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„Another World“, das es diesen Monat gratis in Verbindung mit einer PlayStation Plus-Mitgliedschaft gibt, ist für mich ein Spiel mit dem ich eine Vielzahl von Positiven, aber auch einigen negativen Erinnerungen verbinde. Ich hatte das Spiel bereits auf dem Commodore Amiga 500 und habe es seitdem unzählige Male durchgespielt. Als 2014 die „20th Anniversary Edition“ auf PS4, PS3 und PS Vita veröffentlicht wurde, habe ich sofort zugeschlagen und war auch immer noch begeistert, obwohl man heutzutage auch ein paar Designentscheidungen hinterfragen kann…

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Erst jetzt mit der Ankündigung als Gratisspiel ist mir aufgefallen, dass ich anscheinend nie darüber berichtet habe, was ich nun nachholen möchte. Doch ich bin bei meiner Recherche zu Hintergrundinformationen zum Spiel auf noch etwas merkwürdiges gestoßen: Das Spiel hat von IGN eine Bewertung von „4.0 – BAD“ bekommen. Und das Resümee des Autors Colin Moriarty lautet „Another World is considered a classic from a golden era of games. I have no idea why”, was ziemlich vernichtend daherkommt. Auch der Rest des Reviews lässt an dem Spiel eigentlich kein gutes Haar. Aber wie kann das sein? Für die einen, wie mich auch, ein tolles Spiel und für die anderen, wie anscheinend den Autor bei IGN der Bodensatz der Videospiele, wie er mit „Another World (…) is a bad game“ einleitet. Auch der Blick zu Metacritic zeigt nur einen mittelmäßige, bis schlechten Metascore von 53, was allerdings auf gerade Mal 6 Kritiken berüht, von denen eine die besagte IGN-Bewertung ist.

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Die vorliegende Version des Spiels wurde von „The Digital Lounge“ überarbeitet und basiert auf dem klassischen Videospiel von 1991, das vom französischen Studio Delphine Software entwickelt und herausgebracht wurde. Der Mastermind hinter dem Spiel ist Éric Chahi, der zwar offiziell nur als leitender Entwickler fungiert, aber genaugenommen das komplette Spiel in alleiniger Arbeit erstellt hat. Die Grundlegende Inspiration dazu kam Chahi, als er das Spiel „Dragon’s Lair“, ein Spiel, das genaugenommen ein spielbarer Film ist, zu ersten Mal sah. Er war von so einer filmischen Inszenierung und dem reduzierten Spielprinzip derart begeistert, dass er etwas ähnliches auch machen wollte. Um Speicherplatz zu sparen verwendete Chahi, entgegen der gezeichneten Grafik von „Dragon’s Lair“, Polygone zur Erschaffung der Welt und der Charaktere, was für einen sehr ungewöhnlichen 3D-Effekt sorgte, den man bis dato noch nicht gesehen hatte. Das Spiel überzeugt durch sehr flüssige und lebensechte Bewegungsabläufe, da hier, wie bei spirituellen Nachfolger „Flashback“ das Rotoskopie-Verfahren angewendet wurde und generell für den vorherrschenden Irrglauben sorgt, dass beide Spiele in irgendeiner Weise zusammenhängen würden, was allerdings nicht der Fall ist.

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Die Handlung dreht sich um ein missglücktes Experiment des Wissenschaftlers Lester Knight Chaykin, der durch einen Blitzeinschlag in den Teilchenbeschleuniger in eine andere Welt, die namensgebende „Another World“ transportiert wird. Das wird in einer sehr beeindruckenden Eröffnungssequenz gezeigt, die heute immer noch auf Grund der tollen filmischen Inszenierung zu begeistern weiß. Weitere Hintergrundinformationen bekommen wir nicht. Wir finden uns als Lester in der feindlichen Umgebung der fremden Welt wieder und müssen von dort an ums nackte Überleben kämpfen, denn ähnlich wie bei der Inspiration, „Dragon’s Lair“, ist der plötzliche Bildschirmtod hier Teil des Programms. Wir steuern Lester, der neben gehen auch Rennen und Springen kann. Zur Verteidigung hat er am Anfang nur einen kleinen Tritt im Gepäck, was erst später gegen eine Handfeuerwaffe ausgetauscht wird. Jede Art der Verteidigung brauchen wir, denn einfach alles in der Welt kann zum Tod führen. Sei es ein Tentakelmonster unter Wasser, direkt nach unsere Ankunft, einer von unzähligen Giftwürmern, ein aggressives Tier, das auf uns Jagd macht oder auch die Laserschüsse der auf den ersten Blick recht primitiven humanoiden Rasse, die in dieser fremden Welt leben.

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Haben wir die ersten Schritte gemeistert finden wir uns nämlich in Gefangenschaft der letztgenannten wieder und haben nur die Wahl zwischen Kämpfen oder Sterben. Die Steuerung ist zwar an sich recht reduziert und der komplette Screen kommt ohne störende Einblendungen aus, aber dennoch haben wir neben einigen kniffligen Sprungpassagen auch eine taktische Komponenten im Kampf, die wir berücksichtigen müssen. Unsere Waffe kann mehr als nur kleine Laser abfeuern, denn wir können auch Schutzschilde erstellen, die sich aber schnell wieder auflösen und einen aufgeladenen Superschuss loslassen, der zwar eine gewisse Ladezeit braucht während wir für Angriffe offen sind, aber genutzt werden kann um Türen und feindliche Schutzschilde zu zerstören. Leider haben unsere Gegner die gleichen Optionen, was für das ein oder andere nervenaufreibende Gefecht sorgt und beim Scheitern auch zu Frustmomenten führen kann. Zusätzlich ist es leider auch möglich sich im Spiel (unbewusst) in Sackgassen zu manövrieren, was leider schnell passiert, wenn man anders spielt, als die Entwickler möchten, dass man vorgeht. Dabei ist die Sackgasse zwar „nur“ temporär, da das Spiel nicht speichert, bis man den richtigen Weg einschlägt, aber das merkt man eben nur, wenn man stirbt. Das sind die im Eingang erwähnten Frustmomente, von denen ich geredet habe, denn es gibt besonders in der Spielmitte ein paar mit einander in Verbindung stehende Rätzel, bei denen die Reihenfolge zum Weiterkommen genau befolgt werden muss. Hier fehlen leider Hinweise und die richtige Lösung findet man in Folge dessen oft nur durch Ausprobieren oder mit Hilfe einer Komplettlösung heraus. Aber wenn man ein Rätzel durchschaut hat ist der Erfolg auch umso größer, denn unlogisch sind die Rätzel retrospektive nie.

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Die 20th Annicersary Edition bietet im Gegensatz zum Original von 1991 eine verbesserte Grafik, die man über einen Tastendruck auch umstellen kann, wenn ich auch zugeben muss, dass die Unterschiede nicht besonders gravierend sind. Oder erkennt ihr bei den nächsten Screenshots auf Anhieb um welche Einstellung es sich handelt? Die neue Version wurde grafisch hochscalierd und verfügt über eine bessere Kantenglättung, aber davon abgesehen sind die Unterschiede wirklich gering, was allerdings in keiner Weise abwertend sein soll. Es gibt nichts schlechtes, als ein Remaster, das das Original mit Füßen tritt und hier ist das eben nicht der Fall. Wir sind sehr nah am Original und egal welche Auflösung gewählt wird, weiß der eigenwillige Grafikstil auch heute noch zu begeistern und sieht gar nicht so altbacken aus, wie man es von einem Spiel, das vor sage und schreibe 27 Jahren erschienen ist, erwarten könnte.

IGN bemängelt neben dem kryptischen Spielprinzip, undurchsichtigen Rätzeln auch eine schlechte Steuerung und zugegeben gibt es hier wirklich optimierungsbedarf, aber hier ist das Problem an sich nicht eine schlechte Steuerung, sondern eher der Tatsache geschuldet, dass das Spiel für Plattformen entwickelt wurde auf denen für eine Steuerung nur sehr wenige Knöpfe verwendet werden mussten. Der Joystick des Amiga 500 hatte in der Regel nur 1 Knopf. Und so kommt es auch, dass sich Schießen und Rennen den gleichen Knopf teilen, was aber an sich gut funktioniert. Wenn wir die Actiontaste alleine Betätigen, schießt Lester, wenn wir gleichzeitig eine Richtungstaste drücken, rennt Lester in die Richtung der Richtungstaste. Das ist für Spiele der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich und ist an sich auch nicht so weit vom spirituellen Nachfolger „Flashback“ entfernt, wo sich allerdings niemand über die Steuerung zu beschweren scheint, obwohl diese sehr viel überladener ist, da wir auch noch ein Inventar verwalten müssen… Ich kann die schlechte Kritik daher nicht wirklich nachvollziehen, denn an anderen Spielen kann man sehr viel mehr herummeckern als an dieser Perle.

Der einzige wirkliche Kritikpunkt, den ich an „Another World“ habe, ist dass das Spiel leider sehr kurz geraten ist und das Pacing in der zweiten Spielhälfte sehr leidet. Man kann das Spiel ohne größere Probleme in unter einer Stunde abschließen. Vorausgesetzt man kennt alle Rätzel und ist auch bei den Feuergefechten siegreich. Aber wenn man das Spiel ohne Lösung spielt wird man eine ganze Weile unterhalten, bevor der Abspann über den Bildschirm flimmert.

Heute ist das Spiel auf fast alle Plattformen, alt oder neu, von PC über Konsolen, bis hin zu Smartphones erhältlich und diejenigen die PS+ haben, können das Spiel diesen Monat ohne zusätzliche Kosten herunterladen, um sich selbst ein Bild davon zu machen. Wie gefällt euch das Spiel aus heutiger Sicht? Schließt ihr euch eher der niederschmetternden Kritik von IGN, oder könnt ihr dem Cinematic Plattformer ebenso wie ich, etwas abgewinnen? Lasst es mich ruhig in den Kommentaren wissen…

NB@07.09.2018