Als „Man of Medan“, das erste Spiel der The Dark Pictures-Reihe, das von „Little Hope“, „House of Ashes“ und letztendlich „The Devil in Me“ gefolgt wurde, überraschenderweise auf der Nintendo Switch veröffentlicht wurde, bin ich felsenfest davon ausgegangen, dass es sich dabei um Cloud-Gaming handeln würde. Immerhin ist die Switch von ihrer Leistung näher an der PS3 und der Xbox360, als an der PS4 und der Xbox One, der Konsole auf der das Spiel ursprünglich erschienen ist. Doch weit gefehlt, denn das Spiel wurde für die Switch komplett überarbeitet und läuft komplett lokal auf dem Handheld-Hybrid. Ob sich das Ergebnis sehen lassen kann, erfahrt ihr in unserem Test!

Supermassive Games, die neben The Dark Pictures auch das Studio hinter „Until Dawn“, „The Quarry“ und dem leider untergegangenen PlayLink-Titel „Hidden Agenda“ sind, verfolgen mit „Man of Medan“ die ähnliche Formel von interaktivem Film und schickt in diesem Spiel fünf Freunde auf einen Tauchtripp, der allerdings eine überraschende Wendung nimmt, als ihr bot von Piraten gekapert wird, die sie auf ein vermeintliches Geisterschiff verschleppen, um dort nach einem Schatz zu suchen. Das Spiel bedient sich einer Geistergeschichte aus dem echten Leben, konkret der Geschichte um die „S.S. Ourang Medan“ als Inspiration, drückt ihr ihren eigenen Twist auf und liefert sogar einige sehr interessante Interpretationen zu den Hintergründen. Denn was genau auf dem Schiff passiert ist, ist bis heute nicht aufgeklärt. Fakt ist lediglich, dass das holländische Schiff 1948 sich plötzlich mit der erschreckenden Nachricht auf einer Notfallfrequenz meldete. Als Rettungskräfte das Schiff betragen fanden sie niemanden mehr am Leben. Alle Besatzungsmitglieder waren tot und ihre Leichen befanden sich mit ausgestreckten Extremitäten und weit aufgerissenen Augen und Mündern in einer unnatürlichen Totenstarre, ohne Hinweise auf Fremdeinwirkung. Diese Prämisse bedient sich das Spiel und lässt eine Gruppe junger Protagonisten den Horror auf dem Schiff hautnah erleben.

Das Spiel beginnt dabei bereits mit einer Rückblende, die vor der Katastrophe angesiedelt ist und wir erleben in der Haut des Soldaten Joe hautnah mit, wie die Katastrophe auf dem Schiff ausbricht und wie ein Besatzungsmitglied nach dem anderen verstirbt, während das Schiff alleine auf dem Meer treibt. Danach wechselt die Handlung ins Heute und wir lernen unsere Gruppe von Protagonisten kennen. Diese bestehen aus den Brüdern Alex und Brad, Alex’s Freundin Julia, deren Bruder Conrad und letztendlich der jungen Kapitänin Fliss, deren Boot die Gruppe für ein Tauch- und Abenteuerwochenende gechartert hat. Jedoch gibt es nach dem ersten Tauchgang, bei dem man einen abgeschossenen Flieger aus dem zweiten Weltkrieg untersucht und Hinweise auf ein Schiff mit einem vermeintlichem Schatz in der Nähe findet, bald mehr Abenteuer, als die Gruppe sich ausgemalt hat. Denn der Tauchgang von „reichen Kindern“ ruft eine Verbrechergruppe auf den Plan, die die Gruppe entführt und angelockt von der Nachricht auf einen vermeintlichen Schatz mit auf das Geisterschiff nimmt, wo das Grauen dann seinen Lauf nimmt… Die Geschichte mag zwar nicht besonders originell sein, aber das ist auch gar nicht das Ziel. Ich gehe davon aus, dass die Entwickler bewusst auf einen gewissen B-Movie-Charme gesetzt haben, um sich mit der Handlung an sich austoben zu können und dennoch, wenn man während dem Spiel genug Hinweise findet, das Schicksal des Schiffes und seiner Besatzung aufzuklären. Hierbei liegt es nämlich stark vom Spieler ab, wer überlebt und was man über die Geschichte erfährt.

The Dark Pictures Anthology: Man of Medan_20190908213900

Von der Spielmechanik funktioniert das dann absolut identisch zu den anderen Spielen des englischen Studios. Die Handlung ist grob in Kapitel aufgeteilt, die immer wieder vom charismatischen Kurator, dem Äquivalent zum Psychiater aus „Until Dawn“ und der Wahrsagerin aus „The Quarry“ unterbrochen werden. Diese Segmente lassen uns über unsere Entscheidungen reflektieren, geben uns teilweise Hinweise, die für den weiteren Verlauf wichtig sind und bieten eine gute Klammer um die Geschichte. Zusätzlich lassen sie das Erlebnis passenderweise wie TV-Anthologie-Serie à la Geschichten aus der Gruft wirken, was auch das Ziel der Entwickler gewesen sein scheint. In jeder Szene steuern wir ein anderes Mitglied aus unserer Gruppe von jungen Erwachsenen und müssen die Person nicht nur in Adventure-Manier durch die Areale steuern, um Geheimnisse zu finden oder die Story voranzutreiben, sondern auch immer wieder Entscheidungen für den Charakter treffen: Rennen wir Links den Gang hinunter oder versuchen wir uns irgendwo zu verstecken, helfen wir einem Charakter beim Verbarrikadieren der Tür, oder bringen wir uns lieber schnell in Sicherheit. – All das sind Entscheidungen, die pro Szene auftreten. Manche sind dabei weniger relevant, als andere, manche bestimmen den Fortgang der Geschichte, manche beeinflussen die Beziehungen zwischen den Charakteren und manche können unter Umständen sogar zum vorzeitigen Ableben der Figur führen.

Das Problem ist, dass wir oft nicht wissen, was die Konsequenz unserer Handlungen sein kann und so sollte jede Entscheidung wohl überlegt sein… In den Erkundungs-Szenen bewegen wir unsere Charaktere frei in der Verfolgerperspektive mit meist fixen Kamerawinkeln durch die liebevoll gestalteten Areale. Wir können mir Gegenständen interagieren und es liegt an unserem Erkundungsdrang wie viel, oder wenig der Spielwelt und ihrer Geheimnisse wir erkunden. In Gesprächen haben wir die Auswahl aus zwei, oder mehr möglichen Antworten, die sowohl die Art der Antwort, wie auch die Intension auf der Gefühlsebene aufzeigt, bevor wir sie auswählen und die Action beschränkt sich auf eine Kombination aus den erwähnten Auswahlmöglichkeiten und Quick Time Events, wo eine falsche Eingabe ebenfalls unterschiedliche Konsequenzen haben kann. Eine ähnliche Konsequenz haben dabei auch die versteckten Sammelobjekte innerhalb des Spiels, denn auch wenn die meisten davon nur Hintergrundinformationen bieten und zum Worldbuilding beitragen, so gibt es auch gerahmte Bilder, die auf eine kommende Chance, oder Gefahr hinweisen, oder Hinweise, die neue Wege überhaupt erst öffnen. So können wir beispielsweise nur die Küstenwache rufen, wenn wir herausgefunden haben wo das Schiff auf dem Meer treibt und öffnen damit einen neuen Verlauf der Geschichte.  

The Dark Pictures Anthology: Man of Medan_20190902210447

Es ist daher naheliegend, dass es nicht nur viele unterschiedliche Verlaufsmöglichkeiten der Geschichte, sondern auf Grund der vielen Optionen auch unterschiedliche Enden, bei denen die extreme sein können, dass alle Charaktere überleben und es schaffen unbeschadet vom Geisterschiff zu entkommen, bis hin das alle Charaktere sterben, was einen überaus großen Wiederspielwert mit sich bringt, selbst wenn man die Geschichte schon kennt. Denn auch wenn man das Spiel in einem Durchgang, der zwischen 4 und 5 Stunden dauert beenden kann, so gibt es auch danach noch wahnsinnig viel vom Spiel, das man überhaupt nicht gesehen hat. Zusätzlich bietet das Spiel auch alternative Möglichkeiten das Spiel nochmal zu erleben, die ich jedem wärmstens ans Herz legen kann, da sie eine neue interessante Erfahrung, neben der Solo-Story mit sich bringen und das Spielerlebnis zur Abwechslung wirklich erweitern, was man wirklich nicht von allen Multiplayererweiterungen sagen kann. Man unterscheidet dabei zwischen dem Kinomodus und der gemeinsamen Story.

The Dark Pictures Anthology: Man of Medan_20190909195435

Der Kinomodus ist die klassische Art die Geschichte mit bis zu 4 weiteren Mitspielern zu erleben. Dabei kann sich beim Spielstart jeder Spieler einer festen Charakter auswählen und beim Szenenwechsel wird der Controller an den jeweiligen Spieler weitergegeben. Am Ende der Geschichte werden dann die Aktionen der einzelnen Spieler miteinander verglichen und bewertet. Hier gibt es allerdings keine anderen Szene, als im Solo-Modus. Das ändert sich allerdings drastisch in der gemeinsamen Story, der zu zweit gespielt werden kann und jeweils unterschiedliche Blickwinkel, als in der normalen Geschichte eröffnet. Die Geschichte läuft dabei größtenteils in seiner gewohnten Form, doch wenn zwei Charaktere gemeinsam unterwegs sind und getrennt werden, was durchaus öfters im Spiel vorkommt, hat man bisher nur einen Teil der Handlung zu Gesicht bekommen. Dieser Modus zeigt beiden zeigt beiden Spielern parallel unterschiedliche Szenen mit neuem Material, was im Anschluss an fixen Punkten in der Geschichte wieder zusammengeführt wird. Besonders dieser Modus ist eine wirklich interessante Erweiterung und hält die ein oder andere Überraschung bereit, die man sonst gar nicht mitbekommen kann. Für den Online Co-Op ist eine kostenpflichtige Switch Online-Mitgliedschaft notwendig, der Solo- und der Kinomodus funktionieren komplett offline an einer Konsole.

The Dark Pictures Anthology: Man of Medan_20190908221150

Es versteht sich fast von selbst, dass man auf der Switch ein paar technische Einbußen hinnehmen muss. Doch alles in allem sieht das Spiel dennoch überraschend gut aus und läuft auch meist flüssig. Zwar wurde die Bildwiedergabe auf 24fps gedrosselt, die abseits vom hektischen Finale auch weitestgehend gehalten werden, doch diese Designentscheidung unterstreicht sogar den filmischen Charakter des Spiels. Denn sind seit jeher an 24fps aus Film- und Fernsehen gewöhnt, oder konditioniert, da Kinofilme standardmäßig diese Geschwindigkeit nutzen. Die 24fps sorgen für eine gewisse Bewegungsschärfe, die von uns noch als natürlich wahrgenommen wird und bot den Filmemachern gleichzeitig die Gelegenheit Frames einzusparen, da man nicht höher gehen musste. In Folge dessen läuft für uns „Man of Medan“, im Herzen ohnehin fast mehr Film als Spiel, auch mit 24fps in der „korrekten“ Geschwindigkeit ab. Das allein hat allerdings nicht ausgereicht, um das Spiel auf der Switch lauffähig zu machen, so wurden auch die Texturen heruntergeschraubt, wobei das Ergebnis sich dennoch durchaus sehen lassen kann. Zwar vermisst man die knackigen Grafiken, die besonders das PS5-Upgrade nachgeliefert hat, aber alles in allem fällt das nur in kleineren Details, oder im direkten Vergleich wirklich auf. Hier haben die Entwickler bestimmt ganz schön viel Arbeit reingesteckt, um diesen Sweetspot aus Performance und Darstellung zu finden. Weiter verfügt das Spiels sogar über alle Erweiterungen, die das Spiel auf den anderen Konsolen erst mit der Zeit bekommen hat. So wurde das Gameplay über umfangreiche Schwierigkeits- und Accessibility-Funktionen erweitert, die es sogar erlauben das Spiel mit körperlichen Einschränkungen zu spielen und das erweiterte Kapitel „Überflutet“, sowie der alternative Spielmodus, der sogenannte Curator’s Cut ist direkt in das Spiel inkludiert.

Insgesamt ist die Umsetzung auf der Switch wirklich gelungen und auch wenn es immer noch nicht mein Favorit aus der Reihe von Spielen ist, so hat mich die Story nochmal ziemlich mitgerissen. Ein besonderes Plus ist selbstverständlich die Möglichkeit das Spiel auch unterwegs zu spielen und dass alle Erweiterungen bereits im Spiel vorhanden sind. Da fällt die etwas reduzierte Technik schon fast gar nicht ins Gewicht. Ich würde mir wünschen, dass auch die anderen Spiele der Reihe ihren Weg auf der Switch finden, damit man auch diese Spiele nochmal unterwegs erleben kann.

Entwickler: Supermassive Games

Publisher: Bandai Namco

Erhältlich auf: PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch

NB@19.09.2023

——— Hinweise & Disclaimer: ———

Wenn euch der Beitrag gefallen hat würde ich mich natürlich über eure LikesRetweetsAbos oder auch Feedback freuen. Gleiches trifft aber auch zu, wenn ich eurer Meinung nach etwas hätte besser machen können. Konstruktive Kritik hilft bekanntlich nur, wenn man sie auch bekommt, also lasst es mich einfach wissen.

Die verwendeten Bilder und/oder Screenshots wurden, wenn nicht anders angegeben, vom Autor selbst erstellt und dienen zur Unterstützung des Berichtes. Das Copyright an der dargestellten Sache, bzw. dem Spiel bleibt davon selbstverständlich unberührt und verbleibt beim ursprünglichen Rechteinhaber.

Eine Antwort zu „Switch Review: „The Dark Pictures Anthology: Man of Medan“ #ManOfMedan #TheDarkPicturesAnthology“

  1. […] erst kürzlich seinen Einstand auf der Nintendo Switch gegeben hat und uns dabei einen mehr als soliden Port präsentiert hat, legt Bandai Namco nun mit dem zweiten Teil, „Little Hope“ nach. Und […]

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..