch zukommen lassen müssen. So interessant dieser Survival-Aspekt auch ist, so sehr hoffe ich auch, dass Bethesda noch etwas am Balancing arbeitet, damit der Spielfluss nicht zu sehr gestört wird. Man stelle sich das ganze nämlich mal als Gruppe vor und alle paar Meter meldet sich ein anderes Mitglied zu Wort und sagt, dass er jetzt erstmal was essen, trinken oder ne Runde schlafen muss, bevor es weitergehen kann. Das klingt dann in meiner Vorstellung weniger nach Fallout und mehr nach Wandertag mit dem Kindergarten…

Nach einer Weile im Spiel schaltet man auch ein weiteres Element des Spiels, abseits des Erkunden und des Mikromanagements zum Überleben frei, den Veteranen auch schon aus dem direkten Vorgänger kennen: Die Möglichkeit, bzw. Pflicht eine Behausung zu bauen. Das funktioniert nahezu identisch, wie beim Vorgänger nach einem Baukastenprinzip unter Verwendung der gefundenen Ressourcen. Ich muss ja zugeben, dass ich dafür schon in „Fallout 4“ wenig Geduld hatte und hatte eigentlich gehofft, dass dieses Element kein Comeback feiert, aber es ist wieder dabei. Hier kommen auch unsere gefundenen Rohstoffe und Mitstreiter wieder ins Spiel, denn man kann untereinander Items weitergeben oder sogar gemeinsam bauen… Auch wenn sich das System damit etwas weniger aufgesetzt anfühlt und bestimmt auch den Gemeinschafts-Gedanken stärkt, so springt der Funke für mich leider nicht über. Wenn ich etwas bauen möchte greife ich lieber zu „Minecraft“ oder auch der Online-Arcade von „Far Cry 5“, wo man gesamte Maps erstellen kann, anstatt Bretter-Stadt im Ödland zu errichten. Für mich ist das innerhalb von Fallout ein reines Mittel zum Zweck, aber allem Anschein nach bin ich mit dieser Meinung alleine, denn sonst hätte man es nicht auch in diesem Ableger implementiert. Oder gibt es nicht gar einen anderen Grund dafür, dass es auch in diesem „Teil“ implementiert ist? – Denn nachdem ich sowohl „Fallout 4“, wie auch diese Beta hier gespielt habe und die Unterschiede wirklich marginal sind, drängt sich mir der Verdacht auf, dass „Fallout 76“ im Grunde als Online-Modus für den vierten Teil gedacht war, was aber nicht rechtzeitig fertig wurde. Im Prinzip wie „GTA Online“ als Zusatz zu „GTA 5“ oder das angekündigte „Red Dead Redemption Online“ als Zusatz für „Red Dead Redemption 2“ und als Zusatz hätte es im Vergleich sehr viel besser funktioniert, als ein reines Onlinespiel mit recht übersichtlichen Umfang, der zum Vollpreis herauskommt.

Mit einer Gruppe mit der man bereit ist das Ödland gemeinsam zu erkunden und auf diese Weise seine eigene Geschichte „zu schreiben“ kann der Titel bestimmt wirklich Spaß machen, aber mit Randoms oder als Solo-Spieler ist das Spiel nicht zu empfehlen, da das Spiel dafür (bisher) nicht genug bietet, zumal es mit dem Kauf der Spiels allein auch nicht getan ist, denn zum Spielen wird dauerhaft eine Internetverbindung und eine aktive PlayStation Plus-Mitgliedschaft vorausgesetzt. Wer auf die Online-Ausrichtung verzichten kann und dennoch Lust auf das Setting hat, ist meiner Meinung nach mit „Fallout 4“ um Längen besser beraten, denn das Spiel ist heutzutage als Komplettedition mit allen DLCs im Rahmen von 15-20 Euro zu bekommen und bietet als Gesamtpaket um einiges mehr, als „Fallout 76“. Mich hat diese Beta auch dazu bewegt meine Vorbestellung nicht einzulösen und erstmal abzuwarten, wie das fertige Spiel dann ausfällt, bevor ich meinen Trip ins Ödland über die Beta hinaus fortsetze…

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NB@08.11.2018