Es ist soweit: das langersehnte „Red Dead Redemption 2“ von Rockstar Games ist erschienen und räumt überall Bestwertungen ab. Ich muss ja zugeben, dass ich zwar den ersten Teil der Red Dead-Reihe, also „Red Dead Revolver“ auf der PS2, aber (haltet eure Steine bereit) von der Fortsetzung lediglich den Stand-alone Add-on „Undead Nightmare“ gespielt habe. Ich weiß nicht mehr, was eigentlich passiert war, aber ich habe damals „Red Dead Redemption“ irgendwie initial verpasst und als ich die Zeit hatte es nachzuholen hatte ich bereits so viel von und über das Spiel gehört, dass ich keinen Drang mehr hatte es selbst nochmal zu spielen, was aber in Hinsicht auf die Fortsetzung kein wirkliches Problem darstellt, da es sich bei „Read Dead Redemption 2“ um ein Prequel handelt, das VOR den Ereignissen von „Red Dead Redemption“ spielt.

Nun sollte das anders aussehen. Ich hatte mein Exemplar vorbestellt und diesmal konnte ich es sogar am Releasetag in den Händen halten. Also kein Debakel, wie beim Release von „Assassin’s Creed: Odyssey“ mehr. Ich habe das Spiel sofort ausgepackt und musste feststellen, dass es auf 2 Disks kommt und sogar eine gedruckte Karte beiliegt. Meines Wissens ist es das erste Spiel auf 2 Disks für die PS4 und leider ist es auch eher selten geworden, dass die Hülle mehr als die Disks beinhaltet, wenn man mal von Werbeflyern absieht. Zwar liegt neben der Karte kein weiteres Handbuch bei, aber immerhin etwas. Doch bevor man losspielen kann muss das Spiel erstmal installiert werden und der Day-One-Patch von knapp 3 GB geladen werden. Der Patch an sich ist nicht so das Problem, aber die Installation dauert ungelogen über 2 Stunden und man muss auch immer mal nach dem Status schauen, denn ungefähr nach einer Stunde muss die Disk gewechselt werden. Von daher plant das Spielen etwas voraus, denn sonst kann es passieren, dass man erst mal nur der Installation zuschaut, anstatt das Spiel zu spielen. Doch nicht nur die Installation nimmt einiges an Zeit in Anspruch und ich habe davon auch nicht unendlich viel, weswegen ich euch erst jetzt mein ausführliches Review zum herausragenden Western-Spiel von Rockstar bieten kann…

Wenn das Spiel, nach der gefühlten Ewigkeit an Installation, dann endlich startet wird man direkt ins Geschehen der Geschichte geworfen. Es ist das Jahr 1899 und unsere Gruppe, die Van-der-Linde-Bande ist auf der Flucht durch eine tiefverschneite Bergregion und werde mit jeder Menge unterschiedliche Charaktere konfrontiert, die untereinander bedeutungsschwangere Gespräche über einen anscheinend vergeigten Überfall in Blackwater austauschen, der anscheinend Schuld daran ist, dass wir hier auf der Flucht sind. Das Problem daran ist nur, dass wir bei diesen Gesprächen außen vor sind. Es fallen Namen die wir nicht kennen, werden Andeutungen und Interpretationen zum dem was passiert ist angesprochen, die wir nicht verstehen (können), da wir nicht dabei waren und ich als Spieler komme mir inhaltlich abgehängt vor. – Kann das daran liegen, dass ich den Vorgänger nicht gespielt habe? Nein, das hier ist ein eigenständiges Spiel, was gleichzeitig ein Prequel ist, das kann also nicht sein. Ich spiele also erstmal weiter, ohne zu wissen, um was es geht. Gerade zum Anfang des Spiels kann das Spiel etwas ernüchtern, denn es ist sehr wenig Open-World an diesem Einstieg dran. Im Gegensatz werden wir durch eine Reihe von kleineren Missionen geglotzt, die sehr stark gescripted sind und von denen jede uns eine Handvoll Spielmechaniken näherbringen soll. Dazwischen reiten wir ziemlich lang hin und her, ohne dass etwas passiert. So habe ich das irgendwie nicht erwartet: Was auf einige als Stimmungsvoller Einstieg wirken mag, wirkt auf mich eher langweilig, viel zu langatmig und so können die ersten Stunden des Spiels schon fast demotivieren. Rockstar hat sich bestimmt etwas bei diesem Einstieg gedacht und es ist auch klar, dass ein Einstieg ohne Limitierung an Areal und Mechaniken den Spieler sonst überfordern könnte, aber leider bleibt die Spannung dabei etwas auf der Stecke. Das ändert sich Gott-sei-Dank aber schnell mit einem waschechten Zugüberfall, der wirklich bombastisch inszeniert ist und uns danach den Weg in eine offenere Spielwelt mit einer ersten Stadt namens „Valentine“ offenbart.

Hier haben wir auch erstmals die Gelegenheit uns tiefer mit unserer Gang zu beschäftigen, von denen einige Charaktere, wie Dutch van der Linde, Javier Escuella oder auch John Marston schon aus dem Vorgänger bekannt sind. Wir spielen die rechte Hand von Dutch, Arthur Morgan, einen neuen Charakter, der stark an den Stereotyp à la Spaghetti-Western mit Clint Eastwood angelegt ist und können nach Lust und Laune (und eigenen Präferenzen) die ersten Missionen bestreiten. Zwar muss man sich generell an ein eher entschleunigtes Spieltempo, sei es die Fortbewegung per Pferd oder im Allgemeinen, gewöhnen, was aber im weiteren Spielverlauf auf Grund der offenen Welt mit unzähligen Details nicht mehr so negativ ins Auge fällt, wie es noch in den ersten Missionen der Fall war, denn auch wenn sich einzelne Elemente, wie Verfolgungsjagden, Shootouts, etc. auf Grund des Spieldesigns logischerweise wiederholen, so sind die Missionen an sich dennoch so abwechslungsreich aufgebaut, dass es auch nach zig Spielstunden immer noch frisch wirkt. Hier überzeugt auch die lebendige Spielwelt und NPCs die auf uns mit Erinnerungen reagieren zu scheinen. Haben wir am Vortag eine Schlägerei in der Bar angezettelt, so ist der Barkeeper am Folgetag nicht so gut auf uns zu sprechen oder wir werden gar auf der Straße von Passanten ermahnt, dass wir nicht wieder Streit anfangen sollen…

Doch leider ist das manchmal leichter gesagt, als getan, zumal die Stimmung in der Gang durch teils recht unüberlegte von Dutch recht angekratzt ist und Arthur muss mehr als einmal Schadensbegrenzung betreiben. Dabei sollte alles anders sein, noch ein großer Coup sollte dafür sorgen, dass die Cowboys ausgesorgt haben und sich zur Ruhe setzen können, doch dann befänden sie sich jetzt nicht in der misslichen Lage auf der Flucht vor dem Gesetz zu sein und sich immer wieder im erbitterten Kampf gegen rivalisierende Gangs oder die Justiz zu befinden. Dabei ist die Geschichte spannend erzählt, bietet einige unerwartete Wendungen und ist vor allem eins: sehr menschlich. Hier hat Rockstar sich wirklich ins Zeug gelegt und eine organische Welt mit echten Menschen, die allesamt ihre eigenen Träume und Probleme haben, zu schaffen.

Wodurch das Spiel sich maßgeblich von anderen Spielen unterscheidet ist nicht nur das Westernsetting, sondern die Detailverliebtheit, sowohl in der Spielwelt, aber auch in den im Grunde unnötigen Details. Man hat das Gefühl, dass jede Stadt, jede Hütte, jeder Baum und gar jeder Grashalm mit Bedacht platziert wurde und genau dort hingehört, damit alles passt. Die Welt ist dabei überaus weitläufig, bietet unterschiedliche Klimazonen und ist auch alles andere als leer. Je nach Gebiet findet man eine unterschiedliche Flora und Fauna vor, die uns auch schnell mal gefährlich werden kann, wenn wir auf eins der gefräßigen Tiere treffen, oder bei einem Trip in die Berge vergessen haben dicke Kleidung einzupacken. Denn Kleidung ist nicht mehr nur Makulatur, sondern muss entsprechend der äußeren Gegebenheiten ausgewählt werden, was sich sonst in unserer Lebensenergie und Ausdauer niederschlägt, Zusätzlich sollten wir auch bedenken, dass wir, aber auch unser treues Ross regelmäßig essen sollte, damit wir nicht sterben. Das geht sogar so weit, dass wir bei übermäßigem Essen zunehmen, was für mehr Energie, aber weniger Ausdauer sorgt. Auch auf Äußerlichkeiten müssen wir ein Auge halten, denn wenn wir mit Blut verschmiert durch die Gegend laufen sind die Menschen uns gegenüber Misstrauisch und wenn wir mit Schlamm verschmiert sind werden sie uns auf Grund unseres Gestankes eher meiden. Auch unsere Haare und unser Bart wächst mit der Zeit und so müssen wir entweder regelmäßig einen Barbier aufsuchen, oder diesen im Camp selbst zurückschneiden, wenn wir nicht als haariger Yeti enden wollen. Auch vor unserem „Fuhrpark“, den Pferden, von denen wir initial drei parallel unterhalten können, macht die Möglichkeit der Personalisierung keinen Halt: So können wir unterschiedliche Sättel, Zaumzeug, Halterungen, aber auch die Frisur des Pferdes (wer hat nicht schon immer von einem Pferd mit geflochtener Mähne geträumt…) nicht halt. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt und man kann sich durch diese Details (fast) jeden Traum erfüllen.  Wie unser Charakter und sein treues Ross so sind auch die Städte, die es auf der Karte gibt ziemlich detailverliebt und grundlegend unterschiedlich gestaltet und wirken nicht willkürlich aus Assets zusammengesetzt, wie in anderen Open-World-Spielen. So ist eine Stadt, in der der Hauptarbeitgeber die Holzindustrie ist komplett anders aufgebaut, als Gebiete, die sich komplett auf Landwirtschaft, oder Baumwollplantagen verlassen. Auch wenn die Städte, spielbedingt natürlich nicht die Dichte und Weite eines Los Santos erreichen, so variieren sie in ihrem Design und ihrer Größe doch genug und bieten die notwendige Abwechslung für eine Vielzahl unterschiedlicher Missionen des Spiels. Auch abseits der Missionen gibt es jede Menge zu tun und der Welt und das findet komplett ohne etliche unterschiedliche Marker auf der Karte statt, wie man es unter anderem von den Ubisoft-Spielen kennt. Hier ist das organischer ineinander verwoben und verlangt vom Spieler eine gewisse Beobachtungsgabe, damit wir in einem Waldstück ein Reh zum Jagen entdecken. Und so kommt es immer wieder auf unseren Erkundungstouren vor, dass wir (rein zufällig) auf interessante Situationen, wie Geldwäsche im Hinterzimmer des Dorfarztes, einen Schauplatz eines brutalen Mordes mitten im Wald oder auch einen Hinterhalt von Banditen stoßen, ohne stupide irgendwelche Icons auf der Karte abzuarbeiten. Zwar haben sich diesbezüglich auch Far Cry und Assassin’s Creed schon um Längen gebessert, aber ganz so organisch wie bei Rockstar wirkt es im Direktvergleich immer noch nicht und die Geister der Vergangenheit lassen sich leider nur schwer abschütteln. – Ja, „Assassin’s Creed: Unity“, deine 1.000 Truhen, die über ganz Paris verteilt waren und für die 100% notwendig waren haben mich in gewisser Weise gebrochen. Und dennoch ist es möglich sich komplett auf diese Nebenaufgaben, wie Erkunden, Jagen oder Fischen zu fokussieren, aber das Spiel macht daraus keine Pflicht, sondern bietet es dem Spieler einfach als Option an.

Ebenso wie beim Vorgänger gibt es im Spiel auch wieder ein Moral-System, das an unsere im Spiel getroffenen Entscheidungen anknüpft: Wenn wir jeden über den Haufen schießen, dem wir begegnen haben wir nicht nur in kürzester Zeit die Justiz auf den Fersen und ein hohes Kopfgeld auf unseren Kopf ausgesetzt, sondern die Menschen werden vor Angst davonlaufen. Spielen wir uns stattdessen als der letzte Heilige auf und helfen unseren Mitmenschen, so gegangen uns die Menschen mit Freude, Offenheit und wir bekommen sogar Rabatt in den Läden, was auch nicht schlecht ist. Hier knüpft allerdings auch ein kleiner Kritikpunkt an, denn wir haben manchmal im Verlauf der Story keine Wahl und müssen „böse“ sein (wir sind immerhin ein Mitglied einer berüchtigten Gang) und so werden uns auch Sachen negativ ausgelegt, die wir nicht unbedingt beeinflussen können. So war ich zum Beispiel in einer Mission in der Stadt und nachdem die Mission beendet war, war ich das immer noch. Allerdings waren meine Freunde bereits alleine weiter gezogen und ich war ohne Pferd gestrandet. So war ich notgedrungen gezwungen ein Pferd zu stehen, um zum Camp zurückzukommen, was mir logischerweise negativ ausgelegt wurde, obwohl ich nichts wirklich dafür konnte. Ich wollte nur wirklich keine halbe Stunde zu Fuß durch die Gegen laufen, wenn ich in 3 Minuten per Pferd im Camp sein kann. In solchen Momenten wäre eine Schnellreisefunktion wirklich super, die es aber im Spiel nicht gibt, um die Immersion nicht zu zerstören.

Unser Karma ist das eine Problem, aber es gibt noch das Problem, dass wir auch bei Verbrechen von NPCs gesehen und später wiedererkannt werden können. Wir können zwar über ein Untermenü ein Tuch vors Gesicht ziehen, was an sich wirklich cool ist, aber unser Karma beeinflusst das nicht wirklich. Es lässt lediglich die Chance sinken, dass wir erkannt werden und so können wir uns unter Umständen auch dem ein oder anderen Argument entziehen, wenn uns ein Gesetzeshüter gegenübersteht: Der Sherriff fragt mich, ob ich an einem Überfall beteiligt war, was ich verneine und die Frage hinterherschiebe, ob man denn meint mein Gesicht wiedererkannt zu haben. Darauf der Sherriff nur, dass das nicht der Fall ist und sich offensichtlich um eine Verwechslung handeln muss. So ist der Konflikt smart gelöst, bevor er ausgebrochen ist und musste so auch nicht in einer Schießerei enden…

Diese schier unendlichen Möglichkeiten, die allgemeine Varianz und die lebendige Spielwelt sind der Grund warum das Spiel wahrscheinlich das momentan beste Open-World-Spiel ist. Rockstar hat ich gut beraten das Spiel etwas zu verschieben und extra Zeit ins Polishing zu stecken, denn hier gibt es im Grunde keine Kritikpunkte. Auf der PS4 Pro läuft das Spiel überaus flüssig und bietet dennoch immense Weitsicht und Details. Besonders die Lichteffekte, wenn die aufgehende Sonne durch die Bäume strahlt kann einem mitunter den Atem rauben. Umso beachtlicher ist, dass das Spiel nach dem Initialen Laden komplett ohne merkliche Ladezeiten auskommt und die riesige Welt komplett ohne Unterbrechungen bereist werden kann. Bestimmt wird irgendwo nachgeladen, aber es ist wahrscheinlich in Cutscenes versteckt, so dass wirklich nichts die Immersion des Spiels unterbricht. Bugs konnte ich bisher auch absolut keine feststellen im Spiel und einzig harkelig ist meiner Meinung nach das Deckungssystem, da in manchen Fällen nicht so funktioniert hat, wie ich es mir vorgestellt hatte und unser Charakter statt hinter einer Kiste in Deckung zu gehen komischerweise an der Seite (?) in Deckung ging, was ihn natürlich für einige Treffer offen ließ. Aber das gleiche Problem hatte ich auch in manchen Situationen bei „Undead Nightmare“, also entweder hat man das den gleichen kleinen Fehler mit in das nächste Spiel übernommen, oder es lag einfach an mir. Und weiter gibt es trotz eines recht langgezogenen Tutorials und vielen Einblendungen zur Bedieung dennoch Dinge, die einem das Spiel nicht sagt. So kommt man durch das Festhalten der „Options“-Taste direkt in die Karte und muss nicht dem Umweg über das Hauptmenü nehmen und kann bei gezogener Waffe diese durch doppeltes Betätigen von L1 mit einem coolen Gunslinger-Move Drehen und wieder ins Halfter stecken. Das sagt einem im Spiel leider niemand und ich habe beides nur durch Zufall herausgefunden. Wer weiß also, was es noch gibt, was man noch nicht an versteckten Mechaniken entdeckt hat… Aber selbst das Jammern auf einem ganz hohen Niveau, denn was das Spiel abseits davon macht ist einfach herausragend und ist zweifelsfrei DAS Spiel für die nächsten Wochen, wenn nicht gar Monate, denn wenn man ersten Berichten glaubt umfasst die Story allein über 60 Spielstunden. Ich habe das noch nicht annähernd auf der (Spiel-)Uhr aber kann nach knapp 30 Stunden Spielzeit (da sind andere Spiele schon zwei oder drei Mail durch) sagen, dass es wirklich das Meisterwerk geworden ist, dass alle erwartet haben und hat mich dazu bewegt auch dem Vorgänger nochmal eine (zugegeben etwas verspätete) zweite Chance zu geben… Nur wann? Denn ich bin alleine mit diesem Spiel noch lang beschäftigt und am Ende des Jahres soll zusätzlich noch ein zusätzlicher Online-Modus, „Red Dead Redemption Online“, also quasi das Read Dead-Pendent à la „GTA Online“ freigeschaltet werden, auf den man mit dem Spiel ebenfalls ohne Zusatzkosten zugreifen kann und der von Rockstar die kommenden Jahre immer wieder mit neuem Inhalt gefüttert werden soll…

Red Dead Redemption 2_20181104221759

NB@06.11.2018