Abseits der berühmten Yakuza-Reihe scheint das eigentlich von Sega eigens dafür abgestellte Studio Ryu Ga Gotoku irgendwie nicht ganz ausgelastet zu sein, denn abseits von Yakuza hat man in der Vergangenheit bereits mit „Binary Domain“ gut punkten können und bringt nun mit „Judgment“, bzw. in Japan „Judge Eyes“ eine neue IP heraus, die sich zwar bekannter Mechaniken bedient, aber dennoch neue Wege einschlägt. Ob das Experiment dabei aufgeht oder am Ende lediglich in Yakuza unter anderem Namen herauskommt, findet ihr in diesem Review heraus. Doch bevor wir darin tiefer einstiegen gibt es einen Punkt, der immer wieder in Bezug auf das Spiel aufkommt und den ich daher bewusst mal vorweg nehmen möchte: Für das Spiel sind absolut keine Vorkenntnisse der Yakuza-Serie notwendig. Das Spiel ist komplett losgelöst, verfügt über andere Haupt- und Nebenmissionen und die einzige Verbindung zur Reihe, wenn man mal von den Entwicklern absieht, ist das Grundsetting. Doch anders als das war es das wirklich und so muss man sich also keine Sorgen machen, dass man irgendwas nicht versteht.

Das zeigt sich schon in der Hauptfigur, denn wir spielen keinen Verbrecher, sondern einen komplett anderen Charakter, als den überzeichneten Yakuza. Unser Protagonist ist Takayuki Yagami, genannt Tak, ein ehemaliger Anwalt, der sein Amt nach einem einschneidenden Ereignis, bei dem einer seiner Mandanten, der unter Mordverdacht stand, freigesprochen wurde und noch am gleichen Abend einen weiteren Mord verübt hat, ad Acta gelegt hat und seitdem als Privatdetektiv tätig ist. Tak verdingt sich mit kleinen Aufträgen, wie dem Beschatten von Ehebrechern und dem ein oder anderen Nebenverdienst als Geldeintreiber, bis ihn sein ehemaliger Chef bittet ihn bei einem Fall zu unterstützen, bei dem ein ranghoher Yakuza und persönlicher Bekannter von Tak vermeintlich unschuldig unter Mordverdacht steht. Er wird beschuldig ein Mitglied einer rivalisierenden Familie umgebracht zu haben, doch Tak findet ziemlich schnell heraus, dass etwas an der Geschichte überhaupt nicht stimmt, es sich nicht um das erste Opfer handelt und anscheinend ein Serienmörder sein Unwesen treibt. So zumindest die Ausgangslage, denn ziemlich bald nimmt die Geschichte eine radikale Wendung und die anfänglich zwar spannende, aber recht simple Kriminalgeschichte wird unglaublich abgedreht. Mehr kann man dazu fast nicht schreiben, ohne zu viel zu spoilern, aber ich muss auf jeden Fall noch sagen, dass es sich am Ende um eine der interessantesten und am besten geschriebenen Geschichten handelt, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Das ging so weit, dass es wirklich schwer war den Controller abends beiseite zu legen, wenn es Zeit war ins Bett zu gehen, was in der heutigen Zeit mit einem immensen Überangebot an Unterhaltung eine wirkliche Ausnahme ist…

Kommen wir daher lieber zu Punkten, über die ich mehr schreiben kann ohne den Lesern zu viel zu verraten. Ich habe im Eingang schon von einer Parallele zur Yakuza-Reihe gesprochen, was das Setting angeht. Denn das Spiel spielt sich seit dem Beginn der Reihe konsequent in unterschiedlichen Zeitperioden im Setting des Stadtviertels Kamurocho ab. Dabei handelt es sich um eine fiktive Version von Kabukicho, einen Stadtteil von Tokyo, der gleichzeitig ein Unterhaltungs- und Rotlichtviertel ist. Gerade Veteranen werden sich sofort zurechtfinden, da sich vom Layout her nichts maßgebliches geändert hat. Für alle anderen steht natürlich auch eine Karte zur Verfügung. Besonders interessant ist dabei, obwohl es sich im Vergleich zu anderen Spielen um ein recht kleines Areal handelt, in dem sich das Spiel abspielt und es lediglich eine Handvoll weiterer Handlungsorte gibt, die man für gewöhnlich nur für den ein oder anderen Abstecher innerhalb der Story per Taxi besucht, die Welt viel mehr hergibt und sich organischer anfühlt, als einige XXL-Open Worlds. Hier zeigt sich die Vorlage eines echten Stadtteils und die langjährige Erfahrung in Form der anderen Spiele. So findet man keine Generika im Weltendesign, sondern jedes Teil wirkt aus einem Guss, feinsäuberlich auf einander abgestimmt und bietet eine immense Dichte an Inhalten. Neben Haupt- und Nebenmissionen gibt es unzählige Geschäfte, Bars und Unterhaltungseinrichtungen, in denen wir neben uns neu ausstatten, Essen, Trinken oder mit den unterschiedlichsten Minispielen vergnügen können. Und das schönste ist dabei, dass die Welt auch darauf reagiert. So freunden führen die Geschäftsinhaber mit uns Smalltalk, freunden sich mit uns an, wenn wir wiederholt bei ihnen essen oder geben uns auch mal einen Drink aus. Und wenn wir zu tief ins Glas geschaut haben wanken wir eine Zeitlang durch die Straßen und unser Kampfstil wird vom „Tiger“ folgerichtig zum „Drunken Tiger“. Ähnlich wie der inoffizielle Nachfolger der Yakuza-Reihe, „Shenmue“ ist die Welt nicht nur der Schauplatz der Handlung, sondern ist ein wichtiger Bestandteil mit einer komplett eigenen Identität, die sehr mit einem echten Besuch in Japan gleichsetzen kann. Passenderweise findet auch das optionale Umschalten in die Ego-Perspektive aus „Yakuza 6“ auch in „Judgment“ Anwendung, was wahnsinnig beeindruckend ist und selbst in der Darstellung, die immerhin „nur ein Spiel“ ist, für Eindruck sorgt.

Das Kampfsystem hat gegenüber Yakuza ein Upgrade erfahren und so präsentiert sich Tak so agil, wie niemand in der Reihe zuvor. Auch wenn er rein äußerlich eher schmächtig aussieht scheint er neben seinem Anwaltsstudium auch jahrelang Martial Arts-Training genossen zu haben und beherrscht zum einen gleich zwei Kampfstile, den Tiger und den Kranich und hat aber auch neben Standard-Combos, die aus leichtem und starkem Angriff zusammengesetzt werden, auch schon fast Street Fighter-mäßige Einlagen drauf, indem man gegen eine Wand springen kann, um sich dann mit Wucht von dieser abzudrücken und so dem Gegner einen erheblichen Schaden zuzufügen. Die Standardkämpfe laufen dabei immer gleich ab und sind in der Regel nicht besonders anspruchsvoll: Eine Gruppe Gegner stellt sich uns in den Weg und der Kampf endet, wenn wir alle Gegner ausgeschaltet haben. Dabei wird zwar zwischen Street Punks und Yakuza in Sachen Blockverhalten und Varianten der Angriffe etwas differenziert, doch besonders schwierig fallen den Kämpfe in der Regel nicht aus, was sich allerdings bei den Bossen, die es im Spiel gibt ändern kann. Denn nicht nur kommen diese mit einem übermenschlichen Lebensbalken, sondern verstehen sich auch in Konterangriffen, ausweichen oder verwenden auch Hilfsmittel, wie zum Beispiel ein Katana, was in ungünstigen Situationen sogar zu tödlichen Verletzungen führen kann. Aber das ist die Ausnahme und für gewöhnlich hat man im Kampf dagegen sich zum einen auf die unterschiedlichen Combos, die Möglichkeit einen mächtigen Finisher zu landen, oder auch Gegenstände in der Umgebung zu konzentrieren, die wir in den Kampf mit einbauen können. So lassen sich Absperrhütchen ebenso im Kampf aufheben, wie ein Bürostuhl oder sogar ein Aschenbecher, die auf diese Weise zu einem mächtigen Verbündeten werden können. Besonders die Finisher sind toll anzusehen, denn wenn wir es schaffen diesen auf Knopfdruck zu landen sind wir nicht nur den Gegner los, sondern bekommen auch eine schicke und meist recht spektakuläre Kampfanimation zu sehen, bei der sich die Kamera um das Geschehen herum bewegt.

Die andere große Mechanik neben den Kämpfen sind im Spiel die Ermittlungen. Immerhin handelt es sich bei Tak um einen ehemaligen Anwalt, der sich als Privatdetektiv vertut. Dazu hat er ein paar nette Tricks in Petto. So kann er, wenn er jemanden beschattet, auf Knopfdruck hinter allem Möglichen in Deckung gehen, um bei seiner Observation nicht erkannt zu werden. Kann sich verkleiden, Fotos mit seinem Handy knipsen und in vordefinierten Situationen à la Sherlock Holmes Tatorte untersuchen. Doch auch seine Anwaltskenntnisse kommen ihm in Verhörsituationen zugute, wenn man versuchen muss aus dem Gegenüber eine gewisse Information heraus zu kitzeln oder die Geschehnisse so zu kombinieren, dass sie inhaltlich so schlüssig sind, dass sogar Hercule Poirot dabei neidisch werden würde. Hier wird auch deutlich, dass der Titel „Judgment“ nicht nur Makulatur ist, sondern dass das Spiel versucht sich von Yakuza abzuheben und eher in eine erwachsenere Form von Phoenix Wright gehen möchte. Lediglich verpassen die Entwickler an den Stellen, wo man Kombinieren muss und auch die ein oder andere Beschuldigung loswerden kann, eine tolle Chance unterschiedliche Geschichtsverläufe zu implementieren. Denn auch wenn wir uns falsch entscheiden und jemand unschuldigen beschuldigen, so hat das keinerlei größere Auswirkung auf den Verlauf der Geschichte, die dann auf anderem Wege oder durch eine Anmerkung von Tak, der dann etwas à la „Nein, das kann so nicht stimmen sagt“ dafür sorgt, dass wir uns entweder nochmal richtig entscheiden können oder die Geschichte sonst zum gleichen Ziel verläuft. Hier wäre es interessant gewesen, wenn man unterschiedliche Verläufe, wie zum Beispiel bei „Heavy Rain“ eingebaut hätte, bei dem der Killer auch gewinnen und/oder entkommen kann. Aber gerade, wenn es sich um eine solch dichte und interessante Geschichte handelt hätte dadurch wahrscheinlich das Pacing zu sehr gelitten.

Technisch bedient sich das Spiel der gleichen Engine, wie „Yakuza 6“, was zwar auch nicht das schönste Spiel von einer Güteklasse wie „Uncharted 4: A Thief’s End“ ist, aber sich durchaus sehen lassen kann und mit „Judgment“ sogar noch etwas mehr herausholt. Gerade die wirklich lebendige Spielwelt mit unzähligen NPCs, die alle ihrem eigenen Tagesablauf bei einem dynamischen Tag- und Nachtwechsel nachgehen ist stellenweise überwältigend. Ich konnte in meinen knapp 22 Stunden, die ich gebraucht habe die Hauptgeschichte zu beenden keine nennenswerten Glichtes oder Fehler feststellen. Auch die Ladezeiten gehen vollkommen in Ordnung und fallen ohnehin nur beim initialen Laden des Spiels an, denn danach können wir die Welt ohne Unterbrechung genießen, wenn man mal von kleinen Pausen absieht, wenn Tak per Taxi zu einem anderen Standort, wie der ausgelagerten Polizeistation oder dem Sitz des Toho-Klans fährt. Besonders in den Cutscenes trumpft das Spiel mit wirklich schönen unter detaillierten Gesichts und Charakteranimationen und trotz der teilweise hektisch Kamerawechsel in Kämpfen mit zig Gegnern bleibt die Framerate stabil. Lediglich im Sounddepartment hätte man noch etwas mehr machen können, denn auch wenn es entgegen der bisherigen Reihe mit einer Englischen Sprachfassung ausgestattet kommt, die sich im Bedarfsfall natürlich auch auf den O-Ton umstellen lässt, so sind zwar die Hauptmission komplett vertont, aber in den Nebenmissionen weicht das Spiel auf die bekannte Mechanik mit sich zwar bewegenden Mündern ohne Ton und Textboxen zurück. Gerade wenn man eine wirklich hochwertige Vertonung implementiert, was ich persönlich sehr begrüße, da für mich der japanische Ton immer eine gewisse Hürde darstellt, so hätte man durchaus die extra Meile gehen und alles vertonen können. Das bricht leider mit der sonst wirklich hochwertigen Präsentation des Spiels und reißt den Spieler wieder etwas aus der fremden Welt heraus. Natürlich ist das nichts Kriegs- entscheidendes, doch es gibt meiner Meinung einen kleinen Abzug in der B-Note, eines abseits davon wirklich tollen Spiels.

Insgesamt hat mir das Spiel wirklich gut gefallen, doch man muss sich absolut bewusst sein, dass es sich zwar optisch auf den ersten Blick um ein Yakuza handeln könnte, aber sich in den Details doch ziemlich unterscheidet. Das fängt schon beim sehr viel ernsteren Tonus der Geschichte an, die aber zugegebenermaßen dadurch auch runder wirkt. Gerade in Bezug auf den Einstieg der Geschichte hätte es keinen Sinn gemacht, wenn die Charaktere zu überzeichnet oder schon gar ins lächerlich-gezogene präsentiert worden wären, denn was bei Yakuza gut passt, hätte hier meiner Meinung nach etwas gestört. Die Präsentation ist hochwertig und das wird von einer kompletten englischen Synchro und dem schon fast übertriebenen, wenn auch gerade für Brawler-Freunde absolut tollen, Kampfsystem abgerundet. Auch wenn manch einer die Kämpfe insgesamt zu anspruchsvoll empfinden mag, so fand ich es sogar gut, dass man genug Zeit hatte das Beste aus einem Kampf herauszuholen, ohne gezwungen zu sein auf das Butten-Mashing auszuweichen, um irgendwie zu überleben. Wer bisher mit der Reihe noch keine Berührungspunkte hatte, da man zugegebenermaßen kaum weiß, wo man bei solch vielen Teilen, Remakes und Spin-Offs anfangen soll, der könnte mit „Judgment“ seinen Einstieg in diese in spielerischer Form einzigartige Welt finden und kann das sogar auf Grund der Synchro mit einer niedrigeren Hürde tun, als wenn man das Spiel rein im Japanischen Ton spielt. Zusätzlich stehen natürlich Untertitel in allen gängigen Sprachen zur Verfügung, die man zuschalten kann. Ich habe meinen Kauf nicht bereut und auch wenn es wahrscheinlich auf Grund des immens großen Angebots an Nebenaufgaben noch etwas dauern wird, bis ich wirklich alles im Spiel gesehen habe, so freue ich mich persönlich immer wieder, wenn ich die Reise nach Kamurocho antrete und hoffe, dass das bald erscheinende „Shenmue III“ ebenso weiß mit seiner Handlung und lebendigen Spielwelt zu überzeugen.

NB@25.10.2019

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